Wie gefährlich ist der Regen in Frankreich?

Frankreichs Dürre: Eine Krise ohne Ende?

06/03/2024

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In einer Zeit, in der das Wort „Dürre“ meist mit heißen Sommermonaten assoziiert wird, blickt Frankreich mit wachsender Besorgnis auf eine ungewöhnliche und alarmierende Entwicklung: die sogenannte Winterdürre. Was einst undenkbar schien, ist nun traurige Realität. Die Bilder von ausgetrockneten Flüssen und Stauseen im Februar sind ein deutliches Zeichen dafür, dass das Land mit einer beispiellosen Wasserkrise konfrontiert ist. Eine Krise, die nicht nur die Landwirtschaft und die Trinkwasserversorgung bedroht, sondern auch tiefgreifende Fragen über die Zukunft Frankreichs im Angesicht des Klimawandels aufwirft.

Wann ist die Trockenzeit in Frankreich?
Nach der extremen Trockenheit im letzten Jahr befürchtet Frankreich einen zweiten Dürresommer in Folge - mit entsprechenden Konsequenzen für Vegetation und Landwirtschaft. Dafür sind die Regenfälle in den Monaten September bis März entscheidend.

Die Verzweiflung ist so groß, dass in Perpignan, einer Stadt in Südfrankreich, im März 2023 rund 1000 Landwirte und Bürger an einer Prozession teilnahmen, um einen Schutzheiligen um Regen zu bitten. Ein religiöser Hilferuf, der seit 200 Jahren nicht mehr nötig war und in einem säkularen Staat wie Frankreich als verpönt gilt. Doch nach über 50 Tagen ohne nennenswerten Niederschlag sahen die Bewohner der Region keine andere Möglichkeit mehr. Georges Puig, ein Winzer und Initiator der Prozession, wurde durch das erschreckend niedrige Niveau eines Staudamms in den Bergen aufgeschreckt, der normalerweise die Ebene im Sommer versorgt. Er wusste sofort: Die Saison wird hart, noch härter als das bereits trockenste Jahr 2022. Die Reben würden blühen, aber die Früchte winzig bleiben, die Ernte gering ausfallen.

Inhaltsverzeichnis

Die Winterdürre: Ein beispielloses Phänomen

Die aktuelle Situation in Frankreich ist so außergewöhnlich, dass sie ein neues Wort geprägt hat: die Winterdürre. Flüsse führen bereits im Februar Niedrigwasser, und in vielen Kommunen ist die Trinkwasserversorgung ernsthaft gefährdet. Die Regierung schlägt täglich Alarm, hält Pressekonferenzen und Interviews zur Wassernot ab. Umwelt- und Klimaminister Christophe Béchu warnt vor einer „sehr, sehr schweren Zeit“ und hat die Präfekte bereits aufgefordert, den privaten Wasserkonsum „ohne zu zögern“ einzuschränken.

Über viele Monate hinweg fehlte der Regen, ein klares Merkmal der Klimakrise. In weiten Teilen Südfrankreichs, aber auch in nördlicheren Regionen wie der Bretagne und am Ärmelkanal, fielen in den letzten sechs Monaten zwischen 30 und 40 Prozent weniger Niederschlag als im langjährigen Durchschnitt. In zahlreichen Gemeinden tröpfelte es zuletzt Mitte Januar. Eine offizielle Karte zeigt viele Regionen südlich von Paris dunkelrot gefärbt, was auf „extreme Dürre“ hinweist. Der historische Vergleich der Niederschläge des letzten Monats ist noch dramatischer: Nur in jeder fünften Region Frankreichs regnete es so viel wie üblich. Auch der Schneefall in den südlichen Alpen und Pyrenäen war dementsprechend gering, was bedeutet, dass die Schneeschmelze, die sonst von April bis Juli viele Bäche und Flüsse anschwellen lässt, dieses Jahr weitgehend ausfallen wird.

Drastische Maßnahmen und ihre Folgen

Als Reaktion auf die Wassernot wurde in vielen Kommunen die „alerte sécheresse“ (Dürre-Warnung) ausgerufen. Dies führte zu vergleichsweise harmlosen, aber verunsichernden Verboten für die Bevölkerung: Gärten dürfen nicht mehr bewässert, Autos nicht mehr gewaschen und private Pools nicht mehr befüllt werden. Doch einige Kommunen gehen noch deutlich weiter. Im südfranzösischen Fayence, wo in manchen Vierteln fast jedes Haus über einen Pool verfügt (insgesamt 90.000 private Schwimmbäder), dürfen private Pools nicht einmal mehr gebaut werden. Andere Gemeinden haben sogar beschlossen, für mindestens vier Jahre überhaupt keine neuen Baugenehmigungen mehr zu erteilen, nicht einmal für Häuser oder Wohnungen. Ihr Argument: Bereits die bestehende Bevölkerung kann kaum noch ausreichend mit Wasser versorgt werden.

Die Auswirkungen sind vielfältig und treffen verschiedene Sektoren hart:

  • Landwirtschaft: Ernteausfälle, besonders bei wasserintensiven Kulturen wie Tomaten, Pfirsichen und Aprikosen. Weinbauern wie Georges Puig befürchten geringe Erträge.
  • Trinkwasserversorgung: In über 500 Kommunen kam bereits kein Wasser mehr aus den Leitungen, Zisternen mussten mit Tanklastern befüllt werden.
  • Natur: Flüsse und Bäche trocknen aus, der Wasserspiegel in Seen sinkt drastisch (z.B. Lac de Vouglans um über 18 Meter). Die Vegetation leidet unter anhaltendem Stress und ist anfälliger für Brände.
  • Waldbrände: Die Sorge vor frühen und intensiven Waldbränden steigt, da die trockene Vegetation mehr „Nahrung“ für Feuer bietet. Bereits im Februar brannten in der Nähe von Perpignan 60 Hektar Vegetation ab.

Klimawandel als Hauptursache

Die zunehmenden Trockenheitsphasen sind laut Forschern wie Davide Faranda vom nationalen Forschungszentrum CNRS eindeutig auf den Klimawandel zurückzuführen. Das erhöhte CO2 in der Atmosphäre lässt die Temperaturen steigen und führt zu Hochdruckgebieten, die sich über Europa ausbreiten und Niederschläge zurückdrängen. Während es Trockenheitsphasen immer gab, sind sie heute intensiver und großflächiger.

Frankreich gilt unter Fachleuten als besonders vom Klimawandel betroffen. Der Weltklimarat IPCC prophezeit für Südwest- und Südostfrankreich bei einer Erderwärmung von zwei Grad Celsius bis zu zehn Prozent weniger Niederschlag. Bei vier Grad Erwärmung könnten bis 2100 sogar bis zu rund 40 Prozent des Niederschlages fehlen. Hinzu kommt, dass durch zunehmende Hitze auch mehr Wasser aus der Landschaft verdunsten kann, was die Trockenheit weiter verstärkt.

Der Kampf um das Wasser: Prioritäten und Konflikte

Bislang fehlt Frankreich ein langfristiger Plan, wie das Land mit dieser und künftigen Dürren umgehen soll. Die Politik tastet sich an eine angemessene Reaktion in den touristischen Gegenden im Süden heran, was zu Konflikten führt. Immer wieder stellt sich die Frage: Wer hat Vorrang? Sind es die Golfplätze, die Touristen anziehen, oder doch eher die Landwirte, die Lebensmittel produzieren?

Es ist kaum nachvollziehbar, dass in einer Region wie den Alpes-Maritimes, die von Saint-Tropez bis zur italienischen Grenze reicht, Bauern nur noch nachts bewässern dürfen, während private Poolbesitzer weiterhin ihre Bassins mit 20 Kubikmetern oder mehr Trinkwasser füllen können. Zahlen des staatlichen Wasserversorgers „Eau d’Azur“ zeigen, dass Schwimmbecken mindestens zehn Prozent des kostbaren Gutes verbrauchen, während die gesamte Landwirtschaft dieser bergigen Region nur weniger als ein Prozent nutzt. Diese Abwägung zwischen wichtigen Aktivitäten und notwendigen Einschränkungen wird die französische Regierung und die regionalen Parlamente in diesem Sommer sicherlich stark beschäftigen.

Wie gefährlich ist der Regen in Frankreich?
Dazu kommt die Gefahr der Überflutung: Jener Regen, der in Frankreich künftig noch fällt, wird sich wohl vor allem auf wenige Tage im Jahr konzentrieren und häufiger als Starkregen niedergehen.

Vorbereitung auf das Schlimmste: Ein 4-Grad-Szenario?

Die Pariser Regierung scheint inzwischen mit dem Worst-Case-Szenario zu rechnen. Umweltminister Béchu forderte seine Landsleute auf, „aus der Verleugnung auszubrechen“ und Frankreich auf einen durchschnittlichen Temperaturanstieg von vier Grad vorzubereiten. Diese Zahl steht im Gegensatz zum Ziel des Pariser Abkommens von 2015, die globale Erwärmung unter zwei Grad zu halten. Béchu prognostiziert, dass eine weltweite Erhitzung von 2,8 bis 3,2 Grad in Frankreich vier Grad bedeuten würde. Tatsächlich wird sich die Klimakrise nach verschiedenen Prognosen in Frankreich schneller und dramatischer zeigen als in anderen Staaten. Während die meisten europäischen Regierungen Anpassungspläne für zwei oder drei Grad mehr entwerfen, ist Béchu pessimistischer:

„Wir müssen dafür kämpfen, die Erderwärmung gering zu halten. Aber wir wissen doch schon jetzt, dass wir im globalen Maßstab von den niedrigen Szenarien abweichen – deshalb müssen wir nun Konzepte entwerfen, die die Realität berücksichtigen.“

Eine Erwärmung um vier Grad hätte in Frankreich so weitreichende Folgen, dass eine Anpassung nahezu unmöglich erscheint. Das Land würde von viel intensiveren und häufigeren Extremwetterereignissen heimgesucht werden. Im Sommer würde die Temperatur im Durchschnitt um fünf Grad ansteigen, in manchen Regionen sogar um mehr als sechs Grad. Bei Hitzewellen könnten „mehrere Tage lang, vielleicht jedes Jahr“ Temperaturen über 50 Grad erreicht werden, so der Geopolitologe und IPCC-Experte François Gemenne. Der Wetterdienst Météofrance prophezeit um 50 Prozent häufigere und um zehn Tage verlängerte Trockenperioden – genau solche, wie sie augenblicklich herrschen.

Die fatale Abhängigkeit von der Atomkraft

Die Zeit drängt, die Weichen für eine nationale und weltweite Wasserpolitik zu stellen. Londoner Ökonomieprofessorin Marina Mazzucato fordert Regierungen auf, solchen Notsituationen wie der aktuellen in Frankreich vorausschauend vorzubeugen. Sie betont, wie fundamental es sei, wer zukunftsträchtige Techniken entwickele und davon profitiere. Viel Geld und Einfluss würden sich auf Projekte wie Wasserspeicherung, innovative Bewässerungssysteme und neue Anbaumethoden konzentrieren. Mazzucato befürchtet, dass Staaten viel Geld in diese Technologien investieren, private Unternehmen aber den Profit einstreichen könnten, was verhindert werden müsse.

Besonders schwierig wird die Wassereinsparung in Frankreich, da der größte industrielle Wasserkonsument die Atomkraft ist. Nach Angaben des Umweltministeriums verbraucht sie rund 30 Prozent des insgesamt genutzten Wassers. Während bestimmte Reaktorlinien das meiste Wasser – erwärmt vom Kühlungsprozess – wieder an die Flüsse abgeben, entweicht es bei anderen als Wasserdampf in die Luft. Frankreich ist zu rund 70 Prozent von Atomstrom abhängig und hat die höchste AKW-Dichte weltweit. Die nuklearen Meiler müssen Flüsse anzapfen, um ihre Reaktoren zu kühlen. Das für sie verfügbare Flusswasser wird in der Klimakrise jedoch durchschnittlich weniger werden. Hydrologen gehen davon aus, dass die Rhône, der größte Fluss Südfrankreichs, an dem fünf Kernkraftwerke stehen, bis 2050 im Schnitt bis zu 40 Prozent weniger Wasser führen wird.

Bei niedrigen Flussständen und längeren Hitzeperioden heizt sich das mitgeführte Wasser stärker auf. Zu warmes Wasser wiederum gefährdet Lebewesen und Pflanzen in den Flüssen. Trotzdem hat die französische Atomaufsichtsbehörde ASN im vergangenen Sommer kurzerhand den Grenzwert für die maximale Temperatur des aus den AKW zurückgeleiteten Wassers nach oben verschoben. Dieselbe Behörde hat den Energiekonzern EDF aufgefordert, ein Konzept für sichere Atomkraftwerke in der Klimakrise vorzulegen. Frankreich wird weiterhin von der Kernenergie abhängig bleiben, da es trotz vieler Sonnenstunden und vielversprechender Küstenstreifen für Windräder bislang nur wenig in erneuerbare Energien investiert hat. Präsident Emmanuel Macron will stattdessen bis 2035 sechs weitere Atomkraftwerke bauen lassen.

Lösungsansätze und zukünftige Herausforderungen

Viele Dinge sind in Frankreich noch ungeklärt, etwa wie Schmutzwasser sinnvoll recycelt werden kann oder wie die Industrie Wasser sparen kann. Eine weitere Lösung, die politisch schwer umzusetzen sein wird, betrifft die Entsiegelung von Flächen. Um das Schwinden des Grundwassers aufzuhalten, müssten Städte ihre Flächen entsiegeln, sagt die Hydrologin Hélène Michaux. Von Straßen und Parkplätzen fließt das Regenwasser direkt in die Kanalisation oder in Flüsse, statt im Boden zu versickern und damit das Grundwasser hochzuhalten. Versiegelungen zu verhindern, ist jedoch eine schwierige Aufgabe in den südlichen Regionen, die jedes Jahr mehr Bewohner und Touristen empfangen.

Dazu kommt die Gefahr der Überflutung: Der Regen, der in Frankreich künftig noch fällt, wird sich wohl vor allem auf wenige Tage im Jahr konzentrieren und häufiger als Starkregen niedergehen. Genau die Region, die heute so trocken ist, erlitt ein solches Ereignis im Herbst 2020: Der Sturm „Alex“ führte zu einer der größten Hochwasserkatastrophen Frankreichs. Im Vésubie- und im Roya-Tal stürzten binnen weniger Stunden mehrere Hundert Liter Wasser die Berge herab und rissen Häuser und Menschen mit sich. Es war dort zugleich der einzig wirklich nennenswerte Niederschlag der vergangenen Jahre. „Wir stehen vor riesigen Herausforderungen“, sagt Michaux.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Was ist die Winterdürre in Frankreich?
Die Winterdürre beschreibt eine ungewöhnlich lange Periode ohne nennenswerten Niederschlag in den Wintermonaten (Dezember bis März) in Frankreich, die zu einer drastischen Absenkung der Grundwasserstände und Flusspegel führt.
Welche Regionen Frankreichs sind am stärksten betroffen?
Besonders betroffen sind weite Teile Südfrankreichs, darunter die Region um Perpignan (Pyrénées-Orientales), aber auch nördlichere Gebiete wie die Bretagne und Regionen am Ärmelkanal. Viele Gebiete südlich von Paris sind auf offiziellen Karten als „extrem dürregefährdet“ markiert.
Welche Maßnahmen werden gegen die Dürre ergriffen?
Es wurden „Dürre-Warnungen“ (alerte sécheresse) ausgerufen, die das Gießen von Gärten, Autowaschen und Poolbefüllung verbieten. In einigen Kommunen gibt es Baustopps für Pools oder sogar generell keine neuen Baugenehmigungen mehr, um die Wasserversorgung der bestehenden Bevölkerung zu sichern.
Wie beeinflusst die Atomkraft die Wassersituation?
Die Atomkraft ist der größte industrielle Wasserkonsument in Frankreich und verbraucht rund 30% des Wassers. Kernkraftwerke benötigen große Mengen Flusswasser zur Kühlung ihrer Reaktoren. Bei niedrigen Flussständen und hohen Temperaturen kann dies zu Problemen bei der Kühlung führen und die Energieversorgung des Landes gefährden.
Was sind die langfristigen Prognosen für Frankreich?
Experten und die Regierung warnen vor einer weiteren Zuspitzung der Situation. Bei einem globalen Temperaturanstieg von vier Grad könnte Frankreich mit noch häufigeren und intensiveren Dürreperioden, extremen Hitzewellen (über 50 Grad) und Starkregenereignissen konfrontiert werden.

Fazit: Ein dringender Appell

Die aktuelle Lage in Frankreich ist dramatisch und ein Weckruf für die Notwendigkeit einer umfassenden und nachhaltigen Wasserpolitik. Die Herausforderungen sind immens, von der Bewältigung akuter Engpässe bis hin zur langfristigen Anpassung an die Folgen des Klimawandels. Die Konsequenzen des fehlenden Regens sind bereits jetzt spürbar, und die Aussichten sind besorgniserregend. Die Prozession in Perpignan, bei der die Menschen den Regengott anriefen, mag symbolisch erscheinen, doch sie unterstreicht die tiefe Verzweiflung und die Erkenntnis, dass „uns nichts anderes übrig bleibt“, wie Winzer Georges Puig es ausdrückt. Die Frage ist nicht mehr, ob Frankreich handeln muss, sondern wie schnell und umfassend es dies tun kann, um eine noch größere Katastrophe abzuwenden und die Zukunft seiner Wasserressourcen zu sichern.

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