23/10/2023
Das Johannesevangelium, ein Text von unvergleichlicher Tiefe und spiritueller Schönheit, nimmt eine besondere Stellung in der Leseordnung der katholischen Kirche ein. Während die Evangelien nach Matthäus, Markus und Lukas jeweils ein eigenes Lesejahr dominieren, wird das Johannesevangelium auf eine einzigartige Weise in den liturgischen Kalender integriert. Sein Auftauchen ist oft ein Zeichen für besondere theologische Schwerpunkte und festliche Zeiten im Kirchenjahr. Um seine Rolle vollständig zu erfassen, ist es essenziell, die umfassende Struktur der Leseordnung zu verstehen, die nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil maßgeblich reformiert wurde.

- Die Reform der Leseordnung nach dem II. Vatikanischen Konzil
- Die besondere Rolle des Johannesevangeliums
- Die Struktur der biblischen Lesungen im Gottesdienst
- Die Zählung der Sonntage im Jahreskreis
- Lesungen an Wochentagen
- Praktische Orientierungshilfen für die Leseordnung
- Fragen und Antworten zum Johannesevangelium und der Leseordnung
- Warum hat das Johannesevangelium kein eigenes Lesejahr?
- Wann genau wird das Johannesevangelium in der Liturgie gelesen?
- Was ist der Unterschied zwischen Sonntags- und Wochentagslesungen?
- Wer liest das Evangelium in der Messe?
- Was ist ein „Direktorium“ in der Kirche?
- Was wird oft zwischen Lesung und Evangelium gesungen?
- Wie haben sich die Lesungen nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil geändert?
Die Reform der Leseordnung nach dem II. Vatikanischen Konzil
Die katholische Kirche hat nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil eine umfassende Reform ihrer Leseordnung durchgeführt. Das Ziel war es, den Gläubigen einen reicheren und vielfältigeren Zugang zu den Heiligen Schriften zu ermöglichen. Vor dieser Reform waren die Lesungen oft weniger umfangreich. Die Neuerung führte insbesondere für die Sonntage und großen Feste die Einführung von drei Zyklen ein, die als die Lesejahre A, B und C bekannt sind. Diese Zyklen ermöglichen es, über einen Zeitraum von drei Jahren hinweg weite Teile der Evangelien und anderer biblischer Bücher zu hören.
Ein wichtiges Detail ist, dass das jeweilige Lesejahr nicht mit dem kalendarischen 1. Januar beginnt, sondern bereits mit dem 1. Advent des Vorjahres. Dies unterstreicht den eigenständigen Rhythmus des Kirchenjahres, der sich von weltlichen Zeitrechnungen unterscheidet. Die Grundlage für die Evangelienlesungen in diesen Lesejahren bilden die synoptischen Evangelisten:
- Lesejahr A ist dem Evangelisten Matthäus gewidmet.
- Lesejahr B konzentriert sich auf das Evangelium des Markus.
- Lesejahr C legt den Schwerpunkt auf das Lukas-Evangelium.
Diese Zyklen sorgen dafür, dass die Gläubigen über einen Dreijahreszeitraum hinweg einen Großteil der Botschaft jedes dieser Evangelien aufnehmen können. An Festtagen, die eine eigene theologische Bedeutung haben, wird der Text aus dem jeweils passenden Evangelium entnommen, unabhängig vom aktuellen Lesejahr. Außerhalb dieser Festkreise wird das jeweilige Evangelium des Lesejahres kontinuierlich gelesen, um einen zusammenhängenden Überblick zu gewährleisten.
Die besondere Rolle des Johannesevangeliums
Im Gegensatz zu den synoptischen Evangelien hat das Johannesevangelium kein eigenes, dediziertes Lesejahr. Stattdessen wird es strategisch in bestimmten, theologisch bedeutsamen Zeiten des Kirchenjahres gelesen. Die herausragende Zeit für das Johannesevangelium ist die Osterzeit. In dieser festlichen Periode, die die Auferstehung Christi und die Ausgießung des Heiligen Geistes feiert, sind die tiefgründigen theologischen Reflexionen und die einzigartigen Berichte des Johannesevangeliums besonders passend. Es ergänzt die synoptischen Berichte und bietet eine andere Perspektive auf das Wirken und die Person Jesu, die für die Feier der österlichen Geheimnisse unerlässlich ist.
Darüber hinaus finden sich Passagen aus dem Johannesevangelium auch an bestimmten Hochfesten und wichtigen Sonntagen, die thematisch gut zu den Inhalten dieses Evangeliums passen. So wird seine Botschaft nicht in einem kontinuierlichen Fluss, sondern punktuell und mit großer Gewichtung vermittelt, was seine besondere theologische Tiefe unterstreicht.
Die Struktur der biblischen Lesungen im Gottesdienst
Ein typischer Sonntagsgottesdienst in der katholischen Kirche umfasst mehrere biblische Lesungen, die sorgfältig aufeinander abgestimmt sind:
- Die 1. Lesung: An den meisten Sonntagen und vielen Festtagen wird diese Lesung aus dem Alten Testament entnommen. Der ausgewählte Text ist dabei thematisch eng mit dem Evangelium des jeweiligen Sonntags verbunden. Dies zeigt die Kontinuität der Heilsgeschichte von den alttestamentlichen Verheißungen bis zu ihrer Erfüllung in Jesus Christus.
- Die 2. Lesung: Hierbei handelt es sich in der Regel um eine kontinuierliche Lesung aus einem der Briefe des Neuen Testaments (z.B. Paulusbriefe). Diese Lesung bietet oft eine theologische Vertiefung oder eine praktische Anwendung der christlichen Lehre für das Leben der Gläubigen.
- Das Evangelium: Dies ist die letzte und oft als Höhepunkt des Wortgottesdienstes angesehene Lesung. Sie wird aus einem der vier Evangelien des Neuen Testaments entnommen und ist dem Diakon oder, in seiner Abwesenheit, dem Priester vorbehalten. Nach dem Evangelium folgt in der Regel die Predigt oder Homilie, die den Gläubigen die Botschaft der Lesungen auslegt.
Zwischen der 1. Lesung und der 2. Lesung wird oft ein Psalm oder ein anderer Gesang vorgetragen, der die Botschaft der ersten Lesung aufgreift. Zwischen der 2. Lesung und dem Evangelium gibt es den sogenannten Zwischengesang, oft der Halleluja-Ruf, der die Gemeinde auf das Kommen Christi im Evangelium vorbereitet und seine Botschaft preist.
Die Zählung der Sonntage im Jahreskreis
Die Sonntage im Jahreskreis sind, abgesehen von den großen Festzeiten wie Weihnachten und Ostern, durchnummeriert. Dies betrifft die Zeiten zwischen dem 6. Januar (Epiphanie) und Aschermittwoch sowie zwischen Pfingsten und dem 1. Advent. In der Regel gibt es 34 Sonntage im Jahreskreis. Die Anzahl kann jedoch variieren, wenn beispielsweise viele Sonntage in die Weihnachtszeit fallen.
Der Sonntag nach Epiphanie wird als 1. Sonntag im Kirchenjahr gezählt und hat immer das Evangelium von der Taufe Jesu, das sich bei jedem Evangelisten findet. Nach Aschermittwoch beginnen die Sonntage der Fastenzeit. Die früheren Sonntage der Vorfastenzeit, bekannt als Septuaginta, Sexuaginta und Quinquaginta, wurden mit der Liturgiereform abgeschafft.
Nach Pfingsten wird die Reihe der Sonntage im Jahreskreis fortgesetzt. Sollten am Ende des Kirchenjahres nicht alle 34 Sonntage übrig geblieben sein, wird vom letzten Sonntag des Kirchenjahres (dem 34. Sonntag) zurückgerechnet. Die fehlenden Sonntage entfallen dann einfach, sodass die Zählung stets mit dem 34. Sonntag endet.
Historischer Kontext der Zählung
Früher wurden die Sonntage oft als „Sonntage nach Epiphanie“ und „Sonntage nach Dreifaltigkeit“ oder nach Pfingsten gezählt. Dies führte dazu, dass die evangelische Zählung oft um einen Zähler voraus war. Die Liturgiereform von 1969, die nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil in Kraft trat, führte die heute gebräuchliche Zählung der Sonntage und die oben beschriebenen Leseordnungen ein, um eine einheitlichere und klarere Struktur zu schaffen.
Lesungen an Wochentagen
Auch für die Wochentage gibt es eine festgelegte Leseordnung, die sich an der Nummer des jeweiligen Sonntags orientiert. Da der Sonntag der erste Tag der (jüdischen) Woche ist, folgt beispielsweise auf den 12. Sonntag im Jahreskreis die 12. Woche, die jeweils am Samstagabend um 18 Uhr endet. Dies ist auch der Grund, warum am Samstagabend bereits der Sonntagsgottesdienst gefeiert werden kann (Vorabendmesse).

Für die Wochentage gibt es nicht drei, sondern nur zwei Zyklen, die als Lesejahr I und Lesejahr II bezeichnet werden. Im Gegensatz zu den Sonntagslesungen ändert sich bei den Wochentagslesungen nicht die Auswahl der Evangelientexte, sondern lediglich die sogenannte 1. Lesung. Dies liegt daran, dass für die 1. Lesung eine wesentlich größere Auswahl an Texten zur Verfügung steht, die aus dem gesamten Alten Testament sowie aus der Apostelgeschichte, den Briefen und der Geheimen Offenbarung des Neuen Testaments stammen können. Die Evangelientexte für die Wochentage bleiben über die beiden Zyklen hinweg gleich, was eine kontinuierliche Vertiefung ermöglicht.
Praktische Orientierungshilfen für die Leseordnung
Um herauszufinden, welcher Sonntag gerade gefeiert wird und welche Lesungen für die Wochentage vorgesehen sind, gibt es verschiedene Hilfsmittel:
- Direktorium: In jeder Sakristei findet sich ein sogenanntes Direktorium. Dieses Buch gibt für jeden Tag des Jahres detailliert an, welche Feste gefeiert werden und welche Lesungen vorgesehen sind. Es ist nicht nur für Sonn- und Feiertage wichtig, sondern auch für die einzelnen Wochentage, da Heiligenfeste nach dem Monatsdatum und nicht nach dem Wochenrhythmus festgelegt sind. Fällt kein größeres Fest oder Heiligengedenktag auf einen Wochentag, wird die Messe „vom Tag“ mit ihren regulären Lesungen zugrunde gelegt.
- Kirchenzeitungen: Viele Kirchenzeitungen veröffentlichen ebenfalls für die kommende Woche die Angaben zu den Lesungen und Festtagen, was eine einfache Orientierung für Gläubige ermöglicht.
Fragen und Antworten zum Johannesevangelium und der Leseordnung
Die komplexe Struktur der Leseordnung und die besondere Stellung des Johannesevangeliums werfen oft Fragen auf. Hier sind einige häufig gestellte Fragen, die Ihnen helfen, ein tieferes Verständnis zu entwickeln:
Warum hat das Johannesevangelium kein eigenes Lesejahr?
Das Johannesevangelium unterscheidet sich stilistisch und theologisch deutlich von den synoptischen Evangelien (Matthäus, Markus, Lukas). Seine tiefgründige theologische Reflexion über die Person Christi, die zahlreichen Reden Jesu und die Symbolik machen es zu einem einzigartigen Text. Anstatt es in einem eigenen kontinuierlichen Lesejahr zu behandeln, wird es gezielt in Zeiten gelesen, in denen seine Botschaft besonders relevant ist, insbesondere während der Osterzeit und an wichtigen Festtagen. Dies ermöglicht eine intensivere Auseinandersetzung mit seinen spezifischen Themen, ohne den kontinuierlichen Fluss der synoptischen Evangelien zu unterbrechen.
Wann genau wird das Johannesevangelium in der Liturgie gelesen?
Das Johannesevangelium wird primär in der Osterzeit gelesen, die von Ostern bis Pfingsten dauert. In dieser Zeit stehen die Auferstehung, das neue Leben in Christus und die Sendung des Heiligen Geistes im Mittelpunkt, Themen, die im Johannesevangelium ausführlich behandelt werden. Darüber hinaus finden sich Lesungen aus dem Johannesevangelium auch an besonderen Hochfesten wie Weihnachten, Epiphanie, der Karwoche (insbesondere am Karfreitag) und anderen wichtigen Feiertagen, die spezifische Aspekte der Botschaft Jesu aus der Perspektive des Johannesevangeliums beleuchten.
Der Hauptunterschied liegt in der Zyklisierung und Auswahl der Texte. Sonntagslesungen folgen einem Dreijahreszyklus (Lesejahre A, B, C), wobei jedes Jahr einem synoptischen Evangelisten gewidmet ist. An Wochentagen gibt es einen Zweijahreszyklus (Lesejahr I und II). Während bei den Sonntagen die Evangelien wechseln, bleibt bei den Wochentagen der Evangelientext im Zweijahreszyklus gleich; es wechselt lediglich die 1. Lesung, für die eine viel größere Auswahl an biblischen Büchern zur Verfügung steht.
Wer liest das Evangelium in der Messe?
Der Vortrag des Evangeliums in der Heiligen Messe ist dem Diakon vorbehalten. In seiner Abwesenheit übernimmt der Priester diese Aufgabe. Dies unterstreicht die besondere Würde und Bedeutung des Evangeliums als Höhepunkt des Wortgottesdienstes.
Was ist ein „Direktorium“ in der Kirche?
Ein Direktorium, auch bekannt als Leseordnung oder liturgischer Kalender, ist ein jährlich erscheinendes Buch, das detaillierte Informationen zu allen liturgischen Feiern eines Jahres enthält. Es gibt für jeden Tag an, welche Feste gefeiert werden, welche Heiligen Gedenktage haben und welche spezifischen Lesungen (1. Lesung, 2. Lesung, Evangelium) für die Messe vorgesehen sind. Es ist ein unverzichtbares Hilfsmittel für Priester, Diakone und alle, die an der Planung und Durchführung von Gottesdiensten beteiligt sind.
Was wird oft zwischen Lesung und Evangelium gesungen?
Zwischen der zweiten Lesung und dem Evangelium wird in der römisch-katholischen Liturgie der sogenannte Zwischengesang gesungen, der oft den Halleluja-Ruf beinhaltet (außer in der Fastenzeit). Dieser Gesang dient dazu, die Gemeinde auf die Verkündigung des Evangeliums vorzubereiten und die Freude über die Ankunft des Herrn in seinem Wort auszudrücken. Er wird im Wechsel zwischen Kantor und Volk oder von einer Choralschola gesungen.
Wie haben sich die Lesungen nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil geändert?
Die Liturgiereform nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (insbesondere mit der Einführung des neuen Messbuches im Jahr 1969) hat die biblischen Lesungen erheblich erweitert. Vor der Reform gab es weniger Lesungen und eine geringere Vielfalt der Texte. Die Einführung der Dreijahreszyklen für Sonntage und der Zweijahreszyklen für Wochentage hat dazu geführt, dass die Gläubigen über einen bestimmten Zeitraum hinweg eine viel größere Bandbreite der Heiligen Schrift hören und kennenlernen können. Ziel war es, den „Tisch des Wortes“ reicher zu decken und den Gläubigen einen umfassenderen Zugang zur biblischen Botschaft zu ermöglichen.
Das Verständnis der Leseordnung, insbesondere der spezifische Platz des Johannesevangeliums, bereichert die Teilnahme am Gottesdienst und vertieft die Wertschätzung für die Heiligen Schriften. Es zeigt, wie die Kirche die biblischen Texte nicht nur rezitiert, sondern sie in einem sinnvollen und theologisch fundierten Kontext präsentiert, um die Gläubigen auf ihrem Glaubensweg zu begleiten und zu nähren.
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