Warum befriedigt man sich selbst?

Selbstbefriedigung: Die Lehre der Katholischen Kirche

17/01/2022

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Die Frage nach der Moralität von Selbstbefriedigung ist für viele Gläubige, insbesondere für junge Christen, von großer Bedeutung. Sie berührt tief persönliche Bereiche des Lebens und wirft Fragen nach Reinheit, Sexualität und der Beziehung zu Gott auf. Während es innerhalb der weiten Landschaft des Christentums unterschiedliche Ansichten zu diesem Thema gibt, hat die Katholische Kirche eine klare und beständige Lehre, die sich über Jahrhunderte entwickelt hat und tief in ihren theologischen und moralischen Prinzipien verwurzelt ist. Dieser Artikel beleuchtet detailliert die Position der Katholischen Kirche zur Selbstbefriedigung, ihre Begründungen und den pastoralen Umgang mit dieser Thematik.

Warum ist Selbstbefriedigung so wichtig?
Damit entwürdigt Selbstbefriedigung nicht nur das Geschenk der Sexualität, sondern entstellt auch das geistliche Bild, das Gott durch die Ehe offenbaren will. Ein weiteres zentrales Argument dieser Sichtweise ist die Annahme, dass Selbstbefriedigung in der Regel durch sündige Begierde motiviert ist.
Inhaltsverzeichnis

Die Katholische Lehre: Ein klares „Nein“ zur Selbstbefriedigung

Die Haltung der Katholischen Kirche zur Selbstbefriedigung ist unmissverständlich: Sie betrachtet sie als eine moralisch problematische Handlung. Diese Position ist nicht neu, sondern wird in der beständigen Überlieferung und im Lehramt der Kirche seit langem vertreten. Der Katechismus der Katholischen Kirche (KKK), das maßgebliche Kompendium der katholischen Lehre, formuliert dies in Nummer 2352 sehr deutlich und prägnise.

Der Katechismus der Katholischen Kirche (KKK) als Leitfaden

Im KKK Nr. 2352 heißt es unzweideutig:

„Unter Selbstbefriedigung ist die absichtliche Erregung der Geschlechtslust zu verstehen, ohne daß eine geschlechtliche Vereinigung im Sinne der sittlichen Ordnung angestrebt wird.
Sowohl das kirchliche Lehramt in der beständigen Überlieferung als auch das sittliche Empfinden der Gläubigen lehnen jede absichtliche Selbstbefriedigung entschieden als eine schwere ordnungswidrige Handlung ab. ‚Die freiwillige geschlechtliche Betätigung außerhalb der auf die Ehe hingeordneten normalen Geschlechtsbeziehung widerspricht in schwerwiegender Weise der sittlichen Ordnung. Die geschlechtliche Lust wird dabei außerhalb der sittlich erlaubten Beziehung gesucht, das heißt außerhalb der ehelichen Verbindung, in der sich das volle Sinngefüge gegenseitiger Hingabe und menschlicher Fortpflanzung in der aufrichtigen Liebe verwirklicht‘ (CDF, Erkl. „Persona humana“ 9).“

Diese Formulierung ist zentral für das Verständnis der katholischen Position. Sie definiert Selbstbefriedigung als die willentliche Erregung sexueller Lust, die nicht auf die eheliche Vereinigung ausgerichtet ist. Die Kirche lehnt sie als „schwere ordnungswidrige Handlung“ ab. Der entscheidende Punkt ist die Trennung der sexuellen Lust von ihrem von Gott vorgesehenen Kontext: der Ehe, in der sich die volle Bedeutung der gegenseitigen Hingabe und der Fortpflanzung in aufrichtiger Liebe entfaltet.

Sexualität als göttliches Geschenk und ihr Rahmen

Für die Katholische Kirche ist Sexualität ein göttliches Geschenk und ein integraler Bestandteil der menschlichen Natur, geschaffen von Gott selbst. Doch wie jedes Geschenk ist auch die Sexualität für einen bestimmten Zweck und innerhalb eines bestimmten Rahmens vorgesehen. Die Heilige Schrift und die kirchliche Tradition lehren, dass der Ausdruck sexueller Lust und deren Erfüllung ausschließlich innerhalb der Ehe zwischen einem Mann und einer Frau stattfinden sollen (vgl. Gen 2:24; 1 Kor 7:2–5; Hebr 13:4). In der Ehe wird die Sexualität zu einem Ausdruck von Liebe, Einheit, Treue und Fruchtbarkeit.

Der Orgasmus, als Höhepunkt der sexuellen Vereinigung, wird in diesem Kontext nicht nur als ein körperlicher Vorgang verstanden, sondern als ein zutiefst geistliches Ereignis. Er drückt die tiefe Bindung, die Hingabe und die gegenseitige Liebe zweier Menschen aus, die in einem Bund vor Gott vereint sind. Selbstbefriedigung hingegen ist eine einseitige, auf sich selbst bezogene Handlung. Sie fördert keine echte Beziehung, sondern entkoppelt die sexuelle Lust von dem Bund der Ehe und führt so zu einem egoistischen Umgang mit einem von Gott gegebenen Gut. Aus dieser Sichtweise heraus ist jede Form sexuellen Ausdrucks außerhalb der Ehe – und somit auch die Selbstbefriedigung – ein Verstoß gegen Gottes Ordnung und Zielsetzung für menschliche Sexualität.

Theologische Fundamente der Ablehnung

Die Ablehnung der Selbstbefriedigung durch die Katholische Kirche beruht auf mehreren theologischen Säulen, die über die bloße Definition hinausgehen und die tiefere Bedeutung der menschlichen Sexualität im göttlichen Plan beleuchten.

Eheliche Intimität als Abbild Christi und der Kirche

Ein zentrales theologisches Argument liegt in der symbolischen Bedeutung der ehelichen Sexualität. Der Apostel Paulus beschreibt in Epheser 5,31–32 die Verbindung von Mann und Frau als ein Abbild der Beziehung zwischen Christus und seiner Gemeinde. Die sexuelle Vereinigung im Ehebund ist somit nicht nur ein physisches Ereignis, sondern ein Hinweis auf die geistliche Einheit, Treue und Hingabe zwischen dem Erlöser und seinem Volk. Die Ehe selbst wird als ein Sakrament der Beichte betrachtet, das die Liebe Christi zur Kirche widerspiegelt.

Was sagt die katholische Kirche über Selbstbefriedigung?

Selbstbefriedigung, die losgelöst von dieser verbindlichen, exklusiven Beziehung geschieht, verfehlt dieses geistliches Bild. Sie repräsentiert keine gegenseitige Hingabe, keine Einheit im Bund, sondern einen isolierten Akt, der dem tiefen Sinn der Sexualität – als Zeichen des Bundes – widerspricht. Damit entwürdigt Selbstbefriedigung nicht nur das Geschenk der Sexualität, sondern entstellt auch das geistliche Bild, das Gott durch die Ehe offenbaren will.

Die Rolle der Begierde und inneren Reinheit

Ein weiteres entscheidendes Argument ist die Annahme, dass Selbstbefriedigung in der Regel durch sündige Begierde motiviert ist oder diese fördert. Jesus selbst warnt in der Bergpredigt: „Jeder, der eine Frau ansieht, um sie zu begehren, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen“ (Mt 5:28). Die meisten Formen der Selbstbefriedigung gehen mit sexuellen Fantasien, Bildern oder Gedanken einher, die in der Bibel als sündige Lust bezeichnet werden (vgl. Kol 3:5–6; Gal 5:19–21).

Diese Begierden sind nicht neutral, sondern gegen Gott gerichtet, weil sie sich auf einen „falschen Zeitpunkt“ oder ein „falsches Objekt“ sexueller Erfüllung beziehen. Sie stehen im Gegensatz zur Selbstbeherrschung, zu der Christen berufen sind (vgl. 1 Thess 4:3–5). Aus dieser Perspektive ist Selbstbefriedigung nicht einfach eine neutrale körperliche Reaktion, sondern eine Handlung, die aus einem Herzen kommt, das in diesem Moment nicht von der Liebe zu Gott, sondern von der Liebe zur eigenen Lust motiviert ist.

Häufige Missverständnisse und Klarstellungen

Im Kontext der Diskussion um Selbstbefriedigung tauchen immer wieder bestimmte Missverständnisse auf, die es zu klären gilt, um die katholische Position richtig zu verstehen.

Der Mythos von Onan

Oft wird fälschlicherweise die biblische Geschichte von Onan (1. Mose, Kapitel 38, Verse 1 bis 10) herangezogen, um Selbstbefriedigung als Sünde zu begründen. Dies ist jedoch ein Missverständnis der biblischen Passage. Onan, Judas’ Sohn, hat nicht masturbiert. Sein Vergehen bestand darin, das damals geltende Gebot der Schwagerehe (Leviratsehe) zu brechen. Er sollte die Witwe seines verstorbenen Bruders heiraten und Nachkommen zeugen, um den Namen des Bruders zu erhalten. Onan verweigerte jedoch die Zeugung von Nachkommen, indem er seinen Samen „auf die Erde fallen ließ“, um seinen Bruder nicht mit Nachkommen zu versorgen. Dies war ein Akt der Ungehorsamkeit gegenüber Gottes Gebot und eine Verweigerung seiner Pflicht, nicht ein Akt der Selbstbefriedigung im modernen Sinne. Gott bestrafte ihn dafür. Korrekt müsste man bei Onans Vergehen von einem unterbrochenen Geschlechtsverkehr sprechen und nicht von Selbstbefriedigung.

Biblisches Schweigen vs. Prinzipien

Ein weiteres Argument, das oft gegen die Verurteilung der Selbstbefriedigung angeführt wird, ist das „biblische Schweigen“ zu diesem Thema. Es stimmt, dass die Bibel das Wort „Selbstbefriedigung“ oder „Masturbation“ nicht explizit erwähnt. Die Katholische Kirche argumentiert jedoch, dass das Fehlen eines direkten Verbots nicht bedeutet, dass eine Handlung moralisch neutral ist. Die kirchliche Lehre stützt sich auf umfassende biblische Prinzipien über Sexualität, Reinheit, die Bedeutung der Ehe und die Kontrolle der Begierden, die indirekt, aber klar auf die Bewertung der Selbstbefriedigung anwendbar sind. Die Kirche leitet ihre moralischen Urteile nicht nur aus expliziten Verboten ab, sondern auch aus der Gesamtheit der göttlichen Offenbarung und der natürlichen Sittlichkeit, die im Schöpfungsplan Gottes verankert ist.

Umgang mit Herausforderungen und Pastoraler Ansatz

Die Katholische Kirche ist sich bewusst, dass das Thema Selbstbefriedigung für viele Menschen eine große Herausforderung darstellt und oft mit Schuldgefühlen, Scham und inneren Kämpfen verbunden ist. Der pastorale Ansatz der Kirche betont daher nicht nur die Sünde, sondern auch die Barmherzigkeit Gottes und die Möglichkeit der Veränderung.

Was ist der christliche Gehorsam?
Christen sind den guten Machthabern Gehorsam schuldig, aber auch jedem anderen. Der christliche Gehorsam hat jedoch Grenzen, wenn Machthaber verlangen, ganz konkret und persönlich gegen Gottes Gebot und Auftrag zu handeln. Das ist Sache des 'unergründlichen verborgenen Gottes'.

Schuldgefühle und die Barmherzigkeit Gottes

Besonders junge Gläubige, die ihre Sexualität entdecken und oft intensiven Versuchungen ausgesetzt sind, können tiefe Schuldgefühle erleben, wenn sie in diesem Bereich „versagen“. Die Kirche lehrt, dass Gott barmherzig ist und Vergebung für jede Sünde anbietet. Das Sakrament der Beichte (Versöhnung) ist ein zentraler Weg, um diese Vergebung zu empfangen. Hier können Gläubige ihre Sünden bekennen, Reue zeigen und die Gnade Gottes empfangen, die zur Reinigung und zur Kraft für einen neuen Anfang führt. Es ist wichtig zu betonen, dass Gottes Liebe und Gnade größer sind als jede Sünde, und dass Er denjenigen, der aufrichtig umkehrt, immer willkommen heißt.

Der Kampf gegen sexuelle Sünde und Sucht

In manchen Fällen kann Selbstbefriedigung zu einem suchtähnlichen Verhalten werden, das schwer zu kontrollieren ist und oft mit zugrunde liegenden Problemen wie Frustration, Einsamkeit, Druck, Stress, Minderwertigkeitsgefühlen oder einem Gefühl der Unzulänglichkeit verbunden ist. Wenn Selbstbefriedigung zur Sucht ausartet, die täglich oder mehrmals pro Tag stattfindet und kaum steuerbar ist, ist dies ein ernstes Zeichen. Die Kirche erkennt an, dass Suchtverhalten Sünde ist, aber auch, dass Erlösung und Heilung möglich sind (vgl. 1 Tim 3:3; 2 Tim 2:26; 1 Kor 6:11; 2 Kor 10:4–6).

In solchen Fällen ist es biblisch richtig, das Suchtverhalten zuzugeben, die Schuld zu bekennen und Vergebung in Anspruch zu nehmen (vgl. 1 Joh 1:7–9). Genauso dringend ist es jedoch, die Verletzungen und Persönlichkeitsprobleme, die der Suchtstruktur zugrunde liegen, seelsorgerlich anzugehen. Eine umfassende Begleitung durch einen gläubigen Freund, Seelsorger oder Therapeuten kann hier entscheidend sein.

Praktische Schritte zur Reinheit (im Kontext der katholischen Lehre)

Für diejenigen, die mit sexueller Unreinheit, einschließlich Selbstbefriedigung, kämpfen, bietet die Katholische Kirche verschiedene pastorale Ratschläge und Wege zur Stärkung der Reinheit an:

  • Anerkennung der Realität: Nicht leugnen, sondern die Schwierigkeit anerkennen und um Gottes Hilfe bitten.
  • Meidung von Anlässen zur Sünde: Insbesondere der Verzicht auf pornografische Vorlagen oder andere reizende Medien, die sündige Fantasien fördern. Diese Art der Selbstbefriedigung führt zu negativen Verhaltensbindungen und berechtigten Schuldgefühlen.
  • Suche nach Unterstützung: Offenes Gespräch mit einem vertrauenswürdigen Priester, Seelsorger oder geistlichen Begleiter. Die Gemeinschaft und das Sakrament der Beichte sind wichtige Hilfen.
  • Fokus auf Selbstbeherrschung und Tugend: Übung in Enthaltsamkeit und der Kultivierung christlicher Tugenden, die zur Reinheit führen.
  • Gebet und Sakramente: Regelmäßiges Gebet, Empfang der Eucharistie und der Beichte stärken die Seele und geben die notwendige Gnade.
  • Hingabe des eigenen Körpers an Gott: Den Körper und sich selbst Gott ganz zur Verfügung stellen (Röm 6:13), immer wieder neu.

Vergleichende Perspektiven: Katholische Lehre vs. andere Sichtweisen

Es ist hilfreich, die katholische Position im Kontext anderer christlicher Sichtweisen zu betrachten, um die Nuancen und die Spezifik der katholischen Lehre zu verstehen. Während die katholische Kirche eine klare und einheitliche Position vertritt, gibt es innerhalb des evangelikalen Protestantismus unterschiedliche Ansätze. Die folgende Tabelle bietet einen kurzen Überblick über die Hauptunterschiede:

KriteriumKatholische LehreAndere evangelikale Sichtweise (Beispielhaft)
Grundsätzliche BewertungImmer eine schwere ordnungswidrige Handlung (objektiv sündhaft).Nicht immer Sünde; Bewertung hängt von Motiv und Begleitumständen ab (z.B. Fantasien, Sucht).
Begründung der AblehnungWiderspruch zu Gottes Plan für Sexualität in der Ehe, Entstellung des Abbilds Christi und der Kirche, Trennung von Fortpflanzung und Hingabe, Wurzel in sündiger Begierde.Biblisches Schweigen zur Handlung selbst; Verurteilung, wenn mit Pornografie, Begierde oder Sucht verbunden; Betonung der Gefahr falscher Schuldgefühle.
Fokus der MoralitätObjektive Moralität der Handlung an sich, da sie dem Schöpfungsplan widerspricht.Subjektive Herzenshaltung und Begleitumstände sind entscheidend für die Sündhaftigkeit.
Ziel der LehreFörderung sexueller Reinheit, die in der vollen Entfaltung der Sexualität im Ehebund liegt.Förderung sexueller Reinheit und Vermeidung unnötiger geistlicher Lasten.

Diese Tabelle verdeutlicht, dass die katholische Lehre einen umfassenderen moraltheologischen Rahmen anwendet, der die Handlung der Selbstbefriedigung an sich als objektiv problematisch ansieht, unabhängig von den jeweiligen subjektiven Umständen, die jedoch die Schuldhaftigkeit mindern können.

Fazit: Ein Ruf zur Heiligkeit und zur Gnade

Die Frage „Ist Selbstbefriedigung eine Sünde?“ wird von der Katholischen Kirche mit einem klaren „Ja“ beantwortet, basierend auf ihrer tiefen Überzeugung vom göttlichen Plan für die menschliche Sexualität. Selbstbefriedigung wird als eine Handlung betrachtet, die dem von Gott geschaffenen Rahmen sexueller Intimität – der Ehe – widerspricht. Sie ist nach dieser Auffassung selbstzentriert, wurzelt oft in sündiger Begierde und verfehlt das geistliche Bild, das eheliche Sexualität von der Beziehung zwischen Christus und der Gemeinde zeichnet.

Doch die Kirche ruft nicht nur zur Einhaltung von Geboten auf, sondern auch zur Heiligkeit – nicht aus bloßer Gesetzlichkeit, sondern aus Liebe zu Gott. Sie ist sich der menschlichen Schwäche bewusst und bietet den Weg der Barmherzigkeit und Vergebung an. In Jesus Christus gibt es Vergebung, Reinigung und die Kraft zur Veränderung – auch im Bereich der Sexualität. Jeder Christ ist herausgefordert, sein Gewissen an Gottes Wort zu schärfen, die Beweggründe des eigenen Herzens ehrlich zu prüfen und in der Gemeinschaft mit Christus zu wachsen, um ein Leben in Reinheit und Gottesfurcht zu führen.

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