Was ist die viertstärkste Glaubensrichtung in Russland?

Protestantismus in Russland: Eine wechselvolle Reise

04/12/2025

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Russland, ein Land von immenser Größe und kultureller Vielfalt, ist oft für seine dominierende orthodoxe Kirche bekannt. Doch hinter dieser vorherrschenden Glaubensrichtung verbirgt sich eine reiche und oft dramatische Geschichte anderer Konfessionen. Eine davon ist der Protestantismus, der mit etwa drei Millionen evangelischen Christen heute die viertstärkste Glaubensrichtung im Land darstellt. Seine Geschichte ist geprägt von Migration, Blütezeiten, brutaler Verfolgung und einer bemerkenswerten Widerstandsfähigkeit, die bis in die Gegenwart reicht.

Was ist die viertstärkste Glaubensrichtung in Russland?
Heute ist der Protestantismus die viertstärkste Glaubensrichtung in Russland – hinter dem Buddhismus, vor dem römischen Katholizismus – und repräsentiert besonders in manchen Gegenden durch seine spürbare Vitalität die Religionsvielfalt in Russland.
Inhaltsverzeichnis

Die Wurzeln des Protestantismus in Russland: Eine Geschichte der Migration

Die Anwesenheit protestantischer Gemeinden in Russland ist keineswegs ein modernes Phänomen, sondern reicht Jahrhunderte zurück. Schon im 16. Jahrhundert fanden viele Deutsche, darunter zahlreiche Handwerker, ihren Weg in das Russische Zarenreich. Ihre Fertigkeiten waren bei den Zaren hochbegehrt und sie siedelten sich in verschiedenen Regionen des Landes an, was zur Gründung protestantischer Gemeinden selbst in entlegenen Gebieten Sibiriens führte. Diese frühen Migranten brachten ihren Glauben und ihre Kultur mit und legten den Grundstein für die evangelische Präsenz in Russland.

Neben den Deutschen kamen auch Finnen und Schweden in den Nordwesten Russlands, oft im Zuge der russisch-schwedischen Kriege, und trugen zur protestantischen Vielfalt bei. Bis heute beleben auch Letten und Esten die protestantische Kirche in Russland, von denen viele trotz der Souveränität ihrer baltischen Heimatstaaten nicht dorthin zurückgekehrt sind. Diese vielfältigen Ursprünge prägten den russischen Protestantismus von Anfang an und führten zu einer reichen Mischung aus lutherischen, baptistischen und anderen evangelischen Traditionen.

Im Russland der Zarenzeit war protestantisches Leben ein integraler Bestandteil der Gesellschaft. Kirchen wurden errichtet, Schulen gegründet und Gemeinden florierten. Vor dem Ersten Weltkrieg zählten die evangelischen Gemeinden die drittmeisten Mitglieder aller Religionen, ein Beweis für ihre damalige Bedeutung und Verbreitung im gesamten Reich.

Verfolgung und Wiederauferstehung: Die Sowjetzeit und danach

Die Oktoberrevolution von 1917 und die darauffolgende Etablierung der Sowjetunion markierten einen tiefgreifenden Einschnitt für alle Religionen in Russland, insbesondere aber für die Protestanten. Unter der religionsfeindlichen Politik Stalins setzte eine brutale Verfolgungswelle ein, die darauf abzielte, religiöses Leben vollständig zu eliminieren. Viele Gläubige wurden verbannt, verhaftet oder sogar getötet.

Ein symbolträchtiger Moment dieser Verfolgung war die Schließung der Kathedrale St. Peter und Paul in Moskau im Jahr 1938. Sie war die letzte evangelische Kirche, die in der Sowjetunion geschlossen wurde, und ihr Schicksal spiegelte das Leid wider, das unzählige Gemeinden traf. Viele Protestanten sahen sich gezwungen, ihren Glauben im Geheimen zu praktizieren und bildeten geheime Zusammenschlüsse, eine Art religiösen Untergrund. Es sollte Jahrzehnte dauern, bis sie sich wieder offen zu ihrem Glauben bekennen und sichtbar organisieren durften.

Ein wichtiger Schritt auf diesem Weg war die Schlussakte von Helsinki im Jahr 1975, die den Weg für eine gewisse Lockerung der Religionspolitik ebnete. Mit der Perestroika und der Auflösung der Sowjetunion im Dezember 1991 kam es schließlich zu einer Wiedergeburt des religiösen Lebens in Russland. Für die Protestanten bedeutete dies die Möglichkeit, ihre Gemeinden wieder zu gründen und ihre Gotteshäuser zurückzuerhalten.

Die Rückgabe der Kathedrale St. Peter und Paul in Moskau im Jahr 2017, pünktlich zum 500. Reformationsjahr, war ein historischer Tag für die russischen Protestanten. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier reiste eigens an, begleitet vom EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm, der sich stets für die Rückgabe eingesetzt hatte. Dieses Ereignis war nicht nur eine Wiedergutmachung für vergangenes Unrecht, sondern auch ein Zeichen der wachsenden Anerkennung für die evangelische Gemeinschaft in Russland, die allein in Moskau mehrere Tausend Mitglieder zählt.

Die Baptisten in Russland: Eine besondere Geschichte der Ausdauer

Innerhalb des Protestantismus in Russland spielen die Baptisten eine besonders bemerkenswerte Rolle. Ihre Geschichte ist ein Zeugnis von Pioniergeist, organisatorischem Geschick und unerschütterlichem Glauben unter schwierigsten Bedingungen. Die Anfänge der Baptisten in Russland reichen bis ins Jahr 1858 zurück, als am 15. November in Adamow, Russisch-Polen, die ersten neun Baptisten von Bruder WEIST getauft wurden. Zu den Täuflingen gehörte G.F. ALF (*1831 †1898), der als erster Baptist und Prediger in Russland gilt. Dieser Tag wird bis heute als Jubiläumstag der Baptisten in Russland gefeiert.

Auf das Wirken von Bruder ALF sind die ersten Gemeindegründungen in Wolhynien zurückzuführen, darunter Horschtschik und Sorotschin (beide 1864) sowie Neudorf (1866). In den Folgejahren prägte Pastor Karl ONDRA (*1839 †1887) maßgeblich die Entwicklung der Baptistengemeinden. Die Gemeinden organisierten sich unter Selbstverwaltung, wobei ein Gemeindevorstand und Gemeindeälteste für die Leitung zuständig waren. Diese dezentrale Struktur trug wesentlich zur Widerstandsfähigkeit der Bewegung bei.

Organisation und Wachstum der Baptisten

Ein wichtiger Meilenstein war die Gründung einer Russisch-Rumänischen Vereinigung im Jahr 1874, die auf Freiwilligenbasis funktionierte. Ab 1879 wurde den Baptisten in Russland eine staatliche Anerkennung und freie Ausübung ihres Glaubens zugestanden, auch wenn die Nichtanerkennung durch andere Glaubensgemeinschaften noch viele Jahrzehnte andauern sollte.

Nach zehnjährigem Bestehen wurde die Russisch-Rumänische Vereinigung auf der Konferenz in Neudorf im Jahr 1884 geteilt in die Westrussische Vereinigung (mit Gemeinden in Wolhynien) und die Südrussisch-Rumänische Vereinigung (mit Gemeinden in Südrussland und Rumänien). Nur drei Jahre später, im Jahr 1887, erfolgte die Gründung der Russischen Union, die die Polnische Vereinigung und die beiden zuvor genannten Vereinigungen umfasste. 1888 wechselte auch die Baltische Vereinigung von der Ostpreußischen Vereinigung zur Russischen Union. In den folgenden Jahren kam es zu einer Vielzahl weiterer Gemeindegründungen im gesamten Zarenreich.

Wann wurde die Russische Union gegründet?
Im Jahr 1887 erfolgte die Gründung der Russichen Union mit der Polnischen Vereinigung und den beiden o.g. Vereinigungen. 1888 wechselte die Baltische Vereinung von der Ostpreußischen Vereinigung zur Russischen Union. Es folgten eine Vielzahl weiterer Gemeindegründungen im gesamten Zarenreich.

Die beeindruckende Entwicklung der Baptisten spiegelt sich in den Zahlen wider. Im Jahr 1908 wurden für die Russische Union folgende Statistiken erfasst:

KategorieAnzahl (1908)
Gemeinden159
Stationen449
Kapellen163
Sonntagsschulen331
Lehrer1.334
Schüler14.609

Diese Zahlen zeigen die enorme Ausbreitung und den organisierten Charakter der baptistischen Bewegung vor der Revolution. Baptisten und Evangeliumschristen wirkten in vielen Regionen gemeinsam und schlossen sich zusammen, was ihre Präsenz weiter stärkte. Nach der Oktoberrevolution von 1917 litten auch die Baptisten unter der Verfolgung, konnten sich aber nach der Perestroika und der Auflösung der Sowjetunion im Dezember 1991 wieder neu gründen.

Geografische Verteilung und Vereinigungen

Die baptistischen Gemeinden waren im gesamten Zarenreich verbreitet und organisierten sich in verschiedenen Vereinigungen:

  • Baltische Vereinigung (ab 1888 zur Russischen Union): Gulben, Hasenpoth, Jekapstadt, Libau (1881), Lublate, Mitau, Preekuln (1876), Riga, Sackenhausen (1883), Siguld, Turlau, Sirgen.
  • Estnische Vereinigung (ab 1901): Reval, Pernau, Hapsal, Kertel-Dago, Rumm.
  • Polnische Vereinigung (ab 1887): Kicin (1861), Kuruwek (1870), Lodz (1878), Radawczick / Radawzik (1884), Warschau (1888), Zdunska-Wola (1885), Zelow (1886), Zezulin (1873), Zyrardow (1875).
  • West-Russische Vereinigung (ab 1884): Galka (1888), Kowno (1889), Lucinow / Luzinow (1881), Roshischtsche / Rozyszcze (1884), Cholossna (1875), Horschtschik (1864), Iwanowitsch (1885), Mosejewka (1888), Neudorf (1866), Sorotschin (1864). In (Ost-)Wolhynien gab es 1923 10-11 Gemeinden mit ca. 7.000 Mitgliedern.
  • Süd-Russische Vereinigung (ab 1887): Alt-Danzig (1869), Eupatoria (1887), Belowesch (1888), Johannisthal (1885), Kleinliebenthal (1888), Michailowka (1885), Neuburg (1887), Neu-Danzig (1875), Neu-Freudenthal (1885), Odessa (1870).
  • Vereinigung in Sibirien: 1923 gab es in Omsk und Umgebung 7 Gemeinden mit geschätzten 2.000 Mitgliedern.
  • Vereinigung im Kaukasus-, Kuban- und Terekgebiet: 1923 gab es in dieser Region 6 Gemeinden mit geschätzten 2.000 Mitgliedern.
  • Gemeinden in St. Petersburg: St. Petersburg (1880).

Herausforderungen in der Gegenwart

Heute ist der Protestantismus die viertstärkste Glaubensrichtung in Russland, hinter der russisch-orthodoxen Kirche, dem Islam und dem Buddhismus, aber noch vor dem römischen Katholizismus. Besonders in manchen Gegenden repräsentiert er durch seine spürbare Vitalität die Religionsvielfalt in Russland. Nach wie vor ist er stark geprägt von Deutschstämmigen und genießt auch wegen seines organisierten sozialen Gemeinschaftssinns hohes Ansehen. Doch trotz dieser positiven Aspekte kämpft die evangelische Kirche in Russland vielerorts gegen einen schleichenden Mitgliederschwund, da nach wie vor viele Deutsch-Russen nach Deutschland auswandern.

Zusätzlich sieht sich der Protestantismus in Russland neuerdings mit wachsenden Herausforderungen bezüglich der Religionsfreiheit konfrontiert. Obwohl die Religionsfreiheit auch als ein Verdienst von Präsident Putin betrachtet werden kann, bröckelt sie zunehmend. Viele glauben, dass der Präsident, auch unter dem Einfluss des russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill I., den zu starken Einfluss der „nicht-russischen“ Religionen fürchtet. Mit einem ohnehin umstrittenen Anti-Terror-Gesetz von 2016 werden absurderweise auch Protestanten gegängelt. Private Zusammenkünfte werden argwöhnisch beäugt, Gottesdienste dürfen nur noch in religiösen Gebäuden abgehalten werden, Veranstaltungssäle werden mancherorts nicht mehr an Protestanten vermietet, und Schriften werden geprüft und benötigen eine Art Unbedenklichkeitsstempel.

Von direkter Verfolgung kann zwar noch keine Rede sein, doch diese Einschränkungen stellen eine erhebliche Belastung für die protestantischen Gemeinden dar. Angesichts der feierlichen Rückgabe der St. Peter und Paul-Kathedrale in Moskau stellt sich die große Frage, ob dies ein Zeichen offizieller Anerkennung war oder eher Symbolpolitik für den Westen. Bei der russischen Führung bleibt dies oft unklar, und das auffallende Schweigen des Patriarchen Kyrill I. in dieser Angelegenheit verstärkt die Unsicherheit.

Häufig gestellte Fragen zum Protestantismus in Russland

Was ist die viertstärkste Glaubensrichtung in Russland?
Die viertstärkste Glaubensrichtung in Russland ist der Protestantismus, der schätzungsweise etwa drei Millionen evangelische Christen umfasst. Er liegt hinter der russisch-orthodoxen Kirche, dem Islam und dem Buddhismus.

Wie viele Protestanten leben heute in Russland?
In Russland leben heute etwa drei Millionen evangelische Christen, die dem Protestantismus angehören.

Wann wurde die Kathedrale St. Peter und Paul an die evangelische Kirche zurückgegeben?
Die Kathedrale St. Peter und Paul in Moskau wurde pünktlich zum 500. Reformationsjahr am 25. Oktober 2017 an die Evangelisch-Lutherische Kirche zurückgegeben.

Welche Rolle spielten Deutschstämmige in der Geschichte des Protestantismus in Russland?
Deutschstämmige spielten eine zentrale Rolle. Schon im 16. Jahrhundert siedelten sich viele deutsche Handwerker in Russland an und gründeten protestantische Gemeinden. Bis heute ist der Protestantismus stark von Deutschstämmigen geprägt, auch wenn viele nach Deutschland auswandern.

Wann wurde die Russische Union der Baptisten gegründet?
Die Russische Union der Baptisten wurde im Jahr 1887 gegründet, indem die Polnische Vereinigung, die Westrussische Vereinigung und die Südrussisch-Rumänische Vereinigung zusammengeführt wurden. Die Anfänge der Baptisten in Russland reichen bis 1858 zurück.

Welchen Herausforderungen sehen sich Protestanten in Russland heute gegenüber?
Protestanten in Russland sehen sich heute Herausforderungen durch ein umstrittenes Anti-Terror-Gesetz von 2016 gegenüber, das private Zusammenkünfte einschränkt, Gottesdienste auf religiöse Gebäude beschränkt und die Vermietung von Veranstaltungssälen erschwert. Zudem kämpfen sie mit einem Mitgliederschwund aufgrund der Auswanderung von Deutsch-Russen.

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