Luthers Erbe: Die Geburt Christi im Fokus

27/12/2022

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Die Weihnachtsgeschichte, wie sie uns im Lukasevangelium (Kapitel 2, Verse 1 bis 14 oder bis 20) überliefert ist, nimmt in der evangelischen Tradition einen ganz besonderen Platz ein. Sie ist nicht nur ein zentraler Bestandteil des Gottesdienstes am Heiligen Abend, sondern prägt auch die häusliche Gestaltung des Weihnachtsfestes tief. Für viele Menschen ist dieser Text so vertraut, dass der spezifische Wortlaut oft auswendig gekannt und erwartet wird. Doch hinter dieser tiefen Verwurzelung in der Kultur und im Glauben steht eine entscheidende theologische und sprachliche Prägung: die Arbeit Martin Luthers. Obwohl historische Darstellungen aus dem 19. Jahrhundert, die die Familie Luther bei einer häuslichen Weihnachtsfeier mit Tannenbaum und Hausmusik zeigen, anachronistisch sind, so ist doch die zugrunde liegende Wahrheit unbestreitbar: Die Geburt Christi hatte in Martin Luthers Theologie eine überragende Bedeutung. Dies zeigt sich nicht zuletzt darin, dass die ältesten Elemente des heutigen Weihnachtsbrauchtums bis ins 16. Jahrhundert, also in Luthers Zeit, zurückreichen und er selbst bekannte Weihnachtslieder wie „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ dichtete. Luthers Beitrag zur Verbreitung und Verankerung der Weihnachtsgeschichte ist untrennbar mit seiner theologischen Überzeugung und seinem sprachschöpferischen Genie verbunden.

Wie viele Evangelisten gibt es in der Bibel über die Weihnachtsgeschichte?
Von der Geburt Jesu Christi – der Weihnachtsgeschichte – berichten im Neuen Testament der Bibel zwei Evangelisten. Am bekanntesten ist die Erzählung der Weihnachtsgeschichte im Lukas-Evangelium. Wichtige Details, wie die Heiligen Drei Könige, finden sich jedoch nur im Evangelium nach Matthäus. Bei Lukas 2,1-21 gibt es die Weihnachsgeschichte:
Inhaltsverzeichnis

Die theologische Tiefe der Geburt Christi bei Luther

Für Martin Luther war die Geburt Christi weit mehr als nur ein historisches Ereignis; sie war das zentrale Wunder der Inkarnation, der Fleischwerdung Gottes. In ihr manifestierte sich Gottes unermessliche Gnade und Barmherzigkeit gegenüber einer sündigen Menschheit. Luther betonte stets, dass Gott nicht in majestätischer Herrlichkeit, sondern in der Demut und Hilflosigkeit eines Kindes in einer Krippe zur Welt kam. Dieses Bild des hilflosen Kindes, das zum Heiland wird, war für Luther der Inbegriff der göttlichen Liebe und der zugewandten Gnade, die nicht durch menschliche Werke, sondern allein durch Glauben empfangen wird (sola fide, sola gratia). Die Krippe wurde zum Symbol für die Herablassung Gottes, der sich mit den Geringsten identifiziert und ihnen Erlösung bringt. Diese Demut Gottes in der Krippe war für Luther ein machtvolles Gegenbild zu den menschlichen Bestrebungen, sich durch eigene Leistungen vor Gott zu rechtfertigen. Es war die Botschaft, dass Gott zu den Menschen kommt, wo sie sind – in ihrer Schwachheit und Bedürftigkeit. Die Geburt Jesu in Bethlehem war somit der Beginn des Weges der Erlösung, der in Kreuz und Auferstehung gipfelte, aber seinen Ursprung in dieser demütigen Ankunft nahm.

Luthers sprachschöpferisches Genie in der Weihnachtsgeschichte

Die tiefe theologische Bedeutung, die Luther der Geburt Christi beimaß, spiegelt sich unmittelbar in der außergewöhnlichen Sorgfalt wider, die er bei der Übersetzung der Weihnachtsgeschichte in seine deutsche Bibel investierte. Luthers Arbeit an diesem Text ist ein Paradebeispiel für seine einzigartige Sprachschöpfung und seinen Einfluss auf die deutsche Sprache. Germanisten führen die Besonderheiten von Luthers deutscher Bibelprosa oft anhand von Versen aus der Weihnachtsgeschichte vor, da hier seine sprachlichen Eigenheiten besonders prägnant und wirkungsvoll zum Ausdruck kommen.

Sakralsprachliche Elemente

Luther verwendete, wie in seiner gesamten Bibelübersetzung, auch in der Wiedergabe von Lukas 2 bewusst Formulierungen, die über den alltäglichen Sprachgebrauch hinausgingen und eine feierliche, sakrale Atmosphäre schufen. Diese „außeralltäglichen“ Wendungen verliehen dem Text eine besondere Würde und Zeitlosigkeit:

  • Die Einleitung der Erzählung mit der Formel „Es begab sich aber…“ ist ein klassisches Beispiel für eine sakralsprachliche Wendung, die eine bedeutsame Begebenheit ankündigt und den Hörer sofort in die erzählte Welt hineinzieht.
  • Die Reihung von Sätzen, die mit dem Bindewort „und“ beginnen, erzeugt einen fließenden, epischen Erzählstrom, der dem biblischen Original nahekommt und gleichzeitig eine hohe sprachliche Eindringlichkeit besitzt.
  • Das nachgestellte „aber“ wie in „Da sie es aber gesehen hatten…“ (V. 17) oder „Maria aber behielt alle diese Worte…“ (V. 18) ist ein stilistisches Merkmal, das eine leichte Pause und Betonung schafft, die den Inhalt des Satzes hervorhebt und ihm eine nachdenkliche Tiefe verleiht.

Der Reiz der Alliteration

Luthers sprachliche Kunst zeigte sich auch im gekonnten Einsatz von Alliterationen, der Wiederholung von Anlauten in aufeinanderfolgenden Wörtern. Diese Technik verlieh dem Text nicht nur einen poetischen Klang, sondern machte ihn auch einprägsamer und rhythmischer:

  • „Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde.“ (V. 8) – Hier ist die Wiederholung des „H“-Lautes unverkennbar und schafft eine klangliche Verbindung zwischen den Begriffen.
  • „Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk wider fahren wird, denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.“ (V. 10–11) – Ein komplexeres Beispiel, das nicht nur Alliteration, sondern auch Vokalspiel beinhaltet.
  • „Lasst uns nun gehen gen Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist…“ (V. 15) – Die Wiederholung des „G“-Lautes trägt zur Eingängigkeit und zum Fluss des Satzes bei.

Spiel mit Vokalklängen

Neben Alliterationen nutzte Luther auch das Spiel mit dem Klang von Vokalen, um seinen Übersetzungen eine besondere musikalische Qualität zu verleihen. Diese bewusste Gestaltung der Lautgestalt trug maßgeblich zur Schönheit und Einprägsamkeit seiner Bibelprosa bei:

  • „Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth…“ (V. 4) – Hier schafft die Wiederholung des „a“-Lautes eine weiche, fließende Kadenz.
  • „Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.“ (V. 12) – Die Vokalmelodie in diesem Vers trägt zur bildlichen Vorstellung bei und macht die Szene lebendig.

Diese sprachlichen Finessen zeigen, dass Luther nicht nur ein Übersetzer war, sondern ein Schöpfer, der die deutsche Sprache nutzte, um die biblische Botschaft in einer Weise zu vermitteln, die sowohl theologisch profund als auch ästhetisch ansprechend war.

Die Lutherbibel-Revision 2017 und die Weihnachtsgeschichte

Die Bedeutung von Luthers ursprünglichem Wortlaut wurde bei der Revision der Lutherbibel im Jahr 2017 besonders deutlich. Es zeigte sich, dass der Wortlaut der Fassung von 1984 in den Gemeinden nicht vollständig angenommen worden war; als auswendig gekannter Text war oft immer noch die Fassung von 1912 im Hintergrund präsent. Dies führte zu der Erkenntnis, dass für besonders vertraute und beliebte Texte eine größere Nähe zum Original Luthers wünschenswert war. Die Weihnachtsgeschichte wurde zum „Prüfstein“ dieser Revision, an dem sich zeigen sollte, dass „mehr Luther“ im revidierten Text steckte.

Warum eine Revision?

Die Revision der Lutherbibel ist ein fortlaufender Prozess, der darauf abzielt, die Übersetzung Luthers sprachlich und inhaltlich zu überprüfen und gegebenenfalls anzupassen, um sie für die heutige Zeit verständlich zu halten, ohne ihren ursprünglichen Charakter zu verlieren. Bei der Revision 2017 stand jedoch auch die Rückbesinnung auf Luthers Sprachrhythmus und seine spezifischen Formulierungen im Vordergrund, insbesondere bei den Texten, die im Gedächtnis der Menschen tief verankert sind. Während für sehr bekannte Texte wie Psalm 23 die Regel galt, so wenig wie möglich zu ändern (hier gab es gar keine Änderungen), wurde in Lukas 2, 1–20 relativ viel geändert: Von 15 Änderungsvorschlägen wurden 12 angenommen, und von diesen 12 führten 11 zur Rückkehr zur Fassung der Lutherbibel von 1912.

Rückkehr zu Luthers Rhythmus

Ein zentrales Anliegen der Revision war es, Luthers Gebrauch der Partikeln und Pronomina nach Möglichkeit zu erhalten. Während modernere Formulierungen wie „weil“ anstelle von Luthers „darum dass“ oder „jeder“ anstelle von „ein jeglicher“ in vielen Teilen der Bibel beibehalten wurden, gab es gerade bei der Weihnachtsgeschichte Ausnahmen. Die Revisoren erkannten, dass hier die rhythmische Prosa von Luthers Originalfassung, die durch Modernisierungen von 1975/1984 empfindlich gestört war, wiederhergestellt werden musste. Traditionsbewusste Kirchgänger begrüßten es, im Weihnachtsevangelium wieder Formulierungen wie „Da machte sich auf auch Josef …, darum dass (statt: weil) er von dem Hause und Geschlechte Davids war“ (Lk 2, 4) oder „auf dass“ statt „damit“ und oft „da“ statt „als“ zu hören.

Um die Unterschiede zu verdeutlichen, betrachten wir einige sprachliche Merkmale, die in der Revision 2017 wiederhergestellt wurden:

MerkmalÄltere/Modernere Fassung (z.B. 1984)Luther/Revision 2017 (Beispiele aus Lukas 2)
Kausale Konjunktion„weil“„darum dass“
Temporale Konjunktion„als“„da“
Finalkonjunktion„damit“„auf dass“
Pronomina„jeder“„ein jeglicher“ (in Ausnahmen)

Diese bewusste Rückbesinnung auf Luthers Sprachduktus entspricht der in allen Religionen beobachtbaren Entwicklung einer Sakralsprache. Religiöse Texte entwickeln oft eine eigene, vom Alltag abgehobene Sprachform, die eine Brücke zur Vergangenheit schlägt und das Gefühl des Heiligen und Zeitlosen verstärkt.

Wie lange dauert die Weihnachtsgeschichte aus der Bibel?
Die Weihnachtsgeschichte frei nach der Bibel mit Musik von Mendelssohn,Bach.... Dauer: 16:45 | Sprache: Deutsch | Quelle: Youtube (User: BPanther) Die Weihnachtsgeschichte aus der Bibel - wunderschönes Video, mit klassischer Musik (z.B. von Johann Sebastian Bach und Felix Mendelssohn Bartholdy) unterlegt.

Harmonie mit der Tradition und Bach

Ein erwünschter Nebeneffekt der sprachlichen Rückkehr zu Luthers Originalfassung war die Übereinstimmung mit Bachs Vertonung im Weihnachtsoratorium. Viele Menschen kennen die Weihnachtsgeschichte auch durch die Musik Johann Sebastian Bachs, dessen Kompositionen auf dem Wortlaut der Lutherbibel basieren. Durch die Revision 2017 wird nun wieder eine größere Harmonie zwischen dem gesprochenen Bibeltext im Gottesdienst und der vertonten Fassung hergestellt, was das Gesamterlebnis für die Hörer noch stimmiger und traditionsbewusster macht.

Häufig gestellte Fragen zur Weihnachtsgeschichte und Luther

Warum ist Luthers Übersetzung der Weihnachtsgeschichte so besonders?

Luthers Übersetzung ist besonders, weil er nicht nur den griechischen Text ins Deutsche übertrug, sondern auch eine sprachliche Form fand, die sowohl theologisch präzise als auch ästhetisch ansprechend war. Seine Verwendung von Sakralsprache, Alliterationen und Vokalspiel machte den Text rhythmisch, einprägsam und verlieh ihm eine feierliche Würde, die ihn tief in der deutschen Kultur verankerte.

Hat Martin Luther die heutigen Weihnachtsbräuche „erfunden“?

Nein, Luther hat die heutigen Weihnachtsbräuche nicht erfunden. Viele Elemente des Weihnachtsfestes haben ältere Wurzeln. Es ist jedoch richtig, dass die ältesten Elemente des heutigen Weihnachtsbrauchtums bis ins 16. Jahrhundert, also in Luthers Zeit, zurückreichen. Luther selbst trug mit seinen Weihnachtsliedern und seiner Bibelübersetzung maßgeblich dazu bei, die theologische und emotionale Bedeutung des Festes zu formen und zu verbreiten, was indirekt die Entwicklung der Bräuche beeinflusste.

Was versteht man unter „Sakralsprache“ im Kontext der Bibelübersetzung?

Sakralsprache bezeichnet eine Sprachform, die im religiösen Kontext verwendet wird und sich vom alltäglichen Sprachgebrauch abhebt. Sie ist oft feierlicher, archaischer und rhythmischer, um die Besonderheit und Heiligkeit des Inhalts zu betonen. In Luthers Bibelübersetzung dienen solche Elemente dazu, die biblische Botschaft zu erhöhen und ihr eine zeitlose, ehrwürdige Qualität zu verleihen.

Warum wurde die Lutherbibel überhaupt revidiert, wenn Luthers Original so gut war?

Bibeltreue Übersetzungen müssen regelmäßig revidiert werden, um die Sprache an die Entwicklung des Deutschen anzupassen und neue Erkenntnisse der Textforschung zu berücksichtigen, ohne den ursprünglichen Sinn zu verfälschen. Die Revisionen versuchen, eine Balance zwischen Verständlichkeit für die Gegenwart und Treue zu Luthers sprachlichem Erbe zu finden. Die Revision 2017 legte besonderen Wert darauf, bei bekannten Texten wie der Weihnachtsgeschichte Luthers ursprünglichen Rhythmus und seine Formulierungen wieder stärker zu betonen, da diese im kollektiven Gedächtnis verankert sind.

Welche Verbindung besteht zwischen Luthers Weihnachtsgeschichte und Bachs Weihnachtsoratorium?

Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium vertont weite Teile der Weihnachtsgeschichte. Da Bach auf der Grundlage der Lutherbibel komponierte, bedeutet jede Änderung im Bibeltext, dass die Harmonie zwischen dem gesprochenen Wort und der Musik gestört werden könnte. Die Revision 2017 hat bewusst darauf geachtet, den Wortlaut der Weihnachtsgeschichte wieder näher an die Fassung von 1912 zu bringen, die Bach als Grundlage diente. Dies stellt die klangliche und rhythmische Übereinstimmung wieder her, was für Liebhaber beider Werke von großer Bedeutung ist.

Fazit

Die Geburt Christi nimmt in Martin Luthers Theologie einen unersetzlichen Platz ein, nicht nur als Ausgangspunkt der Erlösung, sondern auch als tiefgreifendes Zeugnis göttlicher Gnade und Demut. Luthers meisterhafte Übersetzung der Weihnachtsgeschichte in seiner deutschen Bibel hat diesen Text nicht nur sprachlich geprägt, sondern ihn auch tief in das Herz der evangelischen Tradition und der deutschen Kultur eingewoben. Seine bewusste Wahl von Sakralsprache, Alliteration und Vokalspiel schuf eine Prosa von unvergleichlicher Schönheit und Einprägsamkeit, die bis heute nachwirkt. Die jüngste Revision der Lutherbibel im Jahr 2017 unterstreicht die anhaltende Bedeutung von Luthers ursprünglichem Wortlaut und den Wunsch, seine rhythmische und klangliche Qualität für kommende Generationen zu bewahren. So bleibt die Weihnachtsgeschichte in Luthers Fassung ein lebendiges Zeugnis seines Glaubens, seines sprachlichen Genies und seiner tiefen Verwurzelung in der christlichen Tradition, das Jahr für Jahr Millionen Menschen in seinen Bann zieht und die wahre Bedeutung von Weihnachten offenbart.

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