Wie viele Stadien hat das Heiligen Evangelium?

Emmaus und Jerusalem: Das Rätsel der Distanz

04/12/2025

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Die Geschichte von Emmaus, wie sie im Lukas-Evangelium (Kapitel 24) erzählt wird, ist eine der berührendsten und geheimnisvollsten Passagen der Bibel. Sie schildert, wie zwei Jünger am Tag der Auferstehung Jesu von Jerusalem nach Emmaus gehen und unterwegs dem auferstandenen Christus begegnen, ohne ihn zunächst zu erkennen. Erst beim Brotbrechen in Emmaus öffnen sich ihnen die Augen. Diese Erzählung wirft jedoch eine entscheidende Frage auf, die Historiker, Archäologen und Theologen seit Jahrhunderten beschäftigt: Wie weit war Emmaus wirklich von Jerusalem entfernt, und wo genau lag dieser Ort?

Das Lukas-Evangelium gibt eine präzise Angabe: Emmaus lag 60 Stadien von Jerusalem entfernt. Ein Stadion, eine antike Maßeinheit, entspricht etwa 185 Metern. Rechnet man dies um, so ergibt sich eine Entfernung von ungefähr 11,1 Kilometern. Eine solche Distanz wäre für die beiden Jünger, Kleopas und seinen Begleiter, eine bequeme Tageswanderung gewesen, die es ihnen auch ermöglicht hätte, am selben Abend nach Jerusalem zurückzukehren, wie es die biblische Erzählung beschreibt.

Wie weit ist Emmaus von Jerusalem entfernt?
Inhaltsverzeichnis

Die biblische Angabe und ihre Implikationen

Die Angabe von 60 Stadien ist nicht nur eine schlichte Entfernungsangabe; sie ist Teil der Dramaturgie der Geschichte. Sie beschreibt einen Weg, der lang genug ist, um eine tiefe Unterhaltung zu ermöglichen, aber kurz genug, um die Rückkehr der Jünger nach Jerusalem noch vor Einbruch der Nacht zu gestatten. Auf dieser Strecke konnten die Jünger in ihrem Kummer und ihrer Verzweiflung über die Ereignisse der Kreuzigung wandern und sich dem unbekannten Reisenden anschließen, der ihnen die Schriften auslegte. Die Strecke von etwa 11 Kilometern würde zu Fuß, je nach Tempo und Gelände, etwa zwei bis drei Stunden dauern – genug Zeit für eine intensive theologische Diskussion und die Entwicklung einer Beziehung zu ihrem mysteriösen Begleiter.

Das archäologische Rätsel: Amwas (Nicopolis)

Das Problem beginnt, wenn man archäologische Funde und historische Überlieferungen in Betracht zieht. Der am besten belegte und historisch am frühesten identifizierte Ort namens Emmaus ist das heutige Amwas, das in der römischen Zeit den Namen Nicopolis trug. Dieser Ort liegt jedoch nicht 60, sondern etwa 160 Stadien von Jerusalem entfernt. Das sind umgerechnet rund 29,6 Kilometer. Eine solche Distanz hätte eine Tageswanderung nach Emmaus und zurück nach Jerusalem, insbesondere nach Einbruch der Dunkelheit, extrem schwierig, wenn nicht unmöglich gemacht.

Amwas/Nicopolis war in der Antike eine bedeutende Stadt. Flavius Josephus, ein jüdischer Historiker des 1. Jahrhunderts n. Chr., erwähnt in seinen Schriften ein Emmaus, das 60 Stadien von Jerusalem entfernt liegt, aber er erwähnt auch ein anderes Emmaus, das später Nicopolis genannt wurde. Dies deutet auf eine Verwechslung oder die Existenz mehrerer Orte mit ähnlichen Namen hin. Die Identifizierung von Amwas als das biblische Emmaus geht auf frühe christliche Traditionen zurück, die bis ins 3. Jahrhundert reichen. Dort wurden Kirchen und Schreine errichtet, die die Erinnerung an die biblische Begegnung bewahren sollten.

Erklärungsversuche für die Diskrepanz

Die große Diskrepanz zwischen den biblischen 60 Stadien und den archäologisch belegten 160 Stadien von Amwas hat zu verschiedenen Theorien geführt:

  • Abschreibfehler: Eine gängige Theorie ist, dass es sich um einen antiken Abschreibfehler handelt. In einigen Manuskripten des Lukas-Evangeliums wird die Entfernung tatsächlich mit 160 Stadien angegeben. Es wird vermutet, dass die Zahl „60“ möglicherweise eine spätere Korrektur oder eine frühe Variante ist, die sich durchgesetzt hat.
  • Symbolische Bedeutung: Einige Theologen argumentieren, dass die genaue Entfernung von geringerer Bedeutung ist als die theologische Botschaft der Geschichte. Die Reise selbst, die Verzweiflung der Jünger und ihre allmähliche Erkenntnis des Auferstandenen stehen im Vordergrund.
  • Anderer Emmaus-Ort: Es gab möglicherweise mehrere Orte namens Emmaus oder ähnliche Namen in der Region, und das biblische Emmaus könnte einer dieser weniger bekannten Orte gewesen sein, der näher an Jerusalem lag.

Weitere Kandidaten für Emmaus

Aufgrund der Problematik mit Amwas wurden im Laufe der Jahrhunderte mehrere andere Orte als mögliche Standorte des biblischen Emmaus vorgeschlagen, die besser zur 60-Stadien-Angabe passen:

Emmaus al-Qubeibeh

Etwa 11-12 Kilometer nordwestlich von Jerusalem gelegen, passt dieser Ort perfekt zur biblischen Entfernungsangabe von 60 Stadien. Qubeibeh wurde im Mittelalter, insbesondere während der Kreuzfahrerzeit, als das biblische Emmaus identifiziert. Hier wurde im 19. Jahrhundert eine große Franziskanerkirche errichtet, die die Pilgertradition weiterführt. Archäologische Funde in Qubeibeh deuten auf eine Besiedlung in römischer Zeit hin, aber es gibt keine direkten Beweise, die den Ort eindeutig mit dem biblischen Emmaus in Verbindung bringen, die über die mittelalterliche Tradition hinausgehen.

Abu Ghosh

Dieses Dorf, etwa 14 Kilometer westlich von Jerusalem an der Hauptstraße nach Jaffa gelegen, wurde ebenfalls als Kandidat für Emmaus vorgeschlagen. Es gibt hier eine beeindruckende Kreuzfahrerkirche, die auf römischen Ruinen errichtet wurde. Auch wenn die Entfernung etwas über den 60 Stadien liegt, so ist sie doch wesentlich näher als Amwas. Die Identifizierung ist jedoch weniger stark als bei anderen Kandidaten.

Motza (Colonia Amosa)

Eine relativ neue Entdeckung ist der Ort Motza, nur etwa 6,5 Kilometer westlich von Jerusalem. Archäologische Ausgrabungen haben hier eine römische Siedlung namens Colonia Amosa zutage gefördert, die nach der Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 n. Chr. gegründet wurde. Obwohl die Entfernung von etwa 35 Stadien deutlich unter den biblischen 60 Stadien liegt, wird Motza von einigen Forschern als potenzieller Kandidat betrachtet, da es eine wichtige römische Siedlung in der Nähe Jerusalems war. Die kurze Distanz würde jedoch die Erzählung der langen Wanderung und des späten Abends in Emmaus weniger plausibel machen.

Vergleich der Emmaus-Kandidaten

Um die verschiedenen Theorien besser zu verstehen, ist es hilfreich, die wichtigsten Kandidaten und ihre Merkmale zu vergleichen:

OrtEntfernung (Stadien)Entfernung (km)Historische/Archäologische BasisAnmerkungen
Biblische Angabe60ca. 11,1Lukas-EvangeliumDer traditionelle biblische Wert
Amwas (Nicopolis)160ca. 29,6Archäologisch belegt, römische Stadt, frühe christliche Tradition (ab 3. Jh.)Die wahrscheinlichste archäologische Stätte, aber abweichend von der biblischen Distanz in den meisten Manuskripten
Emmaus al-Qubeibehca. 60ca. 11-12Mittelalterliche und kreuzfahrerzeitliche Tradition (ab 12. Jh.)Passt gut zur biblischen Distanz, aber später belegt als Amwas
Abu Ghoshca. 75ca. 14Kreuzfahrerzeitliche IdentifizierungEtwas weiter als die biblische Angabe, aber näher als Amwas
Motzaca. 35ca. 6,5Neuere Ausgrabungen, römische Siedlung (Colonia Amosa)Sehr nah an Jerusalem, historisch interessant, aber passt nicht zur 60-Stadien-Angabe

Die Bedeutung der Reise in antiker Zeit

Um die Entfernungsangaben besser einordnen zu können, ist es wichtig, sich die Bedingungen des Reisens in der Antike vorzustellen. Die Menschen reisten hauptsächlich zu Fuß, selten auf Eseln oder Maultieren. Eine durchschnittliche Tagesetappe für einen geübten Wanderer lag bei etwa 25 bis 35 Kilometern. Eine Strecke von 11 Kilometern (60 Stadien) wäre eine leichte Halbtageswanderung, die man ohne große Anstrengung zurücklegen und von der man noch am selben Tag zurückkehren konnte. Eine Distanz von fast 30 Kilometern (160 Stadien) hingegen hätte einen Großteil des Tages in Anspruch genommen und eine Rückkehr nach Jerusalem am selben Abend unwahrscheinlich gemacht, insbesondere da die Jünger nach Emmaus gingen, als der Tag bereits zu Ende ging („der Tag hat sich geneigt“, Lk 24,29).

Was ist der Weg nach Emmaus?
(Lk 24,15-24) Der Weg nach Emmaus ist auf den ersten Blick kein Hoffnungsweg. Traurigkeit und Niedergeschlagenheit quälen die beiden Jünger. Wir kennen das nur allzu gut. Plötzlich werden unsere Hoffnungen enttäuscht, es läuft nicht so, wie wir es erwartet haben und dann ist alles schlecht.

Häufig gestellte Fragen

Warum gibt es verschiedene Angaben zur Entfernung von Emmaus?

Die Hauptursache für die Verwirrung ist die Diskrepanz zwischen der im Lukas-Evangelium meistgenannten Entfernung von 60 Stadien und der archäologisch gut belegten Stätte Amwas (Nicopolis), die etwa 160 Stadien entfernt liegt. Einige Manuskripte geben 160 Stadien an, was auf einen möglichen frühen Abschreibfehler oder eine bewusste theologische Anpassung hindeutet. Zudem wurden im Laufe der Geschichte mehrere andere Orte als Emmaus identifiziert, oft basierend auf der 60-Stadien-Angabe.

Welcher Ort ist der „echte“ Emmaus?

Es gibt keinen endgültigen Konsens. Archäologisch gesehen ist Amwas (Nicopolis) der stärkste Kandidat, da seine Identifizierung als Emmaus bis in die frühe christliche Zeit zurückreicht und dort wichtige Ruinen gefunden wurden. Wenn man sich jedoch streng an die 60-Stadien-Angabe des Lukas-Evangeliums hält, passen Orte wie Emmaus al-Qubeibeh besser. Die theologische Bedeutung der Geschichte überwiegt für viele Gelehrte die Notwendigkeit einer genauen geografischen Lokalisierung.

Wie lange dauerte die Reise nach Emmaus?

Wenn man von 60 Stadien (ca. 11 km) ausgeht, würde die Wanderung etwa 2 bis 3 Stunden dauern. Bei 160 Stadien (ca. 30 km) würde die Reise 6 bis 8 Stunden in Anspruch nehmen. Die biblische Erzählung deutet auf eine Wanderung hin, die genügend Zeit für eine tiefgehende Unterhaltung bot, aber auch eine Rückkehr nach Jerusalem am selben Abend ermöglichte.

Gibt es eine theologische Bedeutung der Entfernung?

Die genaue Entfernung mag geografisch umstritten sein, aber die Reise selbst hat eine tiefe theologische Bedeutung. Sie symbolisiert den Weg des Glaubens, die anfängliche Blindheit und Verzweiflung der Jünger, ihre allmähliche Erkenntnis des Auferstandenen durch die Auslegung der Schriften und das Brotbrechen. Die Länge der Reise, ob kurz oder lang, ist eine Metapher für den Weg, den Menschen gehen, um zu Gott zu finden.

Fazit: Das Mysterium bleibt bestehen

Die Frage nach der genauen Entfernung von Emmaus zu Jerusalem und dem wahren Standort dieses biblischen Ortes bleibt ein faszinierendes Rätsel. Während Amwas (Nicopolis) archäologisch und historisch stark belegt ist, passt seine Entfernung nicht zur biblischen Angabe von 60 Stadien, was zu anhaltenden Diskussionen und der Suche nach Alternativen führt. Orte wie Emmaus al-Qubeibeh bieten eine bessere Übereinstimmung mit der biblischen Entfernungsangabe, sind aber historisch später belegt.

Letztendlich ist die genaue geografische Lokalisierung des biblischen Emmaus vielleicht nicht so entscheidend wie die Botschaft der Geschichte selbst. Sie erinnert uns daran, dass der auferstandene Christus uns auf unserem Lebensweg begegnen kann, auch wenn wir ihn zunächst nicht erkennen. Die Wanderung nach Emmaus ist eine Metapher für unsere eigene spirituelle Reise, auf der sich unsere Augen öffnen und wir die Gegenwart Gottes in unserem Leben entdecken.

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