Was ist das älteste Evangelium?

Markus vs. Matthäus: Kreuzigung im Fokus

23/02/2022

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Die vier Evangelien des Neuen Testaments – Matthäus, Markus, Lukas und Johannes – erzählen alle die Geschichte Jesu Christi, doch sie tun dies auf einzigartige Weise. Besonders die sogenannten synoptischen Evangelien (Matthäus, Markus und Lukas) weisen bemerkenswerte Ähnlichkeiten, aber auch signifikante Unterschiede auf. Diese Variationen sind nicht zufällig, sondern spiegeln die spezifischen theologischen Anliegen und die Zielgruppen der jeweiligen Evangelisten wider. Um diese Nuancen zu erfassen, bietet sich ein detaillierter synoptischer Vergleich an, insbesondere im Hinblick auf ein so zentrales Ereignis wie die Kreuzigung Jesu. Dieser Artikel widmet sich dem spannenden Vergleich zwischen dem Markusevangelium und dem Matthäusevangelium, um deren Darstellungen der Kreuzigung zu beleuchten und die dahinterliegenden Botschaften zu entschlüsseln.

Wie viele Evangelisten gibt es?
Antizipierte Ergebnisse des synoptischen Vergleichs zum Fokus der Evangelisten: Die vier Evangelisten – Matthäus, Markus, Lukas und Johannes – legen in ihren Berichten zur Kreuzigung Jesu unterschiedliche Schwerpunkte, die jeweils bestimmte theologische und erzählerische Aspekte hervorheben.
Inhaltsverzeichnis

Die synoptische Frage und die Zweiquellentheorie als Basis

Bevor wir uns den spezifischen Unterschieden und Gemeinsamkeiten widmen, ist es entscheidend, die Grundlagen der neutestamentlichen Forschung zu verstehen. Die sogenannte synoptische Frage befasst sich mit der literarischen Abhängigkeit der Evangelien Matthäus, Markus und Lukas voneinander. Warum ähneln sie sich in so vielen Passagen, weichen aber in anderen ab? Die am weitesten verbreitete Erklärung hierfür ist die Zweiquellentheorie. Diese besagt, dass Markus das älteste Evangelium ist und sowohl Matthäus als auch Lukas Markus als primäre Quelle nutzten. Darüber hinaus wird angenommen, dass Matthäus und Lukas eine weitere gemeinsame Quelle hatten, die sogenannte Logienquelle Q (von „Quelle“), die vor allem Sprüche und Reden Jesu enthielt, aber keine Passionsgeschichte. Zusätzlich besaßen beide Evangelisten noch eigenes, exklusives Material, das sogenannte Sondergut.

Dieses Modell hilft uns zu verstehen, warum bestimmte Passagen wörtlich übereinstimmen (weil sie von Markus übernommen wurden), andere thematisch ähnlich sind (von Q stammend) und wieder andere völlig einzigartig sind (Sondergut). Im Kontext der Kreuzigungsperikope ist dies besonders relevant, da die Passionsgeschichte bei Markus sehr ausführlich ist und somit als Grundgerüst für Matthäus diente. Die Unterschiede, die wir finden, sind daher bewusste theologische Akzente, die von Matthäus hinzugefügt oder verändert wurden.

Der Kreuzigungsbericht im Markusevangelium: Fokus auf Leiden und Einsamkeit

Das Markusevangelium, oft als das älteste der synoptischen Evangelien angesehen, präsentiert Jesus als den leidenden Menschensohn. Sein Bericht über die Kreuzigung (Mk 15,22-32;36) ist geprägt von einer gewissen Nüchternheit und Direktheit, die das menschliche Leid und die Einsamkeit Jesu hervorhebt. Markus beschreibt detailliert die äußeren Umstände der Kreuzigung: die Gabe von Wein mit Myrrhe (Mk 15,23), die Verteilung der Kleider (Mk 15,24), die Hinrichtungsschrift (Mk 15,26) und die Kreuzigung zweier Verbrecher mit Jesus (Mk 15,27). Der Spott der Umstehenden (Mk 15,29-32) ist ein zentrales Element, das die Erniedrigung Jesu unterstreicht.

Ein prägnantes Merkmal bei Markus ist Jesu einziger Ausruf am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mk 15,34). Dieser Ruf, ein Zitat aus Psalm 22, drückt tiefe Verzweiflung und das Gefühl des Verlassenseins aus. Markus betont hier die menschliche Dimension Jesu, seine absolute Hingabe und sein Leiden bis zum letzten Atemzug. Es gibt keine übernatürlichen Ereignisse außer der Verfinsterung des Himmels und dem Zerreissen des Tempelvorhangs, die unmittelbar auf Jesu Tod folgen. Die Reaktion des römischen Hauptmanns, der Jesus als „Sohn Gottes“ bekennt (Mk 15,39), ist ein Höhepunkt, der die göttliche Identität Jesu im Angesicht seines menschlichen Leidens offenbart.

Warum wurde Jesus als König der Juden verurteilt?
Der Grund der Verurteilung ist klar: Da Jesus sich als König der Juden ausgibt, ist er ein Hochverräter und dem römischen Staat gefährlich. Mit einer Anklage wegen Gotteslästerung und Verstoß gegen das jüdische Gesetz wären sie bei Pilatus wahrscheinlich nicht durchgekommen. Pilatus fragte ihn: Bist du der König der Juden?

Markus richtete sich vermutlich an eine Gemeinde, die selbst unter Verfolgung litt, möglicherweise in Rom. Sein Evangelium stärkte sie in ihrem Glauben, indem es Jesus als das ultimative Vorbild für treues Leiden darstellte.

Der Kreuzigungsbericht im Matthäusevangelium: Erfüllung und königliche Würde

Matthäus übernahm große Teile des Markus-Evangeliums, fügte aber eigenes Material hinzu und passte die Erzählung an seine spezifische theologische Agenda an. Sein Evangelium richtete sich primär an eine jüdisch-christliche Gemeinde und betont daher die Erfüllung alttestamentlicher Prophezeiungen und die königliche Würde Jesu, auch im Leiden. Die Kreuzigungsperikope bei Matthäus (Mt 27,33-44;48) folgt weitgehend der markinischen Struktur, erweitert sie jedoch um bedeutsame Details.

Wie Markus berichtet auch Matthäus von der Kreuzigung auf Golgatha, der Kleiderteilung, der Inschrift und dem Spott. Doch Matthäus fügt eine Reihe dramatischer übernatürlicher Ereignisse hinzu, die Markus nicht erwähnt: Ein Erdbeben, Felsen spalten sich, Gräber öffnen sich, und viele verstorbene Heilige werden auferweckt und erscheinen in der Heiligen Stadt (Mt 27,51-53). Diese Ereignisse unterstreichen die kosmische Bedeutung von Jesu Tod und seine königliche Macht. Sie sind ein Zeichen dafür, dass mit Jesu Tod eine neue Ära angebrochen ist, in der Gott selbst eingreift.

Auch Matthäus berichtet von Jesu Ausruf: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mt 27,46). Dies verbindet ihn direkt mit Markus. Allerdings fügt Matthäus die Szene der Totenauferstehung hinzu, die ein klares Zeichen der göttlichen Autorität Jesu ist und die Erfüllung alttestamentlicher Weissagungen unterstreicht. Die Anwesenheit der Frauen am Kreuz wird bei Matthäus präziser benannt (Maria Magdalena, Maria, die Mutter des Jakobus und Josef, und die Mutter der Zebedäussöhne), was die Bedeutung weiblicher Zeugenschaft hervorhebt.

Synoptischer Vergleich: Markus und Matthäus im Detail

Um die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen dem Markusevangelium und dem Matthäusevangelium in Bezug auf die Kreuzigungsperikope zu verdeutlichen, bietet sich eine tabellarische Übersicht an:

MerkmalMarkusevangelium (Mk 15,22-32;36)Matthäusevangelium (Mt 27,33-44;48)
Ort der KreuzigungGolgathaGolgatha
Kreuzinschrift„Der König der Juden“„Dies ist Jesus, der König der Juden“
MitgekreuzigteZwei RäuberZwei Räuber
Spott der UmstehendenJa, von Vorbeigehenden, Hohenpriestern, SchriftgelehrtenJa, von Vorbeigehenden, Hohenpriestern, Schriftgelehrten, Ältesten
Letzte Worte Jesu„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Psalm 22)„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Psalm 22)
Übernatürliche Ereignisse beim Tod JesuVerfinsterung des Himmels, Zerreissen des TempelvorhangsVerfinsterung des Himmels, Zerreissen des Tempelvorhangs, Erdbeben, Felsen spalten sich, Gräber öffnen sich, verstorbene Heilige werden auferweckt und erscheinen in Jerusalem
Zeugen am Kreuz (Frauen)Maria Magdalena, Maria (Mutter des Jakobus d. Jüngeren und Joses), SalomeMaria Magdalena, Maria (Mutter des Jakobus und Josef), Mutter der Zebedäussöhne
Reaktion des Hauptmanns„Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn!“„Wahrhaftig, dieser war Gottes Sohn!“
Fokus und InterpretationBetonung des Leidensweges, der menschlichen Dimension Jesu, EinsamkeitBetonung der Erfüllung alttestamentlicher Prophezeiungen, der königlichen Würde Jesu, der göttlichen Bestätigung durch übernatürliche Zeichen

Fazit des Vergleichs

Der Vergleich zeigt deutlich, dass Matthäus den markinischen Bericht nicht einfach kopierte, sondern ihn theologisch erweiterte und an seine eigene Botschaft anpasste. Während Markus die Passion als einen Weg des Leidens und der Hingabe darstellt, betont Matthäus die göttliche Souveränität Jesu und die Erfüllung des göttlichen Heilsplans. Die zusätzlichen übernatürlichen Ereignisse bei Matthäus sind nicht nur dramatische Effekte, sondern theologische Aussagen über die universelle Bedeutung von Jesu Tod. Sie signalisieren, dass mit Jesu Tod ein kosmisches Ereignis stattfindet, das die alte Ordnung erschüttert und die neue Ära des Gottesreiches einläutet.

Was ist die Kreuzigung von Jesus Christus?
Die Kreuzigung von Jesus Christus, auch als seine Hinrichtung bezeichnet, wird in den Evangelien als ein Ereignis beschrieben, bei dem Jesus von den Römern hingerichtet wurde. Die Kreuzigung war der Höhepunkt der Ereignisse, die mit der Verurteilung von Jesus durch den römischen Statthalter Pontius Pilatus begannen.

Die Adressaten spielen hier eine wesentliche Rolle: Markus richtete sich vermutlich an Heidenchristen in Rom, die mit Verfolgung konfrontiert waren und in Jesu Leiden ein Vorbild fanden. Matthäus hingegen schrieb für eine Gemeinde, die stark in der jüdischen Tradition verwurzelt war und brauchte daher Beweise dafür, dass Jesus der verheißene Messias ist, der die Schriften erfüllt. Die zusätzlichen Details und die Betonung der Prophezeiungserfüllung dienten diesem Zweck.

Gemeinsamkeiten der Evangelien in der Kreuzigungsperikope

Trotz der Unterschiede gibt es eine Reihe von grundlegenden Gemeinsamkeiten in den Kreuzigungsberichten von Markus und Matthäus (und auch Lukas):

  • Ort und Zeitpunkt: Alle drei Evangelien berichten, dass die Kreuzigung Jesu am Freitag auf Golgatha (auch Schädelstätte genannt) stattfindet.
  • Hauptbeteiligte: Jesus wird von römischen Soldaten gekreuzigt, und Simon von Kyrene wird gezwungen, das Kreuz zu tragen.
  • Kreuzinschrift: Alle Evangelisten erwähnen die Inschrift am Kreuz, die besagt, dass Jesus der „König der Juden“ sei, obwohl die genauen Wortlaute variieren können.
  • Mitgefühl für Mitgekreuzigte: Zwei Verbrecher werden zusammen mit Jesus gekreuzigt.
  • Spott und Verspottung: Jesus wird verspottet, sowohl von den Soldaten als auch von den Passanten und religiösen Führern.
  • Verteilung der Kleider: Die Soldaten teilen seine Kleider unter sich auf, was als Erfüllung der Schrift angesehen wird.

Diese Übereinstimmungen bilden das historische Gerüst des Ereignisses und zeugen von einer gemeinsamen Überlieferungstradition. Die Unterschiede sind dann die theologische Ausgestaltung dieses Gerüsts durch die einzelnen Evangelisten.

Häufig gestellte Fragen (FAQ) zum Vergleich der Evangelien

Was ist der Hauptunterschied in der Darstellung der Kreuzigung zwischen Markus und Matthäus?
Der Hauptunterschied liegt in den übernatürlichen Ereignissen beim Tod Jesu. Matthäus fügt ein Erdbeben, sich spaltende Felsen, sich öffnende Gräber und die Auferstehung verstorbener Heiliger hinzu, die bei Markus nicht erwähnt werden. Dies unterstreicht bei Matthäus die königliche Würde und göttliche Macht Jesu sowie die Erfüllung alttestamentlicher Prophezeiungen.
Warum haben die Evangelien unterschiedliche Schwerpunkte?
Die Evangelisten schrieben für unterschiedliche Zielgruppen und verfolgten spezifische theologische Ziele. Markus betonte Jesu Leiden als Vorbild für seine verfolgte Gemeinde. Matthäus wollte einer jüdisch-christlichen Leserschaft zeigen, dass Jesus der verheißene Messias ist, der die Schriften erfüllt.
Was bedeutet die Zweiquellentheorie für das Verständnis der Evangelien?
Die Zweiquellentheorie erklärt die literarische Abhängigkeit der synoptischen Evangelien. Sie besagt, dass Matthäus und Lukas Markus als Quelle nutzten und zusätzlich eine gemeinsame Logienquelle Q. Dies hilft zu verstehen, warum es sowohl Übereinstimmungen als auch Abweichungen in ihren Berichten gibt.
Welche Rolle spielt der Ausruf Jesu „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ in beiden Evangelien?
Dieser Ausruf, ein Zitat aus Psalm 22, ist in beiden Evangelien (Markus und Matthäus) enthalten. Er unterstreicht die tiefe menschliche Verzweiflung und das Gefühl des Verlassenseins Jesu, auch wenn Matthäus dies durch die nachfolgenden übernatürlichen Ereignisse in einen Kontext der göttlichen Bestätigung stellt.
Gibt es auch Gemeinsamkeiten in den Kreuzigungsberichten von Markus und Matthäus?
Ja, es gibt viele grundlegende Gemeinsamkeiten, darunter der Ort Golgatha, die Kreuzigung mit zwei Verbrechern, die Verteilung der Kleider durch die Soldaten, die Kreuzinschrift und der Spott der Umstehenden. Diese bilden das gemeinsame Gerüst der Überlieferung.

Fazit: Tiefe und Vielfalt der Botschaft

Der synoptische Vergleich der Kreuzigungsberichte im Markusevangelium und im Matthäusevangelium offenbart die reiche theologische Vielfalt innerhalb der biblischen Überlieferung. Während Markus die menschliche Dimension von Jesu Leiden und seine Einsamkeit betont, hebt Matthäus die königliche Würde Jesu und die göttliche Bedeutung seines Todes durch dramatische kosmische Zeichen hervor. Beide Evangelien tragen auf ihre Weise dazu bei, die Tiefe und Komplexität des Kreuzigungsereignisses zu erfassen und zu interpretieren.

Diese Unterschiede sind keine Widersprüche, sondern komplementäre Perspektiven, die die Botschaft von der Kreuzigung Jesu für verschiedene Hörer zugänglich machten. Sie lehren uns, dass die Wahrheit über Jesus vielfältig ist und dass jede Erzählung einen einzigartigen Blickwinkel auf das zentrale Ereignis des christlichen Glaubens bietet. Indem wir diese Nuancen studieren, gewinnen wir ein tieferes Verständnis für die Botschaft der Evangelien und ihre bleibende Relevanz für unser Leben und unseren Glauben.

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