Warum entschied sich der Löwe für die dritte Möglichkeit?

Evangeliar Heinrichs des Löwen: Ein Meisterwerk

28/01/2023

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Das Evangeliar Heinrichs des Löwen, eine der kostbarsten und bedeutsamsten Handschriften des europäischen Mittelalters, fasziniert Historiker und Kunstliebhaber gleichermaßen. Seine Geschichte ist so verworren und ereignisreich wie die Epoche, in der es entstand. Von seiner Schaffung als Symbol fürstlicher Macht und Frömmigkeit bis hin zu seiner spektakulären Versteigerung im Jahr 1983, bei der es als das teuerste Buch der Welt in die Annalen einging, spiegelt dieses außergewöhnliche Werk Jahrhunderte deutscher und europäischer Geschichte wider. Doch abseits seines unschätzbaren künstlerischen und finanziellen Wertes birgt das Evangeliar auch tiefgreifende politische Botschaften, die eng mit dem Leben seines Auftraggebers, Heinrich des Löwen, verbunden sind – insbesondere mit einer folgenreichen Entscheidung, die er auf dem Mainzer Hoftag traf und die als „dritte Möglichkeit“ in die Geschichte einging.

Warum ist das Evangeliar so wichtig?
Wegen seiner herausragenden romanischen Buch­malerei und wegen der sorgfältigen Schönheit, mit der ein Mönch den Text schrieb, zählt das Evangeliar zu den bedeutendsten Handschriften der mittelalterlichen Buchkultur. Auf dem Markt gab es keine Vergleichsstücke.
Inhaltsverzeichnis

Die Prachthandschrift: Ein Meisterwerk mittelalterlicher Buchkunst

Das Evangeliar Heinrichs des Löwen ist eine atemberaubende Prachthandschrift, die im letzten Viertel des 12. Jahrhunderts in der Benediktinerabtei Helmarshausen geschaffen wurde. Diese Abtei galt zu jener Zeit als das künstlerisch führende Skriptorium Mitteleuropas. Unter der Leitung des Mönchs Herimann entstand ein Werk von unvergleichlicher Schönheit und Präzision. Der Codex umfasst 226 Blatt Pergament, misst 34,2 mal 25,3 Zentimeter und ist reich verziert mit 50 ganzseitigen Miniaturen sowie fast 1600 prachtvoll gestalteten Initialen. Der Inhalt besteht aus den vier kanonischen Evangelien des Neuen Testaments nach Matthäus, Markus, Lukas und Johannes, geschrieben in lateinischer Sprache. Es ist nicht nur ein religiöses Buch, sondern auch ein Zeugnis höchster Handwerkskunst: Die Herstellung erforderte immense Mühen, von der Aufbereitung des Pergaments über das Mischen von Tinten und Farben bis hin zum langwierigen Schreiben und der kunstvollen Ausgestaltung mit Goldtinte und Purpur. So mancher Schreiber bat seufzend den Leser um ein Gebetsgedenken, was die immense Arbeitslast verdeutlicht. Das Evangeliar galt zweifellos als das Hauptwerk mitteleuropäischer Buchmalerei des 12. Jahrhunderts und repräsentierte den Höhepunkt der romanischen Buchkunst. Seine unendliche Kostbarkeit führte dazu, dass von Spezialisten erlesene Tierhäute bereitet wurden, die dann von den besten Könnern mit den teuersten Materialien beschrieben und ausgemalt wurden.

Heinrich der Löwe: Macht, Herrschaft und das Braunschweiger Vermächtnis

Der Auftraggeber dieses außergewöhnlichen Werkes war Heinrich der Löwe, Herzog von Sachsen und Bayern und der zweitmächtigste Mann des Heiligen Römischen Reiches nach Kaiser Friedrich Barbarossa. Der Enkel Kaiser Lothars (König 1125 bis 1137, Kaiser seit 1133) war lange Zeit zugleich Herzog von Sachsen wie von Bayern. Zusammen mit seiner etwa 25 Jahre jüngeren Frau Mathilde von England stiftete er das Evangeliar, wohl als Schenkung für den sogenannten Braunschweiger Dom, die Stiftskirche St. Blasius. In Braunschweig schufen Heinrich und Mathilde nach ihrer Hochzeit 1168 ein Zentrum für ihre Herrschaft, das als Prototyp einer früheuropäischen Residenz gilt. Hier ließ das Herzogspaar mitten in der wachsenden Stadt die Stiftskirche St. Blasius neu errichten und mit erlesenen Kunstwerken ausschmücken. Diese Kirche sollte später auch das Grab Heinrichs und Mathildes aufnehmen. Daneben errichtete Herzog Heinrich eine königsgleiche Palastanlage und – als Zeugnis seines Namens – ein Löwenstandbild. „Ich Heinrich von Braunschweig bin der Löwe“ – dieses Motto ließ der Welfe sogar auf Silbermünzen prägen.

Das Evangeliar sollte nicht nur der Frömmigkeit dienen, sondern auch den Herrschaftsanspruch und die kaiserliche sowie königliche Abstammung des welfischen Herzogspaares untermauern. Es war ein klares Statement ihres Repräsentationswillens, vergleichbar mit den prächtigen Handschriften, die karolingische, ottonische und salische Kaiser und Könige in Auftrag gaben, um ihre Macht zu demonstrieren. Das Widmungsgedicht im Evangeliar rühmt die kaiserliche und königliche Abstammung der Stifter und nennt ihre Hoffnung auf ewiges Leben. Dies wird in einer einzigartigen Verbindung von Krönungsdarstellung und dem Weltgericht Christi deutlich, die der Betrachter gleichzeitig vor Augen hat. Im Angesicht des wiederkehrenden Heilands vollzog sich die Krönung des herzoglichen Paares durch zwei aus dem Himmel kommende gekreuzte Hände. Ausgewählte Vorfahren umrahmen Heinrich und Mathilde und bezeugen die kaiserliche und königliche Herkunft des Herzogspaares. Als Zeichen ihrer Christus-Nachfolge tragen sie goldene Kreuze in den Händen. Die Stiftung des Evangeliars war somit ein integraler Bestandteil Heinrichs Bestrebungen, seine Stellung im Reich zu festigen und zu legitimieren.

Das Rätsel der Entstehungszeit: Ein politisches Statement?

Ein zentrales Rätsel um das Evangeliar betrifft seinen genauen Entstehungszeitpunkt. Experten streiten darüber, ob es schon um 1173 bis 1175 entstand, also direkt nach Beginn der Bauarbeiten am Braunschweiger Dom, oder doch erst um 1188. Was auf den ersten Blick wie eine kleine Detailfrage wirken mag, hat tatsächlich weitreichende machtpolitische Implikationen. Nimmt man den früheren Zeitpunkt an (1173-1175), so wäre das Evangeliar ein Beweis für den ungebrochenen Herrschaftswillen Heinrichs des Löwen im Zenit seines Konflikts mit Kaiser Friedrich I. Barbarossa. Es würde seine Ambitionen als fast königsgleicher Fürst unterstreichen, der sich in der Tradition großer Herrscher sah und unübersehbar an die Stiftung von Prachthandschriften durch karolingische, ottonische und salische Kaiser und Könige anknüpfte. In diesem Szenario wäre das Buch ein Zeichen von Stärke und Selbstbewusstsein, das seine Position im Reich visuell untermauerte und ihn mit den mächtigen Kaisern früherer Dynastien verband.

Der spätere Zeitpunkt hingegen (1188) würde eine ganz andere Lesart ermöglichen und die „dritte Möglichkeit“ in den Mittelpunkt rücken. Im Jahr 1180 war Heinrich der Löwe von Barbarossa als zweifacher Herzog abgesetzt und ins Exil nach England zu seinem Schwiegervater abgeschoben worden. Wenn das Evangeliar erst 1188 vollendet wurde, könnte es ein Zeichen Heinrichs gewesen sein, das er nach seiner politischen Demütigung setzte. Es wäre ein Symbol seines ungebrochenen Willens und seiner Weigerung, sich dem Kaiser vollständig zu unterwerfen, selbst im Exil. Diese Debatte zeigt, wie eng Kunst und Politik im Mittelalter miteinander verknüpft waren und wie ein einzelnes Kunstwerk als mächtiges Kommunikationsmittel dienen konnte, um Botschaften über Herrschaft, Legitimierung oder auch Widerstand zu vermitteln. Die Frage nach dem genauen Entstehungsdatum bleibt somit entscheidend für die Interpretation der politischen Symbolik des Evangeliars.

Die dritte Möglichkeit: Ein Akt des Widerstands

Die wohl bekannteste und politisch tiefgreifendste Interpretation des Evangeliars ist eng mit Heinrichs des Löwen Entscheidung am Mainzer Hoftag von 1188 verbunden. Nach seiner Absetzung und dem Exil lud Kaiser Barbarossa seinen ehemaligen Rivalen Heinrich zu diesem Hoftag ein und stellte ihn vor eine scheinbar gnädige Wahl, die jedoch einen klaren Unterwerfungsakt forderte. Heinrich wurden drei Optionen angeboten:

  1. Er könnte sofort einen Teil seiner früheren Rechte zurückerhalten und somit seine Rückkehr in die Gnade des Kaisers signalisieren. Dies hätte eine partielle Wiederherstellung seiner früheren Macht bedeutet, verbunden mit einer Anerkennung der kaiserlichen Oberhoheit.
  2. Er könnte an der Seite des Staufer-Kaisers am geplanten Dritten Kreuzzug nach Jerusalem teilnehmen. Nach der Rückkehr würde er vollständig in seine ehemalige Position zurückkehren. Dies hätte eine temporäre Unterordnung unter den Kaiser im Rahmen eines gemeinsamen, ehrenvollen Unternehmens bedeutet und wäre eine Möglichkeit gewesen, seine Ehre wiederherzustellen und sich als treuer Vasall zu beweisen.
  3. Er könnte beides ablehnen und müsste dann noch einmal drei Jahre ins Exil gehen. Dies hätte eine Fortsetzung seines Exils und eine klare Weigerung bedeutet, sich dem kaiserlichen Willen zu beugen, und wäre somit ein offener Akt des Ungehorsams gewesen. Die Dauer des erneuten Exils war dabei für die angenommene Dauer des Kreuzzuges angesetzt.

Heinrich der Löwe, der für seinen Stolz und seinen unbeugsamen Charakter bekannt war, entschied sich für die dritte Möglichkeit. Er wählte das weitere Exil und unterwarf sich somit nicht dem Willen des Kaisers. Diese Entscheidung war ein starkes Signal des Widerstands und der Autonomie, das in den politisch interessierten Kreisen der Zeit zweifellos große Aufmerksamkeit erregte. Wenn das Evangeliar um 1188 fertiggestellt oder zumindest in diesem Kontext gezeigt wurde, könnte es als ein visuelles Statement dieses politischen Aktes des Widerstands verknüpft gewesen sein. Es wäre ein Beweis für Heinrichs ungebrochenen Herrschaftsanspruch, selbst in der Verbannung. Das prächtige Buch, das die kaiserliche Abstammung Heinrichs und Mathildes rühmt und ihre Hoffnung auf ewiges Leben durch eine einzigartige Darstellung von Krönung und Weltgericht verbindet, hätte die Botschaft verstärkt: Obwohl irdisch entmachtet, beanspruchte Heinrich weiterhin eine göttlich legitimierte Stellung, die über die kaiserliche Autorität hinausging. Die Wahl der dritten Möglichkeit war somit nicht nur eine persönliche Entscheidung, sondern ein öffentlichkeitswirksamer Akt, der durch ein Meisterwerk der Buchkunst eine noch größere Resonanz erhalten haben könnte.

Eine Odyssee durch die Jahrhunderte: Der verschlungene Weg des Evangeliars

Die Geschichte des Evangeliars nach seiner Entstehung ist ebenso faszinierend wie lückenhaft. Obwohl es für den Marienaltar im Braunschweiger Dom gedacht war und am 8. September 1188 der Marienaltar geweiht wurde, für den es gedacht gewesen sein könnte, ist nicht gesichert, ob es dort dauerhaft verblieb. Die nächste verlässliche Information datiert auf das Jahr 1593, als sich die Handschrift im Veitsdom in Prag befand. Dort wurde sie Anfang 1594 vom Domdekan Georg Pontanus von Breitenberg als „verstümmelt“ und „seit langem vernachlässigt“ beschrieben und auf eigene Kosten neu einbinden lassen. Wie das Evangeliar nach Prag gelangte, ist bis heute ungeklärt – ob durch Kaiser Karl IV. in der Mitte des 14. Jahrhunderts oder erst als Folge des Schmalkaldischen Krieges zwei Jahrhunderte später, bleibt ein ungelöstes Rätsel, da schlicht belastbare Indizien fehlen.

Im September 1843 wurde das Evangeliar für die mediävistische Forschung „entdeckt“: Georg Heinrich Pertz, der wissenschaftliche Leiter der Monumenta Germaniae Historica, der großen Quellenedition zum Mittelalter, stieß in Prag auf den Prachtband. Er schilderte seinen Fund als die „merkwürdigste Handschrift Prags“. Die Nachricht von der Existenz dieses welfischen Schatzes erreichte 1860 den Königshof in Hannover. Schon zu Beginn des folgenden Jahres, 1861, reiste ein Vertrauter König Georgs V., eines regierenden Nachkommen Heinrichs des Löwen, nach Prag, um Kaufverhandlungen zu führen. Der ausgehandelte Preis von 10.000 Vereinstalern war für die damalige Zeit hoch, aber keine exorbitante Summe. Anders als ursprünglich verabredet floss der Ertrag übrigens nicht in die Förderung des Prager Dombaus, sondern steigerte die Einkommen der Domherren. König Georg V. erwarb das Evangeliar nicht mit Mitteln der Familie oder des Staates, sondern aus seinen privaten Rücklagen, was es zu seinem persönlichen Besitz machte. Am 25. April 1861 erhielt der bereits 1833 vollständig erblindete König diesen neu erworbenen Schatz überreicht.

Nur fünf Jahre später, nach dem Deutschen Krieg von 1866, annektierte Preußen das Königreich Hannover. Georg V. und seine Familie gingen nach demütigenden Verhandlungen ins Exil nach Österreich – mit dem Welfenschatz. Von 1869 bis 1906 wurde der Großteil davon im Wiener Museum für Kunst und Industrie gezeigt, das Evangeliar Heinrichs des Löwen jedoch nicht. Es gelangte 1905 nach Gmunden im Salzkammergut und war dort bis etwa 1930 für interessierte Wissenschaftler nach Voranmeldung einsehbar. Danach verliert sich seine Spur. Es wird vermutet, dass Georgs Enkel Ernst August die Handschrift Ende 1933 mitnahm, als er seinen Wohnsitz von Gmunden in den Harz verlegte. Nach dem Zweiten Weltkrieg gibt es nur vage Hinweise: Vielleicht wurde der Schatz 1945 von britischen Truppen zum Schloss Marienburg gebracht, um ihn vor der anrückenden sowjetischen Armee zu schützen, da der Familiensitz der Welfen in der künftigen sowjetischen Besatzungszone lag. Was danach mit dem Evangeliar geschah und ebenso, wer es im August 1983 Sotheby’s zur Versteigerung anbot, bleibt bis heute unbekannt.

Die Auktion des Jahrhunderts: Ein Buch bricht Rekorde

Die Versteigerung des Evangeliars am 6. Dezember 1983 bei Sotheby’s in London war ein Ereignis, das weltweit für Schlagzeilen sorgte und die Kunstwelt in Aufregung versetzte. Richard Came, einer der Star-Auktionatoren, rief um 12:45 Uhr den Startpreis von einer Million Pfund für das nächste Los auf. Innerhalb von weniger als zwei Minuten schoss der Preis fast im Sekundentakt in die Höhe. Um 12:47 Uhr beendete der dritte Hammerschlag und Cames trockene Bemerkung: „Verkauft für 7,4 Millionen Pfund“ das Bietergefecht. Käufer waren der Londoner Buchhändler Bernard Quaritch und der New Yorker Antiquar H. P. Kraus, die jedoch nicht auf eigene Rechnung, sondern im Auftrag handelten.

Warum entschied sich der Löwe für die dritte Möglichkeit?
Der Löwe entschied sich für die dritte Möglichkeit, unterwarf sich also nicht dem Willen des Kaisers. Ein starkes Signal, das in politisch interessierten Kreisen der Zeit mit dem Prachtevangeliar als Statement verknüpft gewesen sein könnte. Ähnlich unklar wie die Motive für die Schaffung des Evangeliars ist sein weiteres Schicksal.

Ihr Auftraggeber war Hermann Josef Abs, die „Graue Eminenz“ der deutschen Finanzwirtschaft, langjähriger Vorstand und Vorstandssprecher, anschließend Aufsichtsratschef der Deutschen Bank. Abs hatte bereits 1978 erfolgreich große Teile der bedeutenden Sammlung Hirsch für ein Dutzend westdeutscher Museen ersteigert. Für das Evangeliar organisierte er ein Konsortium, um dieses unschätzbare Kulturgut für Deutschland zu sichern. Als Favorit galt die finanzstarke Getty-Foundation aus Kalifornien, die über fast unbegrenzte Mittel verfügte, jedoch intern ein Höchstlimit von 7,3 Millionen Pfund festgelegt hatte. Dies ermöglichte dem „Team Abs“, den Zuschlag beim nächsten Bieterschritt von 7,4 Millionen Pfund zu erhalten. Quaritch selbst sagte einem Beobachter der WELT sogar, sie wären „bis zu zehn Millionen Pfund gegangen“.

Der umgerechnete Kaufpreis von 32,5 Millionen Mark (in heutiger Kaufkraft etwa 47 Millionen Euro) blieb jedoch nicht der Endpreis. Einschließlich des zehnprozentigen Aufgeldes für Sotheby’s, der Honorare für die beiden auktionserfahrenen Händler und weiterer Ausgaben betrug der Gesamtpreis umgerechnet knapp 40 Millionen Mark. Dieser Betrag wurde durch Beiträge der Bundesregierung (6 Millionen Mark), Niedersachsen (ebenfalls 6 Millionen Mark), Bayern (sogar 7,5 Millionen Mark), der von Bund und Ländern gemeinsam finanzierten Stiftung Preußischer Kulturbesitz (weitere 3 Millionen Mark) und gut 2,5 Millionen Mark aus zahlreichen Privatspenden aufgebracht. Die Hoffnung, mit diesen 24,5 Millionen Mark hinzukommen, zerschlug sich aber. Abs hatte das Limit bei zehn Millionen Pfund gesetzt, und so mussten die noch fehlenden etwa 15 Millionen Mark durch weitere Spenden sowie Zuschüsse aus Niedersachsen aufgebracht werden. Das Evangeliar war damit das seinerzeit teuerste jemals verkaufte Buch und löste eine heftige Debatte über den „gerechten Preis“ für Kunstwerke aus. Heute, angesichts der Summen, die für Kunst von Gauguin, Picasso oder Giacometti bezahlt werden, oder selbst angesichts von Spielerkäufen in der Zweiten Fußball-Bundesliga von unsicherer Nachhaltigkeit, erscheint der Preis von 16 Millionen Euro (umgerechnet) sogar als „Schnäppchen“.

Vergleich der Auktionspreise und Kosten

PostenBetrag im Jahr 1983/1984Betrag in heutiger Kaufkraft (ca.)
Startpreis der Auktion1 Million GBP
Hammerpreis (Zuschlagspreis)7,4 Millionen GBP
Umrechnung des Hammerpreises in DM32,5 Millionen DM
Gesamtpreis (inkl. Aufgeld, Honorare etc.)ca. 40 Millionen DM47 Millionen Euro

Warum das Evangeliar so unschätzbar ist: Ein Zeugnis der Kulturgeschichte

Die immense Bedeutung des Evangeliars Heinrichs des Löwen rührt aus verschiedenen Aspekten her. Es ist nicht nur ein Meisterwerk der romanischen Buchmalerei und ein Paradebeispiel für die Fertigkeiten mittelalterlicher Schreiber und Illuminatoren. Seine 50 ganzseitigen Miniaturen und fast 1600 Initialen sind von unvergleichlicher Qualität und Schönheit. Es ist ein einzigartiges Dokument der Kulturgeschichte, das uns Einblicke in die künstlerischen Techniken und ästhetischen Vorstellungen des 12. Jahrhunderts gibt.

Darüber hinaus ist es ein herausragendes historisches Zeugnis. Als Stiftung Heinrichs des Löwen und Mathildes ist es untrennbar mit der Geschichte der Welfen und ihrer Auseinandersetzungen mit den Staufern verbunden. Das Widmungsgedicht, die Stifterbilder und die Krönungsdarstellung spiegeln den Repräsentationswillen und die politischen Ambitionen des Herzogspaares wider. Es ist ein greifbares Symbol für den Machtanspruch und den Widerstand Heinrichs des Löwen, insbesondere im Kontext seiner Entscheidung für die „dritte Möglichkeit“ am Mainzer Hoftag, die seine Weigerung zur Unterwerfung demonstrierte. Die verschlungene Reise der Handschrift durch die Jahrhunderte, von Braunschweig über Prag und Hannover bis ins Exil und schließlich zur spektakulären Auktion, macht sie zu einem Spiegel deutscher Geschichte und ihrer politischen Umwälzungen. Die mediävistische Forschung entdeckte das Evangeliar im September 1843, und es wurde schnell als eines der wichtigsten Zeugnisse mittelalterlicher Quellen identifiziert.

Nicht zuletzt ist seine Entdeckung und der aufsehenerregende Erwerb durch ein deutsches Konsortium ein wichtiger Teil der jüngeren deutschen Geschichte und des Bewusstseins für das eigene kulturelle Erbe. Das Evangeliar ist heute im öffentlichen Besitz deutscher Bibliotheken und wird nur selten der Öffentlichkeit gezeigt, um es zu schonen. Es bleibt ein unschätzbares Erbe, dessen Wert weit über seinen finanziellen Preis hinausgeht, und das uns bis heute Rätsel über seine Entstehung und seinen genauen Weg durch die Geschichte aufgibt.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Was ist das Evangeliar Heinrichs des Löwen?

Das Evangeliar Heinrichs des Löwen ist eine äußerst kostbare mittelalterliche Prachthandschrift aus dem letzten Viertel des 12. Jahrhunderts, die in der Benediktinerabtei Helmarshausen hergestellt wurde. Es enthält die vier Evangelien des Neuen Testaments in lateinischer Sprache und ist reich verziert mit 50 ganzseitigen Miniaturen und fast 1600 Initialen. Es gilt als eines der bedeutendsten Werke romanischer Buchmalerei und als Hauptwerk mitteleuropäischer Buchkunst seiner Zeit.

Warum ist es so teuer?

Der hohe Preis, der bei der Auktion 1983 erzielt wurde, resultiert aus seiner einzigartigen künstlerischen Qualität, seiner herausragenden historischen Bedeutung als Auftragswerk eines der mächtigsten Fürsten des Mittelalters und seiner Seltenheit. Es gibt keine vergleichbaren Stücke auf dem Kunstmarkt. Bei seiner Versteigerung 1983 war es mit 7,4 Millionen Pfund (knapp 40 Millionen DM gesamt) das teuerste Buch der Welt, eine Summe, die heute etwa 47 Millionen Euro entspricht.

Wer war Hermann Josef Abs und welche Rolle spielte er beim Erwerb?

Hermann Josef Abs war eine zentrale Figur der deutschen Finanzwirtschaft, langjähriger Vorstand und später Aufsichtsratschef der Deutschen Bank. Er spielte eine entscheidende Rolle beim Erwerb des Evangeliars, indem er ein Konsortium aus Bund, Ländern (Niedersachsen, Bayern) und privaten Spendern organisierte und leitete. Sein Engagement sicherte das Evangeliar für das deutsche Kulturerbe, da er das Limit des konkurrierenden Bieters, der Getty-Foundation, überbieten konnte.

Was war die „dritte Möglichkeit“ Heinrichs des Löwen?

Auf dem Mainzer Hoftag im Jahr 1188 stellte Kaiser Friedrich Barbarossa Heinrich dem Löwen, der sich seit 1180 im Exil befand, vor die Wahl: Entweder einen Teil seiner früheren Rechte zurückerhalten, am Dritten Kreuzzug teilnehmen und nach der Rückkehr vollständig in seine ehemalige Position zurückkehren, oder für drei weitere Jahre ins Exil gehen. Heinrich entschied sich für die „dritte Möglichkeit“, das erneute Exil, als symbolischen Akt des Widerstands und der Weigerung, sich dem kaiserlichen Willen vollständig zu unterwerfen.

Wo kann man das Evangeliar heute sehen?

Das Evangeliar befindet sich heute in der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel, Niedersachsen. Aufgrund seiner Empfindlichkeit und seines hohen Alters wird es nur sehr selten und für kurze Zeiträume öffentlich ausgestellt, um seine Erhaltung zu gewährleisten. Interessierte Wissenschaftler konnten es bis etwa 1930 nach Voranmeldung in Gmunden einsehen. Informationen zu aktuellen Ausstellungszeiten sind auf der Webseite der Herzog August Bibliothek zu finden.

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