Was ist das Gebärden und warum ist es so wichtig?

Gebärdensprache: Hände, die Brücken bauen

01/05/2025

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Die Fähigkeit, sich durch Sprache zu verständigen, ist für die meisten von uns eine Selbstverständlichkeit und ein grundlegender Pfeiler menschlicher Interaktion. Doch für eine beträchtliche Anzahl von Menschen, die mit angeborenen oder erworbenen Spracheinschränkungen leben, stellt die Lautsprache eine gewaltige Hürde dar. Hier kommt die Gebärdensprache ins Spiel – eine visuelle Kommunikationsform, die es ermöglicht, Gedanken, Gefühle und Bedürfnisse auszudrücken, wenn Worte nicht zur Verfügung stehen. Sie ist nicht nur ein Werkzeug, sondern ein Schlüssel zu Selbstbestimmung und aktiver Teilnahme am gesellschaftlichen Leben. Ein herausragendes Beispiel für die Förderung dieser Art der Kommunikation ist das Projekt „Schau doch meine Hände an“, das seit vielen Jahren unermüdlich daran arbeitet, Gebärdensprache für alle zugänglich zu machen und damit die Lebensqualität unzähliger Menschen zu verbessern.

Wie viele Gebärden gibt es?
»Schau doch meine Hände an«, das Standardwerk für Gebärden zur Unterstützten Kommunikation, umfasst derzeit mehr als 1.200 Gebärden für die unterschiedlichsten Begriffe des täglichen Lebens – von A wie Abend bis Z wie Zwiebel. Die digitale Gebärdensammlung lässt sich mit einem Lexikon vergleichen, das einen bestimmtem Wortschatz beinhaltet.

Was ist Gebärdensprache und warum ist sie so wichtig?

Gebärdensprache ist weit mehr als nur das Zeigen mit den Händen. Es handelt sich um ein komplexes, eigenständiges Sprachsystem mit eigener Grammatik, Syntax und Semantik, das visuell-manuell ausgedrückt wird. Sie nutzt Handformen, Bewegungen, Körperhaltung und Mimik, um Bedeutung zu vermitteln. Im Kontext von „Schau doch meine Hände an“ liegt der Fokus auf einfachen, unterstützenden Gebärden, die speziell für die Kommunikation mit nicht sprechenden Menschen mit geistiger Behinderung entwickelt wurden. Diese vereinfachten Gebärden sind ein unverzichtbares Hilfsmittel, um den Alltag zu bewältigen, Wünsche zu äußern und sich mitzuteilen.

Die Bedeutung der Gebärdensprache kann kaum überschätzt werden. Für Menschen, die nicht sprechen können, ist sie oft der einzige Weg, um ihre Gedanken auszudrücken und von anderen verstanden zu werden. Ohne sie wären sie in ihrer Fähigkeit zur Interaktion stark eingeschränkt, was zu Frustration, Isolation und einer verminderten Lebensqualität führen kann. Gebärdensprache fördert die kognitive Entwicklung, verbessert die soziale Integration und stärkt das Selbstwertgefühl. Sie ist ein entscheidender Baustein, um den Anspruch auf umfassende Teilhabe und größtmögliche Selbstbestimmung für alle Menschen mit Behinderung mit Leben zu füllen. Indem wir Gebärdensprache lehren und fördern, schaffen wir eine inklusivere Gesellschaft, in der jeder eine Stimme hat, unabhängig davon, ob er Worte sprechen kann oder nicht.

Das Projekt „Schau doch meine Hände an“: Eine digitale Revolution der Gebärden

Das Projekt „Schau doch meine Hände an“ hat sich seit seiner Einführung im Jahr 2007 als Standardwerk für unterstützende Kommunikation etabliert. Damals erschien die erste digitale Gebärdensammlung mit einer begleitenden App und einem Buch – ein Meilenstein für die Zugänglichkeit von Gebärdensprache. Im Jahr 2017 folgte die dritte Auflage, die das Angebot weiter verfeinerte und den Bedürfnissen der Nutzer anpasste.

In den letzten zwei Jahren wurde intensiv an einer umfassenden Neuauflage gearbeitet, die die digitale Gebärdensammlung auf den neuesten Stand der Technik und Pädagogik bringt. Die kommende Version, deren Markteinführung im Laufe des Jahres 2025 erwartet wird, verspricht eine völlig neue App in modernem Design und mit einem erheblich erweiterten Gebärdenstamm. Ein besonderes Augenmerk wurde auf eine barrierearme Gestaltung gelegt, um auch Menschen ohne Schriftsprachkenntnisse zu unterstützen. Hierfür wurden erstmals MetaCom-Symbole integriert, die die visuelle Verständlichkeit weiter erhöhen.

Die Entwicklung ist ein Gemeinschaftswerk: Der Bundesverband evangelische Behindertenhilfe e.V. (BeB) kooperiert hierfür eng mit den Zieglerschen unter der Leitung von Lara Mußotter. Ziel ist es, ein Instrumentarium zu schaffen, das nicht nur technisch auf dem neuesten Stand ist, sondern auch kontinuierlich erweitert und aktualisiert werden kann. Die zugrunde liegende Datenbank ermöglicht es, den Gebärdenwortschatz flexibel anzupassen und neue Gebärden hinzuzufügen, sodass die Sammlung stets relevant und umfassend bleibt. Dies stellt sicher, dass Nutzer immer und überall auf ein zentrales Instrument zur Wissens- und Informationsvermittlung zugreifen können.

Um die Zeit bis zur Veröffentlichung der neuen App zu überbrücken und die kontinuierliche Nutzung der Gebärdensammlung zu gewährleisten, wird eine vereinfachte Version auf der Projektseite zur Verfügung gestellt. Dies zeigt das Engagement des Projekts, die Kommunikation für alle jederzeit zu ermöglichen und bestehende Barrieren abzubauen.

Die Gebärdensammlung als Buch: Barrierefreiheit in Printform

Parallel zur digitalen Neuauflage der App „Schau doch meine Hände an“ wird auch eine aktualisierte Printversion der Gebärdensammlung erscheinen. Dieses Buch ist mehr als nur eine Ergänzung zur App; es ist ein eigenständiges Projekt zur Förderung inklusiver Kommunikation und dient als wertvolles Nachschlagewerk in analoger Form. Die für die App produzierten hochwertigen Gebärdenfotos werden sorgfältig in die Printversion überführt, wodurch ein visuell ansprechendes und leicht verständliches Buch entsteht.

Die Veröffentlichung des Buches „Schau doch meine Hände an“ ist ein weiterer bedeutender Schritt hin zu mehr Barrierefreiheit und Teilhabe in unserer Gesellschaft. Es bietet eine greifbare Ressource, die unabhängig von digitalen Geräten genutzt werden kann und somit eine breitere Zielgruppe erreicht. Das Buch leistet einen wertvollen Beitrag zur Inklusion in vielfältigen Bereichen des täglichen Lebens: Es unterstützt Bildungseinrichtungen dabei, ihren Unterricht inklusiver zu gestalten, hilft Pflegepersonal bei der Kommunikation mit nicht sprechenden Klienten, erleichtert Verwaltungsabläufe und fördert die Kommunikation im häuslichen und sozialen Alltag.

Welche Vorteile bietet die Sammlung von Gebärden für kleine Kinder mit Down-Syndrom?
Eltern von kleinen Kindern mit Down-Syndrom, die sich noch im Spracherwerb befinden, kann diese Sammlung von Gebärden sicher sehr nützlich sein. In der Frühförderung Ebersberg haben wir eine Krabbel/Spielgruppe für kleine Kinder mit Down-Syndrom, in der wir die Einführung der Gebärdensprache ausprobieren.

Die Realisierung dieses wichtigen Buchprojekts wurde durch die Unterstützung der Glücksspirale ermöglicht, was die gesellschaftliche Relevanz und den breiten Nutzen der Gebärdensammlung unterstreicht. Die Verfügbarkeit sowohl in digitaler als auch in gedruckter Form stellt sicher, dass die Gebärden dort ankommen, wo sie am dringendsten benötigt werden, und trägt maßgeblich dazu bei, Kommunikationsbarrieren abzubauen und Menschen mit Spracheinschränkungen eine vollumfängliche Teilnahme am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen.

Vorteile für Kinder mit Down-Syndrom und darüber hinaus

Die vorliegende Gebärdensammlung „Schau doch meine Hände an“ ist in vier Register unterteilt, die jeweils spezifische Aspekte der Gebärdensprache und ihrer Anwendung beleuchten und somit eine breite Nutzerbasis ansprechen. Für Eltern von Kindern mit Down-Syndrom, insbesondere jenen, die sich noch im Spracherwerb befinden, ist das erste Register von besonderem Interesse.

Register I: Die Basis für den Alltag
Dieses Register präsentiert die wichtigsten Gebärden für die tägliche Kommunikation. Die Gebärden sind alphabetisch geordnet und werden in klaren Bildern dargestellt, was es auch Laien ohne Vorkenntnisse leicht macht, sie zu erlernen und nachzuahmen. Zusätzlich werden zwei verschiedene Fingerzeichensysteme vorgestellt, die sich in der Arbeit mit nicht sprechenden Menschen mit Behinderung neben der Gebärdensprache als nützlich erwiesen haben. Dies ist besonders wertvoll für die Frühförderung, wo die Einführung von Gebärden die sprachliche Entwicklung unterstützen kann.

Register II: Praktische Arbeit und pädagogische Voraussetzungen
Dieses Register widmet sich den praktischen Aspekten der Arbeit mit Gebärdensprache und den notwendigen Voraussetzungen, die Pädagogen und Betreuer mitbringen sollten. Es beleuchtet methodische Ansätze und didaktische Überlegungen, um die Gebärden effektiv in den Alltag und in Lernsituationen zu integrieren.

Register III: Ergänzende Zeichensysteme und menschlicher Ausdruck
Hier werden weitere Zeichensysteme, wie beispielsweise Bildzeichen (Piktogramme), vorgestellt, die ergänzend zu den Lautzeichen eingesetzt werden können. Darüber hinaus wird kurz die Entwicklung des menschlichen Ausdrucksvermögens angerissen, was ein tieferes Verständnis für die Bedeutung nonverbaler Kommunikation vermittelt.

Register IV: Inklusive Gottesdienstgestaltung
Ein einzigartiger Aspekt dieses Buches sind die Vorschläge für die Gestaltung von Gottesdiensten mit nicht sprechenden Menschen mit Behinderung. Dies unterstreicht die breite Anwendbarkeit und den inklusiven Ansatz der Sammlung, der über den reinen Kommunikationsaspekt hinausgeht und die Teilnahme am religiösen Leben ermöglicht.

Obwohl das Buch nicht ausschließlich auf Menschen mit Down-Syndrom zugeschnitten ist, erweist es sich für Eltern kleiner Kinder mit Down-Syndrom, die sich im Spracherwerb befinden, als äußerst nützlich. In der Frühförderung, wie beispielsweise in der Krabbel-/Spielgruppe in Ebersberg, werden die Gebärden aktiv erprobt. Entscheidend für den Erfolg ist jedoch die konsequente Übernahme der erlernten Gebärden in den Alltag und deren möglichst häufige Anwendung. Dies erfordert Geduld und Engagement, aber die Belohnung ist eine verbesserte Kommunikation und eine gestärkte Bindung.

Vergleich: Alte vs. Neue App-Version „Schau doch meine Hände an“

Um die Entwicklung und die Vorteile der kommenden Neuauflage zu verdeutlichen, lohnt sich ein Blick auf die Verbesserungen im Vergleich zur bisherigen Version:

MerkmalBisherige Version (bis 2025)Neue Version (ab 2025)
DesignÄlteres Design, weniger intuitivNeues, modernes und barrierearmes Design
GebärdenstammUmfangreich, aber feste SammlungErweitert und mit größerem Wortschatz
SymboleKeine Integration von MetaCom-SymbolenMetaCom-Symbole zur Unterstützung von Menschen ohne Schriftsprachkenntnisse integriert
BarrierefreiheitGrundlegende ZugänglichkeitBesonderer Wert auf barrierearme Gestaltung gelegt
Technischer StandVeraltete App-VersionAuf dem neuesten technischen Stand der App-Entwicklung
AktualisierbarkeitEingeschränkt, nur durch NeuauflagenJederzeit erweiterbar und aktualisierbar durch Datenbank im Hintergrund

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Frage: Was ist „Schau doch meine Hände an“?
Antwort: „Schau doch meine Hände an“ ist eine umfassende Sammlung einfacher Gebärden, die speziell für die Kommunikation mit nicht sprechenden Menschen, insbesondere solchen mit geistiger Behinderung, entwickelt wurde. Sie ist als App und Buch verfügbar und dient der Förderung von Selbstbestimmung und umfassender Teilhabe.

Wie viele Gebärden gibt es?
»Schau doch meine Hände an«, das Standardwerk für Gebärden zur Unterstützten Kommunikation, umfasst derzeit mehr als 1.200 Gebärden für die unterschiedlichsten Begriffe des täglichen Lebens – von A wie Abend bis Z wie Zwiebel. Die digitale Gebärdensammlung lässt sich mit einem Lexikon vergleichen, das einen bestimmtem Wortschatz beinhaltet.

Frage: Wann wird die neue App-Version veröffentlicht?
Antwort: Die Veröffentlichung der vollständig überarbeiteten App „Schau doch meine Hände an“ ist im Laufe des Jahres 2025 geplant. Das genaue Datum wird noch bekannt gegeben.

Frage: Kann ich die Gebärdensammlung schon jetzt nutzen, bis die neue App kommt?
Antwort: Ja, um die kontinuierliche Nutzung zu ermöglichen, steht eine vereinfachte Version der Gebärdensammlung bereits auf der Projektseite zur Verfügung, bis die neue App auf den Markt kommt.

Frage: Wird es auch eine gedruckte Version der Gebärdensammlung geben?
Antwort: Ja, parallel zur neuen digitalen App wird auch eine aktualisierte Printversion der Gebärdensammlung als hochwertiges Nachschlagewerk erscheinen. Die Gebärdenfotos der App werden dafür in das Buch überführt.

Frage: Für wen ist die Gebärdensammlung „Schau doch meine Hände an“ besonders nützlich?
Antwort: Die Sammlung richtet sich an alle Menschen, die mit nicht sprechenden Personen kommunizieren möchten. Sie ist besonders hilfreich für Eltern von kleinen Kindern mit Down-Syndrom, Pädagogen, Pflegepersonal sowie Fachkräfte in Bildung, Pflege, Verwaltung und alle, die zur Inklusion im Alltag beitragen möchten.

Frage: Wie viele Gebärden sind in der Sammlung enthalten?
Antwort: Die ursprüngliche Sammlung umfasste eine große Anzahl wichtiger Gebärden. Die neue App-Version wird einen erheblich erweiterten Gebärdenstamm bieten, dessen genaue Anzahl kontinuierlich durch die zugrunde liegende Datenbank erweitert werden kann. Die Sammlung ist darauf ausgelegt, stets aktuell und umfassend zu sein.

Ein Dankeschön und Ausblick

Das Projekt „Schau doch meine Hände an“ ist ein lebendiges Beispiel dafür, wie Innovation und Engagement zusammenwirken können, um eine gerechtere und inklusivere Gesellschaft zu schaffen. Unser aufrichtiger Dank gilt allen Projektbeteiligten, Partnern und Förderern, insbesondere dem Bundesverband evangelische Behindertenhilfe e.V. – der evangelische Fachverband für Teilhabe (BeB) und den Zieglerschen, deren unermüdlicher Einsatz die Umsetzung dieser wichtigen Neuauflage ermöglicht. Ihre Geduld und Ihr Vertrauen in dieses Projekt sind von unschätzbarem Wert.

Wir freuen uns darauf, Ihnen bald weitere Details zur Veröffentlichung der neuen App und des Buches mitteilen zu können. Mit „Schau doch meine Hände an“ wird die Tür zu einer Welt der Kommunikation weiter geöffnet, und wir sind zuversichtlich, dass dieses Werk unzähligen Menschen helfen wird, ihre Stimme zu finden und aktiv am Leben teilzuhaben. Es ist ein bedeutender Schritt auf dem Weg zu einer Gesellschaft, in der jeder Mensch gehört und verstanden wird.

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