Wie viele orthodoxe Juden gibt es in Deutschland?

Haredim vs. Ultraorthodox: Ein tiefer Einblick

09/05/2021

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In der heutigen Welt der vielfältigen religiösen Strömungen begegnen uns oft Begriffe, deren genaue Bedeutung und die dahinterstehenden Nuancen nicht immer sofort ersichtlich sind. Ein solches Begriffspaar, das häufig Verwirrung stiftet, sind „Haredim“ und „ultraorthodoxe Juden“. Während sie von Außenstehenden oft synonym verwendet werden, gibt es für die betreffende Gemeinschaft selbst einen signifikanten Unterschied in der Wahrnehmung und Selbstbezeichnung. Die Ablehnung des Begriffs „ultraorthodox“ durch die Haredim ist nicht nur eine Frage der Semantik, sondern spiegelt ein tief verwurzeltes Selbstverständnis und eine einzigartige Beziehung zu ihrer Tradition und ihrem Glauben wider. Dieser Artikel beleuchtet die Ursprünge, die Bedeutung und die Lebensweise dieser faszinierenden Gemeinschaft, um ein klareres Bild zu zeichnen und die Gründe für ihre bevorzugte Bezeichnung zu erläutern.

Wie viele orthodoxe Juden gibt es in Deutschland?
Damit wurde das jüdische Leben in Deutschland fast komplett vernichtet. Seit 1990 erhöhte sich die Zahl der in Deutschland in Gemeinden organisierten Jüdinnen und Juden auf über 90.000 - in der Mehrheit orthodoxe Juden. Vor allem aus Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion wanderten die Menschen nach Deutschland ein.
Inhaltsverzeichnis

Die Herkunft der Begriffe: Außen- vs. Innenperspektive

Der Begriff „ultraorthodox“ ist eine externe Bezeichnung, die hauptsächlich von Medien, Wissenschaftlern und der breiteren Öffentlichkeit verwendet wird, um jene jüdischen Gruppen zu beschreiben, die sich durch eine besonders strenge Einhaltung der jüdischen Gesetze (Halacha) und eine bewusste Abgrenzung von der säkularen Moderne auszeichnen. Er suggeriert oft ein Extrem oder eine Steigerung der „Orthodoxie“, was von den Betroffenen selbst als irreführend oder sogar abwertend empfunden werden kann. Aus ihrer Sicht sind sie nicht „ultra“ oder „extrem“, sondern sie leben einfach das Judentum in seiner authentischsten und unkompromisslosesten Form, so wie es über Generationen hinweg überliefert wurde.

Die von dieser Gemeinschaft bevorzugte Selbstbezeichnung ist „Haredim“ (hebräisch: חֲרֵדִים). Dieser Begriff leitet sich vom hebräischen Wort „hared“ ab, was „zittern“ oder „erschauern“ bedeutet. Er findet sich unter anderem im Buch Jesaja (66,5): „Hört das Wort des Herrn, die ihr erzittert (Haredim) vor seinem Wort.“ Für die Haredim ist diese Bezeichnung eine tief spirituelle und ehrfürchtige Beschreibung ihrer Haltung gegenüber Gott und Seinem Wort, der Tora. Sie drückt eine tiefe Ehrfurcht, eine Ernsthaftigkeit in der Befolgung der Gebote und eine Furcht vor dem Scheitern bei der Erfüllung göttlicher Willen aus. Es ist ein Ausdruck der Demut und der absoluten Hingabe, nicht der Extremismus. Die Betonung liegt auf der inneren Haltung des „Erzitterns“ vor Gottes Majestät und Seinen Geboten.

Historischer Kontext: Die Geburt einer Bewegung im 19. Jahrhundert

Die Wurzeln des haredischen Judentums reichen zurück ins 19. Jahrhundert, eine Zeit tiefgreifender Umbrüche für die jüdische Welt. Die Aufklärung (Haskala) und die damit einhergehende Emanzipation führten zu einer Öffnung der jüdischen Gemeinden gegenüber der säkularen Gesellschaft und ihren Ideen. Viele Juden begannen, sich zu assimilieren, reformierten ihre religiösen Praktiken oder verließen die Tradition ganz. Als Reaktion auf diese Entwicklungen entstand innerhalb des orthodoxen Judentums eine Bewegung, die sich bewusst gegen die Modernisierung und Assimilation stellte.

Führende Rabbiner dieser Zeit, wie der Chasam Sofer (Rabbi Moses Sofer) in Ungarn oder Rabbiner Samson Raphael Hirsch in Deutschland, vertraten die Ansicht, dass die Bewahrung der Halacha und der traditionellen Lebensweise von größter Bedeutung sei. Während Rabbiner Hirsch eine „Torah im Landweg“ propagierte, die eine Synthese von traditionellem Judentum und moderner Bildung anstrebte, lehnten andere die säkulare Bildung und die westliche Kultur weitgehend ab, um die Reinheit der Tradition zu bewahren. Diese Strömung, die sich später als haredisches Judentum konsolidierte, sah die einzige Möglichkeit zur Bewahrung des Judentums in der strikten Abgrenzung und der Konzentration auf das Studium der Tora und die Einhaltung der Mitzwot (Gebote). Die Gründung spezialisierter Bildungseinrichtungen, der Jeschiwot, wurde zu einem zentralen Pfeiler dieser Bewegung, um eine Generation von Gelehrten und Frommen heranzuziehen, die sich der Tora verschrieben hatten.

Glaube und Werte: Das Fundament der haredischen Lebensweise

Das haredische Judentum basiert auf einer Reihe von Kernüberzeugungen und Werten, die ihre gesamte Lebensweise prägen:

  • Unbedingte Tora-Autorität: Die Tora, sowohl die schriftliche als auch die mündliche, wird als das direkte Wort Gottes betrachtet, das ewig und unveränderlich ist. Ihre Einhaltung ist der höchste Wert.
  • Studiengewichtung: Das Studium der Tora ist nicht nur eine religiöse Pflicht, sondern der zentrale Lebensinhalt, insbesondere für Männer. Jeschiwot sind die wichtigsten Institutionen, in denen Tausende von Stunden dem Studium gewidmet werden.
  • Halachische Präzision: Die strikte Einhaltung der Halacha (jüdisches Gesetz) in allen Lebensbereichen – von der Ernährung (Kaschrut) über die Gebete bis hin zu zwischenmenschlichen Beziehungen – ist von größter Bedeutung.
  • Tradition als Leitfaden: Die Tradition wird als ununterbrochene Kette der Überlieferung von Generation zu Generation hochgehalten. Innovationen oder Abweichungen werden kritisch betrachtet.
  • Gemeinschaft und Familie: Die Gemeinschaft (Kehilla) spielt eine zentrale Rolle. Sie bietet Unterstützung, soziale Kontrolle und ein Umfeld, das die Einhaltung der Gesetze erleichtert. Die Familie mit vielen Kindern wird als göttlicher Segen und als Mittel zur Erfüllung des Gebots der Fortpflanzung angesehen.
  • Abgrenzung von der säkularen Gesellschaft: Während die Notwendigkeit des Kontakts mit der Außenwelt anerkannt wird, wird eine bewusste Distanz zu deren Werten, Unterhaltung und Lebensstil gepflegt, um die spirituelle Reinheit zu bewahren.

Vielfalt innerhalb der Haredim: Eine heterogene Gemeinschaft

Obwohl der Begriff „Haredim“ eine scheinbar homogene Gruppe beschreibt, ist das haredische Judentum tatsächlich sehr vielfältig und umfasst zahlreiche Strömungen und Untergruppen. Die wichtigsten sind:

  • Litauische (Litvish/Yeshivish) Haredim: Diese Gruppe, oft auch als „Nicht-Chassidim“ bezeichnet, legt den größten Wert auf das intellektuelle Studium des Talmuds und der Halacha in der Yeshiva. Sie sind bekannt für ihre rationalere, analytischere Herangehensweise an die Tora und eine eher nüchterne Frömmigkeit. Ihr Zentrum liegt oft in Israel (z.B. Bnei Brak, Jerusalem) und den USA.
  • Chassidische Haredim: Diese Gruppen sind geprägt von der chassidischen Bewegung, die im 18. Jahrhundert in Osteuropa entstand. Sie legen großen Wert auf Mystik, spirituelle Ekstase, die Führung durch einen Rebbe (spiritueller Meister) und die Freude im Gottesdienst. Es gibt Hunderte von chassidischen Dynastien, jede mit ihren eigenen Traditionen, Bräuchen und oft auch spezifischen Kleidungsstilen. Beispiele sind Satmar, Belz, Ger, Viznitz und Lubawitsch (Chabad). Obwohl Chabad oft als „orthodox“ und nicht immer als „haredisch“ im strengen Sinne betrachtet wird, teilen sie viele Werte und Praktiken mit haredischen Gruppen.
  • Sefardische Haredim: Diese Gruppe setzt sich aus Juden mit Wurzeln im Nahen Osten, Nordafrika und Spanien zusammen. Sie haben oft eigene Rabbiner und Yeschiwot, die die sefardischen Bräuche und Traditionen pflegen. Ihre Gesetzesauslegung kann sich in Details von der aschkenasischen unterscheiden.

Trotz ihrer Unterschiede teilen all diese Gruppen die grundlegende Verpflichtung zur Halacha, zur Tora als zentralem Lebensinhalt und zur bewussten Abgrenzung von der säkularen Welt.

Lebensweise und Alltag: Ein Leben im Zeichen der Tora

Der Alltag der Haredim ist stark von ihren religiösen Geboten und Werten geprägt. Dies zeigt sich in verschiedenen Aspekten:

  • Kleidung: Der Kleidungsstil ist oft traditionell und bescheiden. Männer tragen typischerweise dunkle Anzüge, weiße Hemden, Hüte oder Kapotten (Kippa) und wachsen oft lange Bärte und Schläfenlocken (Pajes). Frauen kleiden sich ebenfalls bescheiden, bedecken ihre Knie, Ellbogen und ihr Dekolleté, und verheiratete Frauen bedecken ihr Haar mit Perücken, Tüchern oder Hüten. Diese Kleidung dient der Bescheidenheit, der Identifikation mit der Gemeinschaft und der Abgrenzung von der säkularen Mode.
  • Bildung: Die Bildung steht im Mittelpunkt. Jungen besuchen von klein auf Cheder (religiöse Grundschulen) und später Yeschiwot, wo sie sich intensiv dem Studium der Tora, des Talmuds und der Halacha widmen. Viele Männer verbringen ihr gesamtes Leben im Tora-Studium. Mädchen besuchen religiöse Schulen, die ihnen Wissen über Judentum, Haushalt und Berufe vermitteln, die mit der traditionellen Rolle der Frau vereinbar sind.
  • Familienleben: Große Familien sind die Norm und werden als Segen angesehen. Die Ehe wird früh geschlossen und von Schidduchim (Vermittlungen) begleitet. Die Familie ist die grundlegende Einheit zur Weitergabe der Tradition und zur Erziehung der Kinder im Sinne der Tora.
  • Technologie: Der Umgang mit moderner Technologie ist oft restriktiv. Viele Haredim meiden Fernsehen und Internet, es sei denn, es ist beruflich absolut notwendig, und dann oft nur mit Filtern. Mobiltelefone sind oft „koscher“ (ohne Internetzugang, nur Telefonie), um den Einfluss unerwünschter Inhalte zu minimieren und die Konzentration auf spirituelle Werte zu fördern.

Der Unterschied in der Wahrnehmung: Warum die Ablehnung des Begriffs „Ultraorthodox“?

Die Ablehnung des Begriffs „ultraorthodox“ durch die Haredim ist vielschichtig. Erstens empfinden sie ihn als eine externe Kategorisierung, die oft mit einem Urteil verbunden ist. „Ultra“ kann als „extrem“, „fanatisch“ oder „rückständig“ interpretiert werden, was dem Selbstverständnis einer tiefgläubigen und traditionsbewussten Gemeinschaft widerspricht. Sie sehen sich nicht als Extreme, sondern als Bewahrer einer ununterbrochenen Kette der Überlieferung, die über Jahrtausende reicht.

Zweitens suggeriert der Begriff „ultraorthodox“ eine Hierarchie oder Steigerung innerhalb der Orthodoxie, als gäbe es eine „normale“ Orthodoxie und eine „ultra“-Version. Für die Haredim gibt es jedoch nur eine authentische Form des Judentums – die der vollständigen und kompromisslosen Hingabe an die Tora und ihre Gebote. Die Bezeichnung „Haredim“ hingegen ist ein Akt der Selbstdefinition, der ihre spirituelle Haltung und ihren Platz in der Welt aus ihrer eigenen Perspektive beschreibt.

Drittens ist die Etikettierung als „ultraorthodox“ oft mit Missverständnissen und Vorurteilen verbunden, die ihre Lebensweise als archaisch oder unverständlich abtun. Die Bezeichnung „Haredim“ hingegen ist eine Einladung, ihre Welt aus einer inneren, respektvollen Perspektive zu betrachten und die tiefere Bedeutung ihres Strebens nach Gottesfurcht und Tora-Studium zu verstehen.

Vergleich: Externe vs. Interne Bezeichnung

Die folgende Tabelle fasst die wesentlichen Unterschiede in der Konnotation und Verwendung der beiden Begriffe zusammen:

MerkmalExterne Bezeichnung („Ultraorthodox“)Selbstbezeichnung („Haredi“)
UrsprungVon Außenstehenden (Medien, Wissenschaft, säkulare Öffentlichkeit)Selbstgewählt, basierend auf biblischer Referenz (Jesaja 66,5)
KonnotationOft als „extrem“, „radikal“, „dogmatisch“, „abgeschottet“ wahrgenommen; wertend„Ehrfürchtig“, „gottesfürchtig“, „die vor Seinem Wort erzittern“; respektvoll, demütig
FokusAbgrenzung von der Moderne; äußerliche Merkmale (Kleidung)Innerliche Haltung gegenüber Gott und Seinem Wort; unbedingte Tora-Hingabe
WahrnehmungHomogen, undifferenziert; wenig Verständnis für interne VielfaltAnerkennung der Vielfalt (Litauisch, Chassidisch, Sefardisch); Betonung der spirituellen Einheit
AkzeptanzWeit verbreitet in nicht-haredischen KontextenBevorzugt und ausschließlich von der Gemeinschaft selbst verwendet

Häufig gestellte Fragen (FAQs)

Sind alle Haredim Chassidim?

Nein, nicht alle Haredim sind Chassidim. Das haredische Judentum ist eine breitere Kategorie, die sowohl chassidische Gruppen als auch nicht-chassidische („Litauische“ oder „Yeshivish“) Strömungen umfasst. Während Chassidim für ihre Betonung von Mystik, Rebbe-Führung und Freude bekannt sind, konzentrieren sich die litauischen Haredim stärker auf das intellektuelle Studium des Talmuds und der Halacha.

Warum tragen Haredim spezielle Kleidung?

Die traditionelle Kleidung der Haredim, wie dunkle Anzüge, Hüte und lange Bärte bei Männern oder bescheidene Kleider und Kopfbedeckungen bei Frauen, dient mehreren Zwecken. Sie ist ein Ausdruck von Bescheidenheit (Zniut), eine Identifikation mit der eigenen Gemeinschaft und Tradition, eine Abgrenzung von säkularen Modetrends und oft auch eine Nachahmung der Kleidung, die jüdische Gelehrte und Fromme in früheren Jahrhunderten trugen.

Dürfen Haredim moderne Technologie nutzen?

Der Umgang mit moderner Technologie ist innerhalb der haredischen Gemeinschaft differenziert und hängt oft von der spezifischen Gruppe und dem Rabbiner ab. Während einige Technologien wie Mobiltelefone (oft in „koscheren“ Versionen ohne Internetzugang) für geschäftliche oder familiäre Zwecke akzeptiert werden, wird der Zugang zum Internet, Fernsehen und sozialen Medien oft stark eingeschränkt oder ganz verboten, um schädliche Einflüsse zu vermeiden und die Konzentration auf spirituelle Werte zu bewahren. Bildungseinrichtungen wie Yeschiwot sind in der Regel frei von Internetzugang.

Was ist eine Jeschiwa?

Eine Jeschiwa (hebräisch: ישיבה) ist eine traditionelle jüdische Bildungseinrichtung, die sich dem intensiven Studium der Tora, des Talmuds und der Halacha widmet. Für haredische Männer ist der Besuch einer Jeschiwa oft ein zentraler Lebensweg, der viele Jahre oder sogar das gesamte Leben in Anspruch nehmen kann. Jeschiwot sind das Herzstück des haredischen Bildungssystems und prägen die geistige und moralische Entwicklung der Studierenden.

Leben Haredim nur in Israel?

Nein, Haredim leben in Gemeinschaften auf der ganzen Welt. Während Israel (insbesondere Jerusalem und Bnei Brak) und die Vereinigten Staaten (insbesondere New York City und seine Vororte) die größten haredischen Bevölkerungen aufweisen, gibt es auch bedeutende Gemeinden in Europa (z.B. London, Antwerpen, Zürich), Kanada, Australien und anderen Ländern. Sie bilden weltweit eng verbundene Gemeinschaften, die ihre Traditionen und Werte pflegen.

Fazit: Eine Frage des Respekts und Verständnisses

Das Verständnis des Unterschieds zwischen „ultraorthodox“ und „Haredim“ ist mehr als nur eine semantische Übung; es ist ein Akt des Respekts gegenüber einer Gemeinschaft, die ihre Identität und ihren Glauben auf eine ganz bestimmte Weise lebt und benennt. Während „ultraorthodox“ eine externe, oft wertende und missverstandene Bezeichnung ist, drückt „Haredim“ das tiefe, innere Gefühl des „Erzitterns vor Gottes Wort“ aus – eine Haltung der Ehrfurcht, Hingabe und unbedingten Verpflichtung gegenüber der göttlichen Tora und ihren Geboten. Indem wir die bevorzugte Selbstbezeichnung verwenden und die dahinterliegenden Werte verstehen, können wir eine Brücke des Verständnisses bauen und die reiche Vielfalt des jüdischen Lebens besser würdigen.

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