07/08/2023
Die vier Evangelien des Neuen Testaments – Matthäus, Markus, Lukas und Johannes – sind die Eckpfeiler des christlichen Glaubens. Sie erzählen die Geschichte Jesu Christi, sein Leben, seine Lehren, seine Wunder, seinen Tod und seine Auferstehung. Doch wer waren die Menschen hinter diesen monumentalen Werken, und welche spezifischen Botschaften wollten sie ihren jeweiligen Lesern vermitteln? Diese Fragen sind entscheidend, um die Tiefe und Vielfalt der biblischen Berichte vollständig zu erfassen.

Jedes Evangelium hat seinen eigenen Stil, seine eigene Perspektive und seinen eigenen Schwerpunkt, was es zu einem einzigartigen Fenster in das Leben des Erlösers macht. Während sie alle von derselben zentralen Figur berichten, tun sie dies auf Weisen, die auf unterschiedliche Zielgruppen zugeschnitten waren und spezifische theologische Anliegen widerspiegelten. Das Verständnis dieser Nuancen bereichert unser Lesen und unsere Wertschätzung dieser heiligen Texte erheblich.
Wer ist der Verfasser des dritten Evangeliums?
Das dritte Evangelium, das nach dem Evangelium des Matthäus und des Markus kommt, wird traditionell dem Lukas zugeschrieben. Lukas war kein Augenzeuge des irdischen Wirkens Jesu, sondern ein heidnischer Arzt und Begleiter des Apostels Paulus auf einigen seiner Missionsreisen. Diese Zuschreibung basiert auf frühen Kirchenvätern und internen Hinweisen im Text. Das Lukas-Evangelium ist zusammen mit der Apostelgeschichte, die ebenfalls von Lukas verfasst wurde, das längste Werk im Neuen Testament und bildet eine zusammenhängende historische und theologische Erzählung.
Lukas war ein akribischer Historiker und Forscher. Er beginnt sein Evangelium mit der Feststellung, dass er sich vorgenommen hat, „alles von Anfang an genau zu erforschen und es dir, hochgeehrter Theophilus, der Reihe nach aufzuschreiben“ (Lukas 1,3). Dies deutet auf eine sorgfältige Sammlung und Überprüfung von Augenzeugenberichten und mündlichen Überlieferungen hin. Seine Darstellung zeichnet sich durch eine bemerkenswerte Liebe zum Detail, eine fließende griechische Sprache und ein ausgeprägtes Interesse an der historischen und kulturellen Kontextualisierung aus.
Ein zentrales Thema in Lukas’ Evangelium ist die Universalität der Erlösung. Im Gegensatz zu Matthäus, der sich primär an ein jüdisches Publikum richtet, betont Lukas, dass Jesu Botschaft für alle Menschen, Juden und Heiden gleichermaßen, bestimmt ist. Dies zeigt sich in Genealogie Jesu, die bis auf Adam zurückgeht, und in der Betonung der Ausgestoßenen, der Armen, der Frauen und der Sünder. Geschichten wie das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, vom verlorenen Sohn oder die Begegnung mit Zachäus sind einzigartig bei Lukas und unterstreichen Jesu Mitgefühl und seine Inklusion.
Darüber hinaus legt Lukas großen Wert auf Gebet und den Heiligen Geist. Jesus wird oft beim Beten dargestellt, und der Heilige Geist spielt eine entscheidende Rolle bei der Geburt Jesu, seiner Taufe und seinem Dienst. Lukas’ Evangelium ist auch bekannt für seine einzigartigen Geburtsgeschichten, die sich auf Maria und Elisabeth konzentrieren, sowie für die Lieder des Lobes (Magnificat, Benedictus, Nunc Dimittis).
Was bedeutet das Evangelium von Matthäus?
Das Evangelium des Matthäus wendet sich in der Tat primär an Juden und besonders an die religiöse Welt seiner Zeit. Es ist ein Evangelium, das Jesus als den verheißenen Messias und König Israels darstellt, der die Prophezeiungen des Alten Testaments erfüllt. Die Überschrift aus dem Alten Testament, Sacharja 9,9: „Frohlocke laut, Tochter Zion; jauchze, Tochter Jerusalem! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Retter, demütig und auf einem Esel reitend, ja, auf einem Eselsfohlen, dem Jungen einer Eselin“, ist eine exzellente Zusammenfassung der matthäischen Botschaft von Jesus als dem erfüllten König Israels.
Matthäus, der traditionell als ehemaliger Zöllner und Apostel Jesu identifiziert wird, ist der einzige Evangelist, der den Begriff „Kirche“ (griechisch: ekklesia) verwendet. Dies deutet auf sein Interesse an der Struktur und dem Auftrag der neuen Gemeinschaft der Gläubigen hin, die aus Juden und Heiden besteht.
Ein Hauptmerkmal des Matthäus-Evangeliums sind die fünf großen Redeblöcke Jesu, die oft als „Diskurse“ bezeichnet werden und an die fünf Bücher Mose erinnern könnten. Der bekannteste dieser Blöcke ist die Bergpredigt (Matthäus 5-7), die die ethischen Anforderungen des Himmelreichs darlegt. Matthäus betont, dass Jesus nicht gekommen ist, um das Gesetz oder die Propheten aufzulösen, sondern um sie zu erfüllen (Matthäus 5,17). Er zeigt, wie Jesus das Alte Testament interpretiert und in seiner Person und Lehre zur Vollendung bringt.
Weitere wichtige Themen bei Matthäus sind:
- Das Reich der Himmel: Ein zentraler Begriff, der die Herrschaft Gottes und die neue Ordnung, die Jesus auf der Erde etabliert, beschreibt.
- Gerechtigkeit: Die Forderung nach einer tiefgehenden Gerechtigkeit, die über die bloße Einhaltung äußerlicher Regeln hinausgeht.
- Jesu Autorität: Matthäus unterstreicht immer wieder die einzigartige Autorität Jesu als Lehrer, Heiler und Herr über Himmel und Erde.
- Die Große Mission: Das Evangelium endet mit dem Auftrag an die Jünger, alle Völker zu lehren und zu taufen (Matthäus 28,18-20), was die universelle Ausrichtung der Botschaft Jesu trotz des anfänglichen Fokus auf Israel zeigt.
Matthäus ist bekannt für seine vielen Zitate aus dem Alten Testament, die oft mit der Formel „damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten“ eingeleitet werden. Dies diente dazu, seinen jüdischen Lesern zu beweisen, dass Jesus tatsächlich der lang erwartete Messias war.

Die anderen Evangelien im Überblick
Um ein vollständiges Bild zu erhalten, ist es hilfreich, auch die anderen beiden synoptischen Evangelien (Markus und Johannes) kurz zu betrachten, da sie alle zusammen ein umfassendes Porträt Jesu zeichnen.
- Das Markus-Evangelium: Dies ist das kürzeste und wahrscheinlich älteste der vier Evangelien. Markus, der als Begleiter des Petrus bekannt ist, konzentriert sich auf die Taten und die Kraft Jesu. Es ist ein actionreiches Evangelium, das oft mit dem Wort „sofort“ oder „alsbald“ arbeitet. Sein Hauptthema ist Jesus als der leidende Gottesknecht, der seine Macht durch seinen Dienst und sein Opfer offenbart. Es richtet sich wahrscheinlich an eine römische oder heidnische Leserschaft und erklärt jüdische Bräuche, die für sie unverständlich gewesen wären.
- Das Johannes-Evangelium: Dieses Evangelium unterscheidet sich stilistisch und inhaltlich stark von den drei synoptischen Evangelien. Johannes, einer der engsten Jünger Jesu, konzentriert sich auf die göttliche Natur Jesu, seine ewige Existenz als Wort Gottes und seine Beziehung zum Vater. Es enthält keine Gleichnisse, aber lange theologische Reden Jesu und sieben „Ich bin“-Aussagen, die Jesu Identität und Anspruch offenbaren. Sein Ziel ist es, die Menschen zum Glauben an Jesus als den Christus, den Sohn Gottes, zu führen, damit sie durch ihn Leben haben (Johannes 20,31).
Vergleichende Tabelle der Evangelien
| Evangelium | Autor (Traditionell) | Zielgruppe | Schwerpunkt/Thema | Einzigartige Merkmale |
|---|---|---|---|---|
| Matthäus | Matthäus (Apostel/Zöllner) | Jüdische Christen | Jesus als Messias, König und Erfüllung des AT | Bergpredigt, 5 große Reden, Betonung der Kirche, viele AT-Zitate |
| Markus | Markus (Begleiter des Petrus) | Römische/heidnische Christen | Jesus als leidender Gottesknecht, Sohn Gottes | Kürzestes Evangelium, actionreich, "Geheimnis des Messias", schnelle Erzählweise |
| Lukas | Lukas (Arzt, Begleiter des Paulus) | Theophilus (gebildete Heiden) | Jesus als universeller Retter, für alle Menschen | Betonung von Gebet, Heiligem Geist, Frauen, Armen, einzigartige Gleichnisse (Samariter, verlorener Sohn) |
| Johannes | Johannes (Apostel, "Lieblingsjünger") | Alle Gläubigen | Jesus als göttlicher Sohn Gottes, Logos (Wort) | Keine Gleichnisse, lange Reden, 7 "Ich bin"-Aussagen, Fokus auf Jesu Göttlichkeit und ewiges Leben |
Die Bedeutung der Evangelien heute
Die Evangelien sind nicht nur historische Dokumente, sondern lebendige Zeugnisse des Glaubens. Sie sind historisch relevant, da sie Einblicke in das Leben und die Kultur des 1. Jahrhunderts n. Chr. geben, aber ihre primäre Bedeutung liegt in ihrer theologischen Botschaft. Sie laden uns ein, Jesus Christus persönlich kennenzulernen, seine Lehren zu verstehen und seine Nachfolge anzutreten. Jedes Evangelium bietet eine einzigartige Linse, durch die wir die Person Jesu und seine Bedeutung für unser Leben betrachten können.
Das Studium der Evangelien lehrt uns nicht nur etwas über Jesus, sondern auch über uns selbst, über Gott und über die Welt. Sie fordern uns heraus, unsere eigenen Vorstellungen von Gerechtigkeit, Liebe und Barmherzigkeit zu überdenken und uns an den Maßstäben des Himmelreichs auszurichten.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Warum gibt es vier Evangelien und nicht nur eines?
Die Existenz von vier Evangelien bietet eine reichhaltigere und umfassendere Darstellung Jesu. Jedes Evangelium wurde für eine bestimmte Zielgruppe und mit einem spezifischen theologischen Fokus geschrieben. Sie sind wie vier verschiedene Porträts derselben Person, die jeweils unterschiedliche Facetten hervorheben und uns ein tieferes Verständnis seiner Identität und Mission ermöglichen. Diese Vielfalt stärkt auch die Glaubwürdigkeit, da unabhängige Zeugenberichte vorliegen.
Sind die Evangelien historisch zuverlässig?
Die Evangelien sind theologische Dokumente, die dazu bestimmt sind, den Glauben an Jesus zu wecken. Gleichzeitig enthalten sie eine Fülle von historischen Informationen, die durch archäologische Funde und außerbiblische Quellen gestützt werden. Lukas beispielsweise betont seine sorgfältige Recherche. Die meisten Historiker und Theologen betrachten die Evangelien als wichtige und grundsätzlich zuverlässige Quellen für das Leben Jesu, auch wenn sie keine modernen Biografien im strengen Sinne sind.
Was ist das 'synoptische Problem'?
Das synoptische Problem bezieht sich auf die literarische Beziehung zwischen den Evangelien Matthäus, Markus und Lukas. Sie werden als „synoptisch“ (griechisch: „zusammen sehen“) bezeichnet, weil sie viele gemeinsame Abschnitte, Erzählungen und sogar Wortlaute aufweisen. Das Problem besteht darin, zu erklären, wie diese Ähnlichkeiten und auch die Unterschiede zustande kommen. Die am weitesten verbreitete Theorie ist die „Zwei-Quellen-Theorie“, die besagt, dass Markus das älteste Evangelium ist und sowohl Matthäus als auch Lukas Markus als Quelle nutzten. Zusätzlich sollen Matthäus und Lukas eine hypothetische „Q-Quelle“ (von „Quelle“) verwendet haben, die gemeinsame Sprüche Jesu enthielt, die nicht bei Markus vorkommen.
Was bedeutet der Begriff „Evangelium“?
Das Wort „Evangelium“ kommt vom griechischen Wort euangelion, was „gute Nachricht“ oder „frohe Botschaft“ bedeutet. Im neutestamentlichen Kontext bezieht es sich auf die gute Nachricht von Jesus Christus, seinem Leben, seinem Tod und seiner Auferstehung, die zur Rettung der Menschheit dient. Später wurde der Begriff auch auf die schriftlichen Berichte über diese gute Nachricht angewandt.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Studium der Evangelien eine Reise in das Herz des christlichen Glaubens ist. Jeder Evangelist, ob Lukas der akribische Historiker oder Matthäus der theologische Lehrer, trägt auf seine einzigartige Weise dazu bei, uns ein vollständiges und dynamisches Bild von Jesus Christus zu vermitteln. Ihre Botschaften sind auch heute noch relevant und laden uns ein, die tiefgreifende Bedeutung des Lebens Jesu für unsere eigene Existenz zu entdecken und zu leben.
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