Warum beantwortet Gott unsere Gebete?

Wikingergebet & Walhall: Mythos oder Wahrheit?

27/02/2026

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Die beeindruckende Szene aus dem Film „Der 13te Krieger“, in der die letzten tapferen Krieger im strömenden Regen ihr „Wikingergebet“ sprechen, hat sich tief in das kollektive Gedächtnis eingebrannt. Es ist ein Moment von großer emotionaler Wucht, untermalt von der pathetischen Musik Jerry Goldsmiths, der heute auf T-Shirts gedruckt und als Poster verkauft wird. Doch oft wird behauptet, dieses Gebet sei lediglich ein Fantasieprodukt des amerikanischen Schriftstellers Michael Crichton. Ist das wirklich so, oder verbirgt sich dahinter mehr als nur Hollywood-Fiktion? Tauchen wir ein in die Geschichte und die Mythen, um die Wahrheit hinter diesen kraftvollen Worten und dem sagenumwobenen Walhall zu ergründen.

Warum war der Tod für einen Wikinger so wichtig?
Mit so kriegerischen Göttern wie Odin und Thor als Vorbild war der Tod für einen Wikinger nichts Erschreckendes. Starb ein Krieger im Kampf mit seiner Waffe in der Hand, hatte sein Leben einen ehrenvollen Abschluss gefunden und verdiente den Respekt der Lebenden.
Inhaltsverzeichnis

Das Wikingergebet: Eine Brücke zwischen Film und Geschichte

Die Worte, die im Film von den Kriegern im Wechsel gesprochen werden, sind unvergesslich:

  • Dort treffe ich dann meinen Vater.
  • Dort treffe ich meine Mutter, meine Schwestern und meine Brüder.
  • Dort treffe ich dann all jene Menschen meiner Ahnenreihe, von Beginn an.
  • Sie rufen bereits nach mir.
  • Sie bitten mich, meinen Platz zwischen ihnen einzunehmen.
  • Hinter den Toren von Walhalla, wo die tapferen Männer für alle Ewigkeiten leben.

Diese Zeilen vermitteln eine tiefe Verbundenheit mit den Vorfahren und eine unerschütterliche Überzeugung vom Leben nach dem Tod – insbesondere für jene, die ihr Leben im Kampf lassen. Doch wie „echt“ sind diese Worte? Um dies zu verstehen, müssen wir uns auf eine Reise in die Vergangenheit begeben, zu den Ursprüngen, die Michael Crichton für seinen Roman „Die ihre Toten essen“ (Eaters of the Dead) nutzte.

Der Ursprung in Michael Crichtons Roman

Michael Crichton, bekannt für seine akribische Recherche, vermischte für seinen Roman Elemente aus dem altenglischen Beowulf-Epos mit einem realen Reisebericht aus dem 10. Jahrhundert. Die Hauptfigur des Romans, und später des Films, ist der arabische Reisende Ahmad Ibn Fadlān, der im Film von Antonio Banderas verkörpert wird. Crichtons Genialität lag darin, historische Fragmente so miteinander zu verweben, dass sie eine packende Erzählung bildeten.

Ahmad Ibn Fadlān: Der historische Zeuge

Der echte und historisch verbürgte Ahmad Ibn Fadlān ibn al-‚Abbās ibn Rāschid ibn Hammād war tatsächlich ein arabischer Autor und Gesandter des Kalifen al-Muqtadir. Sein umfassender Reisebericht, verfasst nach 922, ist eine der wichtigsten Quellen über die frühen Rus (die Vorfahren der heutigen Russen), die Chasaren, Wolgabulgaren und andere Völker der von ihm bereisten Regionen. Die Gesandtschaft brach am 21. Juni 921 von Bagdad auf und erreichte den Hof der Wolgabulgaren am 11. Mai 922. Fadlāns Bericht zeichnet ein lebendiges Bild ihrer Lebensgewohnheiten, Kulturen und religiösen Praktiken. Eine Abschrift dieses wertvollen Dokuments ist bis heute erhalten und bietet einzigartige Einblicke in eine weit zurückliegende Zeit.

Die entscheidende Passage aus Ibn Fadlāns Reisebericht

In diesem detaillierten Bericht findet sich eine besonders faszinierende und zugleich schockierende Passage, die die rituelle Tötung einer Sklavin beschreibt. Diese Sklavin hatte sich freiwillig dazu entschieden, ihrem verstorbenen Meister ins Totenreich zu folgen, um ihm dort weiterhin dienen zu können. Diese Praxis war in einigen Kulturen der damaligen Zeit, insbesondere bei den Rus, ein Ausdruck extremer Loyalität und Glauben an ein Leben nach dem Tod.

Die Beschreibung der Zeremonie ist eindringlich: Zur Zeit des Abendgebets am Freitag wurde die Sklavin zu einer Art Türrahmen gebracht. Sie wurde dreimal über diesen Rahmen gehoben, wobei sie jedes Mal eine Aussage machte. Nach dem dritten Mal reichte man ihr eine Henne, deren Kopf sie abschnitt und wegwarf, bevor die Henne selbst auf das Schiff geworfen wurde, das für die Bestattung ihres Meisters vorbereitet war.

Ahmad Ibn Fadlān, neugierig auf die Bedeutung dieser Handlungen, befragte seinen Dolmetscher. Die Antwort ist der Kern des heutigen Wikingergebets:

Der Dolmetscher erklärte: „Als sie sie das erste Mal hochhoben, sagte sie: ‚Siehe, ich sehe meinen Vater und meine Mutter.‘ Das zweite Mal sagte sie: ‚Siehe, ich sehe alle meine tote Verwandtschaft sitzend.‘ Beim dritten Mal sagte sie: ‚Siehe, ich sehe meinen Meister sitzend im Totenreich. Das Totenreich ist schön und grün. Er wird von seinen Männern und seinen männlichen Sklaven begleitet. Er ruft mich, also bringt mich zu ihm.‘“

Anschließend wurde sie zum Schiff gebracht, wo sie zwei Armreifen ablegte und diese der Frau übergab, die als „Engel des Todes“ bezeichnet wurde – der Lohn für ihre tödliche Aufgabe. Diese Frau war es, die die Sklavin schließlich tötete, um sie auf ihrer Reise ins Jenseits zu begleiten.

Vergleich: Das Filmgebet vs. die historische Quelle

Diese Passage aus Ahmad Ibn Fadlāns Bericht ist die unverkennbare Grundlage des heute so bekannten Wikingergebets. Es ist faszinierend zu sehen, wie ein historisches Dokument, das vor über 1100 Jahren verfasst wurde, die Inspiration für ein modernes kulturelles Phänomen lieferte. Hier eine kurze Gegenüberstellung:

AspektWikingergebet (Film „Der 13te Krieger“)Historische Quelle (Ahmad Ibn Fadlān)
SprecherMännliche KriegerWeibliche Sklavin
AnlassFinale Schlacht vor dem TodRituelle Opferung nach dem Tod des Meisters
Erste Zeile„Dort treffe ich dann meinen Vater.“„Siehe, ich sehe meinen Vater und meine Mutter.“
Zweite Zeile„Dort treffe ich meine Mutter, meine Schwestern und meine Brüder.“„Siehe, ich sehe alle meine tote Verwandtschaft sitzend.“
Dritte Zeile„Dort treffe ich dann all jene Menschen meiner Ahnenreihe, von Beginn an.“„Siehe, ich sehe meinen Meister sitzend im Totenreich. Das Totenreich ist schön und grün. Er wird von seinen Männern und seinen männlichen Sklaven begleitet.“
Ruf„Sie rufen bereits nach mir. Sie bitten mich, meinen Platz zwischen ihnen einzunehmen.“„Er ruft mich, also bringt mich zu ihm.“
Ziel„Hinter den Toren von Walhalla, wo die tapferen Männer für alle Ewigkeiten leben.“„Totenreich“ (als schöner, grüner Ort beschrieben)

Obwohl das Filmgebet nicht historisch „korrekt“ ist, im Sinne einer direkten Übernahme, so hat es doch seine tiefen Wurzeln in einer authentischen, wenn auch dramatisch inszenierten, Überlieferung. Es ist ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie alte Geschichten in neuen Kontexten wiederbelebt und neu interpretiert werden können.

Walhall: Das glorreiche Paradies der gefallenen Krieger

Das Wikingergebet mündet in der Vorstellung von Walhall (oder Valhall), dem mythischen Ziel aller tapfer gefallenen Krieger in der nordischen Mythologie. Es ist mehr als nur ein Ort; es ist ein Versprechen, ein ewiges Paradies für jene, die auf dem Schlachtfeld ihr Leben ließen und sich als würdig erwiesen haben. Doch was genau verbirgt sich hinter diesem Namen, der so oft mit nordischen Helden und Göttern in Verbindung gebracht wird?

Einherjer: Odins auserwählte Helden

Nach germanischem Glauben war Walhall eine Art Kriegerparadies. Die Helden, denen der Einlass gewährt wurde, waren nicht zufällig ausgewählt. Sie wurden von Göttervater Odin höchstpersönlich handverlesen. Im Regelfall gelangten nur ausgezeichnete und überaus tapferste Kämpfer und Krieger dorthin, die in der nordischen Mythologie unter dem Namen „Einherjer“ bekannt sind. Diese Auswahl diente nicht nur der Ehrung ruhmreicher Helden, sondern hatte auch einen strategischen Zweck: Die Einherjer sollten Odin und seinem Gefolge in der letzten großen Schlacht, Ragnarök, gegen die gewaltigen Riesen beistehen. Sie waren Odins Elitearmee, die für den Endkampf trainiert und bereitgehalten wurde.

Die Walküren: Botinnen des Schicksals

Das letzte Geleit wurde den Einherjern von den Walküren gegeben, Odins Schlacht- oder Schildjungfern. Diese geheimnisvollen Kriegerjungfrauen, die auf dem Schlachtfeld zu finsteren Todesgeistern wurden, hatten die erhabene und zugleich grausame Aufgabe, die Gefallenen auszuwählen, denen der Einlass in Walhall gewährt werden sollte. Sie ritten über das Schlachtfeld und wählten die Tapfersten unter den im Kampf Getöteten aus. Diejenigen Gefallenen, auf welche die Wahl der Walküren gefallen war, wurden im Anschluss von diesen geisterhaften Jungfrauen nach Walhall geleitet. Sie waren die Brücke zwischen der Welt der Sterblichen und dem Reich der Götter, die das Schicksal der Krieger besiegelten.

Walhall: Die prächtige Halle in Asgard

Die prächtige Halle, die den Einherjern zur letzten Ruhestätte wurde, befand sich in Odins Burg in Asgard, genauer gesagt in der Burg Gladsheim. Gladsheim galt als die größte in Asgard errichtete Burg und diente dem Göttervater selbst als Wohnsitz. Die Vorstellungen des germanischen Götterglaubens beschrieben Walhall als eine überaus prunkvoll gestaltete Halle. Ihr Dach bestand aus auf Speeren ruhenden Schilden, was ihre kriegerische Bestimmung unterstrich und eine imposante Architektur schuf.

Besonderes Augenmerk wurde vor allem auf die über 500 Tore gelegt, die aus der Halle führten. Jedes einzelne von ihnen war so breit, dass achthundert Einherjer in einer Reihe hindurch schreiten konnten. Diese enorme Kapazität war bewusst so konzipiert, damit die auserwählten Krieger bereits beim ersten Anzeichen der Götterdämmerung, Ragnarök, ausrücken könnten, um an der Seite Odins und im Kampf für ihn und sein Gefolge ein zweites und letztes Mal zu fallen. Die Giebelwand von Walhall wurde der Sage nach von einem Hirschgeweih geziert, das die Einherjer an vergangene Jagdfreuden erinnern sollte, die sie zu ihren Lebzeiten erlebt hatten. Über dem westlichen Tor prangten ein Wolf und darüber ein Adler – Symbole der Tiere, die Odin in die Schlacht begleiten sollten.

Was ist das Leben nach dem Tod?
Das Leben nach dem Tod ist die Belohnung für ein gut geführtes Leben, in dem man seinen Platz im Himmel unter dem Gott oder den Göttern des eigenen Glaubenssystems einnimmt. Für die in der Schlacht gefallenen Wikingerkrieger gab es zwei mögliche Ziele – Walhalla und Fólkvangr.

Das tägliche Leben im Kriegerparadies

Im Walhall erwartete die Einherjer ein ewiges Leben voller Kampf und Festlichkeiten. Zuweilen wurden sie dort auch von Odins Söhnen Hermod oder Bragi empfangen und vor den Thron des Göttervaters geführt, der die gefallenen Helden freudig und mit offenen Armen empfing. Die prunkvolle Halle war hauptsächlich Schauplatz von Kampfspielen und üppigen Gelagen. Tagsüber maßen sich die Einherjer konzentriert und voller Kampfeslust im Zweikampf und diversen anderen Kampfspielen. Dies diente nicht nur der Unterhaltung, sondern auch der ständigen Vorbereitung und Gewappnetsein für die letzte große Schlacht an der Seite der Götter auf den Vigrid-Ebenen.

Abends hingegen wurden große Feste und üppige Gelage gefeiert, bei denen die Walküren den Kriegern Walhalls Bier und Met reichten. Eine Besonderheit war der Eber Saehrimnir, der jeden Abend aufs Neue verspeist wurde, nur um am Folgetag wieder lebendig zu werden, erneut geschlachtet, gebraten und verzehrt zu werden. Dies garantierte eine unerschöpfliche Nahrungsquelle. Ihren Met hingegen erhielten die Einherjer von der Ziege Heidrun, die vom Laub eines Baumes frisst, der mitten in der Halle prangte. Aus ihrem Euter floss tagtäglich eine große Menge an Met, mit der alle Einwohner Walhalls verköstigt werden konnten. Es war ein Leben in ständigem Training und unendlichem Genuss, die perfekte Belohnung für einen tapferen Tod.

Die anhaltende Resonanz des Wikingergebets

Das Wikingergebet, wie es heute bekannt ist, ist somit keineswegs ein reines Fantasieprodukt. Es ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie historische Überlieferungen in der modernen Kultur weiterleben und neue Formen annehmen können. Auch wenn die Worte im Film nicht exakt die der historischen Sklavin sind und das Ziel als „Walhalla“ konkretisiert wird, so ist die Essenz – die Verbundenheit mit den Ahnen und die Erwartung eines Wiedersehens im Jenseits – tief in einer 1100 Jahre alten Quelle verwurzelt.

Ich mag nicht darüber streiten, ob die Worte des Wikingergebets nun „richtig“ oder „korrekt“ im streng historischen Sinne sind. Für viele Menschen sind sie wunderschön, ein tiefes Glaubensbekenntnis und ein Zeugnis über die Verbundenheit der Menschen über Generationen hinweg. Sie machen Mut, spenden Trost und können eine tiefe emotionale Reaktion hervorrufen. Sie sind DAS Wikingergebet der heutigen Zeit, ein zeitloses Echo alter Überzeugungen, das auch im 21. Jahrhundert noch eine starke Wirkung entfaltet.

Häufig gestellte Fragen zum Wikingergebet und Walhall

Ist das Wikingergebet aus „Der 13te Krieger“ historisch authentisch?

Das Wikingergebet ist nicht wörtlich historisch authentisch. Es basiert jedoch auf einer Passage aus dem Reisebericht des arabischen Autors Ahmad Ibn Fadlān aus dem 10. Jahrhundert, die die Worte einer Sklavin wiedergibt, die ihrem Meister ins Totenreich folgen wollte. Michael Crichton adaptierte und erweiterte diese Worte für seinen Roman und den Film.

Wer war Ahmad Ibn Fadlān?

Ahmad Ibn Fadlān war ein arabischer Gesandter und Autor, der im 10. Jahrhundert lebte. Sein detaillierter Reisebericht über seine Mission zu den Wolgabulgaren ist eine der wichtigsten historischen Quellen über die Lebensweise, Kultur und Religion der frühen Rus und anderer Völker in Osteuropa.

Was ist Walhall in der nordischen Mythologie?

Walhall (oder Valhall) ist in der nordischen Mythologie das Jenseits der gefallenen Krieger. Es ist eine prächtige Halle in Odins Burg Gladsheim in Asgard, in die nur die tapfersten und ehrenvollsten Kämpfer, die sogenannten Einherjer, nach ihrem Tod auf dem Schlachtfeld aufgenommen werden.

Wer sind die Einherjer und Walküren?

Die Einherjer sind die handverlesenen, tapferen Krieger, die von Odin ausgewählt werden, um nach ihrem Tod in Walhall zu leben und sich dort auf die letzte Schlacht, Ragnarök, vorzubereiten. Die Walküren sind Odins weibliche Begleiterinnen, die über die Schlachtfelder reiten, die würdigen gefallenen Krieger auswählen und sie nach Walhall geleiten.

Wofür dienten die über 500 Tore Walhalls?

Die über 500 Tore von Walhall waren so breit konzipiert, dass achthundert Einherjer gleichzeitig hindurch schreiten konnten. Ihr Zweck war es, den Kriegern ein schnelles Ausrücken zu ermöglichen, sobald das erste Anzeichen von Ragnarök, der Götterdämmerung, eintrat, damit sie an der Seite Odins kämpfen konnten.

Gibt es Walhall wirklich?

Walhall ist ein zentraler Bestandteil der nordischen Mythologie und des Glaubenssystems der Germanen. Es ist kein physischer Ort, der geografisch existiert, sondern ein spirituelles Konzept und ein Jenseits-Paradies, das in den Überlieferungen und Sagen der nordischen Völker beschrieben wird.

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