20/05/2025
Die Heilige Schrift ist das lebendige Wort Gottes, das in den Gottesdiensten der Kirche stets aufs Neue verkündet wird. Sie ist Quelle der Inspiration, Wegweiser für den Glauben und Nahrung für die Seele. Doch wie werden die spezifischen biblischen Texte ausgewählt, die wir jeden Sonntag und an jedem Wochentag in der Eucharistiefeier oder im Stundengebet hören? Diese Frage führt uns in das Herz der kirchlichen Liturgie und offenbart eine durchdachte Struktur, die darauf abzielt, den Gläubigen einen möglichst umfassenden Zugang zur Bibel zu ermöglichen und gleichzeitig tiefe theologische Verbindungen aufzuzeigen. Es geht nicht um willkürliche Auswahl, sondern um ein systematisches Vorgehen, das die Einheit der Heilsgeschichte betont.

Die Leseordnungen: Das Herzstück der Schriftlesung
Die Auswahl der biblischen Lesungen ist in sogenannten Leseordnungen (Lectionarien) festgelegt. Diese sorgfältig erarbeiteten Bücher sind das Ergebnis intensiver theologischer und pastoraler Überlegungen, insbesondere nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, das eine reichere Darbietung des Wortes Gottes in der Liturgie forderte. Die Leseordnungen stellen sicher, dass über einen bestimmten Zeitraum hinweg ein Großteil der Bibel in den Gottesdiensten und im Stundengebet gehört wird. Dies hilft den Gläubigen, mit der Breite und Tiefe der biblischen Botschaft vertraut zu werden und die Vielfalt der göttlichen Offenbarung zu erfassen.
Für die Sonntags- und Hochfeste sind in der Regel drei Lesungen vorgesehen: eine erste Lesung aus dem Alten Testament, eine zweite Lesung aus den neutestamentlichen Briefen (oder der Apostelgeschichte) und eine Evangelienperikope. Eine Perikope ist dabei ein festgelegter Leseabschnitt aus der Heiligen Schrift. Obwohl drei Lesungen das Ideal sind, kann aus schwerwiegenden pastoralen Gründen entweder die alttestamentliche oder die Brieflesung entfallen, um die Dauer des Gottesdienstes anzupassen oder einer spezifischen Situation gerecht zu werden. Das Grundprinzip der Leseordnung bleibt jedoch, einen möglichst großen Teil der Bibel regelmäßig zu lesen und so den Gottesdienstteilnehmern vertraut zu machen.
Die Sonntagslesungen im Jahreskreis folgen einem dreijährigen Rhythmus, um eine breitere Palette von Evangelientexten zu präsentieren. Dieser Zyklus ist wie folgt aufgeteilt:
- Lesejahr A: Perikopen aus dem Matthäusevangelium
- Lesejahr B: Perikopen aus dem Markusevangelium (und Abschnitte aus dem Johannesevangelium, insbesondere im Osterfestkreis)
- Lesejahr C: Perikopen aus dem Lukasevangelium
Die Evangelienperikopen und die Lesungen aus den neutestamentlichen Briefen werden in der Regel nach dem Prinzip der „lectio continua“ ausgewählt. Das bedeutet, dass die Texte in einer fortlaufenden Reihenfolge aus den jeweiligen biblischen Büchern oder Briefen entnommen werden, wenn auch in Auswahl, um die Lesungen an die liturgische Zeit oder die Länge anzupassen. So wird ein biblisches Buch über mehrere Wochen hinweg „fortlaufend“ gelesen, was den Gläubigen ermöglicht, sich tiefer mit dessen Inhalt auseinanderzusetzen.
Die besondere Rolle des Alten Testaments: Spiegel des Evangeliums
Hierin liegt die Antwort auf die zentrale Frage, wie Lesungen aus dem Alten Testament gewählt werden: Anders als die fortlaufende Lesung der Evangelien und Briefe werden die Lesungen aus dem Alten Testament thematisch passend zum jeweiligen Evangelium des Tages ausgewählt. Diese theologische Verknüpfung ist von entscheidender Bedeutung. Sie soll die tiefe Einheit der biblischen Offenbarung aufzeigen und verdeutlichen, wie das Alte Testament das Neue Testament vorbereitet, vorwegnimmt und in ihm seine Erfüllung findet.
Beispielsweise könnte ein Evangelium, das von Jesus als dem Guten Hirten spricht (z.B. Johannes 10), mit einer Lesung aus dem Buch Ezechiel (z.B. Ezechiel 34 über Gottes Hirtenfürsorge) oder dem Psalm 23 („Der Herr ist mein Hirte“) verbunden werden. Wenn das Evangelium von der wundersamen Brotvermehrung handelt, könnte die alttestamentliche Lesung die Speisung der 5000 durch Elischa (2 Könige 4) oder die Mannaspeisung in der Wüste (Exodus 16) sein. Diese thematischen Parallelen offenbaren die Kontinuität der Heilsgeschichte und wie Gott über Jahrhunderte hinweg seinen Plan der Erlösung durchzieht, der in Jesus Christus seine Vollendung findet. Das Alte Testament ist somit nicht einfach eine Sammlung alter Geschichten, sondern ein fundamentaler Teil der Offenbarung, der die Ankunft des Messias vorbereitet und das Evangelium in einem größeren geschichtlichen und theologischen Kontext verankert.
Lesungen an Wochentagen: Ein Zweijahresrhythmus
Auch an den Wochentagen gibt es eine festgelegte Leseordnung, die sich von der der Sonntage unterscheidet. Hier wird vor dem Evangelium eine einzige Lesung gelesen. Während die Lesungen aus dem Evangelium sich jedes Jahr wiederholen, folgt die erste Lesung einem zweijährigen Rhythmus. Das bedeutet, dass die erste Lesung, die oft aus den alttestamentlichen Büchern oder den neutestamentlichen Briefen stammt, über zwei Jahre hinweg fortlaufend (lectio continua in Auswahl) gelesen wird, bevor der Zyklus von Neuem beginnt. Dies ermöglicht eine systematische Erschließung weiterer biblischer Texte, die an Sonntagen möglicherweise nicht vorkommen.
Besondere Anlässe: Feste, Heilige und die Stundenliturgie
Die Leseordnungen berücksichtigen auch die verschiedenen Zeiten des Kirchenjahres und besondere Anlässe:
- Weihnachts- und Osterfestkreis: In der Adventszeit, der Weihnachtszeit, der Fastenzeit und der Osterzeit werden die Lesungen thematisch ausgewählt, um die jeweilige Bedeutung dieser liturgischen Perioden zu unterstreichen. So werden in der Adventszeit oft Lesungen über Johannes den Täufer als den Vorboten Jesu Christi oder alttestamentliche Prophetien über das Kommen des Messias gelesen. In der Fastenzeit stehen Texte über Umkehr und Buße im Vordergrund, während die Osterzeit die Auferstehung und das neue Leben feiert.
- Heiligenfeste: Für die Feste von Heiligen gibt es eigene Lesungen. Diese sind passend zum Leben des Heiligen, seinen Tugenden, seinem Martyrium oder seiner Sendung ausgewählt. Sie sollen die Gläubigen dazu anregen, das Beispiel der Heiligen nachzuahmen und ihren Glauben zu stärken.
- Stundengebet (Laudes und Vesper): Auch das tägliche Stundengebet, das Gebet der Kirche zu verschiedenen Tageszeiten, hat seine eigenen Leseordnungen. Die Lesungen von Laudes (Morgengebet) und Vesper (Abendgebet) im Stundenbuch wiederholen sich in Angleichung an den Vierwochenpsalter in einem vierwöchigen Rhythmus. Dies gilt jedoch nicht für Heiligen- und Festtage, an denen spezifische Lesungen vorgesehen sind, die mit dem jeweiligen Fest in Verbindung stehen.
Vergleichende Übersicht der Leseordnungen
| Merkmal | Sonntagslesungen | Wochentagslesungen | Stundengebet (Laudes/Vesper) |
|---|---|---|---|
| Anzahl der Lesungen | Drei (AT, Brief, Evangelium) | Zwei (Erste Lesung, Evangelium) | Eine (Kurzlesung) |
| Evangelium-Zyklus | Dreijahreszyklus (A, B, C) | Jährlich wiederholend | Kein Evangelium im eigentlichen Sinne |
| Erste Lesung-Zyklus | Dreijahreszyklus (thematisch zum Evangelium) | Zweijahreszyklus (fortlaufend) | Vierwochenrhythmus |
| Auswahlprinzip AT | Thematisch passend zum Evangelium | Fortlaufend (innerhalb des 2-Jahres-Zyklus) | Fortlaufend (innerhalb des 4-Wochen-Zyklus) |
| Auswahlprinzip NT Briefe | Fortlaufend (innerhalb des 3-Jahres-Zyklus) | Fortlaufend (innerhalb des 2-Jahres-Zyklus) | Fortlaufend (innerhalb des 4-Wochen-Zyklus) |
| Besonderheiten | Kürzere Lesungen möglich aus pastoralen Gründen; Fokus auf die Einheit der Heilsgeschichte | Umfassendere Abdeckung der biblischen Bücher über zwei Jahre | Ausrichtung auf den Vierwochenpsalter; ausgenommen Heiligen- & Festtage |
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
1. Warum gibt es verschiedene Lesejahre (A, B, C)?
Die verschiedenen Lesejahre dienen dazu, innerhalb eines dreijährigen Zeitraums einen möglichst großen Teil der Evangelien zu behandeln und den Gläubigen eine breitere Begegnung mit dem Wort Gottes zu ermöglichen, als es bei einer jährlichen Wiederholung der Fall wäre.
2. Warum wird das Alte Testament in der Messe gelesen, wenn wir doch im Neuen Bund leben?
Das Alte Testament ist integraler Bestandteil der göttlichen Offenbarung. Es bereitet die Ankunft Jesu Christi vor, enthält Prophezeiungen, die in ihm erfüllt werden, und offenbart Gottes beständigen Heilsplan. Die thematische Verknüpfung mit dem Evangelium zeigt die Einheit und Kontinuität der Heilsgeschichte Gottes auf.
3. Was bedeutet „lectio continua“?
„Lectio continua“ (fortlaufende Lesung) bedeutet, dass biblische Bücher oder Briefe über mehrere Wochen hinweg in ihrer Reihenfolge gelesen werden, oft mit Auslassungen, um die Länge an die Liturgie anzupassen. Es ermöglicht ein tieferes Eintauchen in den Kontext eines biblischen Werkes.
4. Können Lesungen in der Messe weggelassen werden?
Ja, aus schwerwiegenden pastoralen Gründen kann entweder die alttestamentliche Lesung oder die Brieflesung entfallen, um die Dauer des Gottesdienstes zu verkürzen oder auf besondere Umstände einzugehen. Das Evangelium wird jedoch immer gelesen.
5. Gibt es Unterschiede in den Leseordnungen zwischen verschiedenen Konfessionen?
Ja, die Leseordnungen variieren zwischen verschiedenen christlichen Konfessionen. Die hier beschriebene Leseordnung bezieht sich primär auf die römisch-katholische Kirche, die eine sehr detaillierte und umfassende Ordnung entwickelt hat.
Fazit
Die Auswahl der biblischen Lesungen im Gottesdienst, insbesondere die thematische Abstimmung der alttestamentlichen Texte mit dem Evangelium des Tages, ist ein Meisterwerk liturgischer und theologischer Planung. Sie dient dazu, die Gläubigen nicht nur mit einzelnen biblischen Geschichten vertraut zu machen, sondern ihnen die tiefe Einheit der Heilsgeschichte zu offenbaren, die sich von den Anfängen der Schöpfung bis zur Vollendung in Jesus Christus erstreckt. Durch die sorgfältig strukturierten Leseordnungen wird das Wort Gottes als lebendige und relevante Botschaft für unser heutiges Leben erfahrbar, die uns immer wieder neu einlädt, die Tiefen des Glaubens zu erkunden.
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