12/05/2021
Das Johannesevangelium, ein Meisterwerk theologischer Tiefe und spiritueller Einsicht, birgt einige der ergreifendsten und komplexesten Passagen der biblischen Literatur. Besonders hervorzuheben sind die sogenannten Abschiedsreden Jesu, die in den Kapiteln 13 bis 17 eindringlich seine letzten Lehren, Ermahnungen und Gebete an seine Jünger vor seinem Leiden zusammenfassen. Diese Reden sind nicht nur eine Abschiedsbotschaft, sondern auch eine theologische Grundlegung für das Verständnis der Rolle des Heiligen Geistes, der Beziehung zwischen Jesus und dem Vater sowie der künftigen Rolle der Jünger in der Welt. Innerhalb dieser Abschiedsreden gibt es spezifische Unterteilungen, die uns helfen, ihre Struktur und theologische Entwicklung zu erfassen. Doch nicht immer wird der vollständige biblische Text in seiner Gänze rezipiert, insbesondere im Kontext liturgischer Lesungen, wo oft ein sogenannter „Evangeliumstext“ verwendet wird. Hierbei können sich signifikante Unterschiede zum vollständigen biblischen Kontext ergeben, die für das tiefere Verständnis der Botschaft Jesu von entscheidender Bedeutung sind.

Die Abschiedsreden Jesu im Johannesevangelium sind traditionell in mehrere Teile gegliedert, die jeweils spezifische theologische Schwerpunkte setzen. Die erste Abschiedsrede (Johannes 13,31-14,31) konzentriert sich auf die neue Gebotsliebe, die Verheißung des Parakleten (Beistand/Heiliger Geist) und die Gewissheit der Auferstehung. Die zweite Abschiedsrede (Johannes 15,1-16,4a) behandelt das Gleichnis vom Weinstock und den Reben, die Notwendigkeit der Fruchtbildung, die bleibende Liebe und die Warnung vor der Verfolgung durch die Welt. Eng daran schließt sich die dritte Abschiedsrede (Johannes 16,4b-33) an, die sich intensiv mit dem Kommen des Parakleten nach Jesu Weggang, der Verurteilung der Welt durch den Geist und der Verwandlung von Trauer in Freude befasst. Abschließend folgt das hohepriesterliche Gebet Jesu (Johannes 17), in dem er für seine Jünger und alle zukünftigen Gläubigen betet.
Der Kern der Frage liegt im Unterschied zwischen einem „Evangeliumstext“ und der vollständigen „dritten Abschiedsrede“, insbesondere im Hinblick auf Johannes 16,5-33. Nach der neuen Einheitsübersetzung (EÜ) wird der erste Teil des Evangeliums, der oft als Lesung dient, dem zweiten Teil der Abschiedsrede zugeordnet (Johannes 15,1-16,4). Der zweite Teil, der die dritte Abschiedsrede umfasst, beginnt bei Johannes 16,5 und reicht bis 16,33. Der entscheidende Punkt ist, dass in vielen liturgischen Evangeliumstexten eine bestimmte Passage, nämlich Johannes 16,4b-11, weggelassen wird. Dies geschieht aus einem bestimmten Grund: Diese Verse gelten als schwierig zu verstehen und sind nach johanneischer Theologie sprachlich „etwas kreisend“ oder repetitiv in ihrer Komplexität. Das bedeutet, der Text wiederholt theologische Konzepte auf eine Weise, die bei einmaligem Hören im Gottesdienst eine Herausforderung darstellen kann.
Was genau macht Johannes 16,4b-11 so herausfordernd? Diese Passage vertieft das Verständnis des Wirkens des Parakleten. Jesus erklärt seinen Jüngern, dass es für sie besser ist, wenn er weggeht, denn nur dann kann der Paraklet kommen. Der Paraklet wird die Welt überführen in Bezug auf Sünde, Gerechtigkeit und Gericht. Diese dreifache Überführung ist theologisch hochkomplex:
- Sünde (Vers 9): Die Welt wird überführt, weil sie nicht an Jesus glaubt. Dies ist die grundlegende Sünde, die alle anderen Sünden in den Schatten stellt.
- Gerechtigkeit (Vers 10): Die Welt wird überführt, weil Jesus zum Vater geht und die Jünger ihn nicht mehr sehen. Dies deutet darauf hin, dass Jesu Heimkehr zum Vater seine Gerechtigkeit als Gottes Sohn bestätigt, eine Gerechtigkeit, die die Welt nicht erkannt hat.
- Gericht (Vers 11): Die Welt wird überführt, weil der Fürst dieser Welt (Satan) gerichtet ist. Das Gericht über Satan ist bereits geschehen durch Jesu Tod und Auferstehung, was eine zukünftige Verurteilung derer vorwegnimmt, die ihm folgen.
Diese dreifache Funktion des Parakleten ist zentral für das johanneische Verständnis der Heilsgeschichte und der Rolle des Geistes. Die sprachliche Form, in der Jesus dies darlegt, ist dicht und erfordert aufmerksames Zuhören und Nachdenken. Für eine liturgische Lesung, die oft auf Klarheit und Unmittelbarkeit abzielt, kann diese theologische Dichte als Hürde empfunden werden, die den Fluss der Botschaft stört. Daher die Entscheidung, sie in manchen Evangeliumstexten wegzulassen.
Die „dritte Abschiedsrede“ in ihrer vollständigen Form (Johannes 16,5-33) bietet somit ein umfassenderes Bild der johanneischen Theologie des Geistes und der eschatologischen Ausrichtung. Sie beleuchtet nicht nur die tröstende und führende Rolle des Parakleten für die Jünger, sondern auch seine konfrontative Rolle gegenüber der Welt. Die Verheißung, dass die Trauer der Jünger in Freude verwandelt werden wird, wenn sie Jesus wiedersehen, ist eng mit dem Verständnis seines Weggangs und der Ankunft des Geistes verbunden. Die Botschaft gipfelt in Jesu Erklärung, dass er die Welt überwunden hat, was den Jüngern Mut und Frieden geben soll, trotz der bevorstehenden Bedrängnis.
Warum die Auslassung?
Die primäre Intention hinter der Weglassung von Johannes 16,4b-11 in einem liturgischen Evangeliumstext ist die didaktische Vereinfachung und Fokussierung. Im Gottesdienst soll die Botschaft klar und prägnant vermittelt werden, ohne die Zuhörer mit theologischer Komplexität zu überfordern, die im Kontext einer kurzen Predigt nicht ausreichend erklärt werden kann. Es geht darum, die Kernbotschaft des jeweiligen Sonntags oder Festes hervorzuheben. Die volle Tiefe der johanneischen Theologie, insbesondere die subtilen Nuancen der Parakleten-Aussagen, ist oft besser für ein vertieftes Bibelstudium oder theologische Diskussionen geeignet als für eine einmalige Höreindringung.
Vergleichstabelle: Evangeliumstext (liturgisch) vs. Abschiedsrede (biblisch)
| Merkmal | Evangeliumstext (liturgisch) | Abschiedsrede (biblisch) |
|---|---|---|
| Zweck | Für den Gottesdienst, klare Botschaft, oft thematisch zugeschnitten. | Vollständige theologische Darstellung, für Studium und Reflexion. |
| Umfang | Selektive Auswahl, kürzer, kann Passagen auslassen (z.B. Joh 16,4b-11). | Vollständiger biblischer Text, enthält alle Verse. |
| Fokus | Leichte Verständlichkeit, zentrale theologische Aussagen des Tages. | Tiefe theologische Entwicklung, detaillierte Argumentation. |
| Herausforderung | Geringere theologische Komplexität, leicht zugänglich. | Kann sprachlich und theologisch komplex sein, erfordert vertieftes Studium. |
| Wirkung | Unmittelbare spirituelle Ermutigung und Belehrung. | Umfassendes Verständnis der johanneischen Theologie, tiefere Einsichten. |
Die Bedeutung des Mitlesens von Johannes 16,4b-11
Obwohl diese Passage in manchen liturgischen Kontexten weggelassen wird, empfiehlt es sich dringend, sie bei der persönlichen Lektüre oder im Rahmen eines Bibelkreises mitzulesen. Nur so erschließt sich die volle Tragweite von Jesu Abschiedsbotschaft und die umfassende Rolle des Heiligen Geistes. Das Verständnis, wie der Paraklet nicht nur die Gläubigen tröstet und führt, sondern auch die Welt mit den grundlegenden Fragen von Sünde, Gerechtigkeit und Gericht konfrontiert, ist essenziell für ein ganzheitliches Verständnis des Johannesevangeliums und der christlichen Lehre vom Heiligen Geist. Es zeigt die missionarische Dimension des Geistes und seine Funktion, die Wahrheit Jesu in der Welt zu etablieren.
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
F: Was ist der Paraklet im Johannesevangelium?
A: Der Paraklet (griech. παράκλητος) wird oft als Beistand, Tröster, Anwalt oder Fürsprecher übersetzt. Er ist der Heilige Geist, den Jesus nach seinem Weggang sendet, um die Jünger zu lehren, sie an alles zu erinnern, was Jesus gesagt hat, und sie in alle Wahrheit zu führen. Er ist eine Fortsetzung der Gegenwart Jesu in der Welt.
F: Warum gibt es mehrere Abschiedsreden?
A: Die Abschiedsreden sind nicht als wörtliche, ununterbrochene Rede Jesu zu verstehen, sondern als theologische Komposition des Evangelisten Johannes. Sie sind in verschiedene thematische Abschnitte gegliedert, um unterschiedliche Aspekte von Jesu letzten Lehren systematisch zu entwickeln – von der Liebe der Jünger untereinander über die Beziehung zu Gott bis hin zur Rolle in der Welt nach Jesu Abschied.
F: Ist der weggelassene Text (Joh 16,4b-11) weniger wichtig?
A: Nein, die theologische Bedeutung des weggelassenen Textes ist sehr hoch. Seine Auslassung in liturgischen Kontexten ist eine pragmatische Entscheidung zur Vereinfachung der Verständlichkeit für eine breite Zuhörerschaft, nicht eine Abwertung seines Inhalts. Für ein tiefes theologisches Verständnis ist er unverzichtbar.
F: Wie beeinflusst diese Auslassung unser Verständnis des Johannesevangeliums?
A: Wenn man nur den gekürzten Evangeliumstext kennt, könnte man ein eingeschränktes Verständnis der Rolle des Heiligen Geistes entwickeln, das sich primär auf seine tröstende Funktion für die Gläubigen beschränkt. Die volle Textpassage offenbart jedoch auch die konfrontative und überführende Rolle des Geistes gegenüber der Welt, was für das Verständnis der christlichen Mission und des Gerichts wichtig ist.
F: Sollte man immer den vollen biblischen Text lesen?
A: Für ein umfassendes theologisches Verständnis und eine tiefere persönliche Reflexion ist es immer empfehlenswert, den vollen biblischen Text zu lesen und zu studieren. Liturgische Texte sind Auszüge, die für spezifische Zwecke ausgewählt wurden, aber nicht die gesamte biblische Botschaft ersetzen können.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Unterschied zwischen einem Evangeliumstext und der dritten Abschiedsrede im Johannesevangelium (Joh 16,5-33) primär in der Inklusion oder Exklusion von Johannes 16,4b-11 liegt. Während der Evangeliumstext aus Gründen der Verständlichkeit und des Fokus diese theologische dichte Passage weglassen kann, bietet die vollständige Abschiedsrede ein reichhaltigeres und nuancierteres Bild der johanneischen Lehre über den Heiligen Geist und seine Funktion in der Welt. Das Bewusstsein für diese Unterschiede bereichert unser Verständnis der Bibel und ermutigt zu einem tieferen, umfassenderen Studium der Heiligen Schrift.
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