14/05/2021
Im Herzen Mannheims, im lebhaften Stadtteil Jungbusch, erhebt sich ein imposantes Bauwerk, das nicht nur ein religiöses Zentrum, sondern auch ein prägendes Wahrzeichen der Stadt ist: die Yavuz Sultan Selim Moschee. Mit ihrer markanten Kuppel und dem hohen Minarett ist sie weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt und hat eine reiche Geschichte, die eng mit der Entwicklung der muslimischen Gemeinschaft in Deutschland verbunden ist. Diese Moschee ist mehr als nur ein Gebetsort; sie ist ein Symbol für Integration, Dialog und die lebendige Vielfalt Mannheims.

Die Geschichte der Yavuz Sultan Selim Moschee beginnt nicht erst mit ihrem Bau, sondern wurzelt tief in der Nachkriegszeit und dem wirtschaftlichen Aufschwung Deutschlands. Ab Mitte der 1950er Jahre begann Mannheim, bedingt durch den hohen Bedarf der Wirtschaft an Arbeitskräften, zahlreiche sogenannte Gastarbeiter aufzunehmen. Zunächst kamen viele Italiener, doch nach dem Anwerbeabkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Türkei im Jahr 1961 strömten auch viele türkische Arbeitskräfte in die Stadt. Mit ihnen kam erstmals eine nennenswerte Zahl an Muslimen, die ihre Kultur und ihren Glauben mitbrachten. Anfänglich behalf sich die wachsende muslimische Gemeinde mit bescheidenen Gebetsräumen. Der Islamische Bund Mannheim etwa betrieb ab 1972 einen Gebetssaal in einem Hinterhof im Quadrat G7, 18 in der westlichen Unterstadt der Innenstadt. Doch die beengten Verhältnisse und die zunehmende Zahl der Gläubigen machten deutlich, dass ein repräsentativerer und größerer Ort für die Ausübung des Glaubens notwendig war.
Die Notwendigkeit eines neuen Standorts wurde besonders akut, als der Bezirk 1984 von der Stadt Mannheim zu einem Sanierungsgebiet erklärt wurde. Konflikte mit der Nachbarschaft, die durch laute Gebetsrufe an Feiertagen und mangelnde Parkplätze entstanden, verstärkten den Wunsch nach einer neuen, angemessenen Gebetsstätte. Es setzte sich die Erkenntnis durch, dass das Bild des „Gastarbeiters“, der nach einiger Zeit in sein Heimatland zurückkehren würde, nicht mehr der Realität entsprach. Die muslimische Gemeinschaft war gekommen, um zu bleiben und sich in Mannheim niederzulassen. Es entstand der Wunsch nach dem Bau einer Moschee, die nicht nur funktional, sondern auch ein architektonisches Statement und ein Zeichen der dauerhaften Präsenz sein sollte.
Im Jahr 1989 stellte die Stadt Mannheim ein lange brachliegendes Trümmergrundstück im nahegelegenen Stadtteil Jungbusch zur Verfügung, das seit dem Zweiten Weltkrieg nicht bebaut worden war. Für dieses Grundstück bezahlte der Trägerverein der Moschee 731.000 Mark. Die Wahl des Standorts führte zu teilweise hitzigen Diskussionen in der Stadtgesellschaft, da Jungbusch und die westliche Unterstadt die höchsten Migrantenanteile in Mannheim aufwiesen und Befürchtungen einer „Ghetto-Bildung“ geäußert wurden. Trotz dieser Debatten wurde die Baugenehmigung erst 1992 erteilt, und am 12. Februar 1993 erfolgte schließlich der feierliche Grundsteinlegung. Nach nur zwei Jahren Bauzeit konnte die Yavuz Sultan Selim Moschee am 4. März 1995 feierlich eröffnet werden. Die Planung stammte von Mehmed Bedri Sevinçoy von einem niederländischen Architekturbüro, während Hubert Geißler als Projektleiter fungierte. Die Baukosten beliefen sich auf stattliche zehn Millionen D-Mark, eine Summe, die fast ausschließlich durch Spenden Mannheimer Bürger und der muslimischen Gemeinschaft aufgebracht wurde – ein beeindruckendes Zeugnis des Engagements und der Entschlossenheit.

Architektonisch ist die Yavuz Sultan Selim Moschee ein beeindruckendes Beispiel für moderne Moscheebaukunst mit traditionellen Elementen. Sie war bis zur Eröffnung der DITIB-Merkez-Moschee in Duisburg-Marxloh im Jahr 2008 die größte Moschee Deutschlands. Ihr auffälligstes Merkmal ist der markante Kuppelbau, der von einem 35 Meter hohen Minarett flankiert wird. Interessanterweise wiesen die Stahlbetonstützen des ursprünglichen Minaretts bereits nach relativ kurzer Zeit Risse auf, sodass im Jahr 2005 ein neues, nun schmaleres und drei Meter höheres Minarett errichtet werden musste. Das Innere der Moschee ist ebenso beeindruckend wie ihr Äußeres. Der große Gebetssaal im Obergeschoss, primär für Männer vorgesehen, ist für 3.000 Gläubige ausgelegt und bietet eine weite, offene Atmosphäre für das gemeinsame Gebet. In diesen Raum ragt eine Empore für die Frauen hinein, die so ebenfalls am Gebet teilnehmen können, während ihre Privatsphäre gewahrt bleibt. Im Erdgeschoss befinden sich neben dem rituellen Waschraum mit Springbrunnen auch Versammlungs- und Unterrichtsräume, die für die vielfältigen Aktivitäten der Gemeinde genutzt werden.
Der Name der Moschee, Yavuz Sultan Selim, ist eine Hommage an den osmanischen Sultan Selim I. (regierte von 1512 bis 1520). „Yavuz“ bedeutet dabei als Ehrenname „der Gestrenge“ oder „der Grausame“. Selim I., geboren am 10. Oktober 1470 in Amasya und verstorben am 21. September 1520 bei Edirne, war ein äußerst machtbewusster Herrscher in Istanbul, der eine Vormachtstellung im gesamten islamischen Raum erlangen konnte. Er war einer der Söhne von Sultan Bayezid, und sein einziger Sohn Süleyman, bekannt als Süleyman der Prächtige, wurde sein Nachfolger. Die Benennung nach einem so bedeutenden historischen Führer unterstreicht die kulturelle und historische Identität der Gemeinde.
Das Herzstück der Moschee und der muslimischen Gemeinschaft in Mannheim ist ihr Trägerverein: die Mannheim Ditib Yavuz Sultan Selim Camii e.V., auch bekannt als Ditib Türkisch Islamische Gemeinde zu Mannheim e.V. Dieser Verein ist für den Betrieb, die Verwaltung und die vielfältigen Aktivitäten der Moschee verantwortlich. Er kümmert sich nicht nur um die religiösen Belange, sondern auch um soziale, kulturelle und bildungspolitische Angebote für seine Mitglieder und die breitere Öffentlichkeit. Seit 2022 ist Hızır Oymak der Vorsitzende der Gemeinde, der die Geschicke des Vereins leitet und die Moschee in der Stadt repräsentiert.
Eine der bemerkenswertesten Facetten der Yavuz Sultan Selim Moschee ist ihr starkes Engagement im interreligiöser Dialog. Bereits 1994, noch vor der offiziellen Eröffnung der Moschee, gründete sich der Verein Christlich-Islamische Gesellschaft Mannheim unter der Leitung des Pfarrers der benachbarten katholischen Liebfrauenkirche. Kurz darauf, im Jahr 1996, entstand das der Moschee angegliederte Mannheimer Institut für Integration und interreligiösen Dialog. Dieses Institut entwickelte das wegweisende Projekt der „Offene Moschee“, das darauf abzielt, Türen zu öffnen, Missverständnisse abzubauen und den Austausch zwischen den Religionen und Kulturen zu fördern. Den Vorsitz des Trägervereins des Instituts übernahm der Pfarrer der evangelischen Hafenkirche, was die gemeinsame ökumenische Anstrengung unterstreicht.

Die Resonanz auf diese Initiativen war überwältigend. Zwischen 1995 und 2008 besuchten etwa 250.000 Bürger eine Führung durch die Moschee, ein deutliches Zeichen für das große Interesse und die Bereitschaft der Mannheimer Bevölkerung, mehr über den Islam und die muslimische Gemeinschaft zu erfahren. Die Moschee hat sich als ein repräsentativer Teil der Stadtgemeinschaft etabliert, was auch vom damaligen Oberbürgermeister Kurz gelobt wurde. Bilal Dönmez, der Vorsitzende des Moschee-Vereins im Jahr 2010, drückte anlässlich des 15-jährigen Jubiläums das Gefühl der Zugehörigkeit aus: „Wir danken der Stadt und den Bürgern für die Entscheidung, die damals getroffen wurde, wir fühlen uns als Mannheimer“. Persönlichkeiten wie Bekir Alboğa, lange Zeit Imam und Leiter des Mannheimer Instituts und Beauftragter für interreligiösen Dialog der DITIB, und heute Talat Kamran als Leiter des Instituts, haben maßgeblich dazu beigetragen, den Dialog zu gestalten und zu festigen. Die Moschee öffnet regelmäßig ihre Türen für die Öffentlichkeit, etwa im Rahmen des jährlichen „Nachtwandel“-Festivals, wo Besucher die Möglichkeit haben, an Führungen teilzunehmen und Einblicke in die Gebetspraxis zu erhalten. Diese Offenheit trägt maßgeblich dazu bei, Vorurteile abzubauen und ein friedliches Miteinander zu fördern.
Die Yavuz Sultan Selim Moschee ist nicht nur ein Ort des Gebets und des Dialogs, sondern auch ein wichtiges Kulturgut. Seit 2025 (Anmerkung: diese Angabe im Quelltext kann ein Tippfehler sein, wird aber hier wie vorgegeben übernommen) steht das Gebäude unter Denkmalschutz, was seine architektonische und historische Bedeutung für die Stadt Mannheim unterstreicht. Sie ist ein lebendiges Zeugnis der Geschichte der Migration und Integration in Deutschland und ein Beispiel dafür, wie religiöse Institutionen eine aktive Rolle beim Aufbau einer vielfältigen und harmonischen Gesellschaft spielen können. Ihre Präsenz in Mannheim bereichert das kulturelle und soziale Leben der Stadt und dient als wichtiger Treffpunkt für Muslime und Nicht-Muslime gleichermaßen.
Die Yavuz Sultan Selim Moschee in Mannheim ist somit weit mehr als nur ein Gotteshaus. Sie ist ein Zentrum der Begegnung, des Lernens und des Verständnisses. Ihre Geschichte spiegelt die Entwicklung einer ganzen Generation von Einwanderern wider, die in Deutschland eine neue Heimat gefunden haben. Durch ihr Engagement im interreligiösen Dialog und ihre Offenheit trägt sie aktiv dazu bei, Brücken zwischen Kulturen und Religionen zu bauen und ein friedliches, respektvolles Zusammenleben in Mannheim zu fördern. Sie steht als leuchtendes Beispiel dafür, wie Glaube und Gemeinschaft im 21. Jahrhundert gelebt und geteilt werden können.
Häufig gestellte Fragen zur Yavuz Sultan Selim Moschee
Im Folgenden finden Sie Antworten auf die am häufigsten gestellten Fragen zur Yavuz Sultan Selim Moschee in Mannheim:
- Was ist die Yavuz Sultan Selim Moschee?
Die Yavuz Sultan Selim Moschee, auch bekannt als Yavuz Sultan Selim Camii, ist die größte Moschee in Mannheim und war bis 2008 die größte Moschee in Deutschland. Sie dient als zentraler Gebets- und Gemeinderaum für die muslimische Gemeinschaft in der Region. - Wann wurde die Moschee gebaut?
Der Grundstein der Moschee wurde am 12. Februar 1993 gelegt, und nach zweijähriger Bauzeit wurde sie am 4. März 1995 offiziell eröffnet. - Wer ist der Trägerverein der Moschee?
Der Trägerverein der Yavuz Sultan Selim Moschee ist die Mannheim Ditib Yavuz Sultan Selim Camii e.V., auch bekannt als Ditib Türkisch Islamische Gemeinde zu Mannheim e.V. Dieser Verein ist für den Betrieb und die Verwaltung der Moschee zuständig. - Ist die Moschee öffentlich zugänglich?
Ja, die Yavuz Sultan Selim Moschee ist für Besucher offen und engagiert sich aktiv im interreligiösen Dialog. Sie bietet regelmäßig Führungen an, beispielsweise im Rahmen des Projekts „Offene Moschee“ oder bei Veranstaltungen wie dem „Nachtwandel“. - Warum ist die Moschee nach Sultan Selim I. benannt?
Die Moschee ist nach Sultan Selim I. (regierte 1512-1520) benannt, einem bedeutenden osmanischen Herrscher, dessen Ehrenname „Yavuz“ „der Gestrenge“ bedeutet. Die Benennung würdigt eine wichtige historische Figur der islamischen Welt. - Wie groß ist die Moschee und wie viele Gläubige passen hinein?
Die Moschee verfügt über einen großen Gebetssaal im Obergeschoss, der für 3.000 Gläubige ausgelegt ist. Zusätzlich gibt es eine Empore für Frauen. Ihr Minarett ist 35 Meter hoch.
Wenn du andere Artikel ähnlich wie Mannheims größte Moschee: Ein Zentrum des Glaubens kennenlernen möchtest, kannst du die Kategorie Religion besuchen.
