20/12/2021
Die koptisch-orthodoxe Kirche, eine der ältesten christlichen Glaubensgemeinschaften der Welt, bewahrt einen reichen Schatz an spirituellen Traditionen und liturgischen Praktiken. Im Zentrum dieser ehrwürdigen Gottesdienste steht der Altar, ein Ort heiliger Handlung und tiefer Symbolik. Für viele, die mit den Feinheiten des Koptischen Ritus nicht vertraut sind, mag sich die Frage stellen: Was genau wird vor diesem heiligen Altar gesegnet, und welche Bedeutung haben diese Rituale für die Gläubigen? Dieser Artikel taucht ein in die faszinierende Welt der koptischen Liturgie und beleuchtet die zentralen Segnungen, die das Herzstück des Gottesdienstes bilden.

Der Koptische Ritus: Eine Einführung
Der Koptische Ritus ist die unverwechselbare liturgische Form der orientalisch-orthodoxen Koptischen Kirche und der Koptisch-katholischen Kirche. Er ist neben dem verwandten Äthiopischen Ritus die einzige noch lebendige Variante des Alexandrinischen Ritus. Über Jahrhunderte hinweg hat er sich durch die Aufnahme von Elementen aus dem Antiochenischen Ritus, spezifischen ägyptischen Traditionen und jüngeren liturgiegeschichtlichen Entwicklungen zu einer eigenständigen und tiefgründigen Liturgieform entwickelt. Historisch gesehen waren Griechisch und Koptisch die primären liturgischen Sprachen, später kam Arabisch hinzu, und heute finden sich in der Diaspora auch moderne Fremdsprachen, um den Gläubigen weltweit den Zugang zu ermöglichen.
Die koptische Kirche ist eine Säule des Christentums in Ägypten und darüber hinaus. Mit rund 15 Millionen Mitgliedern in Ägypten – etwa 20% der Gesamtbevölkerung – bilden die Kopten die größte christliche Gemeinschaft in der arabischen Welt. Weitere zwei Millionen Kopten leben in der Diaspora. Das Oberhaupt dieser Kirche ist Papst Tawadros II., der 118. Papst von Alexandrien und Patriarch des Stuhls vom Heiligen Markus, der 2012 inthronisiert wurde.
Der Altar als Zentrum der Heiligen Handlung
Im Koptischen Ritus ist der Altar weit mehr als nur ein Tisch; er ist das Herzstück des Kirchenraums und der Ort, an dem die heiligsten Mysterien vollzogen werden. Er symbolisiert Christus selbst und ist der Ort der Opferung und der Kommunion. Jede Handlung, die sich auf oder um den Altar konzentriert, ist von tiefer Ehrfurcht und spiritueller Bedeutung durchdrungen. Die Vorbereitung des Altars und die darauf folgenden Segnungen sind präzise festgelegte Rituale, die die Heiligkeit der bevorstehenden Feier unterstreichen.
Die ersten Segnungen vor Beginn des Gottesdienstes
Bevor der Priester den eigentlichen Gottesdienst beginnt, vollzieht er eine Reihe vorbereitender Handlungen am Altar. Zunächst breitet er das Kelchtuch (auch Corporal genannt) auf dem Altar aus. Darauf stellt er den Kelch und legt davor auf eine Palla corporale die Patene mit der Hostie. Links und rechts davon werden weitere Korporale platziert. Diese Tücher sind nicht nur praktische Unterlagen, sondern auch Symbole für die Grabtücher Christi und die Reinheit des Altars. Nach dem Ankleiden in seine liturgischen Gewänder tritt der Priester mit den Ministranten in die Kirche und fällt vor der Königstür, die zum Altarraum führt, nieder – ein Zeichen der Demut und Verehrung.
Ein entscheidender Moment folgt, wenn der Priester vor dem Altar steht und sich selbst sowie das Volk mit einem Handkreuz segnet. Dieses Handkreuz ist ein wichtiges liturgisches Gerät, das die Gegenwart und den Segen Christi symbolisiert. Die Segnung des Volkes mit dem Kreuz ist eine Geste des Schutzes und der Gnade, die die Gemeinde auf die bevorstehende Begegnung mit dem Heiligen vorbereitet.
Die Segnung der Opfergaben: Brot und Wein
Ein Höhepunkt der vorbereitenden Rituale ist die feierliche Prozession und die Segnung der Opfergaben. Das Brot, das zur Hostie werden wird, wird sorgfältig in ein Korporale gehüllt, und zusammen mit dem Messwein wird es feierlich um den Altar getragen. Diese Prozession symbolisiert den Einzug Christi in Jerusalem und die Bereitung des eucharistischen Mahles. Nach dieser Prozession werden die Gaben auf dem Altar platziert und formell gesegnet. Diese Segnung ist eine Bitte an Gott, diese einfachen Elemente anzunehmen und sie für den heiligen Zweck der Eucharistie zu weihen. Es ist der erste Schritt ihrer Transformation, noch bevor die große Epiklese erfolgt.
Die Bedeutung dieser Segnung ist immens: Sie markiert den Übergang von gewöhnlichen Substanzen zu dem, was in der Liturgie zu Leib und Blut Christi werden soll. Die Gläubigen werden Zeugen dieser Vorbereitung, die ihre Herzen und Gedanken auf das bevorstehende Mysterium ausrichtet.
Der Verlauf der koptischen Messfeier: Eine tiefere Betrachtung
Die Normalform der koptischen Messfeier ist die Basilius-Liturgie, die ein eucharistisches Hochgebet antiochenischen Typs, die Basilius-Anaphora, verwendet. Es ist wichtig zu beachten, dass diese nicht identisch mit dem gleichnamigen Formular der Byzantinischen Liturgie ist. Alternativ können auch die Anaphora des Gregorios von Nazianz (ebenfalls antiochenischen Typs) und die Kyrillos-Anaphora, die der Markos-Liturgie des Alexandrinischen Ritus entspricht, verwendet werden. Die moderne Form der Kyrillos-Anaphora hat ihre traditionelle alexandrinische Struktur zugunsten einer Angleichung an den antiochenischen Typ aufgegeben.
Nach der Segnung der Opfergaben folgt das Gebet der Danksagung und eine Epiklese, die Bitte um die Wandlung der Gaben durch den Heiligen Geist. Vor der Ikonostase spricht der Priester das Schuldbekenntnis (Confiteor) und das Absolutionsgebet. Die Lesungen, oft auf Arabisch vorgetragen, gefolgt vom Trisagion, leiten zur Verlesung des Evangeliums durch den Priester und den Fürbitten über.
Der Kanon der Messe beginnt mit dem Friedensgebet. Während des „Erhebet die Herzen“ segnet der Priester die Gläubigen mit Kreuz und Korporale. Beim Heilig-Ruf (Sanctus) segnet er zuerst mit dem Korporale und dann mit dem Kreuz, bevor er sich nach Süden wendet und sich selbst segnet. Der Höhepunkt der Opferhandlung ist die Wandlung, das Herrengedächtnis und die Herabrufung des Heiligen Geistes (Epiklese).
Am Ende der Fürbitten (Diptychen) deutet der Priester mit der linken Hand auf die Opfergaben und segnet gleichzeitig die Gläubigen. Es folgen Gebete mit Korporalia, das Gebet des Brotbrechens und die erste Berührung der Hostie mit dem Heiligen Blut (Wein), indem der Priester seinen Finger in den Kelch taucht und damit die Hostie bezeichnet. Anschließend erfolgt das Brotbrechen mit dem Vaterunser, das Gebet der Handauflegung und das Absolutionsgebet. Der Priester erhebt das Mittelstück der Hostie, taucht es leicht ins Heilige Blut und bezeichnet damit die übrigen Teile der Hostie, gefolgt von der Vermischung der Gestalten. Nach einer zweiten Erhebung der Opferspeise folgen ein Kommuniongebet mit Verehrung der Hostie und die Kommunion des Priesters und der Gläubigen. Den Abschluss bilden die Danksagung, das Segensgebet und die Entlassung.

Weitere Sakramentale Feiern und Segnungen
Der Koptische Ritus umfasst eine Vielzahl weiterer sakramentaler Feiern, die das Leben der Gläubigen von der Geburt bis zum Tod begleiten:
Initiationsliturgie (Taufe, Firmung, Erste Eucharistie)
Die koptische Initiationsliturgie ist einzigartig, da sie Taufe, Firmung (Salbung mit Myron) und die erste Eucharistie des Neugetauften in einer einzigen Feier verbindet. Diese Praxis basiert auf den altkirchlichen Gewohnheiten der Erwachsenentaufe, die mit Anpassungen auch auf Kinder angewendet wird.
Die Weihe des Myron
Das „Myron“ ist ein heiliges, mit duftenden Spezereien angereichertes Olivenöl, das bei besonders hochrangigen sakramentalen Handlungen wie der Firmung, der Weihe von Kirchen und Altären oder der Ordination verwendet wird. Seine feierliche Weihe ist ein seltenes und bedeutsames Ereignis, das nur alle paar Jahre oder Jahrzehnte vom Patriarchen und dem ihn umgebenden Episkopat vollzogen wird. Es symbolisiert die Gabe des Heiligen Geistes und die Salbung für den Dienst an Gott.
Ordinationen
Die Weihe von Diakonen, Priestern und Bischöfen im Koptischen Ritus folgt spezifischen und alten Ritualen, die die Sendung und die Autorität des geweihten Klerikers betonen.
Weihe von Kirche, Altar und Ikonen
Kirchen und ihre Altäre sowie heilige Ikonen werden in aufwendigen Zeremonien geweiht, die sie für den Gottesdienst heiligen und ihre besondere Funktion im Glaubensleben unterstreichen.
Sakrament der Ehe und Krankensalbung
Auch das Sakrament der Ehe und die Krankensalbung sind fester Bestandteil des koptischen Ritus, jede mit ihren eigenen spezifischen Gebeten und Handlungen, die Trost, Heilung und Segen spenden.
Klösterliche Feiern und Tagzeitengebete
Das Mönchtum spielt eine zentrale Rolle in der koptischen Kirche. Die Aufnahme in das Mönchtum erfolgt in zwei Schritten: Zunächst die Tonsur und Bekleidung mit einem vorläufigen Mönchsgewand, gefolgt von der feierlichen Einkleidung mit dem „heiligen Schema“, dem kennzeichnenden Gewand eines Mönchs oder einer Nonne.
Der koptische Begräbnisritus ist ebenfalls eine tief spirituelle Feier, die den Verstorbenen ehrt und Trost für die Trauernden spendet.
Die Tagzeitengebete der Kopten, auch als kanonische Stunden bekannt, vereinen die abendliche und morgendliche Weihrauchdarbringung (Abend- und Morgenlob) mit weiteren Gebetszeiten, die im Horologion und der Psalmodia verzeichnet sind. Die vollständige Liste umfasst das Morgengebet, Terz, Sext, Non, Vesper, Komplet (manchmal eine zweite Komplet in Klöstern) und das Mitternachtsgebet. Diese regelmäßigen Gebete strukturieren den Tag der Gläubigen und Mönche und halten sie in ständiger Verbindung mit Gott.
Feste und Festzeiten
Das Kirchenjahr der Kopten ist reich an Festen und Festzeiten. Besonders hervorzuheben sind die Karwoche und Ostern, die mit intensiven liturgischen Feiern und Prozessionen begangen werden, die das Leiden, den Tod und die Auferstehung Christi nachvollziehen und feiern.
Häufig gestellte Fragen zum Koptischen Ritus
- Was ist der Koptische Ritus?
- Der Koptische Ritus ist die einzigartige Form des Gottesdienstes der Koptisch-Orthodoxen Kirche und der Koptisch-Katholischen Kirche, die Elemente des Alexandrinischen und Antiochenischen Ritus sowie ägyptische Eigengüter vereint.
- Was wird primär vor dem Altar gesegnet?
- Vor dem Altar werden insbesondere der Priester selbst und das Volk mit einem Handkreuz gesegnet. Anschließend werden Brot und Wein als Opfergaben feierlich um den Altar getragen und gesegnet, bevor sie zur Eucharistie vorbereitet werden.
- Was ist die Basilius-Liturgie?
- Die Basilius-Liturgie ist die Normalform der koptischen Messfeier, die ein spezifisches eucharistisches Hochgebet (die Basilius-Anaphora) antiochenischen Typs verwendet.
- Welche Rolle spielt das Myron im Koptischen Ritus?
- Das Myron ist ein heiliges, duftendes Öl, das bei wichtigen Sakramenten wie der Firmung, Kirchenweihen und Ordinationen verwendet wird. Es wird nur selten und feierlich vom Patriarchen geweiht.
- Wie viele Kopten gibt es weltweit?
- In Ägypten leben etwa 15 Millionen Kopten, die größte christliche Gemeinschaft in der arabischen Welt. Weltweit gibt es zusätzlich rund zwei Millionen Kopten in der Diaspora.
- Wer ist das Oberhaupt der Koptischen Kirche?
- Das Oberhaupt der Koptisch-Orthodoxen Kirche ist Papst Tawadros II., der 118. Papst von Alexandrien und Patriarch des Stuhls vom Heiligen Markus.
Der Koptische Ritus ist eine lebendige Tradition, die durch ihre tiefe Symbolik, ihre historischen Wurzeln und die Hingabe ihrer Gläubigen besticht. Die Segnungen vor dem Altar sind nicht nur formale Handlungen, sondern Ausdruck eines tiefen Glaubens und der Vorbereitung auf die heiligsten Mysterien, die im Herzen des koptischen Gottesdienstes liegen.
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