16/01/2022
Die Gleichnisse Jesu üben seit jeher eine immense Faszination aus. Ihre Bilder, oft dem alltäglichen Leben entnommen, sind voller Schönheit und Kraft. Ihre Botschaft erscheint auf den ersten Blick schlicht und einleuchtend, doch bei genauerer Betrachtung erweisen sie sich als beunruhigend tief und geheimnisvoll zugleich. Mit gewöhnlichen Worten beschreiben sie etwas ganz Einzigartiges: das Hereinbrechen der Wirklichkeit Gottes in unser Leben. Doch wie entschlüsselt man diese „poetischen Diamanten“ der Bibel richtig?
- Verständnis der Gleichnisse: Eine historische Herausforderung
- Die Funktion der Gleichnisse Jesu: Mehr als nur Geschichten
- Formen gleichnishafter Rede: Eine Typologie
- Das Reich Gottes: Der Kern der Gleichnisse
- Beispielanalysen: Tieferes Verständnis durch konkrete Gleichnisse
- Sich selbst im Gleichnis finden: Die persönliche Relevanz
- Erzählgesetze der Parabel (nach Rudolf Bultmann)
- Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Verständnis der Gleichnisse: Eine historische Herausforderung
Die Frage nach der korrekten Auslegung der Gleichnisse Jesu ist komplexer, als es zunächst scheint. Tatsächlich wurden sie in der Geschichte des Christentums wesentlich öfter falsch als richtig verstanden. Der Hauptgrund hierfür liegt in der sogenannten „allegorischen Auslegung“.

Was ist eine Allegorie?
Eine Allegorie ist eine Erzählung, bei der jedes Element der Bildebene eine feste Entsprechung auf der Sachebene hat. Der Kirchenvater Augustinus ist ein bekanntes Beispiel für diese Art der Deutung. Er interpretierte das Gleichnis vom barmherzigen Samariter allegorisch auf die Heilsgeschichte:
- Der Mann, der von Jerusalem auszieht: Adam, der das Paradies verlässt.
- Die Räuber: Der Teufel und seine Engel.
- Halbtot liegenbleiben: Körperlich lebendig, aber geistlich tot.
- Priester und Levit: Der Alte Bund, der nicht erretten kann.
- Der Samariter: Jesus.
- Die Herberge: Die Gemeinde.
- Das Reittier: Das Fleisch der Menschwerdung Christi.
- Die zwei Denare: Das jetzige und das kommende Leben.
Obwohl es verlockend sein mag, nach einem tieferen, verborgenen Sinn zu suchen, da Jesus selbst das Evangelium mit Gleichnissen in verschlüsselter Form verkündete (Matthäus 13,10-17), birgt die allegorische Auslegung Gefahren. Sie übersieht einen entscheidenden Aspekt: Gleichnisse haben nicht nur einen Inhalt, sondern auch eine Funktion. Sie sind keine gelehrten Abhandlungen, sondern Gesprächsbeiträge.
Adolf Jülicher und die Pointe der Gleichnisse
Am Ende des 19. Jahrhunderts kritisierte Adolf Jülicher die allegorische Auslegung scharf. Er betonte, dass Gleichnisse auf einen einzigen Zielgedanken, eine Pointe, hin entworfen sind. Spätere Ausleger sind offener dafür, dass es auch zwei oder drei wichtige Vergleichspunkte geben kann. Entscheidend ist jedoch, dass diese Vergleichspunkte im Leben der Hörer liegen. Jesus wollte seine Zuhörer mit seinen Worten erreichen, sie aufschrecken, verblüffen und zum Nachdenken anregen, anstatt sie mit abstrakten Wahrheiten zu konfrontieren.
Die Funktion der Gleichnisse Jesu: Mehr als nur Geschichten
Jesus erzählte Gleichnisse, um bei seinen Zuhörern etwas zu bewirken: sie aufzurütteln, zu verblüffen, ein Aha-Erlebnis auszulösen oder auf eine falsche Denkweise oder Haltung aufmerksam zu machen. Die Zuhörer sollten die Gleichnisse nicht mit irgendwelchen abstrakten Wahrheiten in Verbindung bringen, sondern mit ihrem eigenen Leben. Ein Beispiel hierfür sind die Gleichnisse vom Heil für die Armen.
Gleichnisse vom Heil für die Armen und das gleichnishafte Handeln Jesu
Jesus wandte sich in besonderer Weise den Armen und Verachteten seiner Zeit zu. Dies war nicht nur eine Kritik an den gesellschaftlichen Regeln, sondern hatte auch eine tiefere, gleichnishafte Bedeutung im Blick auf das Evangelium. Jesus erzählte also nicht nur Gleichnisse, sondern handelte auch gleichnishaft. Vor Gott sind wir alle arm und verloren. Was zählt, ist nicht unsere eigene Gerechtigkeit, sondern die Erkenntnis, dass wir nichts dazu beitragen können, um zu Gott zu kommen. Wir kommen mit leeren Händen zu ihm und dürfen uns seiner Gnade anvertrauen.
In vielen Gleichnissen spielen Verachtete und Verlorene eine besondere Rolle. Das Gleichnis vom Verlorenen Sohn (Lukas 15,11-32) ist hierfür ein Paradebeispiel. Auffällig ist, dass in diesen Gleichnissen oft nicht nur eine arme oder verlorene Person vorkommt, sondern auch eine gegenüberstehende Person oder Gruppe. Das Gleichnis vom Verlorenen Sohn ist eigentlich ein Gleichnis von zwei Söhnen. Ebenso handelt das Gleichnis vom verlorenen Schaf von zwei Parteien: dem Sünder und den 99 Gerechten (Lukas 15,4-6).

Überraschenderweise richten sich diese Gleichnisse oft nicht an die Armen und Verlorenen, sondern an die Schriftgelehrten und Pharisäer – die frommen und angesehenen Menschen ihrer Zeit. Jesus spricht also mit den Pharisäern über seine Zuwendung zu den Armen. Aus dieser besonderen Gesprächssituation ergeben sich für die Gleichnisse dementsprechend jeweils drei Vergleichspunkte bzw. Aussagekreise:
- Bezüglich der „Verlorenen“: Sie stehen beispielhaft dafür, wie man auf das Angebot der Rettung in angemessener Weise antwortet. Sie wissen, dass sie nichts zu geben haben, bitten um Vergebung und vertrauen sich ganz der Gnade Gottes an.
- Bezüglich der „Frommen“: Jesus führt ihnen ihre Selbstgerechtigkeit und fromme Heuchelei vor Augen. Er warnt sie davor, dass sie am Ende schlechter dastehen könnten als diejenigen, auf die sie herabblicken. Er lädt sie ein, sich für die „Armen“ mitzufreuen und darüber die Freude am eigenen Heil wieder neu zu entdecken.
- Bezüglich der Liebe Gottes: Die Gleichnisse zeigen, wie groß die Liebe Gottes ist. Er geht jedem Einzelnen nach und nimmt die, die zu ihm umkehren, in Liebe an.
Diese drei Perspektiven sind auch in unseren heutigen Kontexten von Bedeutung. Die vollständige Durchdringung eines Gleichnisses gelingt, wenn man das Verhältnis zwischen allen drei Gesichtspunkten geklärt hat.
Formen gleichnishafter Rede: Eine Typologie
Um die Gleichnisse Jesu besser zu verstehen, ist es hilfreich, ihre unterschiedlichen Formen zu kennen. Obwohl es in der Forschung unterschiedliche Ansichten über die genaue Kategorisierung gibt, lassen sich traditionell folgende Hauptformen unterscheiden:
Gleichnis im engeren Sinn
Ein Gleichnis im engeren Sinn ist ein zu einer Erzählung ausgeführter Vergleich, oft dramatisch gestaltet. Es argumentiert mit dem Gewöhnlichen, der allgemein zugänglichen Erfahrung, daher häufig die Frageform: „Wer von euch wird nicht …?“ Die Erzählzeit ist meist die Gegenwart, um das stets Gültige heranzuziehen. Beispiele sind das Senfkorn (Matthäus 13,31-32) oder der Sauerteig (Matthäus 13,33).
Parabel
Die Parabel ist eine erfundene, spannende Einzelgeschichte, die oft als kleines Drama inszeniert wird und Dialoge oder Monologe enthält. Sie argumentiert mit dem Außergewöhnlichen und zieht die Hörer hinein, um sie zu einem Urteil zu bewegen. Die Erzählzeit ist die Vergangenheit, da es sich um einen einmaligen, ungewöhnlichen Fall handelt. Bekannte Parabeln sind der Verlorene Sohn (Lukas 15,11-32) oder die Arbeiter im Weinberg (Matthäus 20,1-16).
Beispielerzählung und Kleinformen
Die Beispielerzählung funktioniert erzählerisch wie die Parabel, erfordert aber keine Übertragung vom Bild auf die Sachebene; das Verhalten wird direkt an einem beispielhaften Fall beschrieben (z.B. der barmherzige Samariter, Lukas 10,30-37). Daneben gibt es „Kleinformen“ bildhafter Rede:
- Vergleich: Zwei analoge Phänomene werden zueinander in Beziehung gesetzt (z.B. Matthäus 10,16).
- Metapher: Baut auf der Spannung zwischen zwei Satzgliedern auf (z.B. Markus 8,15: „Sauerteig der Pharisäer“).
- Bildwort: Ein weisheitlicher Satz, der sich auf Alltagserfahrung beruft, ohne erzählerische Entfaltung (z.B. Markus 2,22).
- Erweiterte Metapher: Eine Metapher, die um weitere Elemente ergänzt ist (z.B. Matthäus 7,3-5).
Vergleich: Gleichnis im engeren Sinn vs. Parabel
| Merkmal | Gleichnis im engeren Sinn | Parabel |
|---|---|---|
| Natur des Geschehens | Alltäglich, gewöhnlich | Erfunden, ungewöhnlich, spannend |
| Argumentation | Mit allgemein zugänglicher Erfahrung | Mit dem Außergewöhnlichen |
| Erzählzeit | Meist Gegenwart (stets Gültiges) | Vergangenheit (einmaliger Fall) |
| Dramatische Gestaltung | Ansatzweise, oft Frageform | Kleines Drama, Dialoge/Monologe |
| Beispiel | Senfkorn, Sauerteig | Verlorener Sohn, Arbeiter im Weinberg |
Das Reich Gottes: Der Kern der Gleichnisse
Um die Gleichnisse Jesu zu verstehen, ist es unerlässlich, sich mit dem Kern seiner Botschaft vertraut zu machen: der „Königsherrschaft Gottes“ oder dem „Reich der Himmel“. Zur Zeit Jesu erwarteten viele Juden einen großen geschichtlichen Umbruch: das Ende des „Zeitalters dieser Welt“ voller Ungerechtigkeit und Leid. Am „Tag des Herrn“ würde Gott mit Macht erscheinen und seine Herrschaft aufrichten – ein neues Zeitalter der Gerechtigkeit, des Wohlergehens und Friedens. Dieses auf das kommende Ende ausgerichtete Denken bezeichnet man als eschatologisch.
Jesus aber verkündet, dass das „Reich Gottes“ in seiner Person nahe herbeigekommen ist. Anders als erwartet, setzt sich die weltweite Herrschaft Gottes nicht sofort und umfassend durch, sondern beginnt im Kleinen. Das Ende ist noch nicht gekommen, sondern der „Anfang vom Ende“. Jesu Nachfolger leben gewissermaßen zwischen den Zeiten, zwischen dem „schon jetzt“ und dem „noch nicht“, als ein eschatologisches Gottesvolk.

Verschiedene Aspekte des Reiches Gottes in Gleichnissen
Die verschiedenen Aspekte der Predigt Jesu über das Reich Gottes kommen auch in seinen Gleichnissen zum Ausdruck:
- Kleine Anfänge und großes Wachstum: Gleichnisse wie das vom Senfkorn (Matthäus 13,31-32), vom Sauerteig (Matthäus 13,33) und von der selbstwachsenden Saat (Markus 4,26-29) ermutigen Jesu Jünger, die kleinen Anfänge des Reiches Gottes nicht geringzuachten, sondern darauf zu vertrauen, dass Gott Großes aus ihnen bewirkt.
- Gericht und die Dringlichkeit der Entscheidung: Viele Gleichnisse handeln erschreckend oft vom Gericht. Das Alte Testament kündigt den „Tag des Herrn“ nicht nur als Tag der Errettung, sondern auch als Tag des Gerichts an. An Jesus Christus entscheiden sich Leben und Tod, Errettung und Verlorensein. Das Gleichnis vom Feigenbaum (Lukas 13,6-9) zeigt, dass Gott noch wartet, aber die Frist begrenzt ist. Es gibt ein „Zu spät“. Wer ganz und gar im Hier und Jetzt lebt, ist nicht vorbereitet, wenn das Reich Gottes anbricht (z.B. der reiche Kornbauer, Lukas 12,16-21).
- Die Freude der Entdeckung: Die Gleichnisse vom Schatz im Acker (Matthäus 13,44) und von der kostbaren Perle (Matthäus 13,45-46) sollten nicht als Appell zur Hingabe gepredigt werden. Es geht vielmehr um den Grund für die Hingabe: die Freude und Begeisterung über die Entdeckung eines großen Schatzes, die einen Menschen ganz und gar erfasst. So ist es, wenn ein Mensch zu Gott findet und das Reich der Himmel in seinem Inneren Wurzeln schlägt.
Beispielanalysen: Tieferes Verständnis durch konkrete Gleichnisse
Das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lukas 15,11-32)
Dieses berühmte Gleichnis, das zum Sondergut des Lukas gehört, erzählt eine spannende Geschichte, in der sich Ungewöhnliches ereignet: Der jüngere Sohn fordert sein Erbe, verschwendet es, kehrt zurück und wird vom Vater unerwartet angenommen, was zum Konflikt mit dem älteren Sohn führt. Die Gattung ist eindeutig eine Parabel, geprägt von Monologen und Dialogen, die die Handlung vorantreiben.
Auslegung: Die Erzählung macht nicht deutlich, dass der Fortgang des jüngeren Sohnes an sich ein Fehler ist. Der Vater teilt das Vermögen ohne Kritik auf. Die „Sünde“ des Sohnes bezieht sich auf die Verschwendung des Vermögens. Sein Entschluss zur Rückkehr wird nicht durch Reue, sondern durch materielle Not begründet: Er will essen haben. Der Vater aber nimmt ihn als Sohn an, noch ehe dieser seinen vorbereiteten Spruch beenden kann. Er läuft ihm entgegen, fällt ihm um den Hals und küsst ihn. Der Vater nimmt also nicht den reuig zurückkehrenden, sondern den verlorenen Sohn an, dem er bedingungslos begegnet.
Der Protest des älteren Sohnes, der immer treu gedient hat und nie ein solches Fest bekam, ist zentral. Der Vater entgegnet, dass der ältere Sohn immer bei ihm war und alles, was er hat, ihm gehört. Doch der jüngere Bruder war „tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist gefunden worden.“ Diese außergewöhnliche Situation rechtfertigt die außergewöhnliche Freude. Die Pointe ist, dass Gott Sünder bedingungslos annimmt und dies zur Freude führen soll, auch bei denen, die sich um Gerechtigkeit bemühen.
Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Matthäus 20,1-16)
Auch dieses Gleichnis ist eine Parabel. Es erzählt von einem Weinbergbesitzer, der zu verschiedenen Tageszeiten Arbeiter anwirbt, aber am Ende allen den gleichen Lohn zahlt – einen Denar, den üblichen Tageslohn. Dies führt zum Protest derjenigen, die den ganzen Tag gearbeitet haben.
Auslegung: Das Gleichnis spielt in der palästinensischen Arbeitswelt, kritisiert aber nicht das System der Lohnarbeit. Die ungewöhnliche Lohnverteilung dient dazu, einen Konflikt herbeizuführen. Der Weinbergbesitzer handelt nicht ungerecht gegenüber den ersten Arbeitern, da sie den vereinbarten Lohn erhalten haben. Seine Güte gegenüber den Letzten ist kein Unrecht gegenüber den Ersten. Die Pointe auf der Sachebene ist, dass Gottes Güte gegenüber Sündern, die er vorbehaltlos annimmt, nicht die Gerechtigkeit denen gegenüber aufhebt, die sich um die Einhaltung der Tora bemühen. Es ist ein Werben um Verständnis für Gottes Güte, die niemanden um seinen „gerechten Lohn“ bringt.

Das Gleichnis vom Sämann (Markus 4,3-9)
Dieses Gleichnis beschreibt das unterschiedliche Geschick des Saatgutes auf vier verschiedenen Böden: Weg, felsiger Boden, Dornen und guter Boden. Dreimal wird der Misserfolg festgestellt, was den Kontrast zum Erfolg auf dem guten Boden stark hervorhebt. Es handelt sich um ein Gleichnis im engeren Sinn, da es alltägliche Vorgänge aus der Landwirtschaft beschreibt.
Auslegung: Die Pointe auf der Bildebene ist, dass bei der Aussaat zwar manches Saatgut verloren geht, sie aber dennoch schließlich zum Erfolg führt, weil ein Teil auf guten Boden fällt und Frucht bringt. Auf der Sachebene lässt sich das Gleichnis in die Reich-Gottes-Botschaft Jesu einordnen. Trotz der bescheidenen Realität des angebrochenen Reiches Gottes ist seine Vollendung verbürgt – ähnlich wie die Aussaat trotz Bedrohungen zum Erfolg führt. Die spätere Deutung des Gleichnisses (Markus 4,13-20) ist sekundär; sie allegorisiert das Saatgut als das Wort Gottes und die Böden als die verschiedenen Hörer. Dies diente in der Urkirche der Ermutigung der Missionare und der Ermahnung der Gläubigen, stand aber nicht im ursprünglichen Fokus Jesu.
Sich selbst im Gleichnis finden: Die persönliche Relevanz
Die Gleichnisse Jesu fordern uns auf, unseren eigenen Platz in der Geschichte zu finden. Wo fühle ich mich getroffen? Oft führt der Aha-Effekt, das Überraschungsmoment, schon auf die richtige Spur. Die Auslegung eines Gleichnisses ist erst dann zu Ende, wenn ich es mit meinem Leben ausgelegt habe – wenn die Königsherrschaft Gottes in meinem Leben ein Stück mehr Wirklichkeit geworden ist. Die Gleichnisse sind schöpferische Sprachhandlungen, die eine bewusste Rede in Bildern darstellen. Sie bringen Altbekanntes und Neues auf kommunikative Weise zusammen und schaffen etwas Schwebendes über das Gesagte hinaus, das den Hörer zum Nachdenken und zur persönlichen Auseinandersetzung einlädt.
Erzählgesetze der Parabel (nach Rudolf Bultmann)
Rudolf Bultmann hat wichtige Erzählgesetze für Parabeln identifiziert, die zu ihrem lebendigen und prägnanten Charakter beitragen:
- Knappheit der Erzählung: Es treten nur Personen auf, die für die angestrebte Aussage notwendig sind. Das Personeninventar ist in den Hauptrollen prinzipiell auf zwei bis drei begrenzt. Empfindungen und Handlungsmotivierungen werden nur geschildert, wenn sie für die Pointe wichtig sind.
- Direkte Rede und Selbstgespräch: Diese Mittel machen die Erzählung lebendiger und treiben die Handlung voran, wie im Gleichnis vom ungerechten Verwalter (Lukas 16,1-8).
- Das Gesetz der Wiederholung: Wörtliche Wiederholungen oder sich wiederholende Verhaltensweisen verstärken die Aussage (z.B. Lukas 15,18f.21 im Gleichnis vom verlorenen Sohn).
- Die Dreizahl: Dieses volkstümliche Erzählgesetz findet sich häufig, etwa bei den drei Männern im Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lukas 10,30-33) oder den drei Dienern in Matthäus 25,15.
- Das Gesetz des „Achtergewichts“: Das am Ende einer Geschichte Erzählte wird betont, das Wichtigste zuletzt erzählt. So wird im Gleichnis von den Talenten der falsch handelnde Knecht erst als Dritter vor den Herrn geführt, um die Rüge zu verstärken.
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Was ist ein Gleichnis?
Ein Gleichnis ist eine kurze, fiktive Erzählung, die eine bekannte Alltagssituation oder einen Naturvorgang verwendet, um eine tiefere spirituelle oder ethische Wahrheit zu vermitteln. Es funktioniert durch einen Vergleich zwischen der erzählten Geschichte (Bildebene) und der gemeinten Botschaft (Sachebene).
Was ist eine Allegorie?
Eine Allegorie ist eine erweiterte Metapher, bei der die Elemente der Bildebene eine feste, eins-zu-eins-Entsprechung auf der Sachebene haben. Im Gegensatz zu Gleichnissen, die oft eine oder wenige Hauptaussagen haben, versuchen Allegorien, fast jedes Detail der Geschichte zu deuten.

Warum erzählte Jesus Gleichnisse?
Jesus erzählte Gleichnisse, um komplexe Wahrheiten über das Reich Gottes zugänglich zu machen und seine Zuhörer zum Nachdenken und zur Selbstreflexion anzuregen. Sie sollten nicht nur informieren, sondern auch eine Reaktion hervorrufen und die Botschaft mit dem eigenen Leben der Hörer verbinden.
Wie viele Gleichnisse gibt es in der Bibel?
In den Evangelien sind über 40 Gleichnisse Jesu überliefert. Die genaue Zahl variiert je nach Definition, da einige Texte als Gleichnis im engeren Sinn, Parabel, Beispielerzählung oder Bildwort klassifiziert werden können.
Was ist das „Reich Gottes“ in Jesu Gleichnissen?
Das „Reich Gottes“ (oder „Reich der Himmel“) ist das zentrale Thema der Predigt Jesu. In den Gleichnissen wird es als eine bereits angebrochene, aber noch nicht vollendete Realität dargestellt. Es wächst aus kleinen Anfängen, erfordert Entscheidung und führt zu Freude und Gericht.
Wie versteht man Gleichnisse richtig?
Das richtige Verständnis von Gleichnissen erfordert, sich auf die Hauptaussage(n) oder die Pointe zu konzentrieren, anstatt jedes Detail allegorisch zu deuten. Es geht darum, die Geschichte in ihrem ursprünglichen Kontext zu verstehen und ihre Botschaft auf das eigene Leben anzuwenden, um eine persönliche „Aha-Erfahrung“ zu ermöglichen.
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