Wie funktioniert eine multireligiöse Begegnung?

Multireligiöses Gebet: Wege des Miteinanders

02/03/2026

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Die Frage nach dem gemeinsamen Gebet von Menschen unterschiedlicher Glaubensrichtungen ist in unserer pluralistischen Gesellschaft aktueller denn je. Sie berührt tief persönliche Überzeugungen und doch auch das gemeinsame Streben nach Frieden und Verständnis. Was bedeutet es, wenn Gläubige verschiedener Religionen zusammenkommen, um zu beten? Und welche Haltung nehmen theologische Traditionen, insbesondere die katholische Kirche, dazu ein? Dieser Artikel beleuchtet die vielschichtigen Facetten des multireligiösen Gebets, seine historischen Wurzeln, theologische Grundlagen und praktische Umsetzbarkeit.

Was ist multireligiöses Gebet?
Multireligiöses Gebet dagegen, also „zusammen sein, um zu beten“, wie Johannes Paul II. anlässlich des Gebetstreffens von Assisi 1986 formuliert hatte, sei in besonderen Fällen erlaubt. Ein Jahr nach dieser römischen Verlautbarung erschien am 24.
Inhaltsverzeichnis

Was ist Multireligiöses Gebet? Eine Abgrenzung

Um das Konzept des multireligiösen Gebets zu verstehen, ist es entscheidend, es von verwandten Begriffen abzugrenzen. Oft werden die Begriffe "multireligiös" und "interreligiös" synonym verwendet, doch sie weisen feine, aber wichtige Unterschiede auf, die insbesondere in der theologischen und pastoralen Praxis relevant sind.

Multireligiöses Gebet: Nebeneinander im Respekt

Das multireligiöse Gebet beschreibt eine Situation, in der Menschen unterschiedlicher Religionen nebeneinander beten. Jede Tradition behält dabei ihre eigene Ausdrucksform, ihre Gebetsinhalte und ihre Riten bei. Es geht nicht darum, gemeinsame Gebetstexte zu formulieren oder theologische Inhalte zu vermischen. Vielmehr wird ein Raum geschaffen, in dem die verschiedenen Stimmen der Gläubigen für einander hörbar werden können, ohne dass eine Vereinnahmung stattfindet. Ein hervorragendes Beispiel hierfür sind die seit 1989 regelmäßig in Witten veranstalteten "Gebete der Religionen für den Frieden". Dort kommen Vertreter verschiedener Glaubensgemeinschaften – Christen, Muslime, Juden, Bahá’í, Buddhisten, Hindus, Sikhs und Sufis – zusammen. Sie gestalten die Gebete gemeinsam, indem sie ihre je eigenen Beiträge einbringen, die klar ihrer jeweiligen Religionsgemeinschaft zugeordnet werden können. Vermischungen werden dabei bewusst vermieden, um die Authentizität und das Profil jeder einzelnen Religion zu wahren. Ein weiteres Beispiel sind die multireligiösen Trauerfeiern nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001, bei denen verschiedene Glaubensgemeinschaften nacheinander Gebete und Gedenkworte sprachen.

Interreligiöses Gebet: Gemeinsam im Dialog

Das interreligiöse Gebet geht einen Schritt weiter. Hier bemühen sich die Beteiligten um ein gemeinsames Programm, das auf inhaltlichen Übereinstimmungen basiert. Ziel ist es, das Verbindende der verschiedenen religiösen Standpunkte zu suchen, um zu gemeinsamen Handlungen, Gebeten, Lesungen oder Liedern zu gelangen. Dies erfordert eine sorgfältige Vorbereitung und einen tiefen Dialog, um Texte und Rituale zu finden, die für alle Beteiligten tragbar sind, ohne die spezifischen Glaubensinhalte zu verwässern oder zu verletzen. Die Herausforderung besteht darin, Synkretismus – die unangemessene Vermischung verschiedener Glaubensinhalte – zu vermeiden. Ein Beispiel hierfür sind "interreligiöse Schulgottesdienste", bei denen die Feier als Ganzes von Vertretern verschiedener Religionsgemeinschaften, etwa aus Christentum und Islam, gemeinsam vorbereitet und durchgeführt wird. Hier werden Gebete, Texte und Lieder eingebracht, die den spirituellen Gepflogenheiten möglichst vieler Menschen unterschiedlicher religiöser Prägungen entsprechen sollen.

Diese Unterscheidung ist nicht nur theoretischer Natur, sondern hat weitreichende praktische Implikationen für die Gestaltung von Feiern und das Verständnis des Gebets in einer pluralen Gesellschaft.

Die Haltung der Katholischen Kirche: Ein Paradigmenwechsel?

Die Haltung der katholischen Kirche zum interreligiösen Gebet hat sich im Laufe der Geschichte und insbesondere in jüngster Zeit erheblich weiterentwickelt. Lange Zeit wurde interreligiöses Gebet eher gemieden oder sogar explizit davor gewarnt, wie es noch im Dokument "Dialog in Wahrheit und Liebe: Pastorale Orientierungen für den interreligiösen Dialog" aus dem Jahr 2014 zum Ausdruck kam. Multireligiöses Gebet, also das "Zusammensein, um zu beten", wie es Johannes Paul II. anlässlich des Gebetstreffens von Assisi 1986 formulierte, war hingegen in besonderen Fällen erlaubt.

Historische Wurzeln des Dialogs

Ein Blick in die Geschichte offenbart, dass die Idee des gemeinsamen Glaubens an einen Gott im christlich-muslimischen Dialog nicht gänzlich neu ist. Bereits Papst Gregor VII. sagte im Jahre 1067 dem Herrscher an-Nāṣir, dass Muslime und Christen "an den einen Gott glauben, wenn auch nicht auf dieselbe Weise". Diese Aussage wurde später vom Zweiten Vatikanischen Konzil (Nostra Aetate 3, Fußnote 5) und auch von Benedikt XVI. in seiner Rede in Ankara 2006 aufgegriffen. Das Zweite Vatikanische Konzil betonte in Lumen Gentium 16 zudem, dass der Heilswille Gottes auch die Muslime umfasst, "die sich zum Glauben Abrahams bekennen und mit uns den einen Gott anbeten, den barmherzigen, der die Menschen am Jüngsten Tag richten wird." Nostra Aetate 3 ergänzt, dass die Kirche die Muslime mit Hochachtung betrachtet, "die den alleinigen Gott anbeten, den lebendigen und in sich seienden, barmherzigen und allmächtigen, den Schöpfer Himmels und der Erde, der zu den Menschen gesprochen hat."

Laudato Si: Ein Meilenstein für das interreligiöse Gebet

Ein entscheidender Wendepunkt in der katholischen Haltung markiert die Enzyklika Laudato Si von Papst Franziskus, die am 24. Mai 2015 veröffentlicht wurde. Diese Enzyklika birgt mehrere Überraschungen im Hinblick auf den interreligiösen Dialog und das Gebet. So zitiert der Papst in Anmerkung 159 erstmalig einen islamischen Mystiker, den Sufi Ali Al-Khawwas, und dessen tiefgründige Worte über die Geheimnisse in der Schöpfung. Noch bedeutsamer ist jedoch, dass die Enzyklika mit zwei Gebeten schließt, von denen eines explizit als interreligiöses Gebet konzipiert ist: das "Gebet für unsere Erde". Dieses Gebet endet mit der Bitte um die Entdeckung des Wertes aller Dinge, die Verbundenheit mit allen Geschöpfen und den Kampf für Gerechtigkeit, Liebe und Frieden. Die Verwendung des Wortes "Kampf" wurde sogar von einer muslimischen Studentin im Iran als "Dschihad" im Sinne der Anstrengung für Gottes Wohlgefallen und das Wohlergehen der Mitmenschen interpretiert, was die Gebetsgemeinschaft vertiefte.

Seit der Veröffentlichung von Laudato Si kann somit gesagt werden, dass interreligiöses Gebet eine katholische Möglichkeit ist. Dies wurde auch durch Papst Franziskus' Einladung zu einem interreligiösen Gebet in Anwesenheit von Juden und Muslimen während seines Besuchs in Sarajewo am 6. Juni 2015 unterstrichen.

Bedingungen für interreligiöses Gebet nach Felix Körner

Der Islamwissenschaftler und Jesuit Felix Körner fasst die Bedingungen zusammen, unter denen interreligiöses Gebet zwischen Juden, Christen und Muslimen möglich ist:

  • Der Gebetstext muss offen dafür sein, von den unterschiedlichen Teilnehmern je nach ihrer religiösen Tradition unterschiedlich verstanden zu werden.
  • Der Eindruck der Vereinnahmung einer Seite durch die andere muss vermieden werden.
  • Die Situation muss den Mut erfordern, Hindernisse zu überwinden und zusammenzustehen, um weitere Zerwürfnisse und Hass zu überwinden.

Diese Kriterien unterstreichen die Notwendigkeit von Sensibilität, Respekt und einem tiefen Verständnis für die religiösen Überzeugungen der jeweils anderen.

Formen des Zusammenkommens: Von Gastfreundschaft bis zum gemeinsamen Ruf

Religiöse Feiern und Gebetstreffen können verschiedene Formen annehmen, die sich in ihrer Offenheit und Verbindlichkeit unterscheiden. Die EKD (Evangelische Kirche in Deutschland) hat in ihrer Orientierungshilfe "Mit Anderen feiern – Gemeinsam Gottes Nähe suchen" eine Typologisierung vorgenommen, die hilfreich ist, um die Vielfalt der Phänomene zu strukturieren.

Liturgische Gastfreundschaft

Dieses Modell beschreibt eine Situation, in der eine Religionsgemeinschaft Gastgeber ist und andere eingeladen werden, an ihrer Feier teilzunehmen. Das Profil des Gottesdienstes oder der Feier bleibt dabei klar der gastgebenden Tradition zugeordnet. Gäste werden berücksichtigt und beteiligt, aber die Grundstruktur der Liturgie bleibt erhalten. Ein Beispiel ist der evangelische Schulgottesdienst in einer katholischen Kirche, bei dem muslimische Schüler und Eltern teilnehmen können. Es wird darauf geachtet, dass die christlichen Zeichen und Symbole, wie Kreuze, nicht verhängt werden, da die Gäste diese als Teil der Gastfreundschaft akzeptieren. Hier zeigt sich menschliche Verbundenheit, aber auch das Markieren von Differenzen.

Multireligiöse Feiern

Wie bereits erwähnt, kommen bei multireligiösen Feiern Menschen verschiedener Religionen nebeneinander zu Wort, ohne gemeinsame Gebete zu sprechen. Unterschiedliche Texte, Lieder oder Gebete werden nebeneinander und hintereinander gestellt. Dies ermöglicht eine profilierte Äußerung der jeweiligen Glaubensgemeinschaft, auch in liturgischer Kleidung, ohne dass andere vereinnahmt werden oder das eigene Proprium aufgegeben wird. Grundlegende Elemente wie der Segen können ihren Platz finden. Ziel ist es, die Profile der beteiligten Religionsgemeinschaften auszudrücken und Synkretismus entgegenzuwirken. Die "Gebete der Religionen für den Frieden" in Witten sind ein Paradebeispiel für diese Form.

Interreligiöse Feiern

Hier wird ein gemeinsames Programm gesucht, bei dem das Verbindende der verschiedenen religiösen Standpunkte im Vordergrund steht, um zu gemeinsamen Handlungen wie Gebeten, Lesungen und Liedern zu gelangen. Die Herausforderung besteht darin, eine Vermischung religiöser Vorstellungen zu vermeiden, die zu Unklarheiten oder Verletzungen führen könnte. Solche Feiern sind oft besonders stark motiviert durch aktuelle Aufgaben, Herausforderungen oder Notsituationen, die ein gemeinsames liturgisches Handeln erfordern, wie etwa bei Katastrophen oder der Suche nach Frieden.

Religiöse Feiern für alle

Dieses Modell richtet sich über konfessionelle und religiöse Grenzen hinaus explizit auch an Nicht-Glaubende oder Menschen ohne explizite konfessionelle Bindung. Es geht darum, in gemeinsamen Lebenssituationen – wie Übergängen oder Krisen – nach Glück, Hoffnung, Normen des Zusammenlebens oder der Verantwortung zu fragen. Beispiele sind "Feiern der Lebenswende" im Erfurter Dom, die als christliche Alternative zur Jugendweihe angeboten werden. Solche Feiern bieten spirituelle Angebote und Liturgien, die grundlegende menschliche Fragen nach dem Ganzen des Lebens, nach Zufall, Schuld und Tod aufgreifen. Sie sind besonders relevant in Regionen, wo ein geringer Anteil der Bevölkerung einer Religionsgemeinschaft angehört.

Was sind interreligiöse Impulse?
– Hoffnung und Ewigkeit als interreligiöses Thema In der neuen Artikelreihe „Interreligiöse Impulse“ geht es darum, 1. die interreligiösen Bedürfnisse der Kinder ernst zu nehmen, 2. die Auseinandersetzung mit interreligiöser Bildung und Erziehung durch konkrete Anregungen zu unterstützen und sie 3. um praktische Erlebnisse zu bereichern.
Vergleich: Multireligiöses vs. Interreligiöses Gebet
MerkmalMultireligiöses GebetInterreligiöses Gebet
ZielNebeneinander beten, gegenseitiger RespektGemeinsam beten, Suche nach Verbindendem
GebetstexteJede Religion nutzt eigene TexteGemeinsam formulierte oder ausgewählte Texte
ProfilKlare Abgrenzung der TraditionenFokus auf gemeinsame Inhalte und Werte
RisikoKein Risiko der VermischungGefahr des Synkretismus, Verwirrung
BeispieleWitten Friedensgebete, 9/11 Trauerfeiern"Gebet für unsere Erde" (Laudato Si), interreligiöse Schulgottesdienste

Theologische Perspektiven: Der eine Gott und die Vielfalt der Wege

Die Frage nach der Gültigkeit und Heilsbedeutung verschiedener Religionen ist zentral, wenn Menschen unterschiedlicher Glaubenszugehörigkeit einander begegnen. Die theologische Diskussion hat hier drei Hauptpositionen herausgebildet: exklusive, inklusive und plurale Sichtweisen.

Exklusivismus: Der einzige Weg

Diese Position vertritt, dass nur die eigene Religion den wahren Zugang zu Gott und zum Heil besitzt. Andere Religionen werden grundsätzlich als nicht heilsrelevant oder sogar als irreführend angesehen. Historisch wurde diese Sichtweise oft von einem Absolutheitsanspruch begleitet, der, wie die Kreuzzüge im Christentum oder fundamentalistische Anschläge im Islam zeigen, viel Leid verursacht hat.

Inklusivismus: Heil auch außerhalb der sichtbaren Grenzen

Der Inklusivismus erkennt an, dass auch in anderen Religionen wahre Gotteserkenntnis und Heilsmöglichkeiten bestehen können, auch wenn die Fülle der Wahrheit in der eigenen Religion gesehen wird. Das Zweite Vatikanische Konzil, inspiriert von Theologen wie Karl Rahner (mit dem Konzept der "anonymen Christen"), nimmt eine inklusive Haltung ein. Es heißt, dass die katholische Kirche "nichts von dem, was in diesen Religionen heilig ist, verwirft", auch wenn die Wahrheit und Heilsbedeutung der Offenbarung Gottes unmissverständlich an Christus und die Kirche gebunden ist. Diese Sichtweise lässt die Möglichkeit offen, dass Gott auch Menschen außerhalb der eigenen sichtbaren Gemeinschaft zum Heil führen kann.

Pluralismus: Gleichwertigkeit der Offenbarungen

Pluralistische Religionstheorien gehen prinzipiell von einer Gleichwertigkeit verschiedener religiöser Offenbarungen aus. Sie betrachten Wahrheit als eine vielgestaltige oder individualisierte Größe und betonen die Toleranz und die Wahrnehmung religiöser Vielfalt. Alle Religionen nehmen demnach an einer "universalen Offenbarung" teil. Während diese Sichtweise ethisch sehr wertvoll ist, birgt sie die Gefahr, die spezifischen Wahrheitsansprüche und einzigartigen Aspekte der einzelnen Religionen zu nivellieren.

Biblisches Zeugnis und Synthese

Das biblische Zeugnis zeigt verschiedene Aspekte dieser Sichtweisen. Es gibt einen christologischen Exklusivismus (z.B. Joh 14,6: "Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich"), der die Einzigartigkeit Jesu als Offenbarer betont. Zugleich findet sich ein soteriologischer Inklusivismus, der die umfassende Heilsabsicht Gottes für alle Menschen hervorhebt (z.B. Röm 5,18: "Durch die Gerechtigkeit des einen kommt für alle Menschen die Rechtfertigung, die Leben gibt"). Darüber hinaus gibt es Hinweise auf eine "natürliche" Gotteserkenntnis auch außerhalb der Heilsgemeinschaft Israels, wie etwa bei Melchisedek oder dem Hauptmann von Kapernaum. Paulus spricht in der Areopagrede (Apg 17,27) davon, dass Gott allen Menschen nahe ist und dass wir in ihm leben, weben und sind.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass aus christlicher Sicht die Wahrnehmung einer politischen Weltverantwortung der Religionen für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung zu begrüßen ist (pluralistische Dimension). Zugleich muss im interreligiösen Dialog das exklusive christologische bzw. trinitarische Bekenntnis festgehalten und mit einer inklusiven Soteriologie verbunden werden. Dies bedeutet, dass man an die Einzigartigkeit des eigenen Glaubens glaubt, aber die Möglichkeit des Heils für andere nicht ausschließt.

Praktische Aspekte des Gebets: Herausforderungen und Möglichkeiten

Die Gestaltung multireligiöser und interreligiöser Feiern birgt praktische Herausforderungen, insbesondere im Hinblick auf das Verständnis von Gott und die Formen des Gebets.

Das Gottesbild: Derselbe, aber anders verstanden

Die Aussage, dass die abrahamischen Religionen denselben einen Gott anbeten, ist theologisch komplex. Obwohl der Glaube an einen einzigen Gott eine Gemeinsamkeit darstellt, unterscheiden sich die Gottesbilder im Detail erheblich. Für Christen ist das Gottesbild untrennbar mit der Geschichte Jesu und der Dreieinigkeit verbunden (Vater, Sohn und Heiliger Geist). Diese christlichen Gotteserfahrungen werden jedoch von Juden und Muslimen oft als Verletzung der Einzigkeit Gottes empfunden. Wenn Christen beten, beten sie zum dreieinen Gott, auch wenn sie generische Begriffe wie "Gott" oder "Allmächtiger" verwenden. Muslime wiederum lehnen die Konzepte der Sohnschaft Gottes oder der Dreieinigkeit als Shirk (Beigesellung) ab. Es ist entscheidend, diese Unterschiede zu kennen und zu respektieren, um Missverständnisse und Verletzungen zu vermeiden.

Ausschluss von Sakramenten

Aufgrund ihres performativen, d.h. Wirklichkeit verändernden Charakters, sind die Sakramente (wie Taufe, Abendmahl/Eucharistie, Beichte) in multi- und interreligiösen Feiern ausgeschlossen. Sie sind spezifische Mittel des Heils (media salutis) und eng an die jeweilige kirchliche Tradition gebunden.

Gebetsformen und ihre Eignung

Das Gebet ist die anspruchsvollste Form des Miteinanders in interreligiösen Kontexten, da es eine gemeinsame Gottes- und Welterfahrung voraussetzt. Es ist ein direktes Reden zu Gott. Dennoch gibt es Formen, die sich besser eignen als andere:

  1. Gemeinsame Stille: Dies ist die zugänglichste Form. Im schweigenden inneren Hören auf Gott können sich Menschen unterschiedlicher Glaubensrichtungen am ehesten verbinden, auch wenn sie Gott unterschiedlich verstehen.
  2. Annäherung an Gott im Modus des Fragens.
  3. Die Klage vor Gott angesichts einer bedrängenden Situation.
  4. Die gemeinsame Bitte in einer aktuellen gemeinsamen Situation.
  5. Die Fürbitte für Andere.
  6. Das Dank erfüllte Loben und Preisen Gottes aufgrund seiner Taten in Geschichte und Gegenwart.
  7. Multireligiöses Bekennen: Hierbei werden Gemeinsamkeiten wie auch Trennendes in der Perspektive der Hoffnung zur Sprache gebracht, nicht nur der Abgrenzung.

Je mehr das Gebet hörendes Schweigen ist, desto eher eignet es sich für interreligiöse Feiern. Je stärker es sich dem Bekenntnis nähert und konkrete geschichtliche Erinnerungen (Anamnese) oder das Kommen Gottes im Geist Jesu (Epiklese) betrifft, desto stärker trägt es Bekenntnischarakter und markiert Unterschiede. Die Übergänge zwischen multireligiösem und interreligiösem Beten sind fließend, was eine genaue Abstimmung der Inhalte erfordert.

Gebetsformen im muslimischen Kontext

Im Islam gibt es drei Hauptformen des Gebets:

  • Das täglich fünfmalige Pflichtgebet (Salàt): Dies ist eine exklusiv muslimische Gebetsform.
  • Das meditative Gottgedenken (Dhikr): Oft mit einer Perlenschnur vollzogen, bietet es Anknüpfungspunkte für gemeinsame Gebetserfahrungen auch bei unterschiedlichen Gottesvorstellungen.
  • Das frei formulierte Gebet (Du’a): Muslime halten es oft für wünschenswert, mit Angehörigen anderer Religionen Fürbitte für Frieden, Kranke, Notleidende oder Verstorbene zu halten. Diese freie Gebetsform kann auch in der Muttersprache gesprochen werden und ist gut für interreligiöse Zusammenkünfte geeignet.

Dies bedeutet, dass Muslime die ersten fünf der oben genannten christlichen Gebetsformen mitbeten können, vorausgesetzt, Gemeinsamkeiten und Differenzen sind klar und es wird Wertschätzung ohne polemische Abgrenzung ausgedrückt.

Häufig gestellte Fragen (FAQs)

Was ist der Hauptunterschied zwischen multireligiösem und interreligiösem Gebet?
Multireligiöses Gebet bedeutet, dass Menschen verschiedener Religionen nebeneinander beten, wobei jede Tradition ihre eigenen Gebetsformen beibehält. Interreligiöses Gebet hingegen sucht nach gemeinsamen Inhalten und Formen, um gemeinsam zu beten.
Warum hat die Enzyklika Laudato Si die Haltung der katholischen Kirche verändert?
Laudato Si von Papst Franziskus enthält ein explizit als interreligiös konzipiertes "Gebet für unsere Erde" und zitiert einen islamischen Mystiker. Dies signalisiert eine Öffnung und macht interreligiöses Gebet zu einer offiziellen Möglichkeit innerhalb der katholischen Kirche.
Dürfen Sakramente bei multireligiösen Feiern gefeiert werden?
Nein, Sakramente sind aufgrund ihres spezifischen, wirkmächtigen und traditionsgebundenen Charakters von multi- und interreligiösen Feiern ausgeschlossen.
Können Christen und Muslime zum selben Gott beten?
Historisch und theologisch glauben Christen und Muslime an einen einzigen Gott. Die Art und Weise, wie dieser Gott verstanden wird (z.B. Dreieinigkeit im Christentum), unterscheidet sich jedoch. Trotzdem ist ein gemeinsames Gebet, insbesondere in Formen wie der Fürbitte oder der Stille, möglich, wenn die Unterschiede respektiert werden.
Welche Gebetsform eignet sich am besten für interreligiöse Treffen?
Die gemeinsame Stille oder das innere Hören auf Gott ist die am besten geeignete Form, da sie Raum für unterschiedliche Gottesvorstellungen lässt, ohne Bekenntnisse zu vermischen. Auch freie Gebete der Klage, Bitte oder Fürbitte können gut gemeinsam gesprochen werden.

Fazit

Das multireligiöse und interreligiöse Gebet sind vielschichtige Phänomene, die in unserer globalisierten Welt an Bedeutung gewinnen. Die theologische Diskussion hat gezeigt, dass es wichtig ist, zwischen den verschiedenen Formen des Zusammenkommens zu unterscheiden, um Respekt und Authentizität zu wahren. Die jüngste Entwicklung in der katholischen Kirche, insbesondere durch Papst Franziskus' Enzyklika Laudato Si, markiert einen bedeutenden Schritt hin zu einer offeneren Haltung gegenüber dem interreligiösen Gebet. Trotz der theologischen Herausforderungen, insbesondere im Hinblick auf unterschiedliche Gottesbilder und die Exklusivität bestimmter Rituale, bieten gemeinsame Gebete und Feiern eine wertvolle Möglichkeit, Brücken zu bauen, Vorurteile abzubauen und das gemeinsame Streben nach Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung zu stärken. Es ist ein Weg, der Sensibilität, Dialog und gegenseitiges Verständnis erfordert, aber auch die Chance birgt, eine tiefere menschliche Verbundenheit jenseits religiöser Grenzen zu erfahren.

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