Wie viele Evangelien gibt es?

Gottesbilder im Dialog: Vielfalt der Glaubenswege

04/05/2026

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Die Suche nach dem Transzendenten, nach einer höheren, göttlichen Realität, ist ein universelles menschliches Streben, das sich in unzähligen religiösen Traditionen manifestiert. Doch wie verhalten sich diese unterschiedlichen Glaubenswege zueinander? Beziehen sich alle Religionen auf dieselbe göttliche Wirklichkeit, oder sind ihre Gottesbilder grundlegend verschieden? Diese tiefgreifenden Fragen sind nicht nur von theologischer, sondern auch von immenser gesellschaftlicher Relevanz, insbesondere in einer zunehmend pluralistischen Welt, in der der interreligiöse Dialog eine zentrale Rolle spielt. Dieser Artikel beleuchtet die komplexen Beziehungen zwischen den großen monotheistischen Religionen – Judentum, Christentum und Islam – und ergründet, was sie verbindet und wo ihre unüberbrückbaren Unterschiede liegen.

Wie kann das Evangelium in neuen Beziehungen aufleben?
Sie erfahren die verwandelnde Kraft des Evangeliums in ihrem Leben, das nun in neuen Beziehungen aufleben kann: Versetzt in die Gemeinschaft mit dem dreieinigen Gott werden sie zu Gliedern des Leibes Christi und bilden als solche seine Gemeinde.
Inhaltsverzeichnis

Die Frage der transzendenten Realität: Ein Elefant im Raum?

Der Gedanke, alle Religionen seien mit derselben transzendenten Realität vertraut, jede aber entwerfe ein perspektivisches, einseitiges und daher bloß subjektives Bild, scheint auf den ersten Blick für Gleichberechtigung zu werben. Er suggeriert, dass es eine universelle Wahrheit gibt, die von verschiedenen Kulturen und Traditionen unterschiedlich wahrgenommen wird. Doch dieser Ansatz birgt eine heimliche Annahme: Er setzt voraus, dass man Gott auch unabhängig von allen Religionen kennen kann, um dann von solcher Realität zu sagen, sie sei diejenige, die alle „Gott“ nennen, die aber jede auf andere Weise verfehlt und entstellt. Dieser vermeintliche Charme ist jedoch durch einen klammheimlichen Überbietungsanspruch gegenüber den historischen Religionen erkauft.

Wie die Heilige Schrift lehrt: „Niemand hat Gott je gesehen“ (vgl. Joh 1,18). Dies bedeutet, dass niemand den Überblick eines unabhängigen Schiedsrichters besitzt, der zwischen den Religionen vermittelnd jeder ihr partielles Recht zuweisen könnte. Die Bedeutung des interreligiösen Dialogs gründet unserer Auffassung nach gerade in dem Umstand, dass man ihn nicht aus der Perspektive des einzig richtigen Gottesverständnisses moderieren kann. Die Anerkennung, die das Recht allen Religionen gewährt und die sie auch einander zubilligen, konstituiert die pluralistische Religionskultur des Verfassungsstaates, egalisiert aber nicht ihr jeweiliges Selbstverständnis. Die rechtliche Anerkennung kann eine Gleichschaltung der Heilswege nicht erzwingen und ihnen auch nicht den Minimalismus des kleinsten gemeinsamen Nenners abverlangen.

Oft wird das Bild vom Elefanten zitiert, der von Blinden aus verschiedenen Standorten jeweils an einem Körperteil ertastet wird, sodass diese in einen Streit über ihre Vorstellungen ausbrechen: Der eine kennt nur den Rüssel, der andere nur ein Ohr, ein Dritter allein den Schwanz. Dieses Bild artikuliert den Wunsch, die einzelnen Religionen mögen sich auf die Nichtwidersprüchlichkeit ihrer unterschiedlichen Wahrnehmungen aufgrund der Einheit der Realität und zugunsten des Friedens verständigen. Doch das Bild funktioniert nur, weil es gleichzeitig auf zwei Ebenen operiert: den Standpunkten der Einzelnen, die relativ sind, und dem Standpunkt des Erzählers (und derer, die er überzeugen will). Aus dieser letzten Perspektive weiß man immer schon, was ein Elefant ist, wie Teil und Ganzes zusammengehören und auch, dass das Ganze immer größer als die Summe seiner Teile ist. Weil ein solch überlegener Standpunkt im Dialog der Religionen nicht zur Verfügung steht, bleibt das vielzitierte Bild eine bloße Suggestion, ohne weiterzuhelfen.

In einer pluralistischen Gesellschaft ist die kritische Selbstprüfung des eigenen Standpunktes eine unverzichtbare Tugend. Die Partikularität des eigenen Standpunktes muss entdeckt und in die Bildung der eigenen Identität einbezogen werden. Dies ist jedoch etwas anderes als ein Verzicht auf den eigenen Standort oder dessen Ersetzung durch einen „Blick von nirgendwo“. Individuen neigen in einer pluralistischen Religionskultur zur Patchwork-Religiosität, aber solche individuelle Religion lebt von den konkreten Gestalten öffentlicher Religionsgemeinschaften, die nicht alles Mögliche zugleich, sondern etwas Bestimmtes wirklich glauben und vertreten. Ohne prägnante Gestalten, wie sie das evangelische Christentum (aber eben auch die anderen Konfessionen und Religionen) darstellt, verläuft sich auch die religiöse Bastelbiographie ins Unbestimmte.

Judentum, Christentum, Islam: Ein Gott, drei Wege?

Judentum, Christentum und Islam verbindet das Bekenntnis zu einem einzigen Gott. Sie verstehen dieses Bekenntnis als Antwort auf eine Offenbarung, die sich kritisch gegen alle menschlichen Gottesvorstellungen und -bilder abgrenzt. Dieser Monotheismus beinhaltet die Überzeugung, dass es nur einen Gott gibt, der der Schöpfer aller Menschen ist und ihnen dieselbe Würde verleiht. Sein Wille verpflichtet sie auf das Tun des Guten, und seine erfahrbare Gegenwart erlöst und befreit sie zu einem Leben im Frieden. In diesem Glauben an den einen und einzigen Gott zeigt sich eine Zusammengehörigkeit dieser drei Religionsfamilien, die wiederum in besonderer Nachbarschaft zu dem bereits in der griechischen Antike ausgebildeten philosophischen Monotheismus steht.

Alle drei Religionen führen ihr Selbstverständnis auf unterschiedliche Weise und mit anderen Konsequenzen auf Abraham zurück:

  • Für das Judentum ist Abraham der Stammvater des jüdischen Volkes, das im Bund der Beschneidung von Gott ausgesondert und durch Mose auf den Bund der Tora verpflichtet wurde.
  • Im Christentum wird Abraham seit Paulus anders verstanden: als Vater des Glaubens, der sich dem Wort der Verheißung anvertraut und der darum für den Anfang steht, den Gott auch dem unbeschnittenen Menschen, also nicht nur den Juden, sondern auch den Heiden, im Glauben schenkt.
  • Für den Islam ist Abraham der Freund Gottes, der sich als Erster zur Anbetung des wahren Gottes bekehrt und sich von allen Götzen seiner heidnischen Herkunftsreligion abgewendet hat. Der Sohn, der ihm verheißen wurde, ist nicht Saras Sohn Isaak, sondern Ismael, der erstgeborene Sohn der Magd. Mit ihm zusammen begründet Abraham das „heilige Haus Gottes“, die Kaaba.

Obwohl sich alle drei Religionen auf denselben Abraham und einen gemeinsamen Kernbestand an Geschichten beziehen, steht Abraham jeweils für eine andere religiöse Grundüberzeugung. Schon im Blick auf Abraham gilt daher: Die drei monotheistischen Religionen unterscheiden sich in dem, was sie verbindet.

Entsprechendes gilt auch für das Verständnis Gottes, das ihr monotheistisches Bekenntnis je eigentümlich prägt. Am Christentum wird der Zusammenhang und die Differenz unmittelbar deutlich. Wenn das christliche Bekenntnis den Glauben an „Gott den Vater“ (Erster Artikel des Credos) durch die Fortsetzung „und an Jesus Christus“ (Zweiter Artikel) wesentlich charakterisiert, wird es im Horizont der monotheistischen Religionsfamilie sofort auffällig und setzt sich der Kritik aus, dem Monotheismus nicht zu entsprechen. Den Vorwurf, in einen Zwei- oder Drei-Götter-Glauben zurückzufallen, weist die christliche Theologie zurück, indem sie den Glauben an den trinitarischen Gott als christliche Form des Monotheismus präzisiert. Dies zeigt, dass noch nicht einmal das gemeinsame Prädikat der „Einheit und Einzigkeit Gottes“ unter den monotheistischen Religionen unstrittig ist. Darum bleibt die Auffassung, alle drei glaubten an denselben Gott, eine Abstraktion, die von allem absieht, worauf es in Judentum, Islam und Christentum konkret ankommt. Leere Abstraktionen helfen nicht weiter.

Vergleich der monotheistischen Religionen

Um die Nuancen besser zu verstehen, betrachten wir eine vergleichende Übersicht:

MerkmalJudentumChristentumIslam
Zentrales GottesverständnisEin einziger Gott (Jahwe), Schöpfer und GesetzgeberDreieiniger Gott (Vater, Sohn, Heiliger Geist), offenbart in Jesus ChristusEin einziger Gott (Allah), absolut transzendent und barmherzig
Rolle AbrahamsStammvater des jüdischen Volkes, Bund der BeschneidungVater des Glaubens, Vorbild des Vertrauens in Gottes VerheißungFreund Gottes, erster, der sich dem wahren Gott unterwarf (Kaaba-Gründung mit Ismael)
Zentrale Heilige Schrift(en)Tora (Pentateuch), Nevi'im (Propheten), Ketuvim (Schriften)Bibel (Altes Testament und Neues Testament, inkl. die vier Evangelien)Koran
Verhältnis zu JesusHistorische Person, nicht als Messias oder Gottessohn anerkanntSohn Gottes, Messias, Erlöser, Menschwerdung GottesProphet (Isa), aber nicht Sohn Gottes; nicht gekreuzigt im christlichen Sinne
HeilswegEinhalten der Tora und des BundesGlaube an Jesus Christus und seine ErlösungUnterwerfung (Islam) unter den Willen Allahs (fünf Säulen)

Die besondere Beziehung: Christentum und Judentum

Die evangelische Kirche kann ihr Verhältnis zum Judentum nicht einfach ihren Beziehungen zu anderen Religionen gleichstellen. Der christliche Glaube wäre ohne die bleibende Verbundenheit mit der Geschichte des jüdischen Volkes undenkbar. Dies zeigt sich schon an der Heiligen Schrift. Die Kirche begreift die Hebräische Bibel nicht als Buch einer anderen Religion, sondern zählt deren Texte als Altes Testament zu den Voraussetzungen, ohne die auch das Neue Testament unverständlich werden würde. Sie hält also an einer gemeinsamen Grundlage fest, ergänzt diese aber um die vier Evangelien, die paulinischen und andere Briefe sowie weitere Texte und Textgattungen, von denen sich viele ihrerseits als Auslegung der jüdischen Tora verstehen. Aus diesem Grunde kann die Kirche Gottes Wort nicht nur in den Texten des Neuen Testamentes hören wollen, weiß sie sich doch von diesem selbst aufgefordert, am Zusammenhang von Altem und Neuem Testament festzuhalten: „Ihr sucht in der Schrift, ... sie ist’s, die von mir zeugt“, sagt Jesus im Blick auf die Texte der Synagoge (Joh 5,39).

Doch der heutige Schriftgebrauch des Christentums ist geprägt von der Einsicht, dass es hermeneutisch unzureichend wäre, alttestamentliche Zitate im Neuen Testament als eindeutige Belegstellen zu nutzen. Selbst Jesu Behauptung: „Mose hat von mir geschrieben“ (Joh 5,46b) leuchtete den gelehrtesten jüdischen Lesern nicht ein (Joh 5,46a und 47). Das Zeugnis der Schrift ist also nicht unstrittig. Selbst wo das Neue Testament den Dissens zwischen Juden und Christen festhält, bedient es sich hermeneutischer Mittel, die aus dem Judentum stammen. So versteht Paulus den Widerspruch und die verweigerte Zustimmung in Analogie zur Weigerung des Pharaos, in Mose den Gesandten Gottes zu erkennen (vgl. Röm 11,25 mit Röm 9,18).

Hier zeigt sich eine tiefgehende Paradoxie:

  • Obwohl das Christentum von seiner Schriftauslegung überzeugt war, behielt es im Blick, dass das Judentum dieselben Texte anders las und verstand. Es versuchte, diesen Widerspruch mit Mitteln zu bewältigen, die gerade auf einem Konsens mit dem Judentum beruhten.
  • Wo die Synagoge erst durch das Textverständnis der christlichen Gemeinden zur Identifikation eines eigenen verbindlichen Kanons fand, hat das Judentum sich an dem, was es selbst für Abweichung und Missverständnis erklärte, auf tiefgreifende Weise selber weiterentwickelt. So bleiben Christen und Juden noch im Widerspruch beieinander.

Die Kirche hat über Jahrhunderte die Last ausbleibender Zustimmung auf die Unwilligkeit der Juden geschoben; sie nimmt heute den Umstand ernst, dass es abweichende Urteile und alternative Lesarten gibt. Sie fasst dies in der Metapher eines doppelten Ausgangs der (gemeinsamen) Schriftensammlung zusammen. Am Widerspruch des Judentums lernt sie, dass die traditionellen Schemata von Verheißung und Erfüllung eine Eindeutigkeit unterstellen, die dem Glauben überall sonst verwehrt ist. Die Weiterentwicklung des jüdischen Textverständnisses im Horizont rabbinischer Literatur führt der Kirche die Strittigkeit ihres Verständnisses des Wortes Gottes vor Augen und bekräftigt den Weg einer wissenschaftlichen Auslegung.

Die Paradoxie, dass dieselben Texte kontrovers ausgelegt werden und Juden und Christen im Widerspruch zueinander ihre je eigene Identität finden, lässt sich nicht dadurch aus der Welt schaffen, dass die Kirche Gottes Heilsgeschichte auf sich selbst zulaufen sieht und „Israel“ der Unheilsgeschichte überlässt. Die Behauptung, die Erwählung Israels diene im Grunde allein dem Zustandekommen eines Neuen Bundes oder das Volk Israel sei wegen Nichtanerkennung dieser Erfüllung von Gott verworfen, spielt mit Vorstellungen einer Ersetzung des Volkes Israels durch die christliche Kirche. Die Evangelische Kirche in Deutschland hat diese Tradition, insbesondere angesichts der Erfahrung mit dem Antisemitismus und der Shoah, aufgearbeitet und korrigiert. Solche Denkformen widersprechen der Treue Gottes. Die christliche Kirche ist aus Gründen ihres eigenen Verständnisses Gottes und seiner Verheißung um die Erneuerung ihres Verhältnisses zum Judentum bemüht.

Wenn Christinnen und Christen an Gott den Schöpfer glauben, der sich von seiner Welt nicht abwendet, sondern in ihr die Herrschaft des Rechts und des Friedens aufrichtet, dann vertrauen sie auf die Gegenwart Gottes, wie sie ihnen im Juden Jesus von Nazareth deutlich und erkennbar wurde. Der christliche Glaube wurzelt im jüdischen Gottesverständnis – auch wenn er in Jesus den Christus und folglich im Sohn den Vater, im Vater den Sohn erkennt und darin Wege geht, die vom Judentum abgelehnt werden. Ohne Gottes Geschichte mit Israel gäbe es kein Christentum. Aber ohne die Geschichte Jesu, ohne sein einzigartiges Vertrauen auf den Vater, seine Verkündigung der Nähe Gottes, seine Passion und seine Auferstehung von den Toten auch kein christlicher Glaube an die Verlässlichkeit der Zusagen Gottes. Dass Gott treu ist, wird Christinnen und Christen also in der Geschichte Jesu glaubwürdig.

Gerade weil ihnen Gottes Wort auf diese Weise glaubwürdig geworden ist, bezeugen sie auch die bleibende Erwählung Israels. Die Versöhnung des Menschen durch Gott in Christus widerspricht Grenzziehungen zwischen Beschnittenen und Unbeschnittenen, zwischen Torafrömmigkeit und griechisch geprägter Sittlichkeit, aber auch allen theologisch verbrämten Ausgrenzungen zwischen den Menschen. So führt der Glaube an den Vater Jesu Christi zur Überzeugung von der bleibenden Erwählung Israels und zugleich zu der Einsicht, dass Gott der Gott aller Menschen ist. Die besondere Beziehung zwischen Kirche und Israel prägt auch unser Verständnis von der Arbeit der Erinnerung. Die Evangelische Kirche in Deutschland kann sich ihre unaufgebbare Verwurzelung in den Texten des Alten Testamentes nicht verdeutlichen, ohne sich immer wieder in Erinnerung zu rufen, dass jede Verweigerung des Rechts des anderen, jede Herabsetzung fremden Glaubens zerstörerisch und tödlich wirken kann.

Christentum und Islam: Nähe und Distanz

Im Islam begegnet uns das eindrückliche Faktum einer nachchristlichen Religion. In vielfältigen Motiven und Geschichten schließt der Koran an das Alte und das Neue Testament an und würdigt auch Jesus von Nazareth als herausragenden Propheten. Aber der Islam versteht sich selbst als Religion der gänzlichen Ergebenheit an den einen Gott, die auf Juden- und Christentum als unvollendete bzw. defizitäre Vorläufergestalten zurückschaut. Die Anerkennung und Gastfreundschaft, die Christen im Islam erfahren, verdankten sich der muslimischen Hochschätzung der prophetischen Linie, die ihren Abschluss in Mohammed findet. Dagegen verstehen die meisten Muslime den christlichen Glauben an den Gekreuzigten als Abfall vom reinen Monotheismus. Das trinitarische Verständnis der Erlösung des Menschen durch Gott und die in dieser Vorstellung vorausgesetzte Rede von der Menschwerdung Gottes werden von Muslimen selten anders wahrgenommen denn als Wiederholung des polytheistischen Grundfehlers, dem einen Gott weitere Gestalten „beizugesellen“.

Nähe und Distanz zum Islam ergeben sich also wiederum gemeinsam, aber unter anderen Voraussetzungen als im Verhältnis zum Judentum. So deutlich die Verwandtschaft beider Religionen in ihrer grundsätzlichen Orientierung an der Differenz von Schöpfer und Geschöpf, in ihrer Warnung vor der Vertauschung beider und in ihrem Protest gegen die Vergötzung der endlichen Kreatur ist, sosehr sie ein universaler Anspruch verbindet, der über die sittliche Relevanz der Frömmigkeit und ihre kulturelle Prägekraft mitentscheidet, so grundlegend getrennt sind sie zugleich, weil sie in der Gestalt des Koran und in Gestalt des Christus Jesus auf zwei heterogene Zentren bezogen bleiben.

Das zeigt sich in der Gotteslehre, die im Koran in den neunundneunzig Namen Gottes den Gläubigen dessen Barmherzigkeit, Gnade, Allmacht und Gerechtigkeit zusagt, die Verantwortung des Menschen vor Gott einschärft und davon spricht, dass im zukünftigen Gericht dem Frommen Heil gewährt und die Verwerflichen gerecht beurteilt und bestraft werden. Entsprechendes wurde auf die eine oder andere Weise auch im Christentum gesagt. Doch sind Verwandtschaft und Gemeinsamkeit dadurch bestimmt, dass Christinnen und Christen an die vollzogene Erlösung, an die bereits realisierte Versöhnung der Welt durch Gott selbst glauben. Genau das verleiht der Person Christi ihre zentrale Bedeutung für den christlichen Glauben.

Im Zusammenleben scheinen zwischen Christen und Muslimen jedoch andere Fragen im Vordergrund zu stehen: das Verhältnis von Religion und Recht, von Islam und Islamismus, aber auch die Konflikte zwischen Toleranz und Gewalt, traditioneller und moderner Lebensführung, Emanzipation und Unterdrückung, Frömmigkeit und Theokratie. Häufig wird angesichts dieser Probleme der Islam als Bedrohung der kulturellen Identität Europas erlebt. Die evangelische Kirche nimmt ihre Verantwortung für das Gemeinwesen wahr, indem sie zunächst den Versuchen wehrt, die Muslime in unserem Land umstandslos nach Maßgabe der Erscheinungsformen des Islams in außereuropäischen Ländern zu beurteilen. Darum erinnert sie daran, was Europa dem Islam historisch verdankt, darum begrüßt sie die Entwicklung eines westlich geprägten Islams als Ausdruck der Inkulturation und Beheimatung bei uns. Sie widerspricht dem Eindruck, ihr eigenes Bekenntnis zu Jesus Christus lasse sich als religionsgeschichtlicher Rückfall hinter den Monotheismus darstellen, erinnert aber auch an die innere Bedrohung des Ein-Gott-Glaubens, der mit der Frage konfrontiert ist, ob und wie Abweichendes, Heterodoxes, anderes geschützt — oder gewaltsam der Macht des Einen unterworfen wird. Versöhnung bleibt für uns das oberste Wort unserer Religion, und wir verstehen diese als Geschenk, das Gott gerade dem Menschen gewährt, der sich vergeblich als sein Feind aufspielt. Die evangelische Kirche sucht das Gespräch mit dem Islam über die Grundlagen der Religion und der Ethik und geht davon aus, dass die Bedeutung der Theologie für die Öffentlichkeit einer pluralistischen Gesellschaft insbesondere dort erkennbar wird, wo der interreligiöse Dialog die Spielräume wechselseitiger Wahrnehmung und Aufmerksamkeit füreinander erweitert.

Häufig gestellte Fragen zum interreligiösen Dialog

Beziehen sich alle Religionen auf dieselbe transzendente Realität?
Die Vorstellung, dass alle Religionen auf dieselbe transzendente Realität verweisen, ist verlockend, birgt aber die Annahme eines überlegenen Standpunktes, von dem aus diese Einheit beurteilt werden könnte. Da „Niemand Gott je gesehen hat“, kann kein unabhängiger Schiedsrichter die „wahre“ Realität beurteilen. Der interreligiöse Dialog muss die Partikularität jedes Standpunktes anerkennen, ohne eine Gleichschaltung zu erzwingen.
Glauben Juden, Christen und Muslime an denselben Gott?
Alle drei Religionen bekennen sich zu einem einzigen Gott und führen ihr Selbstverständnis auf Abraham zurück. Dies schafft eine grundlegende Zusammengehörigkeit. Jedoch unterscheiden sie sich erheblich in ihrem spezifischen Verständnis Gottes (z.B. Trinität im Christentum) und der Rolle Abrahams. Die Behauptung, sie glaubten an „denselben Gott“, ist eine Abstraktion, die die wesentlichen, konkreten Unterschiede ausblendet. Ein echter Dialog erfordert die ernsthafte Anerkennung dieser Andersheit.
Warum ist die Beziehung zwischen Christentum und Judentum besonders?
Die Beziehung ist einzigartig, da das Christentum ohne seine jüdischen Wurzeln nicht existieren würde. Das Alte Testament ist eine Voraussetzung für das Verständnis des Neuen Testaments, und viele christliche Texte sind Auslegungen jüdischer Traditionen. Trotz unterschiedlicher Auslegungen derselben Schriften bleiben Christen und Juden im Widerspruch beieinander. Die evangelische Kirche hat ihre frühere theologische Fehlhaltung gegenüber dem Judentum (z.B. Ersetzungstheologie, die zum Antisemitismus führte) aufgearbeitet und bekräftigt die bleibende Erwählung Israels und die Treue Gottes.
Wie positioniert sich das Christentum gegenüber dem Islam?
Der Islam ist eine nachchristliche Religion, die viele Motive und Geschichten aus dem Alten und Neuen Testament aufgreift und Jesus als Propheten würdigt. Er versteht sich jedoch als die vollkommene Religion, die Juden- und Christentum als unvollendet betrachtet. Während eine Nähe im gemeinsamen Monotheismus und der Schöpfer-Geschöpf-Beziehung besteht, trennen beide Religionen grundlegend die Gestalt des Korans und die Gestalt Jesu Christi. Insbesondere die christliche Lehre von der Trinität und der Menschwerdung Gottes wird von Muslimen oft als Abfall vom reinen Monotheismus kritisiert. Dennoch ist der Dialog wichtig, um Missverständnisse abzubauen und das friedliche Zusammenleben zu fördern.

Schlussfolgerung: Aufgaben einer Theologie der Religionen

Die Art und Weise, wie die Kirche im Horizont ihres Verständnisses der Heiligen Schrift und in gegenwärtiger Verantwortung ihrer reformatorischen Bekenntnisse den Dialog der Religionen gestaltet, bleibt eine zentrale Herausforderung. Es gibt unterschiedliche theologische Modelle, die darauf antworten, und ihre Konkurrenz weist auf die Dringlichkeit der Aufgaben hin. Es geht nicht darum, sich auf ein bestimmtes religionstheologisches Modell festzulegen, sondern dem Evangelium verpflichtet zu bleiben, das die Kirche gründet.

Die Bedeutung der Religionen in einer pluralistischen Gesellschaft hängt entscheidend davon ab, ob sie eine öffentlich verantwortete Theologie entwickeln, die Verständigungsversuche und Übersetzungen zwischen den Konfessionen, Religionen und unterschiedlichen Weltanschauungen ermöglicht. Zu diesem Dialog sind auch Bürgerinnen und Bürger eingeladen, die selbst zu keiner Religionsgemeinschaft gehören, denen Glaubenserfahrungen fremd geblieben sind, die aber mit den Kirchen eine gemeinsame Verantwortung für den Frieden zwischen den Religionen und für die Zukunft des Gemeinwesens übernehmen wollen. Theologie und Kirche stehen zu der Verantwortung der Religionen. Sie kann nicht aus der Vogelperspektive einer über allen Standpunkten schwebenden Religionswissenschaft moderiert und gestaltet werden, sondern lebt von der Explikation des eigenen Glaubens, der Darlegung seiner Gründe und ethischen Überzeugungen. Christinnen und Christen werden ermutigt, eine Offenheit zu zeigen, die der Freiheit eines Christenmenschen entspricht, und sich dabei nicht von falschen Alternativen und Beschränkungen leiten zu lassen.

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