Luthers Kreuzestheologie: Das Versprechen des Evangeliums

09/06/2024

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Die Frage, was das Evangelium verspricht, ist seit jeher zentral für den christlichen Glauben. Im Laufe der Geschichte haben Theologen versucht, diese tiefgreifende Frage zu beantworten, doch nur wenige haben sie so radikal und existentiell neu gedeutet wie Martin Luther. Seine sogenannte Kreuzestheologie bildet den Kern seines Verständnisses vom Evangelium und bietet eine einzigartige Perspektive auf Gottes Handeln in der Welt und im Leben des Einzelnen. Es ist eine Theologie, die nicht nur den Verstand anspricht, sondern zutiefst das menschliche Herz berührt und aus tiefster Not befreit.

Was sind die Zitate von Martin Luther?
Luther, Martin - Zitate aus verschiedenen Quellen [Gedenkt an eure Lehrer, welche euch das Wort Gottes gesagt haben, welcher Ende schaut an, und folgt ihrem Glauben nach.] 1) Alle Christen sind wahrhaft geistlichen Standes, und es ist unter ihnen kein Unterschied als nur um des Amts willen.

Der Dreh- und Angelpunkt der Theologie: Gottes Rechtfertigung

Martin Luther brach bewusst mit den vorherrschenden theologischen Ansätzen seiner Zeit, insbesondere mit der scholastischen Tradition, die stark von der Philosophie beeinflusst war und oft auf logischen Argumenten oder der Wiederherstellung der göttlichen Ehre basierte, wie etwa bei Anselm von Canterbury. Für Luther war der absolute und unverrückbare Dreh- und Angelpunkt aller Theologie, jeder Verkündigung, jedes kirchlichen Handelns und nicht zuletzt des persönlichen Glaubenslebens die frohe Botschaft von Gottes Rechtfertigung der Sünder um Christi willen. Dies war für ihn keine bloße theologische Formel, sondern die Antwort auf die tiefsten existenziellen Nöte des Menschen.

Der Mensch, so Luther, ist zutiefst von seiner eigenen Sündhaftigkeit, seiner Schuld und der Gewissheit des Todes geplagt. Er erfährt existenzielle Angst, ist dem Urteil anderer und seinem eigenen, oft zermürbenden Selbsturteil ausgeliefert. In diesem Zustand der Verlorenheit und Verzweiflung vermag allein das Evangelium wahren Trost zu spenden. Es ist die einzige Kraft, die den Menschen aus diesem Teufelskreis reißen, ihn von der Last der Schuld befreien und ihm inmitten von Leid und Übel Halt geben kann. Luther sah hierin eine Fortführung des neutestamentlichen und mittelalterlichen Bewusstseins von der überwältigenden Macht der Sünde, die den Menschen von Gott entfremdet.

Luther legte die Bedeutung des Evangeliums von der Rechtfertigung des Sünders auf diese elementaren, oft verdrängten menschlichen Erfahrungen hin aus. Es geht darum, einen Grund und Halt zu finden, der das individuelle Leben trägt und erhält, der den Menschen zu einer neuen Kreatur werden lässt, für die das Alte – die Verfehlung und Schuld – vergeben ist, und der dem gelebten Leben des Einzelnen Ewigkeitswert verbürgt. Luther fasste es prägnant zusammen: Das Evangelium verspricht diesen Grund, der „mich erlöset von Sünde, vom Teufel, vom Tode und allem Unglück“ (Großer Katechismus, BSELK, S. 1056).

Nur Gott selbst kann diese Erlösung bewirken. Und dies vermag nur der Gott, der sich nicht im Verborgenen gehalten hat, sondern in Leben, Sterben und Auferweckung Jesu Christi „seine Huld und Gnade“ erwiesen hat. Jesus Christus ist somit der „Spiegel des väterlichen Herzens“ (Großer Katechismus, a.a.O., S. 1068). Darum hängt der Glaube unzertrennlich an Jesus Christus. In seinem Leben, Sterben und Auferstehen hat sich Gott selbst – sein Wesen als Liebe – offenbart. Der Gläubige kann sich „in Christus“, im Licht dieser offenbarten Liebe Gottes, neu verstehen und von dort aus auf Zukunft hin leben und auch sterben. Diese neue Selbstbegreifung – vor Gott, vor den anderen und vor sich selbst – ist das unverbrüchliche Geschenk an den an Jesus Christus Glaubenden, weil Christus die Macht von Sünde, Schuld, Teufel, Tod und Unglück überwunden hat, indem er sich diesen Mächten aussetzte und sie so entmachtete.

Wahrer Gott und wahrer Mensch: Die Präsenz Gottes im Leid

Ein zentraler und revolutionärer Aspekt von Luthers Theologie ist seine nachdrückliche Betonung, dass zur Überwindung von Sünde, Schuld, Teufel, Tod und Unglück nicht nur ein bloßer Mensch, sondern Gott selbst im Leben und Sterben Jesu Christi in der „Waagschüssel“ liegen muss. Luther drückte es drastisch aus: „Wo Gott nicht mit in der Waage ist und das Gewichte gibt, so sinken wir mit unserer Schüssel zu Grunde. Das mein ich also: wo es nicht sollt heißen, Gott ist für uns gestorben, sondern allein ein Mensch, so sind wir verloren. Aber wenn Gottes Tod und Gott gestorben in der Waagschüssel liegt, so sinket er unter und wir fahren empor“ (WA 50, 590,11). Daher betonte Luther unermüdlich, „dass im gekreuzigten Christus die wahre Theologie und Erkenntnis Gottes (liegt)“ (Heidelberger Disputation, These 20).

Diese Einsicht revolutionierte die philosophische Gotteserkenntnis und die durch sie geprägte Schultheologie. Während für die antike und mittelalterliche Philosophie Gottes Unveränderlichkeit und Leidensunfähigkeit Grundaxiome waren, betonte Luther unter Aufnahme der biblischen Rede von Gott dessen Leidensfähigkeit Gottes für seine Geschöpfe. Gott wird „gefunden in den Leiden und im Kreuz“ (Heidelberger Disputation, These 21). Die Heilsbedeutung des Lebens und Sterbens Jesu Christi hängt untrennbar daran, dass in ihm Gott selbst in die Welt gekommen ist und die Welt durch Leiden und Kreuz hindurch mit sich versöhnt hat. Wäre dies nicht der Fall, wäre Christus, wie Luther bündig sagte, ein „schlechter Heiland“ und bedürfte „wohl selbst eines Heilands“ (Vom Abendmahl Christi. Bekenntnis, 1528, WA 26, 319,38f.). Nur aufgrund der einzigartigen Einheit des Menschen Jesus mit Gott kann von Person und Handeln Jesu Christi gesagt werden, es sei „seine Gerechtigkeit den Sünden aller überlegen, sein Leben stärker als jeder Tod, sein Heil jeder Hölle gegenüber unbesiegbar“ (Tractatus de libertate christiana, WA 7,55,16).

In Leben und Sterben Jesu Christi verwirklicht sich Gottes Barmherzigkeit, die dem Menschen in seiner Verlorenheit, Schuld und Todverfallenheit zugewandt ist. Diese Barmherzigkeit verwirklicht sich so, dass Jesus Christus das, was dem Sünder gilt – göttlichen Zorn und Todverfallenheit – auf sich nimmt und erleidet. Diese Lebens- und Leidensgeschichte wird in die Wirklichkeit des dreieinigen Gottes eingeschrieben, zur Versöhnung der Welt. Der Sohn Gottes begibt sich in die Welt und nimmt stellvertretend für die sündige Menschheit das göttliche Gericht über die Sünde auf sich. Er erleidet – an unserer Statt – die Gottverlassenheit und den Tod als die äußersten Formen des göttlichen Gerichts über die Sünde, damit der Sünder lebe. Neutestamentliche Aussagen über das Passa-Lamm und den Lebenseinsatz für die Vielen werden hier nicht nur wiederholt, sondern in einen existenziell zugespitzten Sinnzusammenhang gebracht.

Luther legt dementsprechend die Aussagen des apostolischen Glaubensbekenntnisses über Jesus Christus aus, indem er Gottesgeschichte und individuelle Glaubens- und Lebensgeschichte zusammenspricht. Dies zeigt sich besonders deutlich in seiner Erklärung zum zweiten Artikel des apostolischen Glaubensbekenntnisses im Kleinen Katechismus: „Ich glaube, dass Jesus Christus, wahrhaftiger Gott, vom Vater in Ewigkeit geboren und auch wahrhaftiger Mensch, von der Jungfrau Maria geboren, sei mein Herr, der mich verlorenen und verdammten Menschen erlöset hat, erworben, gewonnen, von allen Sünden vom Tode und von der Gewalt des Teufels; nicht mit Gold oder Silber, sondern mit seinem heiligen teuren Blut und mit seinem unschuldigen Leiden und Sterben; auf dass ich sein eigen sei und in seinem Reich unter ihm lebe und ihm diene in ewiger Gerechtigkeit, Unschuld und Seligkeit, gleichwie er ist auferstanden vom Tode, lebet und regieret in Ewigkeit. Das ist gewisslich wahr“ (BSELK, S. 872). Luther betont hier die Einheit von Gott und Mensch in Jesus Christus als göttlichen Grund der Heilsgeschichte, hebt aber auch deren Bedeutung für das persönliche Leben des Einzelnen hervor: „er sei mein Herr, der mich erlöset hat, dass ich sein eigen sei und in seinem Reich lebe“. Die Aussagen des Credo sprechen in die existenzielle Not des Menschen („er erlöst von allen Sünden, vom Tode und der Gewalt des Teufels“) und wollen in der Unvertretbarkeit des persönlichen Glaubens („ich glaube“) existenzbestimmend angeeignet sein. Dass der Glaube an Jesus Christus das Leben des Einzelnen aus dem existenziellen Dunkel reißt und in ein neues Licht, in den Blick des barmherzigen Gottes, stellt, hat Gott selbst in Leben und Sterben Jesu Christi und seiner Auferweckung von den Toten unverbrüchlich verbürgt („das ist gewisslich wahr“).

Die Transformation antiker und mittelalterlicher Traditionen

Luther nahm durchaus sehr bewusst antike und mittelalterliche Traditionen, Bilder und Begrifflichkeiten auf, transformierte sie aber entscheidend. So formulierte er in Anlehnung an Gal 3,13 und Phil 2,8 den Gedanken der Genugtuung, indem er deutlich machte, dass Christus stellvertretend den Zorn Gottes und die Strafe für die Sünde der Menschen auf sich nahm, um diese so von den Forderungen des Gesetzes Gottes und den Folgen menschlichen Ungehorsams zu befreien. Auch die Vorstellung, der Mensch sei eingebunden in den Machtbereich des Satans und daher nicht „Herr“ seiner selbst, sondern auf Erlösung angewiesen, prägte Luthers Sprache und Denken zutiefst, oft im Rückgriff auf Paulus (vgl. Gal 4,3-5). Erst das „Erwerben“ und „Gewinnen“ des Menschen für den Machtbereich Gottes durch das Wirken Christi, des Gottessohns, macht den Menschen wahrhaft frei. Auch das Loskaufmotiv griff Luther auf, transformierte es aber sehr frei, wenn er in Anlehnung an 1Kor 15,55 in seinem großen Osterchoral „Christ lag in Todesbanden“ (EG 101) dichtete, dass „ein Tod den andern fraß, ein Spott aus dem Tod ist worden“. Hier wird die traditionelle Vorstellung eines Loskaufs vom Teufel zu einer dynamischen Überwindung des Todes durch das Leben.

Die Besonderheit von Luthers kreuzestheologischem Denken liegt in der Radikalität, mit der er die Gegenwart Gottes in Jesu Christi Leben und Sterben erfasste. Dies führte ihn nicht nur zur Ablehnung und Umformung der philosophischen Gotteslehre und der von ihr beeinflussten Schultheologie, die ihm als „Weisheit dieser Welt“ galt. Für Luther verfehlte diese „Weisheit“ die Wirklichkeit des biblischen Gottes, dessen heilbringendes Handeln dem Menschen existenziell gelegen ist. Vielmehr führte Luther die paulinischen Aussagen aufgreifend zur Betonung des Kreuzes Jesu Christi als den Erkenntnisgrund wahrer Rede von Gott und damit verbunden zu höchst kühnen Aussagen eines Leidens Gottes in der Person Jesu Christi.

So hielt er dafür: „Ob nu hie die alte Wettermacherin Vernunft ... sagen würde: >Ja die Gottheit kann nicht leiden noch sterben< sollst du sagen: Das ist wahr. Aber dennoch, weil Gottheit und Menschheit in Christo eine Person ist, so gibt die Schrift, um solcher persönlicher Einigkeit willen, auch der Gottheit alles, was der Menschheit widerführet ... das musst du sagen: Die Person Jesus Christus leidet, stirbt. Nu ist die Person wahrhaftiger Gott. Drum ists recht geredt: Gottes Sohn leidet“ (Vom Abendmahl Christi. Bekenntnis, WA 26, 389). Für Luther liegt darin der göttliche Grund des Heils: Nur indem in der Person des Gottmenschen Gott selbst hineingezogen ist in das Leiden und Sterben Jesu Christi, ist dieses definitiv eingeschrieben in die Wirklichkeit des dreieinigen Gottes – zum Heil der Welt. Es ist der leidende Gott, der sich in Christus offenbart und uns erlöst.

Deshalb betonte Luther in seinen Chorälen die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus als den göttlichen Grund der Heilsgeschichte. Er vergewisserte so der singenden Gemeinde in seinem bekannten Weihnachtslied den Weg des „Sohns des Vaters, Gott von Art“, den er gegangen ist, „sein groß Lieb zu zeigen an“ (EG 23):

Gelobet seist du, Jesu Christ,
dass du Mensch geboren bist
von einer Jungfrau, das ist wahr;
des freuet sich der Engel Schar. Kyrieleis.

Der Sohn des Vaters, Gott von Art,
ein Gast in der Welt hier ward
und führt uns aus dem Jammertal,
macht uns zu Erben in seim Saal. Kyrieleis.

Wer kann den Lauf des Evangeliums durch die Welt aufhalten?
Niemand und nichts kann und soll den Lauf des Evangeliums durch die Welt aufhalten. Das gilt von Anbeginn der Christenheit an, denn der Heilige Geist ist uns versprochen, der durch uns und in uns und mit uns kräftig das Wort von der Erlösung durch Jesus Christus weiter laufen lässt. Wie war das noch zu Anfang?

Das hat er alles uns getan,
sein groß Lieb zu zeigen an.
Des freu sich alle Christenheit
und dank ihm des in Ewigkeit. Kyrieleis.

Es war nicht bloß ein vorbildlich lebender Mensch, der vor Gott für die Menschen eintrat, deren Sünde in ihrer abgründigen Selbstbezogenheit Luther nicht hoch genug veranschlagen konnte. Und es ging in Leiden und Sterben Jesu Christi in keiner Weise um den von einem rachsüchtigen Vater geforderten Opfertod seines Sohns als eine Art Entschädigungsleistung, um Gott versöhnlich zu stimmen. Gott bringt sich vielmehr selbst in das Erlösungsgeschehen ein, indem er sich den Menschen mit ihren abgrundtiefen Lebenserfahrungen gleichmacht, bis hin zu Leiden und Tod. Angesichts der Schwere der menschlichen Verfallenheit und Sünde konnte nur Gott selbst die Erlösung hinausführen.

Auch diese Erkenntnis verkündigte Luther im Lied und prägte so Kindern wie Erwachsenen jenen theologischen Inhalt ein, den er an der Auslegung des Alten und Neuen Testaments gewonnen hatte. Im Singen von „Nun freut euch, lieben Christen g’mein“ (EG 341) identifiziert sich die Gemeinde mit den Inhalten dieser Theologie und rekapituliert die eigene individuelle Geschichte, aber auch die gesamte Menschheitsgeschichte, als ein zu allen Zeiten aktuelles Geschehen von Versöhnung und Erlösung. Das Lied erzählt von der liebenden Selbsthingabe Gottes in Jesus Christus und der Errettung des in tiefste Not und Leid gestürzten Menschen:

Nun freut euch, lieben Christen g’mein,
und lasst uns fröhlich springen,
dass wir getrost und all in ein
mit Lust und Liebe singen,
was Gott an uns gewendet hat
und seine süße Wundertat;
gar teu'r hater’s erworben. [...]

Mein guten Werk, die galten nicht,
es war mit ihn’ verdorben;
der frei Will hasste Gotts Gericht,
er war zum Guten erstorben;
die Angst mich zu verzweifeln trieb,
dass nichts denn Sterben bei mir blieb,
zur Höllen musst ich sinken.

Da jammert Gott in Ewigkeit
mein Elend Übermaßen;
er dacht an sein Barmherzigkeit,
er wollt mir helfen lassen;
er wandt zu mir das Vaterherz,
es war bei ihm fürwahr kein Scherz,
er ließ’s sein Bestes kosten.

Er sprach zu seinem lieben Sohn:
»Die Zeit ist hier zu erbarmen;
fahr hin, meins Herzens werte Kron,
und sei das Heil dem Armen
und hilf ihm aus der Sünden Not,
erwürg für ihn den bittern Tod
und lass ihn mit dir leben.«

Der Sohn dem Vater g’horsam ward,
er kam zu mir auf Erden
von einer Jungfrau rein und zart;
er sollt mein Bruder werden.
Gar heimlich führt er sein Gewalt,
er ging in meiner armen G’stalt,
den Teufel wollt er fangen.

Er sprach zu mir: »Halt dich an mich,
es soll dir jetzt gelingen;
ich geb mich selber ganz für dich,
da will ich für dich ringen;
denn ich bin dein und du bist mein,
und wo ich bleib, da sollst du sein,
uns soll der Feind nicht scheiden.«

Das Abendmahl als Zusage des Heils: „... daß es Dein ist als ein Schatz und Geschenke“

Die tiefgreifende Bedeutung der Einheit der göttlichen und menschlichen Natur in Christus, die für Luthers Kreuzestheologie so zentral ist, findet auch in seiner Abendmahlslehre ihren Ausdruck. Luther betonte hier, dass im Abendmahl der ganze Christus gegenwärtig ist – sowohl seine menschliche als auch seine göttliche Natur. Diese beiden Naturen können nicht voneinander getrennt werden, da sie in ihrer Einheit und wechselseitigen Durchdringung die Person und das Heilswirken Jesu Christi ausmachen. Durch die Zeichen von Brot und Wein schenkt sich Jesus Christus den Teilnehmenden am Mahl als eine Gewissheit verbürgende Zusage: „Für dich gegeben; für dich vergossen.“

Das Abendmahl ist somit „gegeben zur täglichen Weide und Futterung, daß sich der Glaube erhole und stärke“. Es dient nicht nur der Erinnerung, sondern der realen Teilhabe am Heil. „Denn darum heißet er mich essen und trinken, daß es mein sei und mir nütze als ein gewiß Pfand und Zeichen, ja eben dasselbige Gut, so fur mich gesetzt ist wider meine Sunde, Tod und alle Unglück.“ (BSELK, S. 1138). Im Abendmahl empfängt der Gläubige das Heil ganz persönlich, als einen Schatz und ein Geschenk, das ihm in seiner Not und Verzweiflung zugesprochen wird. Es ist die konkrete, spürbare und schmeckenbare Zusage der Liebe Gottes, die im Kreuz Christi ihren Höhepunkt fand und nun im Sakrament fortwirkt.

Vergleich: Traditionelle Theologie vs. Luthers Kreuzestheologie

MerkmalTraditionelle Scholastik (z.B. Anselm)Luthers Kreuzestheologie
Fokus der TheologieWiederherstellung der Ehre Gottes; logische/rechtliche OrdnungRechtfertigung des Sünders; existentielle Angst und Trost
Natur GottesUnveränderlich, leidensunfähig (apathisch)Gott ist in Christus leidend, leidenschaftlich für seine Geschöpfe
Quelle des HeilsChristus als Genugtuung, die Gottes Zorn besänftigtGott selbst bringt sich in Christus ein, überwindet Sünde und Tod
Menschliches ProblemSünde als Verstoß gegen Gottes Ordnung/EhreSünde als existenzielle Verlorenheit, Angst, Verzweiflung
Erkenntnis GottesPrimär durch Vernunft und Schöpfung (Theologia Gloriae)Primär im gekreuzigten Christus und seinem Leiden (Theologia Crucis)

Häufig gestellte Fragen (FAQ) zur Kreuzestheologie Martin Luthers

Was ist Luthers Kreuzestheologie?
Luthers Kreuzestheologie ist ein zentraler Pfeiler seiner Theologie, der besagt, dass die wahre Erkenntnis Gottes und des Heils nicht in der menschlichen Vernunft oder in der Schau seiner Herrlichkeit (Theologia Gloriae) zu finden ist, sondern allein im Leiden und Sterben Jesu Christi am Kreuz (Theologia Crucis). Sie betont, dass Gott sich gerade in Schwachheit, Leid und Verborgensein offenbart und dass er selbst in Christus das menschliche Leid und den Tod auf sich nimmt, um die Menschheit zu erlösen.

Wie unterscheidet sich Luthers Ansicht von früheren Theologien?
Luther brach mit der scholastischen Tradition, die Gott oft als unveränderlich und leidensunfähig darstellte. Während frühere Theologen wie Anselm die Sühne Christi primär als eine Wiedergutmachung der entehrten göttlichen Ehre verstanden, betonte Luther, dass Gott selbst in Christus leidet und stirbt. Für Luther ist die Rechtfertigung des Sünders durch Gottes Gnade allein der Kern, nicht eine Leistung des Menschen oder eine bloße rechtliche Transaktion.

Warum ist es wichtig, dass Gott im Leiden präsent ist?
Für Luther ist die Präsenz Gottes im Leiden Christi entscheidend, weil nur Gott selbst die überwältigende Macht von Sünde, Tod und Teufel überwinden kann. Ein bloßer Mensch wäre dazu nicht in der Lage. Indem Gott in Christus das menschliche Gericht und den Tod auf sich nimmt, wird die Erlösung zu einem göttlichen Akt, der die Realität des dreieinigen Gottes selbst einschließt und somit von unübertrefflicher Wirksamkeit ist. Es zeigt Gottes tiefste Barmherzigkeit und Liebe, die sich dem Menschen in seiner größten Not zuwendet.

Welche Rolle spielen Luthers Lieder in seiner Theologie?
Luthers Lieder, oder Choräle, waren für ihn ein wichtiges Medium, um theologische Inhalte nicht nur den Gelehrten, sondern der gesamten Gemeinde, einschließlich Kindern, zugänglich zu machen und in ihren Herzen zu verankern. Durch das gemeinsame Singen wurden komplexe theologische Wahrheiten – wie die Menschwerdung Gottes, seine stellvertretende Leiden und die Erlösung von Sünde und Tod – erlebbar und einprägsam vermittelt. Sie waren und sind ein lebendiger Ausdruck des Glaubens und der Theologie.

Was verspricht das Evangelium nach Luther konkret?
Das Evangelium verspricht nach Luther die völlige Befreiung des Menschen von Sünde, Tod, Teufel und aller Not. Es ist die Zusage, dass der Mensch durch den Glauben an Jesus Christus von Gott gerechtfertigt wird, nicht aufgrund eigener Werke, sondern allein aus Gnade. Es befreit von existenzieller Angst und Schuld, schenkt wahren Trost im Leid und verbürgt ewiges Leben und eine neue Existenz als Kind Gottes. Es ist die Gewissheit, dass man durch Christus Gottes Eigentum ist und in seinem Reich lebt.

Martin Luther ist damit ein leuchtendes Beispiel für eine tiefgehende Aneignung neutestamentlicher Deutungen des Leidens und Sterbens Jesu Christi. Er hat traditionelle Aussagen existentiell so zugespitzt, dass der dadurch angesprochene Mensch sich als direkter Adressat des versöhnenden göttlichen Handelns erfahren, begreifen und glauben kann. Seine Theologie des Kreuzes ist ein Aufruf, Gott nicht in menschlicher Herrlichkeit, sondern in der Schwachheit des Kreuzes zu suchen, um dort die wahre und befreiende Liebe Gottes zu finden.

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