Wann wurde das erste Evangelium erzählt?

Das Matthäusevangelium: Ursprung und Botschaft

02/10/2025

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Das Matthäusevangelium nimmt im Kanon des Neuen Testaments eine herausragende Stellung ein. Es ist nicht nur das erste Evangelium, das in den biblischen Schriften platziert ist, sondern auch das umfangreichste der synoptischen Evangelien. Seine Erzählung beginnt mit der Genealogie Jesu und endet mit dem Missionsbefehl an die Jünger, der die Ausbreitung des christlichen Glaubens in die ganze Welt einleitet. Doch hinter seiner vertrauten Präsenz verbirgt sich eine faszinierende Geschichte seiner Entstehung, insbesondere hinsichtlich der Frage nach seinem Verfasser.

Was sind die vier Evangelien?
Obwohl die vier Evangelien einzelne Elemente haben, überschneiden sie sich teilweise miteinander und repräsentieren ein gemeinsames Verständnis von Jesus und seiner Mission. Zusammen bilden sie ein umfassendes Bild des Lebens Jesu sowie seines Todes und seiner Auferstehung.
Inhaltsverzeichnis

Wer war der wahre Verfasser des Matthäusevangeliums?

Die traditionelle Zuschreibung des ersten Evangeliums an den Apostel Matthäus, einen ehemaligen Zöllner und Jünger Jesu, hat sich über Jahrhunderte gehalten. Diese Zuschreibung findet sich bereits in den Schriften früher Kirchenväter wie Papias von Hierapolis im 2. Jahrhundert. Papias behauptete, Matthäus habe die Logia (Worte) des Herrn auf Hebräisch gesammelt, und jeder habe sie so gut wie möglich übersetzt. Allerdings ist die heutige wissenschaftliche Forschung in dieser Frage zu differenzierteren Erkenntnissen gelangt.

Basierend auf textinternen Analysen und Vergleichen mit anderen Evangelien, insbesondere dem Markusevangelium, gehen die meisten Theologen und Bibelforscher heute davon aus, dass das Matthäusevangelium von einem anonymen Judenchristen verfasst wurde. Dieser Autor war offensichtlich sehr gebildet, kannte die hebräischen Schriften (das Alte Testament) hervorragend und war fähig, in griechischer Sprache zu schreiben. Es wird angenommen, dass er ein tiefes Verständnis für die jüdische Tradition und Theologie besaß und gleichzeitig die Botschaft Jesu für seine spezifische Zielgruppe aufbereiten wollte. Die spätere Benennung des Apostels Matthäus als Verfasser war vermutlich eine ehrende Zuschreibung, die die apostolische Autorität des Werkes unterstreichen sollte, oder eine Verwechslung mit einer tatsächlichen Sammlung von Jesus-Worten, die Matthäus eventuell angelegt hatte.

Entstehungszeit und -kontext

Die Entstehung des Matthäusevangeliums wird von den meisten Forschern in den Zeitraum zwischen 75 und 90 n. Chr. datiert. Dieser Zeitraum ist entscheidend, da er die Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahr 70 n. Chr. durch die Römer einschließt. Diese Katastrophe hatte tiefgreifende Auswirkungen auf das Judentum und das frühe Christentum. Das Matthäusevangelium spiegelt diese Zeit des Umbruchs wider, indem es die Auseinandersetzung zwischen der entstehenden Kirche und dem rabbinischen Judentum thematisiert.

Der genaue Ort der Abfassung ist unbekannt, aber viele Gelehrte vermuten eine syrische Stadt wie Antiochia als wahrscheinlichen Entstehungsort. Antiochia war ein wichtiges Zentrum des frühen Christentums mit einer bedeutenden judenchristlichen Gemeinde und gleichzeitig eine Metropole, in der griechische Sprache und Kultur vorherrschten. Das Evangelium wurde in griechischer Sprache verfasst, was seine Verbreitung in der hellenistisch geprägten Welt ermöglichte.

Die Quellen des Matthäusevangeliums

Das Matthäusevangelium ist nicht aus dem Nichts entstanden, sondern greift auf frühere Überlieferungen zurück. Seine Hauptquelle ist das ältere Markusevangelium. Der Autor des Matthäusevangeliums hat den Erzählrahmen und viele Episoden aus Markus übernommen, sie aber oft erweitert, gekürzt oder theologisch neu interpretiert. Dies ist ein klares Indiz für die Priorität des Markusevangeliums.

Neben Markus wird angenommen, dass Matthäus auch eine hypothetische Sammlung von Jesus-Worten, die sogenannte 'Q'-Quelle (von 'Quelle'), verwendet hat, die er mit Lukas gemeinsam hat. Diese Quelle enthält hauptsächlich Reden und Lehren Jesu, aber keine oder kaum Erzählungen über seine Taten. Darüber hinaus enthält Matthäus Material, das nur in seinem Evangelium vorkommt, oft als 'M'-Quelle bezeichnet. Dazu gehören beispielsweise die Weihnachtsgeschichte aus der Perspektive Josefs, das Bergpredigt-Kapitel in seiner ausführlichen Form, die Gleichnisse vom Unkraut unter dem Weizen und vom Schatz im Acker, oder die Auferstehungsgeschichte mit der Bestechung der Wachen.

An wen richtete sich das Evangelium?

Die Adressaten des Matthäusevangeliums waren in erster Linie judenchristliche Gemeinden. Dies wird deutlich durch die zahlreichen Bezüge zum Alten Testament, die Betonung der Erfüllung alttestamentlicher Prophezeiungen durch Jesus und die Auseinandersetzung mit jüdischen Gesetzen und Traditionen. Der Autor nimmt an, dass seine Leser mit den jüdischen Schriften und Bräuchen vertraut sind. Er erklärt sie nicht, sondern setzt ihr Wissen voraus.

Für diese Gemeinden war es wichtig zu verstehen, wie Jesus, der Messias, in die Geschichte Israels passte und wie sein Kommen die Gültigkeit des Gesetzes und der Propheten bestätigte und nicht aufhob. Matthäus zeigt, dass das Christentum keine Abkehr vom Judentum ist, sondern dessen wahre Vollendung. Gleichzeitig bereitet das Evangelium die Leser auf die Mission unter den Heiden vor, indem es am Ende den universalen Missionsbefehl Jesu betont, alle Völker zu Jüngern zu machen.

Die zentrale Botschaft: Jesus als der im Alten Testament verheißene Messias

Die theologische Hauptbotschaft des Matthäusevangeliums ist die Darstellung Jesu von Nazaret als der im Alten Testament verheißene Messias. Matthäus ist bestrebt, Jesus als den rechtmäßigen König Israels und den 'Sohn Davids' zu präsentieren, der gekommen ist, um die alttestamentlichen Weissagungen und Verheißungen zu erfüllen. Dies tut er, indem er:

  • Genealogie: Er beginnt mit einer Abstammungslinie, die Jesus direkt mit David und Abraham verbindet.
  • Erfüllungszitate: Immer wieder fügt er Formulierungen ein wie „Dies geschah, damit erfüllt werde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat...“ (z.B. Mt 1,22; 2,15; 2,17; 2,23; 4,14; 8,17; 12,17; 13,35; 21,4; 27,9).
  • Königreich der Himmel: Matthäus spricht konsequent vom „Königreich der Himmel“ (anstatt „Königreich Gottes“ wie Markus und Lukas), was eine Reverenz vor dem jüdischen Brauch ist, den Namen Gottes nicht direkt auszusprechen. Das Königreich ist das zentrale Thema der Lehre Jesu.
  • Jesus als neuer Mose: Jesus wird oft als der neue Mose dargestellt, der eine neue, höhere Lehre (z.B. in der Bergpredigt) verkündet und das Gesetz nicht aufhebt, sondern erfüllt und vertieft.

Stil und theologische Schwerpunkte

Das Matthäusevangelium zeichnet sich durch seine strukturierte und didaktische Herangehensweise aus. Es ist bekannt für seine fünf großen Redeblöcke Jesu (z.B. die Bergpredigt, die Aussendungsrede, die Gleichnisrede, die Gemeindeordnung, die Endzeitrede), die durch narrative Abschnitte unterbrochen werden. Diese Struktur verleiht dem Evangelium eine lehrbuchartige Qualität, die es ideal für den Unterricht und die Katechese machte.

Neben der Messianität Jesu sind weitere theologische Schwerpunkte:

  • Die Bedeutung des Gesetzes: Matthäus betont, dass Jesus gekommen ist, um das Gesetz und die Propheten zu erfüllen, nicht um sie aufzuheben (Mt 5,17). Die Bergpredigt ist ein Schlüsseltext, der die Bedeutung einer tieferen Gerechtigkeit lehrt, die über die bloße Einhaltung der Vorschriften hinausgeht.
  • Gerechtigkeit: Das Konzept der Gerechtigkeit (dikaiosyne) spielt eine zentrale Rolle. Es geht nicht nur um die Einhaltung von Geboten, sondern um eine innere Haltung und ein Leben, das Gott gefällt.
  • Ekklesiologie (Lehre von der Kirche): Matthäus ist das einzige Evangelium, das das Wort „Kirche“ (ekklesia) verwendet (Mt 16,18; 18,17). Es gibt Anweisungen zur Gemeindeleitung, zur Disziplin und zur Vergebung, was die Rolle der Gemeinschaft der Gläubigen hervorhebt.
  • Eschatologie (Lehre von den letzten Dingen): Das Evangelium enthält wichtige endzeitliche Reden und Gleichnisse, die die Wiederkunft Jesu, das Gericht und die Notwendigkeit der Wachsamkeit betonen.

Vergleich mit dem Markusevangelium

Da das Markusevangelium die Hauptquelle für Matthäus war, ist ein Vergleich aufschlussreich, um die spezifischen Anliegen des Matthäus zu erkennen:

MerkmalMarkusevangeliumMatthäusevangelium
LängeKürzer und prägnanterUmfangreicher, ca. 600 zusätzliche Verse
StilSchnelllebig, oft mit „sofort“Strukturierter, didaktischer, ausführlicher
Porträt JesuDer leidende Gottessohn, Betonung der TatenDer Messias, Lehrer, König, Erfüller der Prophezeiungen; Betonung der Lehren
Theologische AusrichtungBetonung des Geheimnisses Jesu, des MessiasgeheimnissesBetonung der Messianität Jesu im Kontext der jüdischen Tradition, neue Gerechtigkeit
AdressatenWahrscheinlich römische Christen, Fokus auf HeidenmissionJudenchristen, Fokus auf die Erfüllung alttestamentlicher Prophezeiungen
Alttestamentliche ZitateRelativ wenige, oft indirektSehr viele, oft als „Erfüllungszitate“

Matthäus hat Markus nicht einfach kopiert, sondern ihn als Gerüst genutzt, um seine eigene theologische Botschaft zu entwickeln und zu vertiefen, insbesondere in Bezug auf die Rolle Jesu als Messias für Israel und die Welt.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Ist das Matthäusevangelium wirklich vom Apostel Matthäus verfasst worden?

Die moderne Bibelforschung geht davon aus, dass das Evangelium von einem anonymen Judenchristen verfasst wurde, der auf das ältere Markusevangelium und eine Sammlung von Jesus-Worten (Q-Quelle) zurückgriff. Die traditionelle Zuschreibung an den Apostel Matthäus erfolgte erst später.

Warum ist das Matthäusevangelium das erste Buch im Neuen Testament?

Es wurde im Kanon des Neuen Testaments als erstes Evangelium platziert, da es als eine Art Brücke zwischen dem Alten und dem Neuen Testament fungiert. Es betont die Erfüllung alttestamentlicher Prophezeiungen durch Jesus und seine Lehre und beginnt mit der Genealogie Jesu, die ihn mit Abraham und David verbindet. Es war auch das meistgelesene und am häufigsten zitierte Evangelium in der frühen Kirche.

Was ist die Hauptbotschaft des Matthäusevangeliums?

Die Hauptbotschaft ist, dass Jesus von Nazaret der lang erwartete Messias Israels ist, der die Verheißungen des Alten Testaments erfüllt. Er ist der König, der Lehrer und der Erlöser, dessen Botschaft vom Königreich der Himmel nun allen Völkern verkündet werden soll.

Welche Rolle spielen die jüdischen Gesetze in Matthäus?

Matthäus betont, dass Jesus gekommen ist, um das Gesetz nicht aufzuheben, sondern zu erfüllen und zu vertiefen. Er fordert eine tiefere Gerechtigkeit, die über die äußere Einhaltung der Gebote hinausgeht und die innere Haltung des Herzens betrifft. Das Evangelium zeigt, wie die Nachfolger Jesu die Lehren des Alten Testaments im Licht der neuen Offenbarung Jesu leben sollen.

Warum wird Jesus im Matthäusevangelium oft als „Sohn Davids“ bezeichnet?

Die Bezeichnung „Sohn Davids“ unterstreicht Jesu königliche Abstammung und seine messianische Identität. Sie verbindet ihn direkt mit der davidischen Dynastie, aus der laut alttestamentlicher Prophezeiung der Messias hervorgehen sollte. Matthäus verwendet diesen Titel häufig, um seine judenchristlichen Leser davon zu überzeugen, dass Jesus der rechtmäßige Erbe des davidischen Throns und somit der verheißene Messias ist.

Das Matthäusevangelium bleibt ein fundamentaler Text für das Verständnis des frühen Christentums und der Person Jesu. Seine sorgfältige Struktur, seine theologische Tiefe und seine Betonung der Erfüllung der Prophezeiungen machen es zu einem unverzichtbaren Werk für jeden, der die Wurzeln des christlichen Glaubens erforschen möchte. Es bezeugt nicht nur das Leben und die Lehre Jesu, sondern auch die Art und Weise, wie die erste Generation der Gläubigen ihn verstand und seine Botschaft in ihrer eigenen Zeit lebte.

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