Was versteht man unter Freien evangelischen Gemeinden?

Freie evangelische Gemeinden: Glaube & Gemeinschaft

09/05/2021

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In der vielfältigen Landschaft christlicher Glaubensgemeinschaften nehmen die Freien evangelischen Gemeinden (FeG) in Deutschland eine besondere Stellung ein. Als Teil der klassischen Freikirchen repräsentieren sie einen Weg des Glaubens, der sich durch Unabhängigkeit, eine tiefe Verbundenheit mit der Heiligen Schrift und ein lebendiges Gemeindeleben auszeichnet. Doch was genau verbirgt sich hinter diesem Namen, und welche Prinzipien leiten die FeG in ihrem Wirken und Glauben?

Die Freien evangelischen Gemeinden verstehen sich als ein Bund selbstständiger Ortsgemeinden, die gemeinsam eine geistliche Lebens- und Dienstgemeinschaft bilden. Ihr Name „frei“ ist dabei programmatisch und vielschichtig: Er verweist nicht nur auf ihre Unabhängigkeit von staatlichen oder kirchlichen Hierarchien, sondern auch auf das theologische Konzept der „freien Gnade“ Gottes, die jedem Menschen kostenfrei zuteilwird. Diese doppelte Bedeutung bildet das Fundament ihrer Identität und ihres Wirkens.

Was ist das Evangelium des heutigen sonntags?
Das Evangelium des heutigen Sonntags schlägt demgegenüber hoffnungsvollere Töne an: Jesus tritt nach seiner Taufe im Jordan in der Synagoge seiner Heimatstadt Nazaret auf, liest dort aus dem Propheten Jesaja vor und legt den Abschnitt im Anschluss aus. Es ist sozusagen eine Art Antrittsrede Jesu zu Beginn seines öffentlichen Wirkens.
Inhaltsverzeichnis

Die Entstehung: Eine Bewegung aus Überzeugung

Die Wurzeln der Freien evangelischen Gemeinden in Deutschland reichen zurück ins Jahr 1854. In Elberfeld-Barmen, einem heutigen Stadtteil von Wuppertal, gründete der Kaufmann Hermann Heinrich Grafe (1818–1869) zusammen mit fünf weiteren Männern die erste Freie evangelische Gemeinde. Diese Gründung erfolgte nach biblischen Kriterien und war ein Ausdruck des Strebens nach einer kirchlichen Alternative zum damaligen Modell der Staatskirche.

Grafe war maßgeblich von seinen Erfahrungen in der von Adolphe Monod 1832 gegründeten „Freien evangelischen Gemeinde von Lyon“ beeinflusst. Dort wurde ihm die zentrale Bedeutung der „freien Gnade“ Gottes als Kern der christlichen Botschaft und als Ausgangspunkt für die Struktur einer Gemeinde von Glaubenden bewusst. Für ihn war klar: Eine solche Gemeinde sollte sich um das Abendmahl versammeln und sich sozial-missionarisch engagieren. Die Idee der „freien Gnade“ betonte, dass Gottes Zuwendung und Erlösung nicht an menschliche Leistungen oder kirchliche Institutionen gebunden sind, sondern ein reines Geschenk darstellen.

Im Jahr 1874 schlossen sich weitere Gemeinschaftskreise und freikirchliche Gruppen zur „Vereinigung der Freien Evangelischen Gemeinden und Abendmahlsgesellschaften“ zusammen. Dieser Zusammenschluss nahm 1928 seinen heutigen Namen „Bund Freier evangelischer Gemeinden“ an. Seit 1893 wird das Wort „frei“ im Namen großgeschrieben, um die bewusste Abgrenzung und das Prinzip der Freiwilligkeit noch stärker zu betonen.

Wachstum und Organisation: Ein Bund weltweit

Der Bund Freier evangelischer Gemeinden (BFeG) zählt in Deutschland zu den wachsenden Kirchen. Seine Entwicklung ist ein Zeugnis seiner Attraktivität und seiner Fähigkeit, Menschen für seine Werte und Überzeugungen zu begeistern. Aktuell gehören zur Bundesgemeinschaft in Deutschland 471 Gemeinden mit rund 40.000 Mitgliedern. Hinzu kommt eine etwa gleiche Anzahl von Familienangehörigen und Freunden, die aktiv am Gemeindeleben teilnehmen.

Doch die FeG sind nicht auf Deutschland beschränkt. Weltweit gibt es Freie evangelische Gemeinden in über 20 Ländern. Mit ihren etwa 30 Mitgliedsbünden zählt der Internationale Bund Freier evangelischer Gemeinden rund 450.000 Mitglieder. Diese globale Präsenz unterstreicht die universelle Anziehungskraft ihrer Grundsätze und die Vernetzung der Gemeinden über Ländergrenzen hinweg.

Als Körperschaft des öffentlichen Rechts sind die Freien evangelischen Gemeinden in Deutschland rechtlich anerkannt. Ihre Finanzierung erfolgt ausschließlich über Spenden der Mitglieder und Freunde. Sie verzichten bewusst auf die Möglichkeit, Kirchensteuern zu erheben, was ihre Unabhängigkeit und das Prinzip der Freiwilligkeit auch in finanzieller Hinsicht unterstreicht. Präses des Bundes ist seit 2008 Ansgar Hörsting.

Der BFeG pflegt gute Beziehungen zu anderen Kirchen und Gemeinden. Er ist Gastmitglied der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) und Teil der Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF). In vielen Kommunen engagieren sich Freie evangelische Gemeinden aktiv auf der Ebene der Evangelischen Allianz, was ihre Offenheit und ihr Bestreben nach Zusammenarbeit im Sinne der christlichen Einheit zeigt.

Was ist die Evangeliumsbotschaft?

Wesentliche Merkmale: Glaube, Autonomie und Praxis

Die Freien evangelischen Gemeinden zeichnen sich durch mehrere wesentliche Merkmale aus, die ihr Selbstverständnis und ihr Gemeindeleben prägen:

  • Das Prinzip der Freiwilligkeitsgemeinde: Die Mitgliedschaft in einer FeG basiert auf einer persönlichen und bewussten Glaubensentscheidung. Es ist eine Gemeinde der Glaubenden, in die man nicht hineingeboren wird, sondern sich aktiv entscheidet, Teil zu sein.
  • Mitverantwortung und Mitbestimmung aller („allgemeines Priestertum“): Dieses Prinzip lehnt eine strikte Trennung zwischen „Geistlichen“ und „Laien“ ab. Jedes Mitglied ist dazu berufen, seine Gaben und Fähigkeiten in die Gemeinschaft einzubringen und Verantwortung zu übernehmen. Entscheidungen werden gemeinsam getroffen, was eine hohe Beteiligung der Gemeindemitglieder ermöglicht.
  • Die Taufe der Glaubenden: Im Unterschied zur Kleinkindertaufe praktizieren die FeG die Taufe an Gläubigen, die sich bewusst dafür entscheiden. Diese wird in der Regel durch Untertauchen vollzogen, als äußeres Zeichen einer inneren Glaubensentscheidung. Säuglinge werden stattdessen gesegnet und in der Gemeinde willkommen geheißen. Es ist wichtig zu betonen, dass die Taufe aufgrund des persönlichen Glaubens keine Bedingung für die Mitgliedschaft in der Gemeinde darstellt, was die FeG vom Baptismus abgrenzt.
  • Die Heilige Schrift als oberste Norm: Die Bibel gilt als verbindliche Grundlage und höchste Autorität für Lehre und Leben in der Gemeinde und im Bund. Ihr Wort ist die Richtschnur für alle Entscheidungen und Überzeugungen.

Die Gemeinde versteht sich nach dem Vorbild des Neuen Testaments als eine Gemeinschaft von befreiten und begnadeten Menschen. Daraus leitet sich auch die Überzeugung ab, dass die Gemeinde frei von jedem Kirchenregiment und staatlicher Vorherrschaft sein sollte. Diese Unabhängigkeit ermöglicht es den FeG, ihre Lehre und Praxis authentisch nach biblischen Prinzipien zu gestalten.

Für den BFeG sind eine missionarisch ausgerichtete Predigt, eine lebendige Gemeindearbeit und diakonisches Handeln charakteristisch. Sie sehen es als ihre Aufgabe, die frohe Botschaft von Jesus Christus weiterzugeben und sich praktisch für ihre Mitmenschen einzusetzen. Das Verständnis als Bund selbstständiger („independentistischer“) Gemeinden erklärt auch die besondere Nähe zur Evangelischen Allianz, die ein ähnliches Selbstverständnis hat und die Zusammenarbeit über konfessionelle Grenzen hinweg fördert.

Die Bedeutung des Abendmahls

Das Abendmahl, oder „Mahl des Herrn“, hat in den Freien evangelischen Gemeinden eine hohe Bedeutung. Es wird als Tischgemeinschaft der an Jesus Christus Glaubenden mit ihrem Herrn verstanden. Teilnehmen kann jeder, der Christus folgt und sich ihm verbunden fühlt, unabhängig von einer formalen Kirchenzugehörigkeit. In der Regel wird das Abendmahl einmal im Monat nach dem Gottesdienst gefeiert. Eine feste Liturgie gibt es weder für die Gottesdienste noch für das Abendmahl, was Raum für eine freie und lebendige Gestaltung lässt.

Bibeltreue und Geistesgaben

Der BFeG versteht sich als bibeltreu: Die Bibel, das Wort Gottes, ist die verbindliche Grundlage für Glauben, Lehre und Leben in der Gemeinde und im Bund. Obwohl das apostolische Glaubensbekenntnis in den Gottesdiensten nicht häufig gesprochen wird, ist es doch ein zentrales Glaubensgut in Freien evangelischen Gemeinden. Der Bund eint sich mit allen Christen und Kirchen im Bekenntnis zu Gott, der sich in Jesus Christus offenbart hat.

Die Freien evangelischen Gemeinden sind davon überzeugt, dass Gott alle seine Kinder mit seinem Geist beschenkt (Johannes 7,39; 1. Korinther 12,13). Sie glauben, „dass der Schlüssel zur erneuernden und umgestaltenden Kraft des Geistes in einem Leben der Hingabe und des Gehorsams gegenüber Jesus Christus liegt“ (1. Korinther 12,11). Der Bund nimmt an, dass Gott allen Christen Gnadengaben gibt, um sie zum Dienst in Gemeinde, Mission oder Diakonie auszurüsten und zu befähigen. Auch sind die FeG überzeugt, dass Gott Menschen begabt und beauftragt, für Kranke um Heilung zu beten. Der Bund distanziert sich jedoch von einer Theologie, die behauptet, dass Gott jeden Menschen heile, wenn er nur richtig glaube. Dies zeigt eine differenzierte Haltung zu theologischen Fragen und eine Abgrenzung von extremen Positionen.

Positionen zu aktuellen Themen

Die Freien evangelischen Gemeinden nehmen auch zu aktuellen gesellschaftlichen und theologischen Fragen Stellung. Ihre Positionen werden oft in einem Prozess der gemeinsamen Beratung und Abstimmung gefunden, wie beispielsweise durch den „Bundestag“, die Vertreterversammlung aller Gemeinden und Pastoren.

  • Frauen in Leitungs- und Predigtämtern: Am 18. September 2010 beschloss der „Bundestag“ mit einer zustimmenden Mehrheit von 76,3 Prozent, den Ortsgemeinden die Anstellung von entsprechend qualifizierten Frauen als Pastorinnen freizustellen. Dies war ein signifikanter Schritt, nachdem im Jahr 2008 die notwendige Zweidrittelmehrheit noch knapp verfehlt worden war. Dies zeigt die Entwicklung und Anpassungsfähigkeit des Bundes bei gleichzeitiger Wahrung seiner Grundprinzipien.
  • Ehescheidung: Eine Ehe-Ethik des BFeG, die dem Evangelium entspricht, geht vom grundsätzlichen „Nein“ zur Ehescheidung im Neuen Testament aus. Daraus ergibt sich die seelsorgerische Aufgabe, durch Beratung der Ehepartner, wenn irgend möglich, die Ehegemeinschaft zu erhalten und zu heilen. Der Fokus liegt hier auf Seelsorge und Unterstützung, um Ehen zu stärken und zu bewahren.
  • Gleichgeschlechtliche Liebe: Im Jahr 2004 veröffentlichte die Bundesleitung eine Stellungnahme zum Thema „Homosexualität im Spannungsfeld von Gesellschaft und Gemeinde“. Darin heißt es, es sei für homosexuell empfindende Christen ebenso unangemessen, an homosexuellem Verhalten festzuhalten, wie es für heterosexuell empfindende Christen unangemessen sei, an Unzucht oder Ehebruch festzuhalten. Diese Position spiegelt eine theologische Auslegung wider, die sexuelle Beziehungen auf die Ehe zwischen Mann und Frau beschränkt, aber gleichzeitig die Würde aller Menschen betont und zur Seelsorge aufruft.

Vergleich: Freie evangelische Gemeinden vs. Landeskirchen

MerkmalFreie evangelische Gemeinden (FeG)Evangelische Landeskirchen (EKD)
Gründung1854, Hermann Heinrich Grafe, als bewusste Alternative zur StaatskircheHistorisch gewachsen, oft aus Reformation, staatlich organisierte Kirche (bis 1918)
FinanzierungFreiwillige Spenden der Mitglieder; keine KirchensteuerKirchensteuer der Mitglieder
MitgliedschaftBewusste, persönliche Glaubensentscheidung (Freiwilligkeitsgemeinde)In der Regel durch Taufe im Säuglingsalter; Taufentscheidung der Eltern
TaufeTaufe der Glaubenden (Erwachsenentaufe durch Untertauchen); SäuglingssegnungSäuglingstaufe (in der Regel Besprengung)
OrganisationBund selbstständiger Ortsgemeinden; „allgemeines Priestertum“Hierarchische Struktur mit regionalen Kirchenleitungen
Geistliche/LaienKeine strikte Trennung; Pastoren und „Laien“ können predigenUnterscheidung zwischen ordinierten Geistlichen und Laien; spezifische Ämter
Verhältnis zum StaatUnabhängig von staatlicher Vorherrschaft und KirchenregimentKörperschaft des öffentlichen Rechts; enge historische und teils gegenwärtige Verbindung zum Staat
LiturgieKeine feste Liturgie; freie GottesdienstgestaltungOft feststehende Liturgien, je nach Tradition des Landeskirchenbereichs

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Was bedeutet „freie Gnade“ im Kontext der FeG?
„Freie Gnade“ bedeutet, dass Gottes Erlösung und Zuwendung ein kostenfreies, unverdientes Geschenk sind, das nicht durch menschliche Leistungen oder Rituale erworben werden kann. Sie ist der theologische Kern der FeG und betont die Zugänglichkeit Gottes für jeden Menschen.
Wie finanziert sich der Bund Freier evangelischer Gemeinden?
Der Bund Freier evangelischer Gemeinden finanziert sich ausschließlich durch freiwillige Spenden seiner Mitglieder und Freunde. Er verzichtet bewusst auf die Erhebung von Kirchensteuern, um seine Unabhängigkeit zu unterstreichen und das Prinzip der Freiwilligkeit zu leben.
Dürfen Frauen in den Freien evangelischen Gemeinden Pastorinnen sein?
Ja, seit 2010 ist es den Ortsgemeinden freigestellt, entsprechend qualifizierte Frauen als Pastorinnen anzustellen. Der „Bundestag“ des BFeG hat dies mit einer deutlichen Mehrheit beschlossen.
Was ist der Unterschied zwischen der Taufe in einer FeG und der Kindertaufe in Landeskirchen?
In den FeG wird die Taufe an Gläubigen vollzogen, die sich bewusst für ein Leben mit Jesus Christus entschieden haben (Glaubenstaufe). Säuglinge werden stattdessen gesegnet. In vielen Landeskirchen ist die Kindertaufe die Regel, bei der die Eltern die Entscheidung für ihr Kind treffen.
Welche Haltung haben die FeG zur Ehescheidung?
Die FeG gehen vom grundsätzlichen „Nein“ zur Ehescheidung im Neuen Testament aus. Sie legen großen Wert auf seelsorgerische Beratung und Unterstützung, um Ehepartnern dabei zu helfen, ihre Ehegemeinschaft zu erhalten und zu heilen, wann immer dies möglich ist.
Wie stehen die FeG zum Thema Homosexualität?
Die FeG vertreten die theologische Position, dass sexuelles Verhalten im Einklang mit biblischen Prinzipien stehen sollte, welche die Ehe als Bund zwischen Mann und Frau definieren. Sie betonen jedoch gleichzeitig die Würde und den Wert aller Menschen und rufen zur Seelsorge auf.

Die Freien evangelischen Gemeinden bieten somit einen eigenen, unverwechselbaren Zugang zum christlichen Glauben, der auf persönlicher Entscheidung, gelebter Gemeinschaft und einer tiefen Verankerung im Wort Gottes basiert. Sie sind ein lebendiger Teil der deutschen Kirchenlandschaft und prägen das Bild der Freikirchen in Deutschland und weltweit maßgeblich mit.

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