31/01/2024
Das Johannesevangelium nimmt unter den vier kanonischen Evangelien eine Sonderstellung ein. Es ist nicht nur eine chronologische Erzählung des Lebens Jesu, sondern vielmehr eine tiefgründige theologische Reflexion über seine Identität, seine Botschaft und seine Beziehung zu Gott und den Menschen. Es lädt den Leser ein, Jesus Christus nicht nur als historische Figur, sondern als den lebendigen Sohn Gottes zu erkennen und eine persönliche Beziehung zu ihm aufzubauen. Besonders eindringlich wird dies in den Kapiteln nach der Auferstehung Jesu, die von seinen Erscheinungen und der Wiederherstellung seiner Jünger berichten. Johannes 21, die letzte Erscheinung Jesu am See Tiberias, ist ein herausragendes Beispiel für die besondere Art und Weise, wie Jesus seine Jünger lehrt und ihnen ihren Auftrag erteilt, geprägt von Liebe und Vertrauen.

Die Begegnung am See Tiberias: Ein Neubeginn
Nach der Auferstehung kehren die Jünger, scheinbar desillusioniert und zu ihrer früheren Tätigkeit zurück. Sie fischen die ganze Nacht, doch ihre Netze bleiben leer. In dieser Situation der Leere und vielleicht auch der Enttäuschung erscheint Jesus am Ufer. Zunächst erkennen sie ihn nicht. Erst als er ihnen den Rat gibt, die Netze auf der rechten Seite des Bootes auszuwerfen, und sie einen überreichen Fang machen, dämmert ihnen die Erkenntnis. Es ist der Jünger, den Jesus liebte – traditionell Johannes selbst – der als Erster die entscheidenden Worte spricht: „Es ist der Herr!“ Diese Erkenntnis löst eine unmittelbare und leidenschaftliche Reaktion bei Simon Petrus aus. Ohne Zögern springt er ins Wasser, um so schnell wie möglich zu Jesus zu gelangen. Dieser Sprung symbolisiert die tiefe Liebe und den ungestümen Eifer des Petrus, der bereit ist, alles hinter sich zu lassen, um seinem Herrn entgegenzueilen. Nach dem erfolgreichen Fang bereitet Jesus ein Mahl für sie vor – ein intimes Zusammensein, das Gemeinschaft und Wiederherstellung symbolisiert.
Die dreifache Frage an Petrus: Wiederherstellung und Auftrag
Nach dem Mahl wendet sich Jesus direkt an Simon Petrus mit einer Frage, die dreimal wiederholt wird: „Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese?“ Diese dreifache Befragung ist von immenser Bedeutung und wird oft als direkte Parallele zu Petrus' dreifacher Verleugnung Jesu vor seiner Kreuzigung gesehen. Doch der griechische Originaltext offenbart eine noch tiefere Nuance, die im Deutschen oft verloren geht. Im Griechischen gibt es verschiedene Wörter für Liebe, und Jesus verwendet sie bewusst:
| Frage Jesu (Griechisch) | Wort für Liebe | Bedeutung | Antwort des Petrus (Griechisch) | Wort für Liebe | Bedeutung |
|---|---|---|---|---|---|
| „Agapao me?“ (1. Mal) | Agapao (ἀγαπάω) | Tiefe, selbstlose, göttliche Liebe | „Philo se.“ | Phileo (φιλέω) | Freundschaftliche, brüderliche Liebe |
| „Agapao me?“ (2. Mal) | Agapao (ἀγαπάω) | Tiefe, selbstlose, göttliche Liebe | „Philo se.“ | Phileo (φιλέω) | Freundschaftliche, brüderliche Liebe |
| „Phileo me?“ (3. Mal) | Phileo (φιλέω) | Freundschaftliche, brüderliche Liebe | „Philo se.“ | Phileo (φιλέω) | Freundschaftliche, brüderliche Liebe |
Jesus fragt Petrus zweimal nach der tiefen, aufopfernden Agape-Liebe, die oft Gott zugeschrieben wird oder eine Liebe, die über das Menschliche hinausgeht. Petrus kann jedoch nur mit Philia-Liebe antworten, einer menschlichen, freundschaftlichen Zuneigung. Beim dritten Mal passt Jesus seine Frage an die Realität des Petrus an und fragt ihn mit Phileo. Nun stimmen ihre Worte überein. Petrus ist traurig, weil er merkt, dass Jesus seine Grenzen kennt, aber er bekräftigt seine Liebe auf die einzige Weise, wie er es kann. Dies ist ein zutiefst menschlicher und zugleich göttlicher Moment: Jesus verlangt von uns nicht eine Liebe, die unser menschliches Maß übersteigt, sondern er möchte, dass wir ihn so lieben, wie es uns möglich ist – aber mit unserem ganzen Herzen und unserem Besten. Unsere größte Liebe soll dem Herrn gelten, und wenn wir uns an ihm ausrichten, so kann unsere Liebe immer mehr wachsen, bis sie ihre Vollendung in Gott selbst findet, der die vollkommene Liebe ist.
Jeder Bejahung des Petrus folgt ein klarer Auftrag Jesu: „Weide meine Lämmer!“, „Weide meine Schafe!“, „Weide meine Schafe!“ Dies ist die Wiederherstellung des Petrus in seinem apostolischen Dienst und die Übertragung der Verantwortung für die Gemeinde. Es zeigt, wie wichtig es Jesus ist, dass seine „Schafe“ einen Hirten haben, der sie führt, und dass diese Sorge um die Herde das größte Zeichen der Liebe zu ihm ist, wie auch Johannes Chrysostomus betonte: „Ein drittes Mal fragt er und ein drittes Mal verbindet er damit denselben Auftrag. Dadurch zeigt er, wie wichtig es ihm ist, dass seine Schafe einen haben, der sie führt, und er zeigt, dass das das größte Zeichen der Liebe zu ihm ist.“ Jesus prophezeit Petrus zudem seinen Märtyrertod („ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst“), was die Ernsthaftigkeit und Tiefe des Auftrags unterstreicht. Dennoch ist die abschließende Aufforderung klar: „Folge mir nach!“
Der Geliebte Jünger: Einzigartiges Zeugnis
Im Johannesevangelium spielt der „Jünger, den Jesus liebte“ eine besondere Rolle. Er ist bei entscheidenden Momenten dabei: am letzten Abendmahl lehnt er sich an Jesu Brust, unter dem Kreuz ist er der einzige Jünger anwesend, er ist der erste, der am leeren Grab die Auferstehung glaubt, und wie wir gesehen haben, ist er der erste, der den Auferstandenen am See Tiberias erkennt. Dieser Jünger – traditionell identifiziert mit Johannes, dem Verfasser des Evangeliums – ist der Inbegriff des Zeugnis-Gebens. Er hat alles miterlebt, er hat Jesus sozusagen „mit eigenen Händen berührt“, wie es Papst Benedikt XVI. formulierte: „Der auferstandene Christus braucht Zeugen, die ihm begegnet sind, Menschen, die ihn durch die Kraft des Heiligen Geistes zutiefst kennen gelernt haben. Menschen, die von ihm Zeugnis geben können, weil sie ihn sozusagen mit eigenen Händen berührt haben.“
Johannes' Motivation, sein Evangelium zu schreiben, war nicht, einen unterhaltsamen Roman über Jesus zu verfassen. Vielmehr wollte er die Menschen zur direkten Begegnung mit Jesus Christus führen. Sein Evangelium ist ein Portal, das den Leser einlädt, die Wahrheit über Jesus zu entdecken und eine persönliche Beziehung zu ihm aufzubauen. Es ist ein Evangelium, das in die Tiefe geht, theologische Konzepte wie Licht, Leben, Wahrheit, Liebe und den Heiligen Geist in den Mittelpunkt stellt und die göttliche Natur Jesu von Anfang an betont. Sein Zeugnis ist authentisch und wahr, wie er selbst am Ende seines Evangeliums bekräftigt: „Dieser Jünger ist es, der all das bezeugt und der es aufgeschrieben hat; und wir wissen, dass sein Zeugnis wahr ist.“
Die Nachfolge Christi im Alltag
Die Aufforderung „Folge mir nach!“ gilt nicht nur für Petrus, sondern für jeden Gläubigen. Sie ist eine Einladung zu einem Leben in kontinuierlicher Nachfolge Christi. Doch wie können wir Jesus heute nachfolgen und seine Gegenwart erkennen, wo er doch nicht mehr sichtbar unter uns wandelt?
Jesus begegnet uns auf vielfältige Weise:
- Im Wort der Evangelien und im Gebet: Wenn wir die biblischen Texte im stillen Gebet betrachten, können wir Jesus immer näherkommen und ihm ähnlicher werden. Die Evangelien sind nicht nur historische Berichte, sondern lebendige Worte, die uns zu Jesus führen.
- In der Kirche und den Sakramenten: In der Gemeinschaft der Gläubigen, besonders in der Heiligen Messe und den Sakramenten, begegnen wir dem auferstandenen Herrn. Die Eucharistie ist die Quelle und der Höhepunkt des christlichen Lebens, wo Christus selbst gegenwärtig ist.
- Im Alltag und in den Mitmenschen: Jesus begegnet uns auch in unserem täglichen Leben, in den Menschen um uns herum – sowohl in denen, die uns Gutes tun, als auch in denen, die unsere Hilfe brauchen. In vielen Ereignissen des Alltags können wir seine verwandelnde Gegenwart erkennen, wenn wir unsere Herzen und Augen offenhalten und wachsam sind für seine Führung.
Die Erfahrung, dass der Herr bei uns ist, gibt uns den Mut, unseren Glauben zu bezeugen und die „Saat des Evangeliums“ auszustreuen, die reiche Ernte bringt. Es ist die Gewissheit seiner Gegenwart, die uns in unserer Unvollkommenheit befähigt, ihm mit all unserer Kraft nachzufolgen und seine Zeugen zu sein – aus Liebe.
Fragen und Antworten zum Johannesevangelium
Warum ist das Johannesevangelium so einzigartig?
Das Johannesevangelium unterscheidet sich von den drei synoptischen Evangelien (Matthäus, Markus, Lukas) durch seinen theologischen Fokus und seinen stilistischen Aufbau. Es enthält keine Gleichnisse, wie sie in den Synoptikern häufig sind, dafür aber lange Reden Jesu und sieben „Ich bin“-Worte (z.B. „Ich bin das Brot des Lebens“, „Ich bin der gute Hirte“), die seine göttliche Identität betonen. Es konzentriert sich weniger auf die chronologische Abfolge der Ereignisse und mehr auf die theologische Bedeutung von Jesu Worten und Taten. Es ist das Evangelium, das am stärksten die Liebe Gottes und Jesu zum Ausdruck bringt und eine persönliche Beziehung zu Christus in den Mittelpunkt stellt.
Was bedeutet die dreifache Frage Jesu an Petrus?
Die dreifache Frage Jesu an Petrus („Liebst du mich?“) ist von großer symbolischer Bedeutung. Sie wird oft als Wiederherstellung Petrus' nach seiner dreifachen Verleugnung Jesu vor der Kreuzigung interpretiert. Durch jede Bejahung seiner Liebe wird Petrus' früherer Verrat symbolisch aufgehoben. Die Nuance in den verwendeten griechischen Wörtern für Liebe (agapao und phileo) zeigt zudem, dass Jesus Petrus' menschliche Grenzen anerkennt und ihn dennoch in seinen Dienst beruft. Es ist eine Demonstration der Gnade und Barmherzigkeit Jesu, der Petrus nicht fallen lässt, sondern ihn trotz seiner Schwäche zu einem Hirten seiner Herde macht.
Wie kann ich Jesus heute begegnen, wie es das Johannesevangelium nahelegt?
Das Johannesevangelium lädt zu einer tiefen, persönlichen Begegnung mit Jesus ein. Dies kann geschehen durch intensives Lesen und Beten mit der Heiligen Schrift, insbesondere den Evangelien, die uns seine Worte und Taten nahebringen. Die Teilnahme an den Sakramenten der Kirche, besonders der Eucharistie, ist ein zentraler Ort der Begegnung. Darüber hinaus lehrt uns das Evangelium, Jesus in unserem Alltag zu suchen und zu finden: in den Menschen um uns herum, in Akten der Nächstenliebe und im Erkennen seiner verborgenen Gegenwart in den Ereignissen unseres Lebens. Es geht darum, eine wache Haltung des Herzens zu entwickeln, um seine Führung und Liebe in jeder Situation zu erkennen.
Gebet und Ausblick
Das Johannesevangelium ist ein Geschenk, das uns immer wieder neu zu Jesus Christus führt. Es erinnert uns daran, dass der auferstandene Herr immer bei uns ist, auch wenn wir ihn nicht sehen. Er ruft uns zur Nachfolge aus Liebe und zum Zeugnis seiner Wahrheit in der Welt. Mögen die Worte dieses Evangeliums unsere Herzen öffnen für seine Gegenwart und uns ermutigen, ihm mit ganzem Herzen zu folgen.
Herr Jesus, öffne unsere Herzen, für Deine Gegenwart. Du bist die Wahrheit. Durch dich ist uns die Wahrheit zum Weg geworden, den wir gehen können und der uns zum Leben führt. Ohne dich sind wir im Dunkel über die wesentlichen Fragen unseres Lebens. Ohne dich sind wir wie Schafe ohne Hirten. Du aber hast uns bei deiner Auffahrt in den Himmel nicht als Waisen zurückgelassen. Deinen Jüngern hast du nicht nur den Auftrag erteilt, die Menschen den rechten Weg zu lehren. Du hast ihnen für alle Zeiten den Heiligen Geist verheißen, der Generation um Generation in die ganze Wahrheit führt. Vom Heiligen Geist geleitet trägt die Gemeinschaft der Jünger - die Kirche - dein Wort durch die Zeiten. In ihr lebt dein Wort; in ihr bleibt es immer Gegenwart und öffnet Zukunft. Hilf uns, dass wir durch das Verkündigungswort der Kirche lernen, alles zu halten, was du geboten hast. Hilf uns, im Wort des Glaubens dich selber zu finden, dich kennen und lieben zu lernen. Hilf uns, Freunde der Wahrheit - deine Freunde, Freunde Gottes zu werden.
Du zeigtest dich deinen Jüngern, Erlöser, nach Deiner Auferstehung, und hast den Simon beauftragt, deine Schafe zu weiden. Von seiner Liebe hast du die Sorge um die Herde gefordert. Deshalb sagtest du: Wenn du mich liebst, Petrus, weide meine Lämmer, weide meine Schafe! Dieser bewies sogleich seine Liebe und fragte wegen des anderen Jüngers. Auf ihre Fürbitten, Christus, bewahre Deine Herde vor den Wölfen, die sie verderben wollen. (Gebet der Ostkirche)
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