02/05/2026
Matera, die malerische süditalienische Stadt, war nicht nur "Kulturhauptstadt Europas", sondern ist seit Langem die unangefochtene Bibelfilmstadt der Welt. Hier, in den uralten Höhlenwohnungen, die einst bitterste Armut beheimateten, haben Filmemacher immer wieder die dramatischen Szenen der Evangelien zum Leben erweckt. Von Pier Paolo Pasolinis Schwarzweiß-Epos "Das 1. Evangelium – Matthäus" (1964) bis zu Mel Gibsons aufpeitschender "Passion Christi" (2004) – Matera liefert die perfekte, zeitlose Kulisse. Im Jahr 2020 setzte der Schweizer Theaterregisseur und Filmemacher Milo Rau diese Tradition fort, jedoch mit einer radikal neuen Interpretation: "Das neue Evangelium". Sein Film ist nicht nur eine Nacherzählung biblischer Geschehnisse, sondern eine kraftvolle Verbindung von historischer Erzählung und der brutalen Realität der heutigen Flüchtlingskrise in Italien. Er fragt provokant: Wer wäre Jesus heute, und wofür würde er kämpfen?
Matera, eine der ältesten kontinuierlich besiedelten Orte der Welt, bietet mit ihren Sassi, den Höhlenwohnungen, eine unvergleichliche Atmosphäre. Diese Stadt, die lange Zeit von extremer Armut geprägt war, blieb auf eine Weise "naturbelassen", die sie zum idealen Schauplatz für biblische Geschichten macht. Die ursteinerne Anmut der Landschaft und die rauen Gesichter ihrer Bewohner verleihen jeder Szene eine archaische Tiefe. Milo Rau nutzte diese Authentizität bewusst. Als er mit seinem Hauptdarsteller Yvan Sagnet auf einem Mauervorsprung über der Stadt stand und auf das Murgia-Plateau zeigte, auf dem Pasolini und Gibson ihre Kreuzigungsszenen gedreht hatten, war die Entscheidung klar: Auch sie würden dort drehen. Die Löcher im Boden, um das Kreuz hineinzustellen, waren praktischerweise noch immer vorhanden – ein einfacher "Klick", und die Szene sitzt fest.

Milo Raus Vision: Ein Jesus der Gegenwart
Milo Rau ist bekannt für seine komplexen, oft semi-dokumentarischen und politisch brisanten Arbeiten wie "Hate Radio" oder "Das Kongo Tribunal". Auch sein Jesus-Projekt geht er mit derselben Tiefe an. Für ihn ist "Das neue Evangelium" weit mehr als nur eine biblische Nacherzählung; es ist eine soziale Recherche, eine Auseinandersetzung mit politischer Lebenswirklichkeit und Ungerechtigkeit, und nicht zuletzt ein Beitrag zur Veränderung der Welt. Die zentrale Frage, die Raus Film antreibt, ist: Wer oder was könnte Jesus heute sein? Was würde er sagen, mit wem würde er sich umgeben, wofür würde er eintreten und wofür würde er womöglich sogar sterben?
Die Antwort darauf findet Rau in seinem Protagonisten, dem politischen Aktivisten Yvan Sagnet. Geboren 1985 in Kamerun, bewirbt sich Sagnet als "der erste schwarze Jesus der europäischen Filmgeschichte". Sagnet kam zum Studium nach Italien, sammelte jedoch auch Erfahrungen als Erntehelfer, deren Ausbeutung er heute bekämpft. Im Jahr 2011 war er eine treibende Kraft hinter dem allerersten Streik von Feldarbeitern mit Migrationshintergrund in Italien und wurde 2017 mit dem Verdienstorden der Italienischen Republik geehrt. Seine Authentizität und sein Engagement machen ihn zur idealen Besetzung für einen Jesus, der sich der Ungerechtigkeit entgegenstellt.
Die "Revolte der Würde": Film und Realität verschmelzen
In "Das neue Evangelium" ist Sagnets Jesus ein charismatischer "Menschenfänger", ein Rädelsführer und Kämpfer für Gerechtigkeit und bessere Lebensbedingungen. Seine Jünger, fast alle schwarz wie er, rekrutiert er in den sogenannten "Ghettos" rund um Matera – den armseligen Flüchtlingslagern aus Wellblechhütten. Hier hausen gestrandete Menschen, die aus Afrika über das Mittelmeer nach Europa gekommen sind, in der Hoffnung auf ein menschenwürdigeres Leben. Stattdessen schuften sie in einem mafiös strukturierten System für Minilöhne auf trostlosen Tomatenfeldern, moderne Sklaven des 21. Jahrhunderts, ohne Papiere, ohne Perspektive, ausgebeutet für unsere Tomatensoßen in Dosen.
Der Film wechselt nahtlos zwischen nachgespielten biblischen Kapiteln und dokumentarischen Szenen aus dem realen Flüchtlings- und Protestleben. Wir sehen die Versuchung Jesu in der Wüste und den Einzug in Jerusalem, gerahmt von fotografierenden Touristen. Doch diese Szenen sind durchdrungen von der Gegenwart: Die Vertreibung der Händler aus dem Tempel wird zu einer Randale im Supermarkt. Die Kamera lässt einzelne Flüchtlinge mit ihren Leidensgeschichten zu Wort kommen und begleitet sie, wenn sie gemeinsam mit "Jesus" Sagnet auf die Straße gehen, mit Plakaten und Mikrofonen eine "Rivolta della Würde" ausrufend – eine Revolte der Würde. Die Laiendarsteller, oft selbst Migranten, tragen in ihren Rollen als Jesus und Apostel helle Tücher über dem Kopf und lange Gewänder, was den Szenen eine authentische biblische Ästhetik verleiht.
Die Kameraarbeit von Thomas Eirich-Schneider ist markant, fängt in Großaufnahmen authentische, raue Gesichter ein – Menschenporträts von einer nachgerade biblischen Archaik. Gelegentliches Pathos, unterstützt von elegischer Musik von Mozart, Wagner, Pergolesi und Bach, dient als Kontrastmittel im Rechercherealismus und ist keineswegs eine Sünde. Es verstärkt die emotionale Wirkung und die zeitlose Relevanz der dargestellten Themen.
Ein Film als Hybrid: Kunst, Aktivismus und Kontroverse
Milo Rau gelingt mit "Das neue Evangelium" eine reizvoll eigenwillige Hybridform aus Dokumentar- und Spielfilm, aus Pamphlet und Passion, Arthouse und Aktivismus, inklusive eines Making-of. Es ist großartig zu sehen, wie der alte Bürgermeister von Matera erklärt, dass er nicht den Pontius Pilatus, sondern lieber den Simon von Cyrene spielen möchte, der Jesus das Kreuz tragen hilft. Eine besonders eindrückliche und schockierende Szene ist das Casting, in der sich ein junger Mann als Soldat bewirbt. Er findet es "als Katholik" interessant, "den heiligen Gott zu töten und zu massakrieren" und führt mit sadistischer Brutalität an einem Stuhl vor, wie er den schwarzen Jesus peitschen und demütigen würde – eine plötzliche Entladung von hemmungslosem Rassismus.
Es ist erstaunlich, wie gut Raus Konzept aufgeht und welche "echten" Menschen es beglaubigen. Die Art und Weise, wie die verschiedenen Ebenen – biblische Erzählung, soziale Recherche, politisches Statement – scheinbar mühelos ineinandergreifen, ist beeindruckend. Auch die Reminiszenz an die filmhistorischen Vorgänger fehlt nicht: Der greise Pasolini-Jesus Enrique Irazoqui, der im September 2020 starb, wirkt als Johannes der Täufer mit und gibt dem schwarzen Messias Rollen-Tipps. Maia Morgenstern, die Maria aus Mel Gibsons Film, ist hier die verzweifelte Mater dolorosa, die das Leid der Migration und Ausbeutung mitempfindet.
Die eigentliche Passionsgeschichte, das Leiden und Sterben Jesu von seiner Verhaftung bis zur Kreuzigung, ist im Film der schwächste Teil und wird in knappen Spielszenen angerissen und abgehakt. Die Botschaft des Films läuft denn auch nicht auf einen schwarzen Mann am Kreuz und eine religiöse Mission welcher Art auch immer hinaus – die meisten Darsteller sind Muslime. Stattdessen kulminiert sie im Nachspann in einer sozialpolitischen Wirkung. Wir sehen Yvan Sagnet Monate später in einem Supermarkt, wie er eine Dose Tomaten aus fairer Produktion in die Kamera hält – "eine Tomatensoße der Würde!" – versehen mit dem Gütesiegel seiner Vereinigung "No Cap", die sich für die Rechte der Erntehelfer einsetzt. Auch das ist eine Form von Auferstehung.
Vergleich: Pasolinis "Das 1. Evangelium" und Raus "Das neue Evangelium"
Das Werk des Italieners Pier Paolo Pasolini nimmt innerhalb der europäischen Filmgeschichte eine Sonderposition ein. Als bekennender Atheist, der sich stets sozialkritisch und tabubrechend zeigte, wagte er sich 1964 an "Das 1. Evangelium – Matthäus". Pasolini wollte die sozialkritischen Aspekte der Geschichte herausarbeiten, denn "nichts erscheint mit gegensätzlicher zur modernen Welt als jene Christusfigur: sanft im Herzen, aber nie im Denken". Er verzichtete auf professionelle Darsteller und drehte in Matera, da er diesen Ort als perfekt für eine moderne Version der Jesus-Geschichte empfand. Milo Rau wiederum knüpft bewusst an Pasolinis Werk an, indem er ebenfalls in Matera dreht und reale Menschen als Darsteller einbezieht, um die Aktualität der biblischen Botschaft zu unterstreichen.

| Merkmal | Pasolinis "Das 1. Evangelium" (1964) | Raus "Das neue Evangelium" (2020) |
|---|---|---|
| Regisseur | Pier Paolo Pasolini | Milo Rau |
| Drehort | Matera | Matera |
| Jesus-Darsteller | Enrique Irazoqui (Student) | Yvan Sagnet (Aktivist) |
| Fokus | Sozialkritische Interpretation der biblischen Geschichte | Direkte Verknüpfung von Bibel und aktueller Flüchtlingsrealität |
| Stil | Neorealismus, Schwarzweiß | Hybrid (Doku- und Spielfilm), Farbe |
| Botschaft | Zeitlose Menschlichkeit, Sanftheit im Herzen | Politische und soziale Gerechtigkeit, Würde der Migranten |
| Bezug zur Realität | Indirekt, durch Wahl der Darsteller und des Drehorts | Direkt, durch Besetzung von realen Aktivisten und Migranten |
Häufig gestellte Fragen zu "Das neue Evangelium"
Was ist "Das neue Evangelium" von Milo Rau?
"Das neue Evangelium" ist ein Dokumentar- und Spielfilm des Schweizer Regisseurs Milo Rau aus dem Jahr 2020. Er erzählt die biblische Geschichte Jesu neu, indem er sie in den Kontext der heutigen Flüchtlingskrise in Süditalien stellt und einen schwarzen Aktivisten als Jesus-Figur besetzt.
Warum wurde "Das neue Evangelium" in Matera gedreht?
Matera ist historisch bekannt als Drehort für Bibelfilme, unter anderem Pasolinis "Das 1. Evangelium – Matthäus" und Gibsons "Passion Christi". Die Stadt mit ihren alten Höhlenwohnungen und ihrer rauen Landschaft bietet eine authentische und zeitlose Kulisse, die Milo Rau für seine moderne Interpretation nutzen wollte.
Wer ist Yvan Sagnet?
Yvan Sagnet ist ein politischer Aktivist aus Kamerun, der in Italien lebt und sich für die Rechte ausgebeuteter Erntehelfer einsetzt. Er spielt die Hauptrolle des Jesus in "Das neue Evangelium" und verkörpert damit einen Jesus, der sich aktiv für soziale Gerechtigkeit engagiert.
Welche Themen behandelt der Film?
Der Film behandelt eine Vielzahl von Themen, darunter soziale Ungerechtigkeit, die Ausbeutung von Migrationsarbeitern, Rassismus, die Suche nach Würde und die Aktualität biblischer Botschaften in der heutigen Welt.
Wie unterscheidet sich der Film von traditionellen Bibelfilmen?
Im Gegensatz zu traditionellen Bibelfilmen, die oft historische Genauigkeit oder theologische Deutung in den Vordergrund stellen, vermischt "Das neue Evangelium" biblische Nacherzählungen mit dokumentarischen Szenen aus dem realen Leben von Flüchtlingen und Aktivisten. Er ist ein Hybrid aus Fiktion und Realität.
Ist der Film religiös?
Obwohl der Film die Geschichte Jesu aufgreift, ist seine Botschaft primär sozialpolitisch und nicht im traditionellen Sinne religiös. Viele der Darsteller sind Muslime, und der Film konzentriert sich auf die universellen Werte von Gerechtigkeit, Würde und Aktivismus, die über spezifische Glaubensgrenzen hinausgehen.
Wie lange dauert der Film "Das neue Evangelium"?
Der Film hat eine Laufzeit von 107 Minuten.
"Das neue Evangelium" ist ein mutiges und notwendiges Werk, das die Grenzen zwischen Kunst und Leben verschwimmen lässt. Milo Rau gelingt es, die zeitlose Botschaft der Evangelien in die drängenden sozialen und politischen Realitäten unserer Gegenwart zu übersetzen. Matera, die Stadt, die einst die Armut in ihren Höhlen beherbergte, wird zur Bühne für eine "Revolte der Würde", die uns alle dazu aufruft, über die Bedeutung von Menschlichkeit und Gerechtigkeit im 21. Jahrhundert nachzudenken. Der Film ist eine Mahnung und eine Inspiration zugleich, die zeigt, dass die Geschichten der Vergangenheit ihre Kraft entfalten können, wenn sie mit den Herausforderungen der Gegenwart verknüpft werden. Ein Film, der lange nachwirkt und zum Nachdenken anregt.
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