15/08/2023
Die Liturgie ist seit jeher das pulsierende Herz des christlichen Glaubens, ein heiliger Raum, in dem Himmel und Erde sich berühren. Sie ist mehr als nur eine Abfolge von Riten; sie ist eine lebendige Begegnung mit dem Göttlichen, eine Feier, die alle Sinne ansprechen soll. In dieser tiefen spirituellen Erfahrung spielt der Gesang eine zentrale und oft unterschätzte Rolle. Er ist nicht nur schmückendes Beiwerk, sondern ein wesentlicher Bestandteil, der die Worte mit Seele füllt und sie über die reine Information hinaushebt. Insbesondere die Verkündigung des Evangeliums, der Frohbotschaft unseres Herrn Jesus Christus, verlangt nach einer Form, die ihrer Bedeutung gerecht wird. Hier tritt eine altehrwürdige Praxis in den Vordergrund, die seit Jahrhunderten die Herzen der Gläubigen berührt: das Kantillieren. Diese besondere Art des Vortrags verwandelt das gesprochene Wort in eine feierliche Proklamation und lässt die Botschaft des Heils in ihrer vollen Pracht erstrahlen.

Was gehört zur vollen Gestalt der Liturgie?
Die Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils, insbesondere die Artikel 112 und 113, sowie die Instruktion „Musicam Sacram“ von 1967 (Absatz 5) und die Allgemeine Einführung in das Römische Messbuch (AEM 19, 76, 77) betonen unmissverständlich: Zum vollen und würdigen Vollzug der Liturgie gehört der Gesang. Es ist keine Option, sondern ein integraler Bestandteil, der die Gemeinschaft im Gebet vereint und die sakralen Handlungen feierlicher gestaltet. Der Gesang trägt dazu bei, dass die Liturgie nicht nur gehört, sondern auch emotional und spirituell erfahren wird. Er hebt die Texte über das Alltägliche hinaus und verleiht ihnen eine erhabene Dimension, die dem göttlichen Geheimnis angemessen ist.
Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei der Verkündigung des Evangeliums. Es ist nicht einfach nur eine Lesung; es ist die „Proklamation des Heils“, die Vergegenwärtigung des lebendigen Wortes Christi in unserer Mitte. Eine solch bedeutsame Verkündigung verlangt nach einer „gehobenen Art des Vortrags“. Seit der Antike ist das Kantillieren eine bewährte Methode, poetische oder proklamatorische Texte öffentlich vorzutragen. Es ist eine Form, die es ermöglicht, die Botschaft mit einer besonderen Autorität und Feierlichkeit zu übermitteln, die die Gläubigen in ihren Bann zieht und sie tiefer in das Geheimnis des Glaubens eintauchen lässt.
Kantillieren: Eine Kunst im Dienst des Wortes
Was genau verbirgt sich hinter dem Begriff „Kantillieren“? Es bezeichnet den freirhythmisch-melodischen Vortrag liturgischer Texte. Im Gegensatz zum Gesang im engeren Sinne, bei dem die Melodie oft dominanter ist und die rhythmische Struktur strenger, steht beim Kantillieren die Sprache mit ihren natürlichen Betonungen im Vordergrund. Es ist eine musikalische Form, die sich gänzlich dem Wort unterordnet; es ist „ganz Dienst am Wort“. Die Melodie dient dazu, die Nuancen der Sprache hervorzuheben, die Bedeutung zu unterstreichen und die Botschaft klar und eindringlich zu vermitteln, ohne sie zu überlagern.
Durch die Kantillation wird das Wort Gottes in besonderer Weise ausgezeichnet. Es erhält eine Würde und eine Präsenz, die über das bloße Sprechen hinausgeht. Gerade in jenen Gemeinden, in denen das Evangelium regelmäßig kantilliert wird, kann es von den Gläubigen als der unbestreitbare Höhepunkt der Wortverkündigung wahrgenommen werden. Es wird zu einem Moment der tiefen Begegnung, in dem die „Frohbotschaft unseres Herrn Jesus Christus“ nicht nur intellektuell erfasst, sondern auch emotional und spirituell erlebt wird. Die Melodie trägt dazu bei, die Botschaft im Herzen zu verankern und sie zu einem unvergesslichen Erlebnis zu machen, das im Gedächtnis und im Glauben der Zuhörer nachwirkt.
Die unterstützenden Elemente und die gestufte Feierlichkeit
Die Wirkung der Kantillation kann und soll durch zusätzliche rituelle Elemente verstärkt werden. Ein schön gestaltetes Evangeliar, das oft kunstvoll verziert ist, symbolisiert die Kostbarkeit des verkündeten Wortes. Eine feierliche Evangelienprozession, bei der das Evangeliar von Dienern mit Leuchtern und Weihrauch begleitet wird, betont die Bedeutung dieses Moments zusätzlich. Diese Elemente sind nicht nur ästhetischer Natur; sie sind Ausdruck der Ehrfurcht und Verehrung, die dem Wort Gottes entgegengebracht werden. Sie schaffen eine Atmosphäre der Erwartung und Konzentration, die die Gläubigen auf die Verkündigung vorbereitet und ihre Herzen öffnet.
Das „Prinzip der gestuften Festlichkeit“ ist auch bei der Ausgestaltung der Evangelienverkündigung von großer Bedeutung. An einem Hochfest, wie Weihnachten oder Ostern, wird die Verkündigung naturgemäß feierlicher sein als an einem gewöhnlichen Werktag. Dies spiegelt sich in der Wahl der musikalischen Gestaltung, der Anzahl der beteiligten Personen und der Verwendung der rituellen Elemente wider. Das Kantillieren ist jedoch grundsätzlich eine adäquate Vortragsart des Evangeliums, unabhängig vom Grad der Festlichkeit, vorausgesetzt, die äußeren Voraussetzungen sind gegeben. Das bedeutet, dass die Kantillation gut ausgeführt werden muss. Wer sie nicht beherrscht, möge lieber sprechen, um die Würde der Verkündigung nicht zu mindern. Dies entbindet diejenigen, die mit der Verkündigung des Evangeliums betraut sind, jedoch nicht von der Notwendigkeit, sich entsprechend ausbilden zu lassen und ihre Fähigkeiten zu perfektionieren.
Bernhard Stürbers Beitrag zur Evangelienkantillation
In diesem Kontext verdient die Arbeit von Bernhard Stürber besondere Erwähnung. Im Jahr 1997 erschien im Verlag des Priesterseminars München und Freising der erste von insgesamt vier Bänden mit den von ihm zum Kantillieren eingerichteten Evangelien. Diese Sammlung umfasste die Evangelien der geprägten Zeiten, wie die Advents- und Weihnachtszeit sowie die Fasten- und Osterzeit, aber auch die Texte zu den Herrenfesten und den Gedenktagen und Festen der Heiligen. Die Nachfrage nach diesen gedruckten Ausgaben war enorm, was die große Bedeutung und den Bedarf an solchem Material unterstreicht. Seit 2008 waren die Bände vergriffen, doch Stürber hatte bereits den Plan gefasst, seine Arbeit online zur Verfügung zu stellen, um eine noch breitere Zugänglichkeit zu ermöglichen. Im Jahr 2011 war es dann soweit, dass das umfangreiche Material entsprechend bearbeitet und auf seiner Homepage veröffentlicht werden konnte.
Diese Initiative von Bernhard Stürber ist ein Segen für alle, die sich um eine würdige und glaubwürdige Verkündigung der Frohbotschaft bemühen. Sie bietet Priestern, Diakonen und anderen Liturgieverantwortlichen eine praktische Hilfe, um das Evangelium in einer Weise vorzutragen, die seine spirituelle Tiefe und Schönheit voll zur Geltung bringt. Stürber hegt zudem die Hoffnung, bald auch die Sonntage im Jahreskreis „vertont“ zu haben und diese ebenfalls online bereitzustellen. Sein Engagement spiegelt das tiefe Verständnis wider, dass die Form der Verkündigung untrennbar mit dem Inhalt verbunden ist und dass eine sorgfältige musikalische Gestaltung die Botschaft des Glaubens auf einzigartige Weise verstärken kann.
Die Praxis des Kantillierens: Herausforderungen und Richtlinien
Eine gute Vorbereitung der zum Kantillieren eingerichteten Evangelien ist unerlässlich. Dies bedeutet nicht nur das bloße Lesen des Textes, sondern das laute Durchsingen, um sich mit den melodischen Phrasen und den sprachlichen Nuancen vertraut zu machen. Die deutsche Sprache stellt hierbei besondere Anforderungen, da sie eine Vielzahl von langen und kurzen, sowie leichten und schweren Silben aufweist. Um den natürlichen Sprachrhythmus zu erhalten, muss jede Nivellierung durch gleichlange Silben unbedingt vermieden werden. Das bedeutet, dass auch Wortakzente, die nicht explizit durch eine Melodieformel ausgezeichnet sind, durch leichte Dehnungen hörbar gemacht werden müssen, um den Fluss und die Verständlichkeit des Textes zu gewährleisten.
Lautstärke und Tempo des Vortrags sind stark von der Größe des Kirchenraums und dessen Akustik abhängig. Ein guter Kantillist passt seinen Vortrag diesen Gegebenheiten an, um sicherzustellen, dass die Botschaft klar und deutlich in jedem Winkel des Raumes ankommt. Der gewählte Rezitationston „a“ ist nicht als absolute Tonhöhe zu verstehen, sondern dient als Referenzpunkt. Die tatsächliche Tonhöhe ist von der individuellen Stimmlage des Sängers abhängig, sollte jedoch im Allgemeinen nicht unter den Ton „f“ fallen. Dabei ist auf einen hellen und klaren Stimmklang zu achten, der die Würde des Textes unterstreicht und die Aufmerksamkeit der Zuhörer fesselt.

Die Einrichtung der Texte zum Singen wurde nach dem „Regelbuch für die Orations- und Lektionstöne in deutscher Sprache“ vorgenommen, einem etablierten Standardwerk. Eine bemerkenswerte Ausnahme bilden die Vertonungen der Weihnachtsevangelien „In der Nacht“ und „Am Morgen“, die einer alten Tradition folgend nach dem sogenannten „Jesaja-Ton“ eingerichtet wurden, was ihnen eine besondere feierliche Note verleiht. Darüber hinaus wurden einige Varianten der approbierten Evangelientöne eingearbeitet. Beim ersten Evangelienton sind dies beispielsweise die Hinzunahme von Beuge und Wende, wie sie beim Orationston 1 üblich sind. Eine weitere traditionelle Gestaltung ist das Initium (der Beginn) mit der Wendeformel, insbesondere wenn der Text mit einer formelhaften Wendung wie „In jener Zeit“ beginnt. Auch die Möglichkeit, Ruf und Antwort nach dem Evangelium aus der Satzschlussformel des jeweiligen Tons zu bilden, wird aufgezeigt, was die Kohärenz des liturgischen Geschehens stärkt.
Die Gliederung der Texte in Sinnschritten wurde weitgehend vom Messlektionar übernommen, was eine Kontinuität zur gesprochenen Form gewährleistet. Abweichungen davon ergeben sich aus den Eigenheiten des gesanglichen Vortrags im Unterschied zum Sprechen, insbesondere im Hinblick auf das Atmen und die musikalische Phrasierung. Grundsätzlich wurde stets versucht, den natürlichen Betonungsverhältnissen der deutschen Sprache Rechnung zu tragen. Dies bedeutet, dass den Sprechakzenten, und hier insbesondere dem Hauptakzent, der Vorrang eingeräumt wurde. In seltenen Fällen kann dies dazu führen, dass bis zu acht Silben nach dem Hauptakzent folgen, was vom Sänger viel Geschicklichkeit erfordert, um den natürlichen Sprachfluss und die Verständlichkeit zu bewahren. Gelegentliche Textänderungen oder -umstellungen, die lebendige Sprache und Kantillationsformeln in Einklang bringen sollen, sind jeweils kenntlich gemacht (EÜ = Einheitsübersetzung). Die Wortbetonungen orientieren sich an der deutschen Standardlautung gemäß Duden-Aussprachewörterbuch, wobei bei mehreren Möglichkeiten die erstgenannte Form bevorzugt wird. Regionale Abweichungen bleiben dem Ermessen des Verkündigers überlassen.
Vergleich: Sprechen versus Kantillieren des Evangeliums
| Merkmal | Gesprochenes Evangelium | Kantilliertes Evangelium |
|---|---|---|
| Vortragsart | Standard, alltäglich, direkt | Freirhythmisch-melodisch, gehoben |
| Wirkung auf Hörer | Informationsvermittlung, Verständnis | Feierliche Proklamation, emotionales Erleben, spirituelle Tiefe |
| Fokus | Klarheit der Worte | Sprache mit natürlichen Betonungen, im Dienst der Botschaft |
| Anlass | Werktage, weniger feierliche Anlässe, wenn Kantillation nicht beherrscht wird | Grundsätzlich immer adäquat, besonders an Hochfesten und feierlichen Anlässen |
| Erforderliche Vorbereitung | Lesen, Verstehen | Lautes Durchsingen, Beachtung von Rhythmus, Betonung und Akustik |
| Unterstützende Rituale | Weniger betont, optional | Evangeliar, Prozession, Leuchter, Weihrauch zur Verstärkung der Feierlichkeit |
Diese Tabelle verdeutlicht, dass beide Vortragsarten ihren Platz in der Liturgie haben, aber das Kantillieren dem Evangelium eine zusätzliche Ebene der Heiligkeit und Feierlichkeit verleiht, die es zu einem unvergesslichen Moment der Anbetung macht.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Was ist Kantillieren genau und wie unterscheidet es sich vom normalen Gesang?
Das Kantillieren ist ein freirhythmisch-melodischer Vortrag liturgischer Texte. Es unterscheidet sich vom Gesang im engeren Sinne dadurch, dass die natürlichen Betonungen der Sprache im Vordergrund stehen und die Melodie dem Wort dient, anstatt es zu dominieren. Es ist eine Form, die die Botschaft mit einer besonderen Würde und Klarheit übermittelt.
Warum ist der Gesang in der Liturgie so wichtig?
Der Gesang ist ein integraler Bestandteil der vollen Gestalt der Liturgie, wie in wichtigen kirchlichen Dokumenten wie der Liturgiekonstitution betont wird. Er vereint die Gläubigen, hebt die Texte über das Alltägliche hinaus, schafft eine Atmosphäre der Feierlichkeit und ermöglicht eine tiefere, emotionalere und spirituellere Erfahrung des Glaubens und des Wortes Gottes.
Wer kann das Evangelium kantillieren?
Grundsätzlich kann jeder, der mit der Verkündigung des Evangeliums betraut ist – in der Regel Priester und Diakone – das Evangelium kantillieren. Es erfordert jedoch eine entsprechende Ausbildung und gute Beherrschung der Technik. Wenn die Kantillation nicht gut ausgeführt werden kann, wird empfohlen, das Evangelium lieber zu sprechen, um die Würde der Verkündigung zu wahren.
Gibt es spezielle Regeln oder Richtlinien für das Kantillieren in deutscher Sprache?
Ja, die Einrichtung der Texte zum Kantillieren erfolgt nach spezifischen Regelwerken, wie dem „Regelbuch für die Orations- und Lektionstöne in deutscher Sprache“. Besonderes Augenmerk liegt auf der Berücksichtigung der deutschen Sprachrhythmik, der langen und kurzen Silben sowie der Wortbetonungen, um den natürlichen Sprachfluss zu erhalten und die Verständlichkeit zu gewährleisten.
Wo finde ich die Evangelien zum Kantillieren, die von Bernhard Stürber eingerichtet wurden?
Bernhard Stürber hat seine zum Kantillieren eingerichteten Evangelien, die ursprünglich in vier gedruckten Bänden erschienen sind, seit 2011 online auf seiner Homepage zur Verfügung gestellt. Dies ermöglicht einen breiten Zugang zu diesem wertvollen Material für alle, die sich um eine würdige Verkündigung der Frohbotschaft bemühen.
Wie werden die Vorschläge für die Gesänge im Sonn- und Festtagsgottesdienst aktualisiert?
Die Vorschläge für die Gesänge im Sonn- und Festtagsgottesdienst werden entsprechend dem Kirchenjahr monatlich aktualisiert. Sie basieren oft auf dem „Gotteslob“ und werden häufig als PDF-Dateien zum Download bereitgestellt, um den Gemeinden eine aktuelle und praktische Hilfe für die musikalische Gestaltung der Liturgie zu bieten.
Die Arbeit von Bernhard Stürber und die fortwährende Betonung des Gesangs in der Liturgie unterstreichen eine fundamentale Wahrheit: Das Wort Gottes ist lebendig, und es verdient, in seiner vollen Pracht verkündet zu werden. Das Kantillieren ist dabei weit mehr als eine musikalische Darbietung; es ist eine tiefe spirituelle Praxis, die das Evangelium vom bloßen Text zu einer erlebten Wirklichkeit erhebt. Es ist ein Dienst an der Gemeinde, der dazu beiträgt, dass die Botschaft des Heils nicht nur gehört, sondern im Herzen verankert wird und dort Frucht trägt. Möge diese wertvolle Arbeit weiterhin dazu beitragen, dass die Frohbotschaft Christi in unseren Kirchen stets würdig, glaubwürdig und mitreißend erklingt, zur Ehre Gottes und zum Heil der Menschen.
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