25/06/2023
In den Herzen der christlichen Liturgie schwingen zwei mächtige Rufe, die seit Jahrhunderten die Gläubigen in Gebet und Anbetung vereinen: „Kyrie eleison“ und „Christe eleison“. Diese aus dem Griechischen stammenden Ausrufe sind weit mehr als bloße Worte; sie sind Brücken in die Geschichte, Ausdruck tiefster Demut und kraftvolle Bekenntnisse zum Herrn. Doch was genau bedeuten sie, woher stammen sie, und welchen Unterschied gibt es zwischen „Kyrios“ und „Jesus Christus“ in diesem Kontext? Dieser Artikel beleuchtet die vielschichtigen Bedeutungen und die historische Entwicklung dieser zentralen Elemente des Gottesdienstes.

Die Begriffe „Kyrie eleison“ und „Christe eleison“ sind untrennbar mit der christlichen Verehrung verbunden. Sie bilden oft den Anfang einer Litanei, eines feierlichen Rufes, der sich durch seine Einfachheit und doch tiefgreifende Bedeutung auszeichnet. Ihre Ursprünge reichen weit zurück, lange bevor das Christentum zur Weltreligion wurde.
Der Ursprung des Kyrios-Rufes: Eine Reise durch die Geschichte
Der Ruf „Kyrie eleison“, übersetzt „Herr, erbarme dich!“, ist älter als das Christentum selbst. In vorchristlicher Zeit war „Kyrios“ (κύριος) ein gebräuchlicher Huldigungsruf für Götter und irdische Herrscher. Man begrüßte beispielsweise den römischen Kaiser mit diesem Ruf, wenn er einen Raum betrat – ein Zeichen der Ehrerbietung und Anerkennung seiner Autorität. Dieser Ruf drückte Anbetung, aber auch den Wunsch nach Rettung aus Not und Schuld aus.
Mit dem Aufkommen des Judentums in der griechischsprachigen Diaspora erhielt der Kyrios-Titel eine neue, tiefere Bedeutung. Er wurde zur Übersetzung des hebräischen „Adonai“ (Herr) und somit auf den Gott Israels bezogen, als Ersatz für den unaussprechlichen Gottesnamen JHWH. Dies verankerte den Begriff fest im monotheistischen Verständnis des einen, allmächtigen Gottes.
Im frühen Christentum wurde der Kyrios-Titel dann zur zentralen Hoheitsbezeichnung für Jesus Christus. Dies war ein revolutionärer Akt des Bekenntnisses. Wenn Christen „Kyrios“ riefen und damit Jesus meinten, setzten sie sich bewusst vom Kaiserkult und der Verehrung anderer Götter ab. Sie proklamierten, dass nicht der Kaiser, sondern Christus der wahre Herrscher der Welt ist, der Retter aus Not und Schuld. Das Bekenntnis „Jesus ist Kyrios“ (vgl. Phil 2 EU, Röm 10,9 EU) wurde zu einem fundamentalen Pfeiler des frühen christlichen Glaubens.
Der Ruf „Kyrie eleison“ fand seinen Weg in die christliche Liturgie der Ostkirche, wo er um 500 n. Chr. als Einwurf der Gemeinde in den großen Litaneien (Fürbitten) weit verbreitet war. Ohne Übersetzung wurde er später in die römische und damit in die westlichen Liturgien übernommen, wo er bis heute Bestand hat.
Die Entstehung und Bedeutung von „Christe eleison“
Die alternative Form „Christe eleison“ (Χριστὲ ἐλέησον), übersetzt „Christus, erbarme dich!“, entstand in Rom und ist eine westliche Erweiterung des Kyrie-Rufes. Während „Kyrie eleison“ den Herrn im Allgemeinen anruft, richtet sich „Christe eleison“ spezifisch an Christus, den Messias, den Gesalbten Gottes. Dies unterstreicht die besondere Rolle Jesu als der verheißene Erlöser.
In der westlichen Liturgie entwickelte sich so eine bis zu neunfache Kyrie-Litanei, die die dreigliedrige Form „Kyrie eleison – Christe eleison – Kyrie eleison“ etablierte. Diese Dreigliedrigkeit hat auch eine trinitarische Dimension angenommen, in der die drei Rufe Vater, Sohn und Heiligen Geist anrufen, wie es beispielsweise in Gottesdiensten der norwegischen Kirche praktiziert wird.
Kyrie und Christe im Gottesdienst: Ort, Form und Bedeutungswandel
„Kyrie eleison“ wird zum Ordinarium Missae, den gleichbleibenden Teilen der heiligen Messe, gerechnet. Im Eröffnungsteil des Gottesdienstes, sei es in der katholischen Messe oder im evangelischen Gottesdienst, folgt das Kyrie oft dem allgemeinen Schuldbekenntnis oder ist mit diesem verbunden. Hier wandelt sich der ursprüngliche Huldigungsruf zu einem Erbarmensruf, einer Bitte um Vergebung und Gnade angesichts der eigenen Sündhaftigkeit und Hilflosigkeit.
Der Ruf kann griechisch oder deutsch gesprochen werden und wird vielfach auch gesungen, oft im Wechsel zwischen Chor bzw. Kantor und der versammelten Gemeinde. Eine einfache Form lautet:
- Chor: Kyrie eleison
- Gemeinde: Herr, erbarme dich.
- Chor: Christe eleison.
- Gemeinde: Christus, erbarme dich.
- Chor: Kyrie eleison.
- Gemeinde: Herr, erbarm dich über uns.
Jedes dieser drei Glieder wurde früher gerne dreimal wiederholt, wodurch eine Neunzahl entstand. In der protestantischen Kirche behielt man zumeist das dreimalige Kyrie bei, während in der römisch-katholischen Kirche häufig ein sechs- oder neunmaliges Kyrie im Wechsel von Priester und Messdienern gebetet wird.
Es ist wichtig zu verstehen, dass diese Anrufungen nicht primär Fürbitten im Sinne spezifischer Anliegen sind, sondern ein Lobpreis Jesu Christi für seine Heilstaten. Gleichzeitig stellen sie einen Bittruf um Gottes Erbarmen dar. Je nach Gottesdienstanlass oder Kirchenjahr können kurze Texteinschübe, sogenannte Tropen, verwendet werden, die die Bedeutung des Rufes vertiefen. Beispiele hierfür sind:
- „Herr Jesus, du Wort des Lebens! Kyrie eleison! Herr Jesus, du Licht der Menschen! Christe eleison! Herr Jesus, du bist unser Weg zum Vater! Kyrie eleison!“
- „Herr Jesus, Sohn des lebendigen Gottes: Kyrie eleison! Du Mittler des Neuen Bundes: Kyrie eleison! Herr Christus, du hast für uns getragen Kreuz und Leiden. Christe eleison! Du bist für uns auferstanden von den Toten. Christe eleison! Herr Jesus, du Herr deiner Kirche: Kyrie eleison! Du Hoffnung der ganzen Erde: Kyrie eleison!“
Nach dem Kyrie folgt an Sonntagen außerhalb von Advents- und Fastenzeit sowie an Festen das Gloria, der große Lobgesang auf Gott.

Kyrie-Litaneien und ihre Entwicklung
Die Ursprünge der Kyrie-Litaneien finden sich in der „deprecatio Gelasii“. In der Liturgie der orthodoxen Kirchen sind an mehreren Stellen zum Teil vielteilige Kyrie-Litaneien zu finden. So wird jede Hore der byzantinischen Tagzeitenliturgie mit einem zwölffachen „Kyrie eleison“ eröffnet, und die kleinen Horen schließen mit einem vierzigfachen „Kyrie eleison“. Das dreifache „Kyrie eleison“ erscheint als Antwort auf die einzelnen Anrufungen der Ektenien. Das „Christe eleison“ ist jedoch eine westliche Erweiterung und in der byzantinischen Liturgie nicht gebräuchlich.
In der mittelalterlichen Liturgie trat das drei- oder neunfache Kyrie/Christe eleison mehrfach auf, oft als Gebetsschluss nach einem Psalm in folgender Abfolge:
- Psalm
- Kyrie eleison (3–9 ×)
- Vater unser (3–9 ×)
- Versikel (z.B. V: Herr, erhöre mein Gebet! R: Und lass mein Rufen zu dir kommen!)
- Abschließende Oration
Solche Gebetssequenzen gab es beispielsweise bei der Vorbereitung des Priesters auf die Messfeier oder beim Stufengebet. Mit der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils sind solche Formen größtenteils entfallen. Im Stundengebet ist dieselbe Abfolge von Gebeten jedoch seit dem 8. Jahrhundert bezeugt und wurde nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil wieder für Laudes und Vesper an allen Tagen vorgesehen: Nach dem Benedictus bzw. Magnificat folgen Fürbitten, dann das Kyrie eleison (oder eine andere Überleitung), das Vater unser und die Oration.
Kyrie bei der kirchlichen Trauung
Auch bei der kirchlichen Trauung kann ein Kyrielied gesungen werden. Hier empfiehlt es sich, ein bekanntes Lied mit einfacher Melodie zu wählen, damit die gesamte Gemeinde mitsingen kann und der Ruf des Erbarmens und der Huldigung auch in diesem freudigen Anlass zum Ausdruck kommt. Das Kyrie bei einer Hochzeit ist ein Ausdruck der Bitte um Gottes Segen für das Brautpaar und um sein Erbarmen in allen zukünftigen Herausforderungen.
Der Unterschied zwischen Kyrios und Jesus Christus
Die zentrale Frage, die sich aus diesen liturgischen Rufen ergibt, ist der genaue Unterschied zwischen „Kyrios“ und „Jesus Christus“. Hier ist eine prägnante Erklärung:
| Begriff | Bedeutung und Kontext |
|---|---|
| Kyrios (κύριος) | Ein griechischer Titel, der „Herr“ oder „Meister“ bedeutet. Ursprünglich für weltliche Herrscher und Götter verwendet. Im Judentum zur Bezeichnung Gottes (JHWH/Adonai). Im frühen Christentum wurde es der zentrale Hoheitstitel für Jesus. Es betont seine göttliche Souveränität, Autorität und Herrschaft über alles. Es ist ein Bekenntnis zu seinem Status als Herr. |
| Jesus Christus | Bezeichnet die Person. „Jesus“ ist der Eigenname des Mannes aus Nazareth. „Christus“ (Χριστός) ist ebenfalls ein griechischer Titel, der „der Gesalbte“ oder „Messias“ bedeutet. Es identifiziert Jesus als den von Gott gesandten Erlöser und König. „Jesus Christus“ benennt also die historische Person und identifiziert sie gleichzeitig als den verheißenen Messias. |
Wenn „Kyrie eleison“ gerufen wird, adressiert man den Herrn, den Kyrios, der für Christen niemand Geringeres ist als Jesus Christus in seiner göttlichen Majestät und Herrschaft. „Christe eleison“ hingegen richtet sich spezifisch an Christus, den Gesalbten, den Messias, und betont damit seine erlösende Funktion. Beide Rufe sind auf dieselbe göttliche Person bezogen, betonen aber unterschiedliche Aspekte seiner Natur und seines Wirkens.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Was haben Kyrie und Hosianna gemeinsam?
Dem griechischen „Kyrie“ entspricht das hebräische „Hosianna“ (hilf doch). „Hosianna“ ist der Ruf, mit dem Jesus beim Einzug in Jerusalem empfangen wurde („Hosianna dem Sohn Davids!“) und drückt ebenfalls eine Bitte um Rettung und eine Huldigung aus.
Ist das Kyrie nur ein Sündenbekenntnis?
Nein, das Kyrie ist weit mehr als nur ein Sündenbekenntnis. Obwohl es früh mit dem Sündenbekenntnis verknüpft wurde und ein Erbarmensruf ist, drückt es neben der Huldigung auch Ohnmacht, Hilflosigkeit, seelische und leibliche Not aus. Es ist ein umfassender Ausdruck der Abhängigkeit von Gottes Gnade und ein Lobpreis seiner Heilstaten.
Wird „Christe eleison“ in allen christlichen Traditionen verwendet?
Nein, das „Christe eleison“ ist eine westliche Erweiterung und in der byzantinischen (orthodoxen) Liturgie nicht gebräuchlich. Dort wird ausschließlich das „Kyrie eleison“ verwendet, oft in vielfacher Wiederholung.
Warum wird das Kyrie eleison oft wiederholt?
Die Wiederholung des Kyrie eleison hat historische Wurzeln in den langen Litaneien der frühen Kirche. Sie dient der Intensivierung des Gebetes, der Vertiefung der Anrufung und der Schaffung einer meditativen Atmosphäre. Die mehrfache Wiederholung betont die Dringlichkeit der Bitte um Erbarmen und die Tiefe der Huldigung.
Fazit
Die Rufe „Kyrie eleison“ und „Christe eleison“ sind tief in der christlichen Tradition verwurzelt. Sie sind nicht nur alte Formeln, sondern lebendige Ausdrücke des Glaubens, die die Macht haben, uns mit den Generationen von Gläubigen vor uns zu verbinden. Sie erinnern uns an die Souveränität Jesu als Kyrios, des Herrn, und an seine Rolle als Christus, der uns erlöst hat. Ob als Huldigung, als Bitte um Erbarmen oder als tiefes Bekenntnis – diese Worte bleiben ein zentraler und kraftvoller Bestandteil des christlichen Gottesdienstes, der uns immer wieder einlädt, uns der unendlichen Gnade Gottes anzuvertrauen.
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