Was ist der Unterschied zwischen Petrus und Felsen?

Petrus oder Felsen? Matthäus 16,18 Entschlüsselt

31/05/2021

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Die Bibelstelle in Matthäus 16,18 ist seit Jahrhunderten Gegenstand intensiver theologischer Diskussionen und Interpretationen. Insbesondere die Aussage „Du bist Petrus; und auf diesen Felsen werde meine Versammlung bauen“ hat weitreichende Konsequenzen für das Verständnis der Kirche und ihrer Struktur, nicht zuletzt für die Lehre vom Papstamt in der katholischen Kirche. Viele sehen in diesen Worten die Einsetzung des Apostels Petrus als das fundamentale Haupt der Kirche und den Ursprung einer ununterbrochenen Linie der Autorität. Doch was genau meint Jesus, wenn er von „Petrus“ und „diesem Felsen“ spricht? Sind diese Begriffe identisch, oder verbirgt sich hier eine tiefere, oft übersehene Nuance, die das Fundament unseres Glaubensverständnisses grundlegend beeinflussen könnte? Dieser Artikel beleuchtet die sprachlichen Feinheiten der Originalsprache und die biblischen Kontexte, um die wahre Bedeutung dieser entscheidenden Verse zu entschlüsseln und die verschiedenen Aspekte der zugewiesenen Autorität zu beleuchten.

Was ist der Unterschied zwischen Petrus und Felsen?
Petrus ist im Griechischen „Petros“, Felsen dagegen „Petra“. Petros bedeutet: ein Stein, ein Stück eines Felsens. Petra ist der Fels selbst. Diese Stelle gibt also nicht den geringsten Grund für die Lehre, dass die Kirche auf Petrus gebaut und Petrus das Haupt der Kirche sei.
Inhaltsverzeichnis

Der Unterschied zwischen Petrus und Felsen: Petros vs. Petra

Der Schlüssel zum Verständnis der Aussage Jesu in Matthäus 16,18 liegt in der genauen Betrachtung der griechischen Originalwörter, die im Neuen Testament verwendet werden. Das Griechische, die Sprache, in der das Matthäus-Evangelium ursprünglich verfasst wurde, bietet hier eine entscheidende Klarheit, die in vielen Übersetzungen verloren geht.

Wenn Jesus zu Simon sagt: „Du bist Petrus“, verwendet er das griechische Wort „Petros“ (Πέτρος). Dieses Wort ist ein maskulines Substantiv und bezeichnet einen einzelnen Stein, ein Stück eines Felsens, das bewegt oder geworfen werden kann. Es ist die Namensgebung für Simon, der von nun an als Petrus bekannt ist – der „Stein“ oder „Felsbrocken“.

Unmittelbar darauf folgt die Aussage Jesu: „und auf diesen Felsen werde meine Versammlung bauen“. Hier wird ein anderes, aber ähnlich klingendes Wort verwendet: „Petra“ (πέτρα). „Petra“ ist ein feminines Substantiv und bedeutet der Fels selbst, ein massives, unbewegliches und großes Felsmassiv, das als solides Fundament dient. Es ist das Bild eines unerschütterlichen Untergrunds, auf dem ein dauerhaftes Gebäude errichtet werden kann.

Diese sprachliche Unterscheidung ist von entscheidender Bedeutung. Hätte Jesus gemeint, die Versammlung auf Petrus als Person zu bauen, hätte er konsequent „Petros“ oder eine abgeleitete Form davon verwenden können. Die bewusste Wahl von „Petra“ deutet stark darauf hin, dass das Fundament der Versammlung nicht die Person Petrus ist, sondern etwas anderes. Dieses „etwas anderes“ ist sehr wahrscheinlich die Aussage und das Bekenntnis des Petrus zu Jesus als dem Christus, dem Sohn des lebendigen Gottes, die er unmittelbar zuvor in Vers 16 geäußert hatte („Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes“). Petrus war der erste, der dieses fundamentale Bekenntnis ablegte, und auf diesem Bekenntnis – der Wahrheit über Jesus Christus – sollte die Versammlung, die Kirche, gebaut werden. Christus selbst ist der wahre Fels (1. Korinther 10,4), und das Bekenntnis zu ihm ist das Fundament, auf dem die Gläubigen als lebendige Steine (1. Petrus 2,5) aufgebaut werden.

Vergleich: Petros und Petra

BegriffGriechisches WortBedeutungKontext (Matthäus 16,18)
PetrusPetros (Πέτρος)Ein einzelner Stein, ein Stück FelsBezieht sich auf die Person Simon Petrus als ein Mitglied des Fundaments.
FelsenPetra (πέτρα)Ein massiver Fels, ein Felsmassiv, das FundamentDas unverrückbare Fundament, auf dem die Versammlung gebaut wird – das Bekenntnis zu Jesus Christus als dem Sohn Gottes.

Die Schlüssel des Himmelreichs und die Macht des Bindens und Lösens (Matthäus 16,19)

Nach der Aussage über den Felsen fährt Jesus fort: „Ich werde dir die Schlüssel des Reiches der Himmel geben; und was irgend du auf der Erde binden wirst, wird in den Himmeln gebunden sein; und was irgend du auf der Erde lösen wirst, wird in den Himmeln gelöst sein.“ Dieser Vers, oft missverstanden und im Zusammenhang mit der absoluten Autorität über die Kirche interpretiert, hat tatsächlich eine andere, spezifischere Bedeutung, die mit der Öffnung des Reiches der Himmel zu tun hat.

Die Metapher der Schlüssel ist hier zentral. Mit Schlüsseln baut man nicht; man schließt damit auf oder zu. Petrus erhielt die Schlüssel des Reiches der Himmel. Dies bedeutet, dass er die Befugnis hatte, das Reich der Himmel für Menschen zu öffnen und sie zuzulassen. Es war eine einzigartige, historische Rolle bei der Eröffnung des Zugangs zum Evangelium und zum Reich Gottes für verschiedene Gruppen von Menschen.

Die Apostelgeschichte liefert die besten Beispiele für diese einzigartige Rolle des Petrus, der die „Schlüssel“ benutzt, um das Reich der Himmel zu öffnen:

  • Apostelgeschichte Kapitel 2: Am Pfingsttag predigt Petrus als Erster zu den Juden. Tausende werden durch seine Predigt ergriffen, bekennen ihre Sünden und werden getauft. Dies ist der erste Akt der Öffnung des Reiches der Himmel für das Volk Israel nach der Auferstehung Jesu.
  • Apostelgeschichte Kapitel 8: Petrus und Johannes werden nach Samaria gesandt, um den Samaritanern die Gabe des Heiligen Geistes zu vermitteln, nachdem Philippus ihnen gepredigt hatte. Petrus ist hier maßgeblich beteiligt an der Öffnung des Reiches für diese ethnisch gemischte Gruppe, die zuvor von den Juden gemieden wurde.
  • Apostelgeschichte Kapitel 10: Petrus wird durch eine Vision und die Führung des Geistes zu Kornelius gesandt, einem Heiden. Durch seine Predigt empfangen Kornelius und sein Haus den Heiligen Geist, noch bevor sie getauft werden. Dies ist der entscheidende Moment, in dem das Reich der Himmel für die Heiden geöffnet wird – und wiederum ist es Petrus, der die Schlüssel benutzt, um diesen Zugang zu ermöglichen.

Die Macht des Bindens und Lösens in diesem spezifischen Kontext bedeutet, dass Petrus die Autorität hatte, Entscheidungen über die Zulassung von Personen zum Reich der Himmel zu treffen. Wenn er beispielsweise (im Einklang mit Gottes Willen) ablehnte, jemanden zuzulassen, würde Gott diese Entscheidung anerkennen und im Himmel gebunden sein. Umgekehrt, wenn er jemanden zuließ (durch die Verkündigung des Evangeliums und die Taufe der Gläubigen), würde dies im Himmel gelöst und anerkannt werden. Diese Autorität war spezifisch für die Eröffnung des Reiches für verschiedene Gruppen von Menschen und nicht eine allgemeine, fortwährende legislative Gewalt über die gesamte Kirche oder eine persönliche Vergebungsvollmacht im Sinne des Sakraments.

Die Macht des Bindens und Lösens in anderen biblischen Kontexten

Es ist wichtig zu verstehen, dass die Bibel die Autorität des Bindens und Lösens nicht nur in Matthäus 16,19 erwähnt, sondern auch in anderen Kontexten, die sich auf die Versammlung oder individuelle Sündenvergebung beziehen. Dies zeigt, dass die Macht, die Petrus in Matthäus 16 erhielt, spezifisch war und sich von anderen Formen der Autorität unterscheidet, die anderen Gläubigen oder der gesamten Gemeinde gegeben wurden.

Matthäus 18,18 – Die Versammlung und Gemeindezucht

In Matthäus 18,18, kurz nach den Anweisungen zur Gemeindezucht, sagt Jesus: „Wahrlich, ich sage euch: Was irgend ihr auf der Erde binden werdet, wird in den Himmeln gebunden sein; und was irgend ihr auf der Erde lösen werdet, wird in den Himmeln gelöst sein.“ Hier wird die Macht zu Binden und zu Lösen nicht einer einzelnen Person, sondern den „Zweien oder Dreien“ gegeben, die im Namen des Herrn versammelt sind (Vers 20). Dieser Kontext bezieht sich eindeutig auf die Gemeindezucht und die Autorität der lokalen Versammlung, Entscheidungen bezüglich der Mitgliedschaft und des Verhaltens innerhalb der Gemeinde zu treffen. Es geht um die Anerkennung oder Nichtanerkennung von Personen innerhalb der Gemeinschaft der Gläubigen. Die Versammlung hat die Befugnis, jemanden aufgrund von Sünde auszuschließen (binden) oder wieder aufzunehmen, wenn Reue gezeigt wird (lösen), und diese Entscheidungen werden von Gott im Himmel anerkannt, da sie im Einklang mit seinem Wort getroffen werden.

Johannes 20,23 – Sündenvergebung und jeder Jünger

Nach seiner Auferstehung erscheint Jesus seinen Jüngern und sagt in Johannes 20,23: „Welchen irgend ihr die Sünden vergebt, denen sind sie vergeben; welchen irgend ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.“ Diese Aussage wird jedem Jünger verliehen und hat nichts mit einem exklusiven Priestertum oder einer hierarchischen Vermittlung zu tun. Es geht um die Verkündigung der Sündenvergebung, die durch den Glauben an Christus erlangt wird, und die Bestätigung dieser Vergebung durch die Taufe oder die Gemeinschaft.

Ein klares Beispiel für die Anwendung dieser Macht ist die Taufe. Wenn ein Gläubiger einen anderen tauft, erklärt er durch diese Handlung, dass die Sünden der getauften Person durch den Glauben an Jesus vergeben sind und dass diese Person zum Reich der Himmel oder zur Versammlung als Haus Gottes zugelassen wird. Der Täufer „löst“ die Person von ihren Sünden, indem er die biblische Wahrheit der Vergebung durch Christus proklamiert und durch die Taufe bestätigt. Wenn jemand sich weigert, Buße zu tun und zu glauben, werden ihm die Sünden behalten – nicht durch eine willkürliche Entscheidung des Jüngers, sondern weil die Person die von Gott bereitgestellte Vergebung durch Christus ablehnt. Der Jünger erkennt lediglich diesen Zustand an und erklärt ihn, basierend auf den klaren Anweisungen des Evangeliums.

Vergleich: Kontexte des Bindens und Lösens

BibelstelleEmpfänger der AutoritätKontext / Bedeutung der AutoritätBezug
Matthäus 16,19PetrusÖffnen des Reiches der Himmel für verschiedene Personengruppen (Juden, Samariter, Heiden) durch die Verkündigung des Evangeliums.Das Reich der Himmel / Seine Öffnung
Matthäus 18,18Die Versammlung (Zwei oder Drei im Namen des Herrn versammelt)Gemeindezucht; Anerkennung oder Ausschluss von Mitgliedern aus der Gemeinschaft basierend auf biblischen Prinzipien.Die Versammlung / Ihre Disziplin
Johannes 20,23Jeder JüngerVerkündigung und Bestätigung der Sündenvergebung durch den Glauben an Christus; Anerkennung des geistlichen Zustands einer Person.Die Sündenvergebung / Das Evangelium

Häufig gestellte Fragen

Ist Petrus der erste Papst der Kirche?
Basierend auf der Analyse der griechischen Wörter „Petros“ (einzelner Stein) und „Petra“ (massiver Fels) in Matthäus 16,18, sowie der spezifischen Bedeutung der Schlüssel des Himmelreichs in Vers 19, gibt die Bibel keine Grundlage für die Lehre, dass Petrus das Haupt der Kirche ist oder dass er ein Amt innehatte, das dem des Papstes entspricht. Die Kirche wird auf den Felsen des Bekenntnisses zu Christus gebaut, nicht auf Petrus als Person. Die Rolle des Petrus war einzigartig und historisch, insbesondere bei der Öffnung des Evangeliums für alle Völker.
Was genau bedeuten „die Schlüssel des Himmelreichs“?
Die Schlüssel des Himmelreichs, die Petrus gegeben wurden, symbolisieren die Autorität, das Reich Gottes für Menschen zu öffnen. Petrus nutzte diese Schlüssel, indem er als Erster das Evangelium den Juden (Apg 2), den Samaritanern (Apg 8) und den Heiden (Apg 10) verkündete und ihnen somit den Zugang zum Reich der Himmel ermöglichte. Es war eine einmalige, historische Rolle bei der Eröffnung des Reiches für alle Menschen, nicht eine fortwährende, allgemeine Herrschaftsautorität über die Kirche.
Wem wurde die Macht des Bindens und Lösens gegeben?
Die Macht des Bindens und Lösens wird in der Bibel in verschiedenen Kontexten erwähnt und an unterschiedliche Empfänger delegiert:

  • In Matthäus 16,19 wurde sie Petrus in Bezug auf die Öffnung des Reiches der Himmel für verschiedene Gruppen von Menschen gegeben.
  • In Matthäus 18,18 wurde sie der gesamten Versammlung (Gemeinde) in Bezug auf die Gemeindezucht und die Anerkennung oder den Ausschluss von Mitgliedern gegeben.
  • In Johannes 20,23 wurde sie jedem Jünger in Bezug auf die Verkündigung der Sündenvergebung durch den Glauben an Christus gegeben.
  • So wird deutlich, dass diese Autorität nicht exklusiv bei einer Person liegt, sondern auf verschiedene Weisen und in verschiedenen Kontexten an Gläubige oder die Gemeinde als Ganzes delegiert wurde, stets im Einklang mit Gottes Wort.

Wie interpretiert die katholische Kirche Matthäus 16,18?
Die katholische Kirche interpretiert Matthäus 16,18 dahingehend, dass Petrus der Felsen ist, auf dem die Kirche gebaut wurde, und dass er der erste Papst war, dem eine besondere Autorität und Unfehlbarkeit verliehen wurde. Diese Interpretation bildet die theologische Grundlage für das Papstamt und die apostolische Sukzession. Unsere Analyse der Originalsprache und des biblischen Kontextes zeigt jedoch, dass diese Auslegung nicht durch die genauen Begriffe und die Anwendung der Autorität in der Apostelgeschichte gestützt wird. Die biblischen Texte legen nahe, dass Christus der einzige Fels der Errettung ist und das Bekenntnis zu Ihm das Fundament der Kirche bildet.
Welche Rolle spielte Petrus sonst noch im Neuen Testament?
Petrus war zweifellos eine führende Figur unter den Aposteln, ein Mann des Glaubens, der Leidenschaft und der Fehler. Er war ein wichtiger Prediger und Zeuge der Auferstehung Jesu. Seine Rolle war entscheidend bei der Gründung und Ausbreitung der frühen Kirche, insbesondere durch seine Nutzung der Schlüssel des Himmelreichs. Er war ein Apostel, ein „Fundament“ in dem Sinne, dass die Apostel und Propheten das Fundament bilden (Epheser 2,20), aber nicht der alleinige oder ewige Felsen, auf dem die Kirche steht – dieser Felsen ist Christus selbst und das Bekenntnis zu Ihm. Seine Autorität war apostolisch und einzigartig für seine Zeit, aber nicht übertragbar im Sinne einer fortwährenden päpstlichen Linie.

Fazit

Die sorgfältige Untersuchung von Matthäus 16,18 und 19, insbesondere unter Berücksichtigung der griechischen Originalwörter „Petros“ und „Petra“ sowie des breiteren biblischen Kontextes, offenbart eine tiefere und nuanciertere Bedeutung als die oft proklamierte Interpretation. Es wird klar, dass der „Felsen“, auf dem die Versammlung gebaut wird, nicht die Person Petrus selbst ist, sondern das fundamentale Bekenntnis zu Jesus Christus als dem Sohn Gottes. Petrus war derjenige, der dieses Bekenntnis als Erster aussprach, und in diesem Sinne ist er ein wichtiger „Stein“ im Bauwerk, aber nicht der „Fels“ des Fundaments selbst.

Die „Schlüssel des Himmelreichs“, die Petrus gegeben wurden, waren eine spezifische Autorität zur Öffnung des Reiches für verschiedene Gruppen von Menschen – Juden, Samariter und Heiden –, eine Rolle, die er in der Apostelgeschichte erfüllte. Die Macht des Bindens und Lösens, so zeigt die Schrift, ist in unterschiedlichen Kontexten und an unterschiedliche Empfänger – die Versammlung als Ganzes oder jeden einzelnen Jünger – delegiert worden, sei es für die Gemeindezucht oder die Verkündigung der Sündenvergebung. Diese differenzierte Betrachtung der biblischen Texte ist entscheidend für ein ausgewogenes Verständnis von Autorität und Struktur innerhalb der christlichen Gemeinde.

Dieses Verständnis unterstreicht die Rolle Christi als das alleinige Haupt und Fundament seiner Versammlung und betont, dass die Autorität innerhalb des Reiches Gottes nicht auf einer menschlichen Hierarchie basiert, sondern auf dem Glauben an Jesus Christus und der Treue zu seinem Wort. Es lädt uns ein, die Schrift genau zu studieren, ihre sprachlichen Feinheiten zu würdigen und die ewigen Wahrheiten Gottes in ihrer ursprünglichen Klarheit zu erfassen, um ein fundiertes Verständnis unseres Glaubens zu entwickeln.

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