02/08/2021
Sprache ist ein lebendiger Organismus, der sich ständig weiterentwickelt, atmet und sich an die Bedürfnisse seiner Sprecher anpasst. Sie ist kein starres Gebilde, sondern ein dynamisches System, das geboren, wächst und manchmal auch stirbt. In diesem unaufhörlichen Fluss entstehen ständig neue Wörter, während andere langsam in Vergessenheit geraten. Dieser Prozess des Sprachwandel ist faszinierend und fundamental für das Verständnis, wie wir kommunizieren. Zwei zentrale Phänomene dieses Wandels sind der Neologismus und der Archaismus, die das Entstehen und Vergehen von Wörtern auf eindrucksvolle Weise veranschaulichen.

Manche Wörter sind uns vielleicht unbekannt, obwohl sie schon lange im deutschen Wortschatz existieren. Wir selbst nutzen sie nicht aktiv, und wenn wir ihnen begegnen, wirken sie neu oder fremd. Solche Begriffe werden als Archaismen bezeichnet – Wörter, die zwar eine lange Geschichte haben, aber heutzutage kaum noch verwendet werden. Im Gegensatz dazu stehen die Neologismen, die als echte Wortneuschöpfungen oder Bedeutungsverschiebungen in unsere Sprache eintreten. Doch wie unterscheidet man diese beiden Pole des Sprachwandels? Und welche Rolle spielen sie in unserem Alltag, in der Literatur oder sogar in der Werbung?
Was ist ein Neologismus?
Ein Neologismus ist eine Wortneuschöpfung, eine Wortneubildung oder eine Neubedeutung eines bereits existierenden Wortes. Der Begriff leitet sich aus dem Griechischen ab: „néos“ bedeutet „neu“ und „lógos“ steht für „Wort“. Ein Neologismus ist also wörtlich ein „Neuwort“ oder „neues Wort“. Neologismen sind ein integraler Bestandteil jeder lebendigen Sprache, denn sie füllen sprachliche Lücken. Sie entstehen dort, wo ein Ding, ein Umstand, ein Gefühl oder ein neuer Sachverhalt mit bekannten Begriffen nicht oder nur unzureichend benannt werden kann. Manchmal dienen sie auch dazu, komplexe Sachverhalte zu vereinfachen oder bestehende Wörter auf neue Kontexte zu übertragen, wie das bekannte Beispiel „surfen“ zeigt, das ursprünglich nur das Wellenreiten beschrieb und heute vor allem das Navigieren im Internet meint.
Die Einführung neuer Begriffe ist ein natürlicher Vorgang, der durch gesellschaftliche, technologische und kulturelle Entwicklungen vorangetrieben wird. Ein Wort wie „Bildschirm“ war zum Zeitpunkt der Entwicklung von Computern und Fernsehern ein Neologismus. Heute jedoch würde niemand mehr behaupten, dass „Bildschirm“ eine Wortneuschöpfung ist, da es sich längst etabliert hat. Ähnlich verhält es sich mit den Begriffen „Maus“ (für das Computer-Eingabegerät) oder „surfen“ im Internetkontext – sie waren einst Neologismen, sind aber mittlerweile so gängig, dass sie nicht mehr als neu empfunden werden. Dies zeigt, dass die Klassifizierung eines Wortes als Neologismus oft zeitlich begrenzt ist.
Wo entstehen Neologismen?
Neologismen können aus den verschiedensten Bereichen einer Sprachgemeinschaft stammen. Sie sind ein Spiegel der sich wandelnden Welt und der menschlichen Kreativität im Umgang mit Sprache.
1. Jugendsprache
Die Jugendsprache ist eine der dynamischsten Quellen für neue Wörter und Bedeutungen. Jugendliche sind oft Vorreiter bei der Kreation und Verbreitung von Neologismen, die ihren Alltag, ihre Gefühle und ihre Erfahrungen ausdrücken. Der Langenscheidt-Verlag ermittelt seit 2008 jährlich das „Jugendwort des Jahres“, was die Bedeutung dieser Quelle unterstreicht. Beispiele hierfür sind:
- hartzen: Ursprünglich vom Bezug von „Hartz IV“ abgeleitet, wird es inzwischen synonym für „untätig sein“ oder „faulenzen“ verwendet (Jugendwort des Jahres 2009).
- chillen: Entspannt sich abregen oder einfach nur abhängen.
- Smombie: Eine Kombination aus „Smartphone“ und „Zombie“, beschreibt jemanden, der so sehr auf sein Smartphone fixiert ist, dass er seine Umgebung nicht mehr wahrnimmt (Jugendwort des Jahres 2015).
2. Fremdsprachen
Die deutsche Sprache ist offen für Einflüsse aus anderen Sprachen, insbesondere aus dem Englischen. Zahlreiche Anglizismen sind in den deutschen Wortschatz übergegangen und haben sich dort etabliert. Manchmal sind sie direkt übernommen, manchmal eingedeutscht oder in ihrer Bedeutung angepasst worden.
- Camping: Bereits 1941 im Duden verzeichnet.
- Laptop: Fand 1991 Eingang in die deutschen Wörterbücher.
- traden: Handel treiben, insbesondere an der Börse.
- Insiderhandel: Geschäfte, die auf nicht-öffentlichen Informationen basieren.
- flashen: Begeistern, beeindrucken; ursprünglich aus dem Musikjargon, heute weiter verbreitet.
- fluffig: Leicht, luftig, locker (aus engl. „fluffy“), kann sich auf Kuchen, Frisuren oder andere Dinge beziehen.
Auch aus dem sogenannten Kiezdeutsch, das von Jugendlichen mit Migrationshintergrund gesprochen wird, finden Wörter aus anderen Sprachen, wie dem Arabischen, ihren Weg in den allgemeinen Sprachgebrauch:
- yalla: Schnell! Auf geht’s!
- Cho: Kurzform für „Bruder“.
3. Digitalisierung
Die fortschreitende Digitalisierung hat eine Flut neuer Begriffe mit sich gebracht, von denen viele aus dem Englischen stammen und sich fest im Alltag verankert haben. Oft entstehen sogar eigenständige Verben aus den Namen von Internetdiensten oder Software:
- downloaden: Eine Datei aus dem Internet herunterladen.
- swipen: Auf einem Touchscreen eine Wischbewegung ausführen.
- liken: Zustimmung oder Gefallen an etwas ausdrücken (z.B. in sozialen Medien).
- googeln: Im Internet mit einer Suchmaschine recherchieren, meist mit Google® (gegründet 1998).
- twittern: Kurze Nachrichten (Tweets) über die Plattform Twitter® veröffentlichen (gegründet 2006).
- tindern: Leute über die Dating-App Tinder® kennenlernen (gegründet 2012).
4. Gesellschaft, Politik und Wissenschaft
Die sich ständig verändernde Welt erfordert und erfindet in allen Bereichen neue Wörter. Entwicklungen in Technik, Medizin, Psychologie, Wirtschaft und Politik gehen Hand in Hand mit einem Sprachwandel, der neue Konzepte benennt:
- Entschleunigung / entschleunigen: Eine bewusste Verlangsamung einer immer schneller werdenden Entwicklung oder Tätigkeit (z.B. des Alltags, des Familienlebens).
- Eventgastronomie: Ein Restaurant oder gastronomischer Betrieb, der neben dem Essen auch künstlerische Darbietungen anbietet.
- Kundenkarte: Eine Karte, die einem Kunden Vorteile beim Einkauf gewährt.
- Grexit / Brexit: Kofferwörter, die aus den Anfangsbuchstaben eines EU-Landes (Greece, Britain) und dem englischen Wort „exit“ gebildet wurden, um den Austritt aus der EU zu bezeichnen.
- Bäckersterben: Die Schließung kleinerer Bäckereibetriebe aufgrund der Konkurrenz durch Großfabriken.
5. Werbung
Werbetexter sind Meister der Wortneuschöpfung, um die Aufmerksamkeit potenzieller Kunden auf Produkte zu lenken. Manchmal lösen sich diese speziell für die Werbung erfundenen Begriffe aus ihrem Kontext und finden Eingang in den allgemeinen Sprachgebrauch:
- porentief: Aus der Werbung für „Clearasil“, bedeutet „besonders gründlich“.
- aprilfrisch: Aus der Werbung für „Lenor“, suggeriert frühlingshafte Leichtigkeit und Frische.
- unkaputtbar: Beschreibt etwas, das unzerstörbar ist.
- den Tiger im Tank haben: Aus der Esso-Werbung, meint, besonders stark, schnell oder leistungsfähig zu sein.
- Entdecke die neue Pflanzlichkeit: Slogan der Rama-Margarine, der eine neue Eigenschaft hervorhebt.
- NOVOTEL: Ein Kunstwort aus Lateinisch „novus“ (neu) und „Hotel“.
- Best Ager: Zielgruppe, die als anspruchsvoll und konsumfreundlich gilt.
Neben gänzlich neuen Begriffen entstehen in der Werbung auch häufig Wortneubildungen durch die Neuzusammensetzung bekannter Wörter, um positive Assoziationen beim Konsumenten zu wecken:
- Schmusewolle: Aus der Werbung für Waschmittel Perwoll.
- knusperleicht: Für den Duplo-Schokoriegel.
- Frühshoppen: Eine Einladung der Media Märkte zu Schnäppchen am Morgen.
Im Jahr 2004 erschien Band 11 der Schriften des Instituts für Deutsche Sprache, ein großes Wörterbuch mit etwa 700 Neologismen, die in den 1990er Jahren in die deutsche Allgemeinsprache gefunden hatten. Ein kleinerer Band des Duden-Verlags, „Unsere Wörter des Jahrzehnts“, stellte Neologismen vor, die zwischen 2000 und 2010 in den Duden-Wortschatz aufgenommen wurden, darunter „Chai Latte“, „Alcopop“, „E-Learning“ oder „talentfrei“.
Wie werden Neologismen gebildet?
Neologismen entstehen auf verschiedene Weisen, die von der Sprachtheorie untersucht wurden. Die gängigsten Bildungsweisen sind:
- Durch Komposition (Zusammensetzung): Zwei oder mehr selbstständige Wörter werden zu einem neuen Wort verbunden. Beispiele: „Dosenpfand“, „Genmais“.
- Durch Derivation (Ableitung): Neue Wörter werden aus einem Ursprungswort mithilfe von Präfixen oder Suffixen (Affixen) gebildet. Beispiele: „Cyberkriminalität“ (aus Cyber + Kriminalität), „Cybersex“.
- Durch Abkürzung: Wörter oder Phrasen werden zu kürzeren Formen zusammengezogen. Beispiele: „SMS“ (Short Message Service), „Zivi“ (Zivildienstleistender), „FAQs“ (Frequently Asked Questions).
- Durch Zusammenziehung: Vorhandene, bekannte Elemente werden verkürzt oder verschmolzen. Beispiel: „Telearbeitsplatz“ (aus Tele- und Arbeitsplatz).
- Durch Eindeutschung von Fremdwörtern: Fremdsprachige Wörter werden an die deutsche Orthografie und Grammatik angepasst. Beispiele: „Eskapismus“ (von engl. „escapism“), „downloaden“, „updaten“, „liken“.
- Durch Bedeutungsverlagerung: Ein bereits existierendes Wort erhält eine neue Bedeutung. Beispiel: Ein „Zweck“ war ursprünglich ein Nagel; heute bezeichnet es laut Duden den „Beweggrund und Ziel einer Handlung“.
Der Neologismus in der Literatur und Werbung
In der Literatur ist der Neologismus ein grundlegendes stilistisch-rhetorisches Mittel. Schriftsteller nutzen ihn, um ihre Sprache von der Alltagssprache abzuheben, ihren individuellen Stil zu unterstreichen, die Bedeutung einer Aussage zu nuancieren oder in fantastischen Genres eine passende, eigene Sprachwelt zu schaffen.
Beispiele aus der Lyrik:
- „O taumelbunte Welt“
- „Wenn […] Du am Erdenhimmel uns erscheinst, Unsrer schönern Zukunft Morgenrot!“
- „Ich bin so knallvergnügt erwacht“
- „Die Flur bestäubt mit Aschensaat.“
Beispiele aus der Prosa:
- „Halbundhalbgott“
- Stefan Zweig schrieb: „Ich ›spiele‹ Schach im wahrsten Sinne des Wortes, während die anderen, die wirklichen Schachspieler, Schach ›ernsten‹, um ein verwegenes neues Wort in die deutsche Sprache einzuführen.“ Hier weist der Autor den Leser sogar explizit auf den Neologismus hin.
Beispiele aus Science Fiction und Fantasy:
- Neusprech: In George Orwells dystopischem Roman „1984“ ist „Neusprech“ die Amtssprache des fiktiven Staates Ozeanien und ein Oberbegriff für weitere Neologismen wie „Engsoz“, „Gedankendelikt“ oder „Doppeldenk“.
- Zamonien: Walter Moers schildert in seiner Romanreihe aus dem fiktiven Land Zamonien ein ganzes Universum mithilfe von Neologismen, z.B. die „Buchlinge“ (Bücher verehrende Wesen), die „Schrecksen“ (schreckliche, hexenähnliche Kreaturen) oder das „Ormen“ (ein Ratespiel).
Auch in der Werbung ist der Neologismus ein beliebtes Mittel, um Aufmerksamkeit zu erregen und Produkte unverwechselbar zu machen. Kreativität im Umgang mit Sprache ist hier entscheidend, was die Werbung zu einer ergiebigen Quelle für Sprachneuschöpfungen macht.

Was ist ein Archaismus?
Ein Archaismus ist das Gegenteil eines Neologismus. Er bezeichnet einen sprachlichen Ausdruck, der unmodern geworden und aus dem aktiven Sprachgebrauch verschwunden ist oder nur noch selten verwendet wird. Archaismen stammen aus einer anderen Zeit und wirken heute veraltet oder fremd. Der Duden kennzeichnet solche Begriffe oft als „veraltend“ oder „veraltet“.
Manche Wörter sind uns vielleicht unbekannt, auch wenn es sie schon lange in der deutschen Sprache gibt. Wir selbst verwenden diese Wörter nicht. Falls man sie dann doch einmal liest oder hört, kommen sie einem neu vor, obwohl sie es nicht sind. Ein solches Wort ist ein Archaismus. Es sind also Begriffe, die zwar bereits lange existieren, heutzutage allerdings kaum noch gebraucht werden.
Beispiele für Archaismen:
- Oheim: Veraltet für Onkel.
- Base: Veraltet für Cousine.
- Zögling: Veraltet für jemand, der in einem Internat, Heim o.Ä. erzogen wird; auch für Schüler oder Kind.
- Velo: Veraltet für Fahrrad.
- Backfisch: Veraltet für weiblicher Teenager.
- Wickelkind: Veraltend für Kind.
Es ist jedoch nicht immer leicht, einen Archaismus eindeutig zu erkennen. Das Beispiel „Velo“ zeigt, warum: Während „Velo“ in Deutschland ein veraltetes Wort für Fahrrad ist, wird es im Schweizerdeutschen nach wie vor aktiv verwendet. Dies verdeutlicht, dass Dialekte und regionale Varianten einer Sprache sich unterschiedlich entwickeln und Sprecher die Aktualität eines Wortes unterschiedlich bewerten. Wenn man sich unsicher ist, ob ein Wort ein Archaismus ist, hilft oft der Blick ins Wörterbuch. Dort finden sich Kommentare wie „veraltet“ oder Hinweise auf dialektale Verwendungen.
Neologismus vs. Archaismus: Ein Vergleich
Der zentrale Unterschied zwischen Neologismus und Archaismus liegt in ihrer zeitlichen Verortung und ihrer Funktion im Sprachwandel. Während Neologismen die Sprache bereichern und an neue Gegebenheiten anpassen, zeigen Archaismen, welche Wörter im Laufe der Zeit an Relevanz verloren haben.
| Merkmal | Neologismus | Archaismus |
|---|---|---|
| Bedeutung | Wortneuschöpfung, Neubildung, Neubedeutung | Veralteter, kaum noch gebräuchlicher sprachlicher Ausdruck |
| Zeitliche Einordnung | Neu, aktuell im Entstehen oder in der Etablierung begriffen | Alt, aus dem aktiven Sprachgebrauch verschwunden oder stark rückläufig |
| Funktion | Füllt sprachliche Lücken, benennt Neues, vereinfacht | Spiegelt Sprachgeschichte wider, zeigt Wandel auf |
| Wahrnehmung | Wirkt neu, modern, manchmal ungewohnt | Wirkt altmodisch, fremd, manchmal feierlich oder humorvoll |
| Beispiele | googeln, Smombie, Brexit, chillen | Oheim, Base, Zögling, Backfisch |
Abgrenzung: Neologismus und Neusprech
Obwohl der Begriff „Neusprech“ selbst ein Neologismus ist, der durch George Orwell in seinem Roman „1984“ geprägt wurde, unterscheidet er sich fundamental von einem allgemeinen Neologismus. „Neusprech“ ist die zu politischen Zwecken umgestaltete Sprache in Orwells dystopischem Roman, die dazu dient, das Denken der Bevölkerung zu kontrollieren und zu beschränken. Sie reduziert den Wortschatz, eliminiert Konzepte, die der herrschenden Ideologie widersprechen, und schafft neue Wörter, die diese Ideologie stützen. Im Gegensatz dazu entstehen „normale“ Neologismen in einer lebendigen Sprache organisch, um Lücken zu füllen oder neue Realitäten zu benennen, nicht um die Gedankenfreiheit einzuschränken.
Okkasionalismus als mögliche Vorstufe eines Neologismus
Ein Okkasionalismus ist ein Gelegenheitsbegriff, der spontan und situationsbezogen gebildet wird. Er ist oft eine einmalige, kreative Schöpfung, die nur in einem bestimmten Kontext verstanden wird. Ein Beispiel dafür ist, wenn Eltern ihr hastig trinkendes und spuckendes Baby liebevoll „kleiner Spuckling“ nennen. Würde sich dieser Begriff über den Familienkreis hinaus verbreiten und von anderen Eltern oder sogar in der breiteren Gesellschaft übernommen, könnte aus dem Okkasionalismus „Spuckling“ ein Neologismus werden, der schließlich in den allgemeinen Sprachgebrauch übergeht und sich etabliert.
Sobald ein Wort jedoch vollständig in der Sprache etabliert ist, darf es streng genommen nicht mehr als Neologismus bezeichnet werden. Dies unterstreicht, dass die Klassifizierung einer Wortneubildung oft in einem festen zeitlichen Kontext betrachtet werden muss.

Kritik am Sprachwandel im Alltag
Der Sprachwandel wird von verschiedenen Institutionen kritisch begleitet. Die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS), ein Verein, der die Pflege der deutschen Sprache zum Ziel hat und den Wandel erforscht, wählt seit 1971 jährlich das „Wort des Jahres“. 2016 war dies der Neologismus „postfaktisch“, der eine Zeit beschreibt, in der Gefühle und „gefühlte Wahrheiten“ zunehmend wichtiger werden als Fakten. Der Verein Deutsche Sprache hingegen beklagt wesentlich entschiedener den „Verfall“ der deutschen Sprache und wehrt sich vehement gegen den Einzug von Anglizismen. Doch da Sprache ein Spiegelbild gesellschaftlicher Veränderungen ist, lässt sich ein Sprachwandel letztlich nicht aufhalten – er ist ein natürlicher und notwendiger Prozess.
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Ist jeder Neologismus dauerhaft?
Nein, bei Weitem nicht jeder Neologismus setzt sich im Sprachgebrauch durch. Viele sind nur eine Modeerscheinung oder werden nur von einer kleinen Gruppe verwendet und verschwinden wieder. Nur jene, die eine tatsächliche Lücke füllen oder einen Bedarf decken, haben die Chance, sich dauerhaft zu etablieren.
Warum verschwinden manche Wörter (Archaismen)?
Wörter werden zu Archaismen, weil die Dinge oder Konzepte, die sie bezeichnen, nicht mehr relevant sind (z.B. alte Berufsbezeichnungen), oder weil sie durch modernere, prägnantere oder einfach populärere Synonyme ersetzt werden. Manchmal verlieren sie auch ihre Bedeutung oder werden als zu umständlich empfunden.
Wie erkenne ich einen Archaismus sicher?
Die sicherste Methode ist, das Wort in einem aktuellen Wörterbuch nachzuschlagen. Dort sind Archaismen oft mit Vermerken wie „veraltet“, „ungebräuchlich“ oder „historisch“ gekennzeichnet. Auch der Kontext, in dem das Wort verwendet wird (z.B. in alten Texten), kann ein Hinweis sein.
Was ist der Unterschied zwischen Neologismus und Okkasionalismus?
Ein Okkasionalismus ist eine einmalige, situationsbezogene Wortschöpfung, die meist nur im engen Kreis des Erfinders verstanden wird. Ein Neologismus hingegen ist eine neue Wortschöpfung, die das Potenzial hat, sich in einer größeren Sprachgemeinschaft zu verbreiten und Teil des allgemeinen Wortschatzes zu werden. Der Okkasionalismus kann somit eine Vorstufe des Neologismus sein.
Spielt die Region eine Rolle bei Archaismen?
Ja, absolut. Wie das Beispiel „Velo“ (Fahrrad) in der Schweiz zeigt, kann ein Wort in einer Region oder einem Dialekt noch lebendig sein, während es in anderen Regionen oder im Hochdeutschen bereits als Archaismus gilt. Sprachliche Entwicklungen sind regional sehr unterschiedlich.
Fazit
Der Sprachwandel ist ein unaufhörlicher Prozess, der unsere Kommunikation ständig neu formt und bereichert. Die Entstehung von Neologismen und das Verschwinden von Archaismen sind zwei Seiten derselben Medaille und zeugen von der Lebendigkeit und Anpassungsfähigkeit der Sprache. Während Neologismen uns erlauben, neue Ideen und Technologien zu benennen und unsere Ausdrucksmöglichkeiten zu erweitern, erinnern uns Archaismen an die Geschichte unserer Sprache und die kulturellen Veränderungen, die sie durchlaufen hat. Das Verständnis dieser Phänomene hilft uns nicht nur, die deutsche Sprache besser zu verstehen, sondern auch die Dynamik jeder menschlichen Kommunikation zu schätzen.
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