Wann entstand das letzte Evangelium?

Wann entstand das erste Evangelium?

22/02/2026

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Die Frage nach dem genauen Zeitpunkt der Niederschrift der Evangelien ist eine der faszinierendsten und zugleich komplexesten in der biblischen Forschung. Sie berührt nicht nur historische Fakten, sondern auch tiefgreifende theologische Überzeugungen und die Glaubwürdigkeit der Berichte über das Leben und Wirken Jesu von Nazareth. Während Jesus selbst etwa zwischen 27 und 30 n. Chr. wirkte, entstanden die ersten schriftlichen Evangelien erst einige Jahrzehnte später. Dies wirft die Frage auf, wie zuverlässig die Überlieferung über diesen Zeitraum hinweg blieb und welche Bedeutung die Datierung für uns heute hat. Wir werden uns mit den gängigen Theorien, den Hinweisen in den Texten selbst und der Rolle der Augenzeugen befassen, um ein umfassendes Bild zu zeichnen.

Wer hat das Evangelium erfunden?
Als solches diente es den beiden anderen sogenannten Synoptikern – Matthäus und Lukas – inhaltlich als Vorlage. Schließlich lässt sich sogar sagen, dass der Evangelist Markus, dessen Festtag die Kirche am 25. April feiert, die Gattung "Evangelium" überhaupt erst erfunden hat.

Es wird allgemein angenommen, dass das erste fertiggestellte, schriftliche Evangelium, das Markusevangelium, um das Jahr 70 n. Chr. verfasst wurde. Es gibt jedoch auch Argumente und Überlegungen, die eine noch frühere Entstehung bestimmter Evangelien oder zumindest von Teilen davon nahelegen, möglicherweise sogar schon um 58 n. Chr. Diese frühere Datierung würde die schriftliche Überlieferung 20 bis 30 Jahre näher an die Zeit Jesu rücken und die Plausibilität der Verweise auf Augenzeugen in den Texten selbst sowie bei frühen Kirchenvätern untermauern. Doch bevor wir uns den Details der Datierungen widmen, ist es wichtig, den Kontext zu verstehen, in dem diese heiligen Schriften entstanden sind.

Inhaltsverzeichnis

Die mündliche Überlieferung: Das Fundament der Evangelien

Bevor die Evangelien in schriftlicher Form existierten, wurden die Lehren und Geschichten über Jesus über viele Jahre hinweg mündlich weitergegeben. Dies war die primäre Form der Wissensvermittlung in der antiken Welt. Jünger und Apostel erzählten von Jesu Wundern, Gleichnissen und Predigten, von seinem Tod und seiner Auferstehung. Diese mündliche Überlieferung war keineswegs chaotisch oder unzuverlässig; sie folgte bestimmten Mustern und wurde in den frühen christlichen Gemeinden sorgfältig gepflegt. Die Apostel waren die primären Zeugen und Autoritäten, die diese Berichte weitergaben. Sie predigten, lehrten und erinnerten die Gläubigen immer wieder an die Taten und Worte Jesu. Diese Phase der mündlichen Tradition ist entscheidend, da sie das Ausgangsmaterial für die späteren schriftlichen Evangelien bildete. Man kann sich vorstellen, wie bestimmte Erzählungen und Lehrsätze immer wiederholt wurden, bis sie eine feste Form annahmen.

Das Markusevangelium: Der früheste Zeuge

Die meisten Bibelwissenschaftler sind sich einig, dass das Markusevangelium das älteste der vier kanonischen Evangelien ist. Es wird traditionell dem Johannes Markus zugeschrieben, einem Begleiter des Petrus. Die Datierung des Markusevangeliums wird oft um das Jahr 65-70 n. Chr. angesetzt. Ein wichtiger Hinweis für diese Datierung ist die sogenannte „kleine Apokalypse“ in Markus 13, die oft als Anspielung auf die Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahr 70 n. Chr. interpretiert wird. Wenn diese Passage nach der Zerstörung des Tempels verfasst wurde, dann wäre eine Datierung nach 70 n. Chr. plausibel. Wenn es sich jedoch um eine prophetische Warnung handelte, könnte das Evangelium auch kurz davor entstanden sein. Markus zeichnet sich durch seine prägnante und oft dramatische Erzählweise aus. Er konzentriert sich stark auf die Taten Jesu und seinen Weg zum Kreuz, was auf ein Publikum in Rom hindeuten könnte, das die Verfolgung der Christen unter Nero erlebte.

Das Lukasevangelium und die Bedeutung der Augenzeugen

Das Lukasevangelium bietet in seiner Einleitung (Lukas 1,1-4) einen einzigartigen Einblick in den Entstehungsprozess der Evangelien. Lukas schreibt explizit, dass er sich vorgenommen hat, „alles von Anfang an genau zu erforschen und es in geordneter Reihenfolge niederzuschreiben“. Er erwähnt auch, dass er sich auf Berichte von „solchen, die von Anfang an Augenzeugen und Diener des Wortes gewesen sind“ stützt. Diese Aussage ist von immenser Bedeutung für die Frage der Glaubwürdigkeit. Wenn Lukas tatsächlich Augenzeugen befragt hat, dann bedeutet das eine direkte Verbindung zu den Ereignissen. Die Möglichkeit, dass das Lukasevangelium oder zumindest ein großer Teil seines Materials bereits um 58 n. Chr. verfasst wurde, ist eine Überlegung, die auf bestimmten Auslegungen des Textes und der historischen Umstände basiert. Eine solche frühe Datierung könnte bedeuten, dass Lukas noch vor dem Ende des Apostelkonzils oder der ersten großen Verfolgungswelle umfangreiche Recherchen durchgeführt hat. Dies würde die Überlieferungskette zwischen Jesus und der schriftlichen Fixierung erheblich verkürzen und die Präsenz von direkten Zeugen noch greifbarer machen. Lukas war zudem ein Begleiter des Paulus und hatte somit Zugang zu vielen Informationen und Personen in den frühen christlichen Gemeinden.

Die Synoptischen Evangelien und die Quellenfrage

Das Matthäus-, Markus- und Lukasevangelium werden als „synoptische“ Evangelien bezeichnet, weil sie sich in Inhalt, Struktur und Wortlaut so stark ähneln, dass sie nebeneinander betrachtet werden können (griech. synopsis = Zusammenschau). Die Ähnlichkeiten sind so groß, dass Wissenschaftler davon ausgehen, dass es eine literarische Abhängigkeit gibt. Die am weitesten verbreitete Theorie ist die sogenannte „Zwei-Quellen-Theorie“:

  • Markus war das erste Evangelium und diente Matthäus und Lukas als Hauptquelle.
  • Eine hypothetische Quelle, oft als Q-Quelle (von „Quelle“) bezeichnet, enthielt hauptsächlich Sprüche und Reden Jesu und wurde sowohl von Matthäus als auch von Lukas zusätzlich zu Markus verwendet. Diese Q-Quelle müsste demnach noch vor Markus oder parallel dazu entstanden sein und wäre somit ein sehr frühes Zeugnis der Lehren Jesu.
  • Darüber hinaus hatten Matthäus und Lukas jeweils eigenes Material, das nur in ihrem Evangelium vorkommt (oft als „M-Quelle“ für Matthäus und „L-Quelle“ für Lukas bezeichnet).

Die Existenz der Q-Quelle ist eine wichtige Hypothese, die darauf hindeutet, dass bereits sehr früh, möglicherweise in den 40er oder 50er Jahren n. Chr., Sammlungen von Jesu Sprüchen existierten. Dies würde die zeitliche Lücke zwischen Jesu Wirken und den schriftlichen Evangelien weiter füllen und die Genauigkeit der mündlichen Überlieferung untermauern.

Das Johannesevangelium: Später und einzigartig

Das Johannesevangelium unterscheidet sich stilistisch und theologisch deutlich von den drei synoptischen Evangelien. Es wird allgemein als das späteste der vier Evangelien datiert, oft um das Jahr 90-100 n. Chr. Trotz seiner späteren Entstehung beansprucht auch Johannes eine Verbindung zu einem Augenzeugen (Johannes 21,24: „Dieser ist der Jünger, der dies bezeugt und dies geschrieben hat; und wir wissen, dass sein Zeugnis wahr ist.“). Die spätere Datierung ermöglichte es Johannes, theologische Reflexionen tiefer zu entwickeln und Jesus als das fleischgewordene Wort Gottes (Logos) darzustellen. Obwohl es später entstand, enthält es möglicherweise auch ältere Traditionen, die in den synoptischen Evangelien nicht oder anders überliefert wurden.

Die Bedeutung der frühen Datierung für die Glaubwürdigkeit

Die Diskussion über die Datierung der Evangelien ist nicht nur eine akademische Übung; sie hat tiefgreifende Auswirkungen auf die Beurteilung ihrer historischen Glaubwürdigkeit. Wenn die Evangelien oder zumindest ihre Kernbestandteile innerhalb weniger Jahrzehnte nach den Ereignissen niedergeschrieben wurden, während noch Augenzeugen lebten, die die Berichte bestätigen oder korrigieren konnten, erhöht dies ihre Plausibilität erheblich. Eine Datierung um 58 n. Chr. für Teile des Lukasevangeliums oder die Existenz der Q-Quelle in den 40er Jahren n. Chr. würde bedeuten, dass die schriftliche Fixierung sehr nahe an den Ereignissen erfolgte. Dies würde die Vorstellung stützen, dass die Evangelien nicht einfach Produkte späterer theologischer Entwicklungen sind, sondern auf authentischen Erinnerungen und Zeugnissen beruhen. Die mündliche Überlieferung war in der antiken Welt ein hochkultiviertes System, das darauf ausgelegt war, wichtige Informationen präzise weiterzugeben.

Vergleich der Evangelien-Datierungen

EvangeliumGeschätzte DatierungBemerkenswerte Merkmale / Hinweise
Markusca. 65-70 n. Chr.Kürzestes Evangelium, Fokus auf Taten Jesu, evtl. Bezug zur Zerstörung des Tempels.
Matthäusca. 80-90 n. Chr.Verwendet Markus und Q-Quelle, Betonung auf Jesu Rolle als Messias für Juden.
Lukasca. 80-90 n. Chr. (oder Teile/Material ab 58 n. Chr.)Verwendet Markus und Q-Quelle, betont historische Recherche und Augenzeugenberichte, Fokus auf Heilsgeschichte für Heiden.
Johannesca. 90-100 n. Chr.Theologisch tiefgründig, einzigartiger Stil und Inhalt, „Ich bin“-Worte Jesu, betont Geist und Wahrheit.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Warum ist die Datierung der Evangelien so wichtig?

Die Datierung ist entscheidend für die Beurteilung der historischen Glaubwürdigkeit der Evangelien. Je näher die Niederschrift an den beschriebenen Ereignissen liegt, desto wahrscheinlicher ist es, dass noch Augenzeugen lebten, die die Berichte bestätigen oder korrigieren konnten. Dies stärkt das Vertrauen in die Authentizität der Überlieferung über Jesus.

Gab es andere frühe Schriften über Jesus, die nicht in der Bibel sind?

Ja, es gab und gibt viele andere Schriften, die sich mit Jesus und dem frühen Christentum befassen, die aber nicht in den Kanon der Bibel aufgenommen wurden. Diese werden oft als apokryphe Evangelien bezeichnet (z.B. das Thomasevangelium, das Petrusevangelium). Sie entstanden in der Regel später als die kanonischen Evangelien und spiegeln oft theologische Strömungen wider, die von der frühen Kirche als nicht orthodox angesehen wurden.

Wie zuverlässig sind die Evangelien, wenn sie erst Jahrzehnte später geschrieben wurden?

Die Zuverlässigkeit basiert auf der Stärke der mündlichen Überlieferung in der Antike, die sorgfältig gepflegt wurde. Zudem zeigen die Evangelien selbst, dass ihre Verfasser auf Augenzeugen und frühere Quellen zurückgriffen (wie Lukas in seiner Einleitung betont). Die Existenz einer Q-Quelle und die frühe Datierung von Teilen der Evangelien oder ihrer Vorformen sprechen ebenfalls für eine hohe zeitliche Nähe zu den Ereignissen.

Wer waren die Verfasser der Evangelien?

Traditionell werden die Evangelien Markus (Begleiter des Petrus), Matthäus (ein Apostel), Lukas (Begleiter des Paulus) und Johannes (ein Apostel) zugeschrieben. Während die genaue Verfasserfrage in der Wissenschaft diskutiert wird, ist die Verbindung zu den Aposteln oder ihren direkten Schülern ein wichtiger Aspekt der frühchristlichen Überlieferung und zeugt von der Bedeutung der Augenzeugen.

Was ist die „Q-Quelle“?

Die Q-Quelle ist eine hypothetische schriftliche Sammlung von Sprüchen und Reden Jesu, die von den Evangelisten Matthäus und Lukas unabhängig voneinander, aber zusätzlich zum Markusevangelium verwendet wurde. Sie ist nicht physisch erhalten, aber ihre Existenz wird aus den gemeinsamen Passagen von Matthäus und Lukas geschlossen, die nicht in Markus vorkommen. Sie repräsentiert eine sehr frühe Schicht der schriftlichen Überlieferung über Jesus.

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