Was ist das eindrücklichste Werk des Barock-Dingen?

Barock: Schein, Gefühl und ewige Faszination

30/09/2024

Rating: 4.09 (4930 votes)

Das Barock-Zeitalter, eine Epoche, die sich über das 17. und frühe 18. Jahrhundert erstreckte, ist weit mehr als nur ein Stil in Kunst und Architektur. Es ist eine Haltung, eine Weltsicht, die tief in den Begriffen von „Schein“ und „Eitelkeit“ wurzelt. In einer Zeit großer Umbrüche, religiöser Kriege und neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse suchte der Mensch nach Ausdruck und Orientierung. Der Barock bot dies in opulenten, dramatischen und zutiefst emotionalen Formen. Es ging darum, die Sinne zu überwältigen, Gefühle anzusprechen und eine Wirklichkeit zu schaffen, die oft zwischen Illusion und greifbarer Präsenz schwebte. Diese Denkweise und Ästhetik prägt unsere religiöse Vorstellungswelt und unsere Kirchen bis heute, auch wenn uns ihre ursprüngliche Botschaft manchmal fremd erscheint.

Was ist der Grundgedanke des Barock-Zeitalters?
Schein“ und „eitel“, dies ist ein Grundgedanke des Barock-Zeitalters. rien der Heiligen und bewegte biblische Szenen sehr beliebt sind. Die- kung. In den protestantischen Ländern wie in den Niederlanden werden das Gefühl ansprechen. Entsprechend der protestantischen Grundsät- ze gibt es allerdings keine Marien- oder Heiligenbilder.
Inhaltsverzeichnis

Das Barock-Zeitalter: Zwischen Schein und tiefer Emotion

Der Grundgedanke des Barock-Zeitalters lässt sich vielleicht am besten mit den Worten „Schein“ und „eitel“ zusammenfassen. Dies mag auf den ersten Blick negativ klingen, doch es beschreibt die Faszination für das Illusorische, das Vergängliche und das Dramatische. Die Welt wurde als eine Bühne verstanden, auf der das Leben, der Glauben und die Macht inszeniert wurden. In der Kunst manifestierte sich dies in einer Vorliebe für opulente Darstellungen, die Emotionen wecken und den Betrachter in ihren Bann ziehen sollten.

In den katholischen Ländern, insbesondere in Italien und Mitteleuropa, war die Kunst des Barock eng mit der Gegenreformation verbunden. Sie diente dazu, den Glauben zu festigen und zu verbreiten, indem sie die Heiligen verehrte und bewegte biblische Szenen darstellte. Marienfiguren und Märtyrerdarstellungen waren sehr beliebt, da sie das Gefühl ansprechen und die Gläubigen emotional binden sollten. Die Kirchen wurden zu prunkvollen Gesamtkunstwerken, die den Betrachter überwältigen und in eine spirituelle Ekstase versetzen sollten.

In den protestantischen Ländern hingegen, wie den Niederlanden, wurde das Gefühl ebenfalls angesprochen, jedoch ohne die Verehrung von Heiligen oder Maria. Hier konzentrierte sich die Kunst auf biblische Erzählungen, Landschaften und Alltagsszenen, die eine tiefere, oft persönlichere Frömmigkeit ausdrückten. Die protestantischen Grundsätze führten zu einer nüchterneren, aber nicht minder emotionalen Darstellung, die den Fokus auf das Wort Gottes und die individuelle Andacht legte.

Vergleich: Katholischer vs. Protestantischer Barock

MerkmalKatholischer BarockProtestantischer Barock
HauptthemenVerherrlichung der Heiligen, bewegte biblische Szenen, Mariendarstellungen, MärtyrerdarstellungenBetonung des Gefühls, biblische Erzählungen, oft nüchterner in der Darstellung, Fokus auf das Wort
AusdruckDramatisch, opulent, illusionistisch, emotional ansprechend, prunkvollEmotional, oft schlichter in der Ausstattung, Fokus auf die individuelle Frömmigkeit
ZielGläubige beeindrucken und emotional binden, Macht und Herrlichkeit der Kirche demonstrierenIndividuelle Andacht fördern, biblische Botschaften vermitteln, ethische Werte hervorheben
BeispieleRömische Kirchen (z.B. Sant'Ignazio), große Deckenfresken, prunkvolle AltäreNiederländische Malerei (z.B. Rembrandt), schlichtere Kirchenräume, oft mehr Porträts und Genrebilder

Roms barocke Pracht: Ein Fest für die Sinne

Rom ist zweifellos die Hauptstadt des Barock. Die Stadt ist reich an barocker Kunst, die an jeder Ecke zu finden ist und die Sinne überwältigt. Von den majestätischen Statuen auf der Engelsbrücke über die kunstvollen Fassaden der Palazzi bis hin zur gesamten Anlage der Piazza Navona – die barocke Ästhetik ist hier allgegenwärtig. Man kann Tage und Wochen damit verbringen, diese Pracht zu genießen, oder man kann sich schnell sattsehen, wenn man dem Barock nichts abgewinnen kann. Doch gerade im religiösen Kontext entfaltet der römische Barock seine volle Wirkung.

Ein persönlicher Favorit und ein eindrücklichstes Werk des Barock findet sich meiner bescheidenen Meinung nach im Palazzo Barberini, am Abhang des Quirinal. Es handelt sich um ein gigantisches Deckenfresko von Pietro da Cortona, das den Titel „Allegorie der göttlichen Vorsehung“ trägt. Wenn man den großen Saal betritt, wird man sofort von dessen Größe und Höhe beeindruckt. Dankenswerterweise haben die Museumsmacher diesen Raum bewusst leer gelassen, sodass der Blick ungestört nach oben schweifen kann. Im Gegensatz zu einer Kirche gibt es hier keine Wände mit Verzierungen oder eine Blickrichtung auf einen Altar. Stattdessen öffnen sich die Räume nach oben.

Die 'Allegorie der göttlichen Vorsehung': Ein Meisterwerk des Scheins

Das Fresko von Pietro da Cortona ist ein Meisterwerk der Illusion. Man schaut nicht einfach auf eine bemalte Decke, sondern durch die Decke hindurch, direkt ins Himmelreich. Es ist ein Erlebnis, das die Sinne und Augen täuscht, denn obwohl wir wissen, dass es gemalt ist, wirkt es unglaublich plastisch und hoch hinauf. Die „Allegorie der göttlichen Vorsehung“ ist eng mit den Auftraggebern, der Familie Barberini, verbunden, zu der auch Papst Urban VIII. gehörte.

Das Dargestellte hat nicht unbedingt etwas mit der Realität zu tun, sondern zeigt eine Vielzahl von Tugenden. Eine der dargestellten Tugenden der Familie Barberini ist die des Friedens-Papstes, genauer gesagt, die des Papstes Urban VIII., dem zugeschrieben wird, den Nationen den Frieden gebracht zu haben. Dies mag absurd erscheinen, wenn man bedenkt, dass das Fresko mitten im Dreißigjährigen Krieg entstand. Doch es wollte eine andere Wirklichkeit bezeichnen – eine Idealvorstellung, eine glorifizierte Erzählung der Macht und des Einflusses der Familie.

Dieses Fresko ist ein herausragendes Beispiel für die „PR“ oder „Identitätspolitik“ der damaligen Fürsten, zu denen die Päpste in dieser Zeit vor allem gehörten. Sie inszenierten sich selbst, ihre Dynastie und ihre Taten auf grandiose Weise. Der Barock war das perfekte Medium für diese Art der Selbstverherrlichung und Propaganda, die den Schein über die unmittelbare Realität stellte.

Direkt daneben, im selben Palazzo, findet sich ein weiteres architektonisches Meisterstück des Barock: Francesco Borrominis Treppe. Sie gilt als eine Spitze gegen seinen Konkurrenten Bernini, der im gleichen Palazzo ebenfalls eine Treppe gebaut hat, aber ganz eckig. Borromini setzte dem die pure Eleganz entgegen, ein weiteres Beispiel für die Kreativität und den Wettbewerb der Barockkünstler.

Der Barock in der religiösen Vorstellungswelt

Der Barock lädt uns ein, in Bildern zu denken. Trotz all seiner Bildhaftigkeit war es aber auch das Zeitalter der Vernunft, der Aufklärung und der Mathematik. Doch diese Vernunft war noch nicht der Positivismus, der später alles auf das Materiell-Messbare reduzierte. Die barocke Wirklichkeit kannte noch alle Dimensionen der Welt nebeneinander: Wissenschaft und Glauben, das Irdische und das Himmlische, das Greifbare und das Metaphysische. Es war eine Zeit, in der das Wunderbare und das Rationale koexistierten und sich gegenseitig beeinflussten.

Was ist der Grundgedanke des Barock-Zeitalters?
Schein“ und „eitel“, dies ist ein Grundgedanke des Barock-Zeitalters. rien der Heiligen und bewegte biblische Szenen sehr beliebt sind. Die- kung. In den protestantischen Ländern wie in den Niederlanden werden das Gefühl ansprechen. Entsprechend der protestantischen Grundsät- ze gibt es allerdings keine Marien- oder Heiligenbilder.

Unsere Religion ist bis heute immer noch tief von diesem Denken und vor allem von diesem Schauen geprägt. Nicht nur, weil sehr viele unserer Kirchen barock gebaut oder umgestaltet sind, sondern weil unsere gesamte religiöse Vorstellungswelt zutiefst von diesen An-Schauungen genährt wurde. Die Art und Weise, wie wir biblische Szenen visualisieren, wie wir Heilige oder Engel wahrnehmen, ist oft unbewusst von der barocken Ästhetik durchdrungen. Das dramatische Licht, die emotionalen Gesichtsausdrücke, die Bewegung in den Figuren – all das formt unser inneres Bild des Glaubens.

Wenn der Papst davor warnt, dass die Kirche zu einem Museum wird, habe ich unweigerlich eine barocke Kirche vor Augen. Selbst der Petersdom ist da keine Ausnahme. Die meisten Menschen kommen hier oft wegen der Kunst herein, wie in ein Museum, und nicht primär des Glaubens willen. Dies wirft die Frage auf, wie wir die spirituelle Botschaft hinter der beeindruckenden Fassade wieder zugänglich machen können.

Barock heute: Eine Herausforderung für die Gegenwart

Dabei ist der Barock vor allem eines nicht: langweilig. Hier passieren Dinge, hier ist alles in Bewegung, hier ist Leben. Egon Friedell schrieb in seiner „Kulturgeschichte der Neuzeit“ in den 1920er Jahren, dass Menschen, welche die Renaissance höher stellten als die Barocke, glauben „dass man ein Kunstwerk nur dann erhaben finden dürfe, wenn es langweilig ist.“ Barock ist Theater, ist Handlung, ist nicht langweilig. Jedenfalls nicht, wenn es gute Kunst ist, die ihre ursprüngliche Intention noch vermitteln kann.

Noch einmal die Frage: Passt das heute noch? Die Geschichte-Politik der Papst-Fürsten-Familien können wir nicht mehr ernst nehmen. Das großartige Deckenfresko im Palazzo Barberini bleibt uns museal erhalten – ein Zeugnis einer vergangenen Ära und ihrer Machtansprüche. Gilt das auch für religiöse Kunst? Für Rubens' Christusbilder? Für den Petersdom? Für all die kleinen und mittleren Barock-Kirchen in unseren eigenen Gemeinden?

Wenn ich im Palazzo nach oben schaue, wirkt mir das alles sehr fremd. Doch wenn ich in der Kirche auf ein Bild aus der gleichen Zeit schaue, gestehe ich mir diese Fremdheit oft nicht ein. Schließlich ist es eine Kirche, ein Altarbild, oder etwas Ähnliches, das zum Gottesdienst gehört. Aber sie existiert, diese Fremdheit. Wir leben nicht mehr im Barock, und unsere Bilder, unsere Art, die Welt und den Glauben zu sehen, sind heute andere. Das bedeutet jedoch keineswegs, dass wir alles abtun oder wegwerfen müssen. Es bedeutet vielmehr, dass das Denken in Bildern heute anders funktioniert und dass wir uns dieser Veränderung bewusst sein müssen.

Genau hier ist unsere eigene Kreativität gefragt. Es geht darum, in der Bild- und Zeichensprache von heute Kunst zu schaffen, die in unseren Glauben passt – als Darstellung, als Infragestellung, als Kommentar, als Widerspruch. Ein Besuch in Rom, in einer der großen Barockkirchen, zeigt uns jedenfalls, an welchen Vorläufern sich Kunst messen lassen muss. Die Leidenschaft und der Anspruch des Barock, das Unsichtbare sichtbar zu machen und das Göttliche erfahrbar, kann uns auch heute noch inspirieren, neue Wege des Ausdrucks im Glauben zu finden.

Häufig gestellte Fragen (FAQ) zum Barock

Was ist der Kerngedanke des Barock-Zeitalters?

Der Kerngedanke des Barock-Zeitalters ist die Dualität von „Schein“ und „Eitelkeit“ (Vergänglichkeit). Es geht um die Inszenierung, das Dramatische und das Ansprechen der Gefühle, oft in einer Welt, die sich zwischen Illusion und Realität bewegt. Das Zeitalter war geprägt von dem Wunsch, das Publikum zu überwältigen und eine emotionale Verbindung herzustellen.

Welches ist ein eindrücklichstes Werk des Barock und warum?

Ein besonders eindrückliches Werk ist Pietro da Cortonas Deckenfresko „Allegorie der göttlichen Vorsehung“ im Palazzo Barberini in Rom. Es beeindruckt durch seine illusionistische Wirkung, die den Blick durch die Decke hindurch ins Himmelreich öffnet. Es ist auch ein herausragendes Beispiel für die damalige Inszenierung von Macht und Politik durch Kunst, die die Familie Barberini und Papst Urban VIII. verherrlichte.

Wie prägte der Barock unsere religiöse Vorstellungswelt?

Der Barock prägte unsere religiöse Vorstellungswelt zutiefst, indem er das „Denken in Bildern“ förderte. Viele unserer Kirchen sind barock gebaut oder umgestaltet, und die dramatische, gefühlsbetonte Darstellung biblischer Szenen und Heiliger beeinflusst bis heute, wie wir Glauben visuell erfassen. Es verband Wissenschaft und Glauben auf eine Weise, die uns bis heute prägt.

Ist die Barockkunst heute noch relevant?

Ja, die Barockkunst ist nach wie vor relevant, weil sie alles andere als langweilig ist – sie ist Theater und Handlung. Obwohl die politischen Botschaften von Fürsten und Päpsten heute anders wahrgenommen werden, setzt die barocke Kunst einen hohen Maßstab für Kreativität und emotionale Wirkung. Sie lädt uns ein, über unsere eigene Bildsprache im Glauben nachzudenken und inspiriert uns, neue Formen des Ausdrucks zu finden, die die Tiefe des Glaubens vermitteln.

Wenn du andere Artikel ähnlich wie Barock: Schein, Gefühl und ewige Faszination kennenlernen möchtest, kannst du die Kategorie Religion besuchen.

Go up