05/12/2021
Die deutsche Sprache ist reich an Ausdrücken und Redewendungen, deren Ursprung oft in den Tiefen ihrer Geschichte und Kultur verborgen liegt. Ein besonders fruchtbarer Boden für solche sprachlichen Schätze ist die Bibel, und hier insbesondere die Evangelien mit ihren Berichten über die Osterereignisse. Viele dieser „geflügelten Worte“ sind so fest in unserem Alltag verankert, dass wir ihren biblischen Hintergrund kaum noch wahrnehmen. Sie prägen unser Denken und Sprechen, ohne dass wir uns ihrer Herkunft bewusst sind. Von der dramatischen Verleugnung des Petrus bis zur symbolträchtigen Geste des Pilatus – die Ostergeschichte hat uns einen reichen Fundus an Ausdrücken hinterlassen, die auch Jahrhunderte später noch ihre Bedeutung behalten haben. Dieser Artikel taucht ein in diese faszinierende Welt der biblischen Redewendungen und beleuchtet insbesondere die Rolle des Pontius Pilatus, wie sie uns im Matthäus-Evangelium überliefert wird, und die tiefgreifende Wirkung dieser Erzählungen auf unsere Sprache.

Die Figur des Pontius Pilatus nimmt im Matthäus-Evangelium eine zentrale und zugleich ambivalente Rolle ein. Als römischer Statthalter war er die höchste Autorität in Judäa und somit derjenige, der über das Schicksal Jesu zu entscheiden hatte. Das Matthäus-Evangelium zeichnet ein Bild von Pilatus, der von der Unschuld Jesu überzeugt war. Er erkannte offenbar, dass Jesus nicht wegen eines Verbrechens, sondern aus Neid der Priester und Schriftgelehrten angeklagt wurde. Doch trotz dieser Überzeugung sah sich Pilatus einem enormen Druck ausgesetzt – nicht nur von den religiösen Führern, sondern auch von der aufgebrachten Menge. Dieser innere Konflikt und die äußere Bedrängnis führten zu einer seiner bekanntesten Handlungen, die bis heute als Redewendung in Gebrauch ist.
Pilatus und die symbolische Geste des Händewaschens
Die wohl bekannteste Begebenheit, die das Matthäus-Evangelium im Zusammenhang mit Pilatus schildert, ist sein symbolisches Händewaschen. Angesichts des anhaltenden Drucks der Menge, die die Kreuzigung Jesu forderte, und seiner eigenen Überzeugung von Jesu Unschuld, griff Pilatus zu einer drastischen Geste. Er ließ eine Schüssel mit Wasser bringen, wusch sich vor den Augen des Volkes die Hände und erklärte: „Ich bin unschuldig an dem Blut dieses Gerechten. Seht ihr zu!“ Diese Szene ist ein eindringliches Bild seiner Versuche, sich von der Verantwortung für das bevorstehende Urteil freizusprechen. Obwohl er die Macht hatte, Jesus freizusprechen, gab er dem Druck nach und lieferte ihn zur Kreuzigung aus. Die Redewendung „seine Hände in Unschuld waschen“ ist seitdem zu einem festen Bestandteil unserer Sprache geworden. Sie wird verwendet, wenn jemand die Verantwortung für eine unangenehme Entscheidung oder einen Vorgang zurückweist und sich von jeglicher Schuld distanzieren möchte, obwohl er möglicherweise direkt oder indirekt beteiligt war oder die Macht hatte, anders zu handeln. Es ist eine Metapher für die Verweigerung von Verantwortung und das Abwälzen der Schuld auf andere, selbst wenn die eigene moralische Integrität dabei auf dem Spiel steht.
Weitere prägende Redewendungen aus der Ostergeschichte
Die Ostergeschichte ist jedoch nicht nur die Quelle für die Pilatus-Redewendung, sondern hat zahlreiche weitere sprachliche Perlen hervorgebracht, die unseren Alltag bereichern und oft unbewusst verwendet werden:
"Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnet haben"
Dieser Satz aus dem Matthäus-Evangelium ist eine direkte Prophezeiung Jesu an Petrus. Als Petrus vollmundig verspricht, Jesus niemals zu verlassen, entgegnet Jesus ihm mit dieser ernüchternden Voraussage. Und tatsächlich, noch bevor der Hahn kräht, verleugnet Petrus seinen Meister dreimal aus Angst. Die Redewendung wird heute verwendet, um Zweifel an der Standhaftigkeit oder der Wahrheit einer Aussage zu äußern. Sie deutet darauf hin, dass jemand seine Versprechen nicht halten wird. Interessanterweise gibt es auch den Umkehrschluss: „Danach kräht kein Hahn mehr“, was bedeutet, dass etwas völlig uninteressant geworden ist oder in Vergessenheit geraten ist. Diese Sprichwörter zeigen, wie tief die biblischen Erzählungen in unser kollektives Bewusstsein eingedrungen sind und sich in vielfältiger Weise in der Sprache manifestieren.
"Möge dieser Kelch an mir vorübergehen"
Diese zutiefst menschlichen Worte ringt Jesus im Garten Gethsemane im Angesicht seines drohenden Leidens und Todes. Er betet: „Mein Vater, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber. Doch nicht wie ich will, sondern wie Du willst.“ Der „Kelch“ symbolisiert hier das bevorstehende Leiden und Opfer. Die Redewendung drückt den Wunsch aus, vor einer schwierigen, schmerzhaften oder unangenehmen Situation bewahrt zu werden. Sie zeugt von der menschlichen Angst vor dem Unvermeidlichen und dem Wunsch, Leid zu vermeiden, während sie gleichzeitig die Akzeptanz eines höheren Willens ausdrückt. Der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer griff dieses Bild in seinem bekannten Gebet „Von guten Mächten“ auf, als er schrieb: „Und reichst Du uns den schweren Kelch, den bittern…“, was die zeitlose Relevanz dieses Ausdrucks unterstreicht.
"Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach"
Auch dieser Satz wird Jesus im Matthäus-Evangelium in den Mund gelegt, als er seine Jünger am Ölberg aufruft, mit ihm zu wachen und zu beten. Doch die Jünger schlafen immer wieder ein. Jesus erkennt ihre Müdigkeit und Schwäche und formuliert diesen Satz als eine Erklärung für ihr Versagen. Die Redensart beschreibt die grundsätzliche Diskrepanz zwischen guten Absichten und der menschlichen Unfähigkeit, diese stets umzusetzen. Sie wird oft humorvoll verwendet, um das eigene Scheitern bei der Einhaltung von Vorsätzen zu rechtfertigen, sei es beim Sport, bei der Ernährung oder bei anderen Vorhaben. Zugleich offenbart sie eine tiefe psychologische Wahrheit über die menschliche Natur: den inneren Konflikt zwischen Ideal und Realität, zwischen dem, was wir tun sollten, und dem, wozu wir fähig sind.
"Wer das Schwert nimmt, soll durch das Schwert umkommen"
Als Petrus versucht, Jesus mit dem Schwert vor der Verhaftung zu verteidigen, gebietet Jesus ihm Einhalt mit diesen eindringlichen Worten. Es ist eine Warnung vor Gewalt und ein Plädoyer für Gewaltlosigkeit. Die Aussage ist bis heute relevant und wird in Diskussionen über Konflikte und Waffenlieferungen, wie etwa im Kontext des Ukraine-Krieges, oft zitiert. Sie drückt die Idee aus, dass Gewalt letztlich zu weiterer Gewalt und Zerstörung führt und dass derjenige, der zur Waffe greift, selbst durch die Waffe fallen wird. In der Literatur findet sich diese Warnung ebenfalls wieder, etwa bei Georg Büchner im „Hessischen Landboten“, wo es heißt: „Wer das Schwert erhebt gegen das Volk, der wird durch das Schwert des Volkes umkommen.“
"Judaskuss" und "30 Silberlinge"
Der Verrat des Judas Iskariot an Jesus ist eine der tragischsten Episoden der Ostergeschichte. Der „Judaskuss“ wurde zum Inbegriff des Verrats und der Falschheit, weil Judas Jesus im Garten Gethsemane mit einem Kuss identifizierte – einer Geste, die normalerweise Liebe und Vertrauen ausdrückt. Diese Perversion eines universellen Symbols macht den Judaskuss zu einem so mächtigen und schmerzhaften Bild. Eng damit verbunden ist die Redewendung „etwas für 30 Silberlinge verkaufen“. Laut Matthäus-Evangelium erhielt Judas für seinen Verrat genau diese Summe. Wer etwas für 30 Silberlinge verkauft, verrät seine eigenen Prinzipien, seine Überzeugungen oder eine ihm anvertraute Sache für ein oft geringes, schäbiges Entgelt. Diese Erzählungen lieferten leider auch eine traurige „Blaupause“ für den jahrhundertelangen kirchlichen Antijudaismus, indem sie das Klischeebild des „feilschenden und durch unsaubere Machenschaften auffallenden Juden“ befeuerten – ein tödliches Erbe für Millionen von Menschen.
"Von Pontius zu Pilatus laufen"
Obwohl diese Redewendung laut dem vorliegenden Text primär im Lukas-Evangelium ihren Ursprung hat, ist sie eng mit der Leidensgeschichte Jesu verbunden und daher hier relevant. Nach seiner Verhaftung wurde Jesus zunächst zum jüdischen Hohen Rat gebracht, dann zu Pilatus und von diesem, da er nichts mit ihm anzufangen wusste, zu König Herodes. Herodes verspottete Jesus und schickte ihn schließlich wieder zu Pilatus zurück. Dieses hilflose Hin- und Herschieben zwischen verschiedenen Instanzen, bei dem keine der Parteien eine klare Entscheidung treffen wollte oder konnte, wurde zur Redewendung „von Pontius zu Pilatus laufen“ verkürzt. Sie beschreibt die Notwendigkeit, viele unnütze Wege und Behördengänge zu erledigen, um ein Ziel zu erreichen, ohne dabei wirklich voranzukommen. Es ist ein Ausdruck der Frustration über bürokratische Hürden und mangelnde Effizienz, wie es beispielsweise bei der Wohnungssuche oder komplexen administrativen Prozessen der Fall sein kann.
"Nach Emmaus gehen"
Diese Redewendung stammt aus dem Lukas-Evangelium und beschreibt die Begegnung zweier verzweifelter Jünger mit dem auferstandenen Jesus auf dem Weg in das Dorf Emmaus. Sie erkennen ihn zunächst nicht, doch als er ihnen die Schriften auslegt und später das Brot mit ihnen bricht, gehen ihnen die Augen auf. Die Redewendung „nach Emmaus gehen“ hat in einigen christlichen Gemeinden die Tradition des Osterspaziergangs am Ostermontag inspiriert. Es ist eine Zeit des gemeinsamen Gehens, des Austauschs und des Innehaltens, oft verbunden mit dem Nachdenken über die Osterbotschaft und die spirituelle Reise. Es symbolisiert das gemeinsame Unterwegssein, das Erkennen und das Erfahren von Gemeinschaft und Glauben.
Vergleich biblischer Redewendungen und ihrer Ursprünge
Um die Vielfalt und die spezifischen Ursprünge dieser Redewendungen besser zu veranschaulichen, bietet sich eine vergleichende Betrachtung an:
| Redewendung | Biblischer Ursprung (Evangelium) | Kurze Bedeutung | Heutige Anwendung |
|---|---|---|---|
| Seine Hände in Unschuld waschen | Matthäus | Sich von Verantwortung/Schuld freisprechen | Verantwortung abweisen, sich distanzieren |
| Ehe der Hahn kräht... | Matthäus | Prophezeiung der Verleugnung | Zweifel an Versprechen, Voraussage des Scheiterns |
| Möge dieser Kelch an mir vorübergehen | Matthäus | Wunsch, Leid zu vermeiden | Wunsch, vor schwieriger Situation bewahrt zu werden |
| Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach | Matthäus | Diskrepanz zwischen Absicht und Fähigkeit | Rechtfertigung für das Handeln gegen Vorsätze |
| Wer das Schwert nimmt, soll durch das Schwert umkommen | Matthäus | Warnung vor Gewalt | Kritik an Gewalteinsatz, Gewalt führt zu Gegengewalt |
| Judaskuss | Matthäus | Symbol des Verrats | Verrat unter dem Deckmantel der Freundschaft |
| Etwas für 30 Silberlinge verkaufen | Matthäus | Verrat für geringen Lohn | Prinzipien für schäbiges Entgelt verraten |
| Von Pontius zu Pilatus laufen | Lukas | Hin- und Herschieben zwischen Instanzen | Viele unnütze Wege/Behördengänge machen |
| Nach Emmaus gehen | Lukas | Begegnung mit dem Auferstandenen | Osterspaziergang, gemeinsames Unterwegssein |
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
- Wer war Pontius Pilatus laut dem Matthäus-Evangelium?
- Pontius Pilatus war der römische Statthalter in Judäa, der über Jesus zu Gericht saß. Das Matthäus-Evangelium stellt ihn als jemanden dar, der von Jesu Unschuld überzeugt war, aber unter dem Druck der Priester, Schriftgelehrten und des Volkes handelte und ihn zum Tode verurteilte.
- Warum wusch Pilatus seine Hände?
- Pilatus wusch seine Hände, um zu symbolisieren, dass er sich von der Schuld am Tod Jesu freisprechen wollte. Er erklärte: „Ich bin am Blut dieses Menschen nicht schuldig.“ Diese Geste sollte seine Distanzierung von dem Urteil dokumentieren, das er unter Zwang fällte.
- Welche anderen Redewendungen stammen aus der Ostergeschichte?
- Neben „Seine Hände in Unschuld waschen“ gibt es viele weitere, wie „Ehe der Hahn kräht“, „Möge dieser Kelch an mir vorübergehen“, „Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach“, „Wer das Schwert nimmt, soll durch das Schwert umkommen“, „Judaskuss“, „Etwas für 30 Silberlinge verkaufen“, „Von Pontius zu Pilatus laufen“ und „Nach Emmaus gehen“.
- Ist die Redewendung „Von Pontius zu Pilatus laufen“ auch im Matthäus-Evangelium zu finden?
- Nein, laut den vorliegenden Informationen stammt die Erzählung, die zu dieser Redewendung führte, aus dem Lukas-Evangelium. Sie beschreibt, wie Jesus zwischen dem Hohen Rat, Pilatus und König Herodes hin- und hergeschickt wurde.
- Was bedeutet der „Judaskuss“ heute?
- Der „Judaskuss“ ist heute ein Synonym für Verrat, insbesondere wenn dieser unter dem Deckmantel von Freundschaft oder Zuneigung geschieht. Er symbolisiert eine falsche Geste, die zu einem schändlichen Akt führt.
Die tiefgreifende Wirkung der biblischen Texte auf unsere Sprache ist unverkennbar. Die Geschichten des Matthäus-Evangeliums und anderer Evangelien sind nicht nur theologische Zeugnisse, sondern auch kulturelle Eckpfeiler, die unsere Ausdrucksweise und unser Verständnis von moralischen Dilemmata prägen. Die Figur des Pilatus, der zwischen Recht und Druck zerrieben wird, und die vielen anderen ikonischen Szenen der Ostergeschichte haben uns Redewendungen geschenkt, die auch heute noch lebendig sind und uns helfen, komplexe menschliche Erfahrungen und Situationen zu beschreiben. Sie erinnern uns daran, wie sehr Glaube, Geschichte und Sprache miteinander verwoben sind und wie alte Erzählungen in den alltäglichen Gebrauch übergehen, oft ohne dass wir ihre ursprüngliche Quelle kennen. Diese „geflügelten Worte“ sind ein Beweis für die zeitlose Relevanz der biblischen Botschaft und ihre unermüdliche Fähigkeit, Generationen von Menschen zu inspirieren und ihre Sprache zu formen.
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