Das Friedensgebet: Wer ist der wahre Autor?

16/12/2022

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Das Friedensgebet, oft als Gebet des heiligen Franz von Assisi bekannt, ist eines der bekanntesten und beliebtesten Gebete weltweit. Seine Worte der Nächstenliebe, des Vergebens und der Suche nach innerem Frieden haben unzählige Menschen über Generationen hinweg berührt. Doch hinter der tiefgründigen Botschaft dieses Gebets verbirgt sich ein faszinierendes Geheimnis: Wer ist der wahre Autor dieser zeitlosen Zeilen? Die Antwort ist überraschender, als viele annehmen, und wirft ein Licht auf die Entstehung und Verbreitung spiritueller Texte im Laufe der Geschichte.

Wer ist der Autor des Gebets?
Seit 1927 wird als Autor des Gebets oft Franz von Assisi genannt, aber es gibt keine historischen Quellen für diese populär gewordene Zuschreibung. Eine lateinische oder mittelalterliche italienische Version des Gebets ist nicht bekannt. Die folgende deutsche Übersetzung aus dem Französischen stammt von Olaf Schmidt-Wischhöfer, 2010.
Inhaltsverzeichnis

Die populäre Zuschreibung: Franz von Assisi

Seit Jahrzehnten wird das Friedensgebet untrennbar mit dem Namen des heiligen Franz von Assisi verbunden. Diese Zuschreibung hat sich so tief in das kollektive Bewusstsein eingebrannt, dass viele Menschen fest davon überzeugt sind, es stamme direkt aus der Feder des italienischen Heiligen, der im 12. und 13. Jahrhundert lebte und für seinen radikalen Lebensstil, seine Liebe zur Natur und seine Botschaft des Friedens bekannt ist. Es ist leicht zu verstehen, warum diese Verbindung so plausibel erscheint: Die Themen des Gebets – Liebe statt Hass, Verständnis statt Zwietracht, Vergebung statt Verletzung, Licht statt Dunkelheit und Freude statt Traurigkeit – spiegeln perfekt die Ideale und das Wirken des Franz von Assisi wider. Seine Lebensphilosophie, die auf Demut, Armut und der allumfassenden Liebe zu Gott und allen Geschöpfen basierte, scheint in jeder Zeile des Gebets widerzuhallen. Diese thematische Übereinstimmung hat zweifellos dazu beigetragen, dass die Zuschreibung an ihn so bereitwillig akzeptiert und weitergegeben wurde, oft ohne kritische Prüfung der historischen Fakten.

Die Popularität des Gebets wuchs exponentiell, als es in den 1920er Jahren in den Vereinigten Staaten Verbreitung fand, insbesondere durch die Bemühungen von Pater Charles L. O'Donnell und später durch Kardinal Francis Spellman, die es beide Franz von Assisi zuschrieben. Auch die Verwendung des Gebets durch Persönlichkeiten wie Mutter Teresa trug maßgeblich zu seiner globalen Bekanntheit und der Festigung der falschen Autorschaft bei. Es wurde zu einem Leitfaden für viele spirituelle Gemeinschaften und Einzelpersonen, die in seiner Einfachheit und Tiefgründigkeit eine Quelle der Inspiration sahen, die sie direkt mit dem Geist des Heiligen verbanden.

Die historischen Fakten: Eine Suche im Dunkeln

Die Realität der Autorschaft des Friedensgebets weicht jedoch erheblich von der populären Annahme ab. Historische Forschung hat gezeigt, dass es keine Belege dafür gibt, dass Franz von Assisi dieses Gebet jemals geschrieben oder auch nur gekannt hätte. Weder in seinen eigenen Schriften noch in den frühen Biografien oder Schriften seiner Zeitgenossen findet sich irgendein Hinweis auf dieses Gebet. Es existiert keine lateinische oder mittelalterliche italienische Version des Textes, was bei einem Gebet, das angeblich aus dem 13. Jahrhundert stammt, äußerst ungewöhnlich wäre.

Die Spur des Gebets führt uns stattdessen ins frühe 20. Jahrhundert. Die erste bekannte Veröffentlichung des Gebets erfolgte im Dezember 1912 in der französischen Zeitschrift "La Clochette", dem Organ der "Ligue de la Sainte-Messe" (Liga der Heiligen Messe), die von Pater Éstienne Bovet gegründet wurde. Es erschien dort anonym unter dem Titel "Belle prière à faire pendant la messe" (Schönes Gebet, das man während der Messe beten kann). Interessanterweise wurde es nicht als Gebet des Franz von Assisi präsentiert, sondern als ein Gebet, das von einem "unbekannten Autor" stammte. Erst im Jahr 1927, als das Gebet in einer italienischen Zeitschrift, "Il Messaggero di Sant'Antonio", veröffentlicht wurde, wurde es explizit Franz von Assisi zugeschrieben. Diese Zuschreibung erfolgte ohne Angabe von Quellen oder Beweisen und verbreitete sich von dort aus rasch in der katholischen Welt und darüber hinaus.

Die Forschung des französischen Franziskanerpaters Christian Renoux, die er in seinem 2001 erschienenen Buch "La Prière pour la Paix attribuée à Saint François: une prière anonyme du XXe siècle" (Das dem Heiligen Franz zugeschriebene Friedensgebet: ein anonymes Gebet des 20. Jahrhunderts) zusammenfasste, hat diese Fakten detailliert beleuchtet. Renoux konnte eindeutig nachweisen, dass das Gebet ein Produkt des frühen 20. Jahrhunderts ist und seine Zuschreibung an Franz von Assisi eine spätere Entwicklung war, die sich aus der thematischen Übereinstimmung und dem Wunsch nach einer ehrwürdigen Herkunft ergab.

Der wahre Ursprung: Ein Gebet aus dem 20. Jahrhundert?

Angesichts der historischen Beweise ist es äußerst wahrscheinlich, dass das Friedensgebet ein Werk des frühen 20. Jahrhunderts ist. Obwohl der genaue Autor unbekannt bleibt, passt sein Stil und seine Thematik gut in die spirituelle Landschaft jener Zeit, die von einem erneuten Interesse an persönlicher Frömmigkeit und einer Sehnsucht nach Frieden in einer von Konflikten geprägten Welt gekennzeichnet war. Die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg und die darauffolgenden Jahre waren von großen Umbrüchen und Kriegen geprägt, was den Wunsch nach einem Gebet, das sich explizit mit Frieden, Versöhnung und Verständnis auseinandersetzt, nur verstärkt haben dürfte.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass Gebete und spirituelle Texte im Laufe der Zeit anonym bleiben oder nachträglich berühmten Persönlichkeiten zugeschrieben werden, um ihre Autorität und Verbreitung zu erhöhen. Im Falle des Friedensgebets war die Verbindung zu Franz von Assisi ein entscheidender Faktor für seine globale Akzeptanz. Es verlieh dem Text eine Aura von Altertümlichkeit und Heiligkeit, die seine Botschaft noch eindringlicher machte. Die Autorschaft mag unklar sein, doch die Wirkung des Gebets ist unbestreitbar.

Die Botschaft des Gebets: Zeitlos und universell

Unabhängig von seiner tatsächlichen Herkunft liegt die wahre Kraft des Friedensgebets in seiner universellen Botschaft. Es ist ein Aufruf zu innerer Transformation und aktiver Nächstenliebe. Das Gebet beginnt mit der Bitte, zu einem Werkzeug des Friedens zu werden – "Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens." Dies ist keine passive Bitte, sondern ein aktiver Wunsch, sich für höhere Ideale einzusetzen.

  • Liebe statt Hass: Es fordert uns auf, dort Liebe zu säen, wo Hass herrscht. Dies ist eine fundamentale christliche Lehre und eine universelle ethische Maxime. Es geht darum, aktiv Versöhnung zu suchen und die Spirale der Negativität zu durchbrechen.
  • Vergebung statt Verletzung: Das Gebet spricht die Notwendigkeit an, dort zu vergeben, wo Unrecht getan wurde. Vergebung ist ein mächtiger Akt, der nicht nur dem Empfänger, sondern auch dem Geber Heilung bringt.
  • Glaube statt Zweifel: In Zeiten der Unsicherheit ermutigt es uns, Glauben zu schenken, wo Zweifel besteht. Dies kann sowohl der Glaube an Gott als auch der Glaube an das Gute im Menschen oder die eigene Fähigkeit zur Veränderung sein.
  • Hoffnung statt Verzweiflung: Es ist ein Lichtblick in dunklen Zeiten, der uns daran erinnert, Hoffnung zu bringen, wo Verzweiflung herrscht.
  • Licht statt Dunkelheit: Die Metapher des Lichts steht für Erkenntnis, Klarheit und die Überwindung von Ignoranz und Bösem.
  • Freude statt Traurigkeit: Letztlich strebt das Gebet danach, Freude zu verbreiten, wo Traurigkeit vorherrscht. Es ist eine Ermutigung, eine positive Lebenseinstellung zu kultivieren und anderen Trost zu spenden.

Die zweite Hälfte des Gebets verschiebt den Fokus von den äußeren Handlungen auf die innere Haltung. Es geht darum, lieber zu verstehen als verstanden zu werden, lieber zu lieben als geliebt zu werden, lieber zu vergeben als vergeben zu bekommen. Dies ist eine radikale Umkehrung egozentrischer Tendenzen und eine Aufforderung zur Selbstlosigkeit. Die berühmte Zeile "Denn wer gibt, der empfängt; wer verzeiht, dem wird verziehen; und wer stirbt, der erwacht zum ewigen Leben" fasst die spirituelle Ökonomie des Gebets zusammen: Wahre Erfüllung findet sich im Geben und im Dienst am Nächsten. Diese Botschaft ist es, die dem Gebet seine überzeitliche Relevanz verleiht, weit über jede Frage der Herkunft hinaus.

Wer ist der Autor des Gebets?
Seit 1927 wird als Autor des Gebets oft Franz von Assisi genannt, aber es gibt keine historischen Quellen für diese populär gewordene Zuschreibung. Eine lateinische oder mittelalterliche italienische Version des Gebets ist nicht bekannt. Die folgende deutsche Übersetzung aus dem Französischen stammt von Olaf Schmidt-Wischhöfer, 2010.

Das Gebet im Wortlaut

Obwohl die genaue Übersetzung von Olaf Schmidt-Wischhöfer (2010) hier nicht vollständig vorliegt, ist eine weit verbreitete und gängige deutsche Fassung des Friedensgebets die folgende:

Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens.
Wo Hass ist, lass mich Liebe säen.
Wo Unrecht ist, Vergebung.
Wo Zwietracht ist, Einigkeit.
Wo Irrtum ist, Wahrheit.
Wo Zweifel ist, Glauben.
Wo Verzweiflung ist, Hoffnung.
Wo Dunkelheit ist, Licht.
Wo Traurigkeit ist, Freude.

O Meister, hilf mir, dass ich nicht so sehr suche,
getröstet zu werden, als zu trösten;
verstanden zu werden, als zu verstehen;
geliebt zu werden, als zu lieben.
Denn wer gibt, der empfängt;
wer verzeiht, dem wird verziehen;
wer stirbt, der erwacht zum ewigen Leben.

Diese poetische Form, die oft in Gebetsbüchern und Andachten zu finden ist, fängt die Essenz der ursprünglichen französischen Version ein und überträgt sie wirkungsvoll ins Deutsche. Sie ist ein ständiger Quell der Inspiration und Ermutigung für Millionen von Menschen weltweit.

Warum die Zuschreibung an Franz von Assisi so wichtig wurde

Die unzutreffende Zuschreibung des Friedensgebets an Franz von Assisi ist kein Zufall, sondern ein Beispiel für die Macht der Assoziation in der spirituellen Welt. Franz von Assisi ist eine der meistverehrten Figuren der Kirchengeschichte, ein Symbol für Frieden, Armut, Demut und Liebe zur Schöpfung. Seine Lebensgeschichte und seine Lehren resonieren tief mit den Werten, die im Gebet zum Ausdruck kommen. Die Verknüpfung des Gebets mit seinem Namen verlieh ihm eine unermessliche Autorität und Authentizität, die es ohne diese Assoziation vielleicht nie erreicht hätte.

Diese Zuschreibung erleichterte auch die Akzeptanz und Verbreitung des Gebets über konfessionelle Grenzen hinweg. Franz von Assisi wird nicht nur von Katholiken, sondern auch von vielen Protestanten und Menschen anderer Glaubensrichtungen respektiert. Seine universelle Anziehungskraft machte das Gebet zu einem ökumenischen Symbol, das Menschen unterschiedlicher Hintergründe zusammenbringen konnte. Es wurde zu einem gemeinsamen Nenner für jene, die nach einem Ausdruck für ihre Sehnsucht nach Frieden und Harmonie suchten, und bot einen scheinbar direkten Draht zu einem der größten spirituellen Meister der Geschichte.

Zudem passte die Vorstellung, dass ein so tiefgründiges und weises Gebet von einem Heiligen wie Franz von Assisi stammen könnte, perfekt in die Erzählung von seiner spirituellen Tiefe und seiner prophetischen Vision. Es bestätigte das Bild, das viele von ihm hatten, und verstärkte seine Rolle als spiritueller Führer und Vorbild. Die historische Ungenauigkeit wurde dabei oft übersehen oder als weniger wichtig erachtet als die spirituelle Bedeutung und die Wirkung des Gebets selbst.

Die Wirkung des Gebets: Jenseits der Autorschaft

Trotz der fehlenden direkten Verbindung zu Franz von Assisi hat das Friedensgebet eine enorme Wirkung entfaltet. Es wurde von unzähligen Friedensbewegungen, religiösen Gemeinschaften und Einzelpersonen als Leitfaden für ein sinnvolles Leben angenommen. Seine schlichte, aber kraftvolle Sprache macht es zugänglich und einprägsam. Es wird in Gottesdiensten, Meditationsrunden, auf Beerdigungen und bei öffentlichen Veranstaltungen für den Frieden rezitiert.

Die universelle Anwendbarkeit der Botschaft – die Transformation von Negativität in Positivität, die Priorität des Gebens vor dem Nehmen und die Suche nach spiritueller Erleuchtung durch Dienst am Nächsten – hat das Gebet zu einem Eckpfeiler vieler persönlicher und kollektiver spiritueller Praktiken gemacht. Es dient als Erinnerung daran, dass wahrer Frieden im Inneren beginnt und sich dann nach außen ausbreitet, durch unsere Handlungen und unsere Haltung gegenüber anderen. Es ist ein Aufruf zu Mitgefühl und Empathie, der in jeder Kultur und zu jeder Zeit Relevanz besitzt.

Die Kontroverse um die Autorschaft mindert in keiner Weise die spirituelle Tiefe oder die transformative Kraft des Gebets. Im Gegenteil, sie unterstreicht, dass die Botschaft selbst die wichtigste Rolle spielt, nicht unbedingt die Person, die sie ursprünglich formuliert hat. Das Gebet steht als eigenständiges Zeugnis für die menschliche Sehnsucht nach Vergebung, Liebe und Glaube und als Anleitung, diese Ideale im Alltag zu leben. Es ist ein lebendiges Beispiel dafür, wie ein Text, einmal in die Welt gesetzt, ein Eigenleben entwickeln und eine Wirkung entfalten kann, die weit über die Absichten seines ursprünglichen Urhebers hinausgeht.

Fakten und Mythen zur Entstehung des Friedensgebets

Um die Verwirrung um die Autorschaft zu klären, hier eine vergleichende Übersicht der bekannten Fakten und der populären Mythen:

AspektPopuläre Annahme / MythosHistorische Fakten
AutorHeiliger Franz von Assisi (13. Jahrhundert)Unbekannter Autor des frühen 20. Jahrhunderts
ErstveröffentlichungNicht zutreffend, da mündliche Überlieferung oder frühe ManuskripteDezember 1912 in der französischen Zeitschrift "La Clochette"
Sprache der OriginalversionLatein oder mittelalterliches ItalienischFranzösisch
Zuschreibung an Franz von AssisiDirekt von ihm oder in seinen LebzeitenErstmals 1927 in einer italienischen Zeitschrift, ohne Belege
Historische BelegeZahlreiche, aber nur indirekt oder interpretativKeine Belege vor 1912; umfangreiche Forschung belegt 20. Jahrhundert als Ursprung

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Ist Franz von Assisi wirklich der Autor des Friedensgebets?
Nein, die historische Forschung hat keine Belege dafür gefunden, dass Franz von Assisi der Autor ist. Es gibt keine lateinische oder mittelalterliche italienische Version des Gebets, und es tauchte erst im frühen 20. Jahrhundert auf.
Wann tauchte das Gebet zum ersten Mal auf?
Die erste bekannte Veröffentlichung des Gebets erfolgte im Dezember 1912 in der französischen Zeitschrift "La Clochette". Es wurde dort anonym veröffentlicht.
Warum wird das Gebet Franz von Assisi zugeschrieben?
Die Zuschreibung erfolgte erstmals 1927 in einer italienischen Zeitschrift. Sie wurde populär, weil die Botschaft des Gebets (Frieden, Liebe, Vergebung) sehr gut zu den Idealen und der Lebensweise des Franz von Assisi passt. Die Verbindung zu einem so verehrten Heiligen erhöhte die Glaubwürdigkeit und Verbreitung des Gebets.
Gibt es eine ursprüngliche lateinische Version des Gebets?
Nein, es ist keine ursprüngliche lateinische oder mittelalterliche italienische Version bekannt. Die frühesten bekannten Versionen sind auf Französisch.
Was ist die Kernbotschaft des Friedensgebets?
Die Kernbotschaft ist ein Aufruf zur aktiven Nächstenliebe und inneren Transformation. Es fordert auf, Liebe, Vergebung, Glauben, Hoffnung, Licht und Freude zu verbreiten und selbstlos zu dienen, indem man lieber tröstet, versteht und liebt, als selbst getröstet, verstanden oder geliebt zu werden.

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