12/04/2022
Die katholische Kirche ist reich an Traditionen und Riten, die sich über Jahrhunderte entwickelt haben. Ein zentraler Bestandteil dieser Riten ist die Liturgie, die das geistliche Leben der Gläubigen strukturiert. Insbesondere nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil kam es zu bedeutenden Reformen, die viele Aspekte der Liturgie betrafen. Dies führte zur Unterscheidung zwischen der überlieferten Form, oft als 'außerordentliche Form' oder 'tridentinischer Ritus' bezeichnet (basierend auf dem Messbuch von 1962), und der 'ordentlichen Form' oder 'nachkonziliaren Liturgie' (basierend auf dem Messbuch von 1970). Obwohl beide Formen denselben katholischen Glauben bekunden, gibt es bemerkenswerte Unterschiede in ihrer Struktur und Praxis. Dieser Artikel beleuchtet die wesentlichen Abweichungen, insbesondere im Hinblick auf den liturgischen Kalender und die Leseordnung, die für das Verständnis beider Riten von entscheidender Bedeutung sind.

- Der Liturgische Kalender: Eine Zeitreise durch das Kirchenjahr
- Die Leseordnung: Die Verkündigung des Wortes Gottes
- Häufig gestellte Fragen (FAQ)
- Was ist der Hauptgrund für die Änderungen im liturgischen Kalender und der Leseordnung?
- Bedeuten diese Unterschiede, dass eine Form „besser“ ist als die andere?
- Welche Auswirkungen haben diese Unterschiede auf das persönliche Gebetsleben?
- Gibt es Bestrebungen, die beiden Formen wieder anzugleichen?
- Woher bekomme ich Informationen über den aktuellen liturgischen Kalender der außerordentlichen Form?
Der Liturgische Kalender: Eine Zeitreise durch das Kirchenjahr
Der liturgische Kalender ist das Gerüst, das das Kirchenjahr strukturiert und die Abfolge von Festen, Gedenktagen und liturgischen Zeiten festlegt. Er bestimmt, welche Lesungen und Gebete an einem bestimmten Tag verwendet werden und welche liturgische Farbe die Priestergewänder tragen. Im Vergleich zwischen der überlieferten und der nachkonziliaren Liturgie offenbaren sich hierbei markante Differenzen, die nicht nur die zeitliche Anordnung, sondern auch die Gewichtung bestimmter Glaubensinhalte betreffen.
Der Kalender der außerordentlichen Form (Missale von 1962)
Für die außerordentliche Form des römischen Ritus gilt der liturgische Kalender, wie er bis zur Liturgiereform durch das Zweite Vatikanische Konzil für die Gesamtkirche verbindlich war. Dieser Kalender, dessen letzte Fassung im Jahr 1962 herausgegeben wurde, weist im Vergleich zur neuen Form einige Besonderheiten auf:
- Die Vorfastenzeit: Eine charakteristische Eigenheit ist die Existenz der sogenannten „Vorfastenzeit“ (Septuagesima, Sexagesima und Quinquagesima), die eine dreiwöchige Vorbereitung auf die eigentliche Fastenzeit darstellt. Dies verleiht der Bußzeit eine längere und intensivere Dimension.
- Längere Weihnachtszeit: Die Weihnachtszeit erstreckt sich in der überlieferten Form bis zum Fest Mariä Lichtmess am 2. Februar. Dies betont die Ausdehnung der Weihnachtsfreude und die Bedeutung der Darstellung des Herrn im Tempel als Abschluss des weihnachtlichen Festkreises.
- Spezifische Feste: Es gibt eigene Feste für die Erzengel (z.B. das Kirchweihfest des Erzengels Michael am 29. September), die im neuen Kalender teilweise anders gewichtet oder zusammengelegt sind. Ein weiteres Beispiel ist das Heilig-Blut-Fest, das im alten Kalender einen festen Platz hat.
- Verschobener Christkönigssonntag: Der Christkönigssonntag, der im neuen Kalender das Kirchenjahr abschließt, ist im alten Kalender auf den letzten Sonntag im Oktober festgelegt. Der Abschluss des Kirchenjahres bildet im alten Kalender der letzte Sonntag nach Pfingsten. Dies verschiebt die theologische Betonung des Kirchenjahresabschlusses.
- Heiligenfeste und Gedenktage: Im Vergleich zur nachkonziliaren Liturgie sind etliche Heiligenfeste und Gedenktage anders datiert oder haben einen unterschiedlichen Rang. Eine Vielzahl neuer Heiliger, die nach 1962 kanonisiert wurden, sind im überlieferten Kalender naturgemäß nicht enthalten.
Bemerkenswert ist, dass im Jahr 2012 durch die zuständige Kommission „Ecclesia Dei“ erstmals wieder ein offizieller Überblick mit den kirchlichen Feiertagen und Heiligenfesten nach dem alten Kalender herausgegeben wurde, das sogenannte Direktorium. Diese Vatikan-Publikation enthält auch Hinweise zum liturgischen Rang des Tages, zu bestimmten Gebeten während der Messfeier sowie zur jeweiligen liturgischen Farbe.
Die nachkonziliare Liturgie (Missale von 1970)
Die nachkonziliare Liturgie, die mit dem Missale Romanum von 1970 eingeführt wurde, zielte darauf ab, die Liturgie zugänglicher zu machen und bestimmte theologische Akzente zu erneuern. Der liturgische Kalender der ordentlichen Form ist in seiner Struktur vereinfacht und weist eine stärkere Konzentration auf die zentralen Geheimnisse des Glaubens auf. Die Vorfastenzeit wurde abgeschafft, und die Weihnachtszeit endet traditionell mit der Taufe des Herrn. Viele Heiligenfeste wurden neu bewertet, einige Gedenktage verschoben oder zu fakultativen Gedenktagen herabgestuft, während andere, insbesondere neu kanonisierte Heilige, hinzugefügt wurden. Diese Änderungen spiegeln einen breiteren theologischen und pastoralen Ansatz wider, der sich auf die universelle Kirche konzentriert.
Wesentliche Unterschiede im Liturgischen Kalender: Eine Gegenüberstellung
Um die Unterschiede greifbarer zu machen, bietet sich eine vergleichende Betrachtung an:
| Aspekt | Liturgischer Kalender (Missale 1962) | Liturgischer Kalender (Missale 1970) |
|---|---|---|
| Vorfastenzeit | Vorhanden (Septuagesima, Sexagesima, Quinquagesima) | Nicht vorhanden |
| Dauer der Weihnachtszeit | Bis Mariä Lichtmess (2. Februar) | Bis zum Fest Taufe des Herrn |
| Christkönigssonntag | Letzter Sonntag im Oktober | Letzter Sonntag des Kirchenjahres (vor dem 1. Advent) |
| Heilig-Blut-Fest | Eigenes Fest am 1. Juli | In anderen Festen integriert oder fakultativ |
| Feste der Erzengel | Eigene, prominente Feste | Teilweise in andere Feste integriert oder neu bewertet |
| Heiligenfeste | Umfasst Heilige bis 1962, viele Gedenktage fixiert | Umfasst auch neuere Heilige, viele Gedenktage verschoben oder fakultativ |
| Kirchenjahresabschluss | Letzter Sonntag nach Pfingsten | Christkönigssonntag |
Einer der großen Vorteile des alten liturgischen Kalenders, der oft hervorgehoben wird, ist die größere Überschneidung von Zeiten, Festen und Heiligen-Gedenktagen mit dem Kalender der orthodoxen Kirchen. Dies prädestiniert ihn in besonderer Weise als Zeichen für die Ökumene und fördert das gemeinsame Gebet und Verständnis zwischen östlichen und westlichen Kirchen.
Die Leseordnung: Die Verkündigung des Wortes Gottes
Die Leseordnung legt fest, welche biblischen Texte an den einzelnen Tagen des Kirchenjahres in der Messfeier verkündet werden. Auch hier gibt es signifikante Unterschiede zwischen der überlieferten und der nachkonziliaren Form, die die Art und Weise beeinflussen, wie Gläubige mit der Heiligen Schrift in Berührung kommen.
Die Leseordnung der außerordentlichen Form (Tridentinische Leseordnung)
Die tridentinische Leseordnung zeichnet sich durch ihre Beständigkeit aus: Jedes Jahr werden dieselben Perikopen gelesen. An Sonn- und Festtagen sind in der Regel zwei Lesungen vorgesehen (außer an Karfreitag, wo es mehr gibt): entweder eine Lectio (Lesung außerhalb der Apostelbriefe, z.B. aus dem Alten Testament oder den Apostelgeschichten) oder eine Epistel (Lesung aus den Apostelbriefen) und das Evangelium. Die Auswahl der Texte ist oft prägnant und theologisch dicht, wobei bestimmte Themen und Mysterien über das Kirchenjahr hinweg immer wiederkehren und vertieft werden. An den Wochentagen, die keine eigenen Texte haben (sogenannte „vom Tag“-Messen), werden nach der alten Leseordnung die Texte des vorherigen Sonntags gelesen. Maßgebend für die Leseordnung des außerordentlichen Ritus ist das Römische Messbuch selbst, wo die einzelnen Perikopen aufgeteilt sind in:
- Proprium de Tempore: Die zeitlich von Ostern abhängigen Sonntage und Feste, die den Kern des Kirchenjahres bilden.
- Proprium/Commune Sanctorum: Die Feste der Heiligen, die entweder ein eigenes Proprium (eigene Texte) haben oder auf das Commune Sanctorum (allgemeine Texte für eine Gruppe von Heiligen, z.B. Märtyrer, Jungfrauen) zurückgreifen.
- Unbewegliche Heiligenfeste: Heiligenfeste, die an einem festen Kalenderdatum begangen werden.
Die Leseordnung der nachkonziliaren Liturgie
Die Leseordnung für den Neuen Ritus wurde mit dem Ziel geschaffen, den Gläubigen eine breitere und systematischere Exposition der Heiligen Schrift zu ermöglichen. Sie ist deutlich umfangreicher und komplexer strukturiert:
- Sonn- und Feiertage: Hier gibt es ein dreijähriges Lesejahr (Zyklus A, B und C), das jeweils einem der synoptischen Evangelisten Matthäus (A), Markus (B) und Lukas (C) gewidmet ist. Jede Messfeier an Sonn- und Feiertagen umfasst drei Lesungen: eine aus dem Alten Testament (oder der Apostelgeschichte in der Osterzeit), eine aus einem Apostelbrief und das Evangelium. Dies soll sicherstellen, dass die Gläubigen über einen Zeitraum von drei Jahren hinweg einen Großteil der biblischen Bücher hören.
- Wochentage: Für die Wochentage gibt es einen zweijährigen Zyklus (Jahr I und Jahr II), der eine kontinuierliche Lesung der biblischen Bücher ermöglicht. Dies bedeutet, dass an Wochentagen in der Regel unterschiedliche Lesungen von Jahr zu Jahr verwendet werden.
Diese umfassendere Leseordnung soll einen reicheren Zugang zur Fülle des Wortes Gottes bieten und die Gläubigen dazu anregen, sich intensiver mit der Bibel auseinanderzusetzen.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Was ist der Hauptgrund für die Änderungen im liturgischen Kalender und der Leseordnung?
Die Änderungen im liturgischen Kalender und der Leseordnung nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (Missale 1970) wurden aus verschiedenen Gründen vorgenommen. Ein Hauptziel war es, die Liturgie verständlicher und zugänglicher zu machen, indem die biblischen Lesungen erweitert und systematisiert wurden. Man wollte den Gläubigen einen breiteren Zugang zur Heiligen Schrift ermöglichen und die theologische Betonung auf die zentralen Geheimnisse des Glaubens legen. Vereinfachungen im Kalender und die Anpassung an moderne Bedürfnisse waren ebenfalls Faktoren, die zu diesen Reformen führten.
Bedeuten diese Unterschiede, dass eine Form „besser“ ist als die andere?
Nein, aus katholischer Sicht sind beide Formen des Römischen Ritus – die außerordentliche und die ordentliche Form – gültig und legitim. Papst Benedikt XVI. betonte in seinem Motu Proprio Summorum Pontificum, dass es sich um zwei Ausdrucksformen ein und desselben Ritus handelt. Die Wahl zwischen den Formen hängt oft von pastoralen Bedürfnissen, persönlicher Spiritualität und der Tradition einer Gemeinschaft ab. Beide Formen bieten einen Weg zur Begegnung mit Gott und zur Feier der Sakramente.
Welche Auswirkungen haben diese Unterschiede auf das persönliche Gebetsleben?
Die Unterschiede im Kalender und der Leseordnung können das persönliche Gebetsleben auf subtile Weise beeinflussen. Wer die überlieferte Form bevorzugt, erlebt möglicherweise ein stärkeres Gefühl der Kontinuität mit der historischen Tradition der Kirche und eine tiefere Einkehr in wiederkehrende biblische Texte und Feste. Gläubige der nachkonziliaren Form profitieren von einer breiteren Exposition der Schrift und einer stärkeren Betonung des gesamten biblischen Kanons über einen mehrjährigen Zyklus hinweg. Beide Ansätze können zu einer reichen spirituellen Erfahrung führen, je nachdem, welcher Zugang zur Liturgie und zum Wort Gottes dem Einzelnen mehr entspricht.
Gibt es Bestrebungen, die beiden Formen wieder anzugleichen?
Die Frage der Einheit und Harmonie der liturgischen Formen ist ein fortlaufendes Thema innerhalb der Kirche. Während es keine offiziellen Bestrebungen gibt, die beiden Formen vollständig zu verschmelzen oder eine zugunsten der anderen aufzugeben, wird oft betont, dass die Gläubigen beider Riten voneinander lernen und sich gegenseitig bereichern können. Der Fokus liegt darauf, die Einheit im Glauben und in der Liebe zu fördern, auch wenn die Ausdrucksformen der Liturgie unterschiedlich sind.
Woher bekomme ich Informationen über den aktuellen liturgischen Kalender der außerordentlichen Form?
Informationen zum aktuellen liturgischen Kalender für die außerordentliche Form des römischen Ritus sind in speziellen Veröffentlichungen, den sogenannten Direktorien, zu finden. Diese werden von zuständigen kirchlichen Kommissionen wie der ehemaligen Kommission „Ecclesia Dei“ oder von traditionellen Gemeinschaften herausgegeben. Sie enthalten detaillierte Angaben zu den Feiertagen, Gedenktagen, liturgischen Rängen und Farben für jedes Jahr. Oft sind diese auch online bei entsprechenden kirchlichen oder traditionellen Webseiten verfügbar, die einen Überblick über die kommenden Monate und Jahre bieten, wie zum Beispiel der hier erwähnte Kalender für Juli 2025 bis Juni 2026.
Das Verständnis der Unterschiede zwischen dem überlieferten liturgischen Kalender und der nachkonziliaren Liturgie bietet einen tiefen Einblick in die reiche Geschichte und Entwicklung der katholischen Kirche. Es zeigt, wie sich die Kirche bemüht, den Glauben über die Zeiten hinweg zu leben und zu verkünden, sei es durch die Bewahrung alter Traditionen oder durch die Anpassung an neue pastorale Bedürfnisse. Beide Formen sind wertvolle Ausdrucksformen des katholischen Glaubens und tragen auf ihre Weise dazu bei, das geistliche Leben der Gläubigen zu nähren.
Wenn du andere Artikel ähnlich wie Liturgischer Kalender: Alter vs. Neuer Ritus kennenlernen möchtest, kannst du die Kategorie Liturgie besuchen.
