23/08/2023
Im Herzen des Judentums liegt ein reiches Geflecht aus Tradition, Gebet und göttlichen Weisungen. Eine zentrale Frage, die sich oft stellt, ist die nach der Anzahl der Gebote, die das Leben gläubiger Juden prägen. Diese Gebote, bekannt als Mizwot, sind nicht nur abstrakte Regeln, sondern lebendige Anleitungen, die den Alltag durchdringen und eine tiefe Verbindung zu Gott herstellen sollen. Ein besonders sichtbares und bedeutungsvolles Element dieser Frömmigkeit ist der Tallit, der jüdische Gebetsmantel, dessen Ecken die sogenannten Zizit – besondere Schaufäden – zieren. Diese Fäden sind weit mehr als nur Dekoration; sie sind ein ständiges Erinnerungszeichen an die Gesamtheit der Gebote und spielen eine entscheidende Rolle im Verständnis der jüdischen Lebensweise.

- Die 613 Gebote: Eine göttliche Kompassnadel
- Der Tallit: Ein Mantel voller Bedeutung
- Die Zizit: Fäden der Erinnerung und Berechnung
- Arten des Tallit: Tallit Gadol und Tallit Katan
- Wer trägt den Tallit und wann?
- Der Tallit nach dem Tod
- Vergleich: Tallit Gadol vs. Tallit Katan
- Häufig gestellte Fragen (FAQ)
- Fazit
Die 613 Gebote: Eine göttliche Kompassnadel
Die genaue Anzahl der Gebote im Judentum ist auf beeindruckende Weise festgelegt: Es gibt traditionell 613 Mizwot. Diese Zahl wird auf Rabbi Simlai (Babylonischer Talmud, Makkot 23b-24a) zurückgeführt und gliedert sich in 365 Verbote, die der Anzahl der Tage im Sonnenjahr entsprechen, und 248 Gebote, die der traditionellen Anzahl der Knochen und Organe im menschlichen Körper zugeschrieben werden. Diese Aufteilung verdeutlicht, dass die Gebote das gesamte menschliche Dasein – sowohl das Tun als auch das Unterlassen – durchdringen sollen. Die bekannten Zehn Gebote sind dabei nur ein kleiner, wenn auch fundamentaler, Teil dieser umfassenden Sammlung göttlicher Anweisungen. Sie dienen als moralischer und ethischer Rahmen, der das gesamte Leben eines gläubigen Juden leitet und ihm Orientierung auf dem Weg zu einem heiligen und gottgefälligen Leben gibt.
Der Tallit: Ein Mantel voller Bedeutung
Der Tallit (von hebräisch טַלִּית), oft als „Gebetsmantel“ bezeichnet, ist ein zentraler ritueller Gegenstand im Judentum. Er ist meist ein viereckiges Tuch aus Wolle, Baumwolle, Leinen oder Seide, wobei eine Vermischung tierischer und pflanzlicher Textilien (sogenanntes schatnes) verboten ist – eine Regel, die die Reinheit und Ordnung symbolisiert. Künstliche Fasern dürfen jedoch mit beiden Textilarten kombiniert werden. Die Farbe des Tallit ist üblicherweise weiß oder cremefarben, oft verziert mit schwarzen oder blauen Streifen. Die blauen Streifen, bekannt als Techelet, hatten einst eine besondere spirituelle Bedeutung: Der Talmud besagt im Mischnatraktat Menachot 43b, dass Blau auf die Farbe des Mittelmeeres verweise und ein Widerschein vom Thron Gottes sei, der mit Saphiren geschmückt ist. Da das Wissen über die korrekte Herstellung dieser blauen Farbe im Laufe der Geschichte verloren ging, sind heute schwarze Streifen üblich. Ein weiteres Merkmal ist die Atara, ein aufgenähtes Band, das die richtige Seite zum Anlegen anzeigt und oft kunstvoll bestickt ist. Die Gestaltung der Flagge des Staates Israel basiert übrigens auf dem Tallit, was seine tiefe kulturelle und nationale Bedeutung unterstreicht.
Die biblische Grundlage des Tallit
Die Anweisung zum Tragen des Tallit und insbesondere der Zizit findet sich in der Tora, den fünf Büchern Mose, die im Christentum als Altes Testament bekannt sind. Konkret heißt es in 4. Mose 15,37-41 und 5. Mose 22,12:
„Der HERR befahl Mose, den Israeliten zu sagen, sie sollten Quasten an den vier Zipfeln des Tuches anbringen, das sie als Obergewand trugen. Diese Vorschrift sollte auch für alle ihre Nachkommen gelten. An jeder Quaste sollte eine violette Kordel sein. »Jedes Mal, wenn ihr die Quasten seht«, sagte der HERR, »sollen sie euch an meine Gebote erinnern. Sie sollen euch mahnen, dass ihr nach meinen Weisungen lebt und euch nicht von euren Gedanken und euren lüsternen Augen zum Ungehorsam verleiten lasst. Dann werdet ihr ein heiliges Volk sein, ein Volk, das seinem Gott ganz gehört.“
Diese Verse machen deutlich, dass der Tallit und seine Zizit nicht nur Kleidungsstücke sind, sondern eine physische Erinnerung und Mahnung an die göttlichen Gebote darstellen. Ihre Sichtbarkeit ist entscheidend, weshalb der Tallit traditionell nur bei Tageslicht getragen wird, um die volle Wirkung dieser Erinnerungsfunktion zu gewährleisten.
Die Zizit: Fäden der Erinnerung und Berechnung
Die Zizit sind das Herzstück des Tallit. Es sind vier lange, weiße Fäden, die an jeder der vier Ecken des Tallit befestigt sind und auf eine sehr spezifische Weise geknotet werden. Die Anzahl der Knoten ist hierbei von großer Bedeutung: Sie sind 39-fach geknotet. Diese Zahl 39 ist kein Zufall, sondern die Summe des Zahlenwerts der hebräischen Buchstaben der Worte „Adonai Echad“, was „der Herr ist einzig“ bedeutet – ein zentrales Glaubensbekenntnis im Judentum. Die Zizit werden auch als „Schaufäden“ bezeichnet, da ihre Hauptfunktion darin besteht, gesehen zu werden und an die Gebote Gottes zu erinnern.

Die numerische Symbolik der Zizit und die 613 Mizwot
Die Verbindung zwischen den Zizit und den 613 Geboten ist tiefgründig und numerisch verankert. Nach jüdischer Zählweise addieren sich die numerischen Werte der hebräischen Buchstaben des Wortes „Zizit“ (ציצית) zu 600. Addiert man dazu die acht Fäden, aus denen jede Quaste besteht, und die fünf Doppelknoten pro Quaste, ergibt sich die Summe 600 + 8 + 5 = 613. Diese beeindruckende mathematische Übereinstimmung unterstreicht die symbolische Rolle der Zizit als ständige, greifbare Erinnerung an die Gesamtheit der göttlichen Gebote. Für gläubige Juden sind die Zizit somit nicht nur ein Kleidungsstück, sondern eine Art „Uniform“ oder „Ehrenabzeichen“, das sie mit Ehrfurcht und Stolz tragen und das sie täglich an ihre Existenz und ihre Aufgabe vor Gott erinnert.
Das Rätsel des blauen Fadens: Techelet
Die Tora spricht explizit von einer violetten oder blauen Kordel (Techelet) an den Zizit. Diese blaue Farbe wurde traditionell vom Chilason-Schellfisch gewonnen, der im Mittelmeer lebt. Nach der Vertreibung der Juden im 1. Jahrhundert unserer Zeitrechnung aus ihrem Land ging das Wissen um die korrekte Gewinnung und Herstellung dieses Farbstoffs jedoch verloren. Auch wenn es Versuche gab, die Tradition wiederzubeleben, und der Chilason-Schellfisch heute nicht mehr als ausgestorben gilt, ist die Anbringung blauer Fäden nicht flächendeckend wieder etabliert. Die meisten Zizit sind daher heute rein weiß, doch die Sehnsucht nach dem „Techelet“ und seiner tiefen spirituellen Bedeutung bleibt ein wichtiger Aspekt in der jüdischen Tradition.
Arten des Tallit: Tallit Gadol und Tallit Katan
Im heutigen Judentum sind hauptsächlich zwei Arten des Tallit gebräuchlich, die unterschiedlichen Zwecken dienen:
Der Tallit Gadol – Der große Gebetsschal
Der Tallit Gadol, wörtlich übersetzt „Großer Gebetsschal“, ist der Mantel, den die meisten Menschen vor Augen haben, wenn sie an einen betenden Juden denken. Er wird über der gesamten Kleidung getragen, insbesondere beim Morgengebet. Traditionell tragen ihn verheiratete Männer und Vorbeter auch zum Nachmittags- und Abendgebet. Er ist groß genug, um den Oberkörper und oft auch den Kopf zu bedecken, was eine Atmosphäre der Konzentration und Abgeschiedenheit während des Gebets schafft. Seine Handhabung variiert leicht zwischen den verschiedenen jüdischen Richtungen.
Der Tallit Katan – Der kleine Mantel
Der Tallit Katan, der „Kleine Mantel“, ist ein Tuch mit einem Loch in der Mitte, das von religiösen jüdischen Männern und Jungen ab dem Alter von etwa drei Jahren unter ihrer Alltagskleidung getragen wird. Bei dieser Form des Tallit Katan werden die Zizit nach außen gelegt, sodass sie sichtbar sind und das Gebot des „Sehens“ der Quasten erfüllt wird. Dies gewährleistet, dass das Gebot, die Zizit den ganzen Tag zu tragen, auch im Alltag und bei der Arbeit eingehalten werden kann, ohne dass der große Tallit stört. Die Zizit müssen dabei in einem einwandfreien Zustand sein, damit der Tallit als koscher und tragbar gilt.

Wer trägt den Tallit und wann?
Die Praxis des Tallit-Tragens variiert je nach jüdischer Strömung und individuellem Status:
- Orthodoxes Judentum: Traditionell tragen Jungen den Tallit Katan ab dem Alter von drei Jahren. Der Tallit Gadol wird zum ersten Mal von einem Dreizehnjährigen bei seiner Bar Mitzwa getragen und danach täglich beim Morgengebet. Ausnahmen sind die Mincha des Tischa beAw (9. Tag des jüdischen Monats Aw) und der Vorabend von Jom Kippur, an dem der Tallit vor dem Aufsagen des Kol Nidre und noch vor Anbruch der Nacht angelegt wird. Dies gilt sowohl für Gebete in der Synagoge als auch für das private Gebet.
- Aschkenasische Traditionen: Nach einigen aschkenasischen Traditionen tragen nur der Bräutigam und verheiratete Männer den Tallit Gadol. Er ist oft Teil der Gaben, welche die Braut ihrem Bräutigam übergibt, und findet häufig auch als Hochzeitsbaldachin (Chuppah) Verwendung, der von vier Männern hochgehalten wird.
- Liberales Judentum: Im liberalen Judentum ist die Praxis offener. Hier tragen auch Frauen, die es wünschen, einen Tallit. Dies schließt auch Mädchen bei ihrer Bat Mitzwa ein. Es gibt Tallitot in vielen Farben und Designs, oft mit hebräischen Segenssprüchen verziert, wobei die halachische Tauglichkeit allein durch die Zizit bestimmt wird.
- Samaritaner: Auch die samaritanischen Hohepriester tragen einen Tallit, was auf die gemeinsame historische Wurzel der Gebotspraxis hinweist.
Rituale beim Anlegen und im Gottesdienst
Beim Anlegen des Tallit gibt es den Brauch, diesen zuerst über die linke Schulter zu legen und ihn dann kurz oder während des ganzen Gebets über den Kopf zu ziehen. Dabei wird der Tallit-Segen gesprochen. Im Gottesdienst bringen Gläubige oft ihre Schaufäden mit der eingehüllten Torarolle in Berührung, wenn diese aus dem Toraschrein entnommen und durch die Gemeinde getragen wird, und führen die Fäden danach zum Kuss an die Lippen. Dies symbolisiert die tiefe Verbundenheit mit der Tora und ihren Geboten.
Der Tallit nach dem Tod
Ein gläubiger Jude wird traditionell in seinem Tallit bestattet. Dies ist ein Zeichen der fortwährenden Verbindung mit den Geboten Gottes, selbst über den Tod hinaus. Allerdings werden die Atara und eine der Zizijot vorher entfernt. Dies symbolisiert, dass ein Toter keine Gebote (Mizwot) mehr erfüllen muss. Der Tallit ist damit hebräisch פּסול (passul), deutsch „unbrauchbar“ im rituellen Sinne für Lebende.
Vergleich: Tallit Gadol vs. Tallit Katan
| Merkmal | Tallit Gadol (Großer Gebetsschal) | Tallit Katan (Kleiner Mantel) |
|---|---|---|
| Zweck | Wird über der Kleidung beim Gebet getragen | Wird unter der Alltagskleidung getragen |
| Träger | Verheiratete Männer, Vorbeter (Orthodox); auch unverheiratete Männer (andere Strömungen); Frauen (Liberal) | Religiöse Männer und Jungen ab ca. 3 Jahren |
| Tragezeit | Hauptsächlich Morgengebet; spezifische Ausnahmen (Jom Kippur, Tischa beAw) | Den ganzen Tag |
| Sichtbarkeit der Zizit | Zizit hängen sichtbar herunter | Zizit hängen sichtbar aus der Kleidung heraus |
| Größe | Großer Schal/Mantel, kann Kopf bedecken | Kleineres Tuch mit Loch für den Kopf |
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Wie viele Gebote gibt es im Judentum?
Es gibt traditionell 613 Gebote (Mizwot) im Judentum. Diese gliedern sich in 365 Verbote und 248 Gebote. Die Zehn Gebote sind ein Teil dieser umfassenden Sammlung.
Was ist der Tallit?
Der Tallit ist ein jüdischer Gebetsmantel oder -schal, der rituell von gläubigen Juden getragen wird. Er ist oft weiß oder cremefarben und mit Streifen verziert, und an seinen vier Ecken befinden sich die Zizit (Schaufäden).

Was sind Zizit?
Zizit sind die vier geknoteten Schaufäden, die an den Ecken des Tallit befestigt sind. Sie dienen als ständige Erinnerung an die 613 Gebote Gottes. Ihre Knoten und Fäden symbolisieren numerisch diese Gesamtzahl.
Wer trägt den Tallit und die Zizit?
Im orthodoxen Judentum tragen religiöse Männer und Jungen (ab ca. 3 Jahren den Tallit Katan, ab der Bar Mitzwa den Tallit Gadol) den Tallit und die Zizit. Im liberalen Judentum tragen auch Frauen, die dies wünschen, einen Tallit.
Warum sind die Zizit heute meist weiß und nicht blau?
Die Tora schreibt einen blauen (Techelet) Faden für die Zizit vor. Die blaue Farbe wurde aus einem speziellen Meerestier (Chilason-Schellfisch) gewonnen. Das Wissen um die korrekte Herstellung dieses Farbstoffs ging jedoch in der Geschichte verloren, weshalb die Zizit heute überwiegend weiß sind. Obwohl das Tier heute nicht mehr als ausgestorben gilt, ist die Tradition der blauen Fäden nicht flächendeckend wiederbelebt worden.
Fazit
Der Tallit und die Zizit sind weit mehr als nur traditionelle Kleidungsstücke. Sie sind tief verwurzelte Symbole der jüdischen Identität und Frömmigkeit, die eine Brücke zwischen dem Alltag und den göttlichen Geboten schlagen. Die 613 Mizwot bilden das Fundament des jüdischen Lebens, und die Zizit dienen als ständige, greifbare Erinnerung an diese heiligen Weisungen. Durch das bewusste Tragen und Betrachten des Tallit und seiner Fäden pflegen gläubige Juden eine ununterbrochene Verbindung zu ihrer spirituellen Tradition und ihrem Bund mit Gott, ein Erbe, das über Jahrtausende hinweg bewahrt und gelebt wird.
Wenn du andere Artikel ähnlich wie Die 613 Gebote & der Tallit im Judentum kennenlernen möchtest, kannst du die Kategorie Judentum besuchen.
