Dhikr: Das Herzstück Sufischer Spiritualität

17/11/2024

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In der reichen Tradition des Islam nimmt der Dhikr, das 'Gottgedenken', eine zentrale und zutiefst bedeutsame Stellung ein, insbesondere innerhalb der mystischen Lehren des Sufismus. Für die Sufi-Derwische ist der Dhikr nicht bloß eine rituelle Handlung, sondern eine ununterbrochene Praxis, die darauf abzielt, das Herz von allen Verunreinigungen zu befreien. Ihr tiefster Wunsch ist es, einen reinen Raum für die unendliche Liebe Allahs zu schaffen und ein tiefes Bewusstsein für Seine universale Größe zu entwickeln. Die Sufis sind überzeugt, dass der Dhikr sowohl dem Einzelnen als auch der gesamten Gemeinschaft Frieden und Erfüllung bringt. Es ist eine fortwährende Kommunikation mit dem Göttlichen, die über die fünf täglichen Pflichtgebete hinausgeht und zu jeder Zeit, oft schweigend, im Herzen ausgeführt wird. Diese unaufhörliche spirituelle Übung lässt sich in ihrer Intensität und Ausrichtung vielleicht mit dem Herz-Jesu-Gebet in der christlichen Tradition vergleichen.

Welche Arten von Dhikr gibt es?
Ab dieser Stufe bleibt jenes Gottgedenken beim Sufi – schwirrt in ihm, sozusagen als stille, automatische, lebendige Rezitation. Grundsätzlich kann der Dhikr auf drei unterschiedliche Formen ausgeführt werden: praktisch, verbal und still.

Das Wort Dhikr (arab. ذكر, auch „Zikr“) bedeutet seiner arabischen Herkunft nach schlicht „Gottgedenken“ oder „Erinnerung an Gott“ (Dhikr Allah). Es beschreibt die meditative Vergegenwärtigung und das fortwährende Erinnern an Allah. Doch wie dieses Gottgedenken genau praktiziert wird, darin unterscheiden sich die verschiedenen sufischen Orden, die sogenannten Tariqas. Diese Vielfalt der Ausführung spiegelt die unterschiedlichen Wege wider, die zur Annäherung an das Göttliche führen können.

Die Vielfalt der Dhikr-Praxis: Laut, Still und Praktisch

Unter den Sufis, die den Dhikr praktizieren, gibt es jene, die den stillen Dhikr bevorzugen. Dies ist eine Form der stillen, meditativen Rezitation heiliger Worte und Verse, die oft tief im Inneren des Herzens stattfindet und nach außen hin nicht hörbar ist. Im Gegensatz dazu legen andere Sufi-Orden großen Wert auf den gemeinschaftlichen, lauten Dhikr. Diese Form kann je nach Schulrichtung wahrhaft ekstatische Züge annehmen, bei der die Rezitationen von rhythmischen Bewegungen und intensiven Atemtechniken begleitet werden. Unabhängig von der gewählten Form ist das tiefere Ziel des Dhikr stets die vollkommene Hingabe an Allah.

Die Bedeutung des Dhikr wird im Koran mehrfach hervorgehoben und empfohlen. Hier sind einige Verse, die auf diese Praxis hinweisen:

„Siehe, das Gebet hält vom Schändlichen und Verwerflichen ab. Doch das Gedenken (Dhikr) Gottes ist wahrlich bedeutender.“
– Sure 29:45

„O die ihr glaubt, gedenkt Allahs in häufigem Gedenken (Dhikr) und preist Ihn morgens und abends.“
– Sure 33:41f

Diese Verse unterstreichen die überragende Bedeutung des Gottgedenkens als eine Praxis, die das Gebet ergänzt und eine noch tiefere spirituelle Ebene erreicht.

Der Wachsame Atem und das Herz als Zentrum

Meist wird der Dhikr in harmonischer Verbindung mit der Atembewegung praktiziert. Ein Sufi-Schüler beginnt dabei oft mit der Formel „Allah Hu“ (ألله هو) – „Allah, Er ist“. Mit jedem Einatmen wird der Name „Allah“ im Geiste gesprochen, und mit jedem Ausatmen das Wort „Hu“. Auf diese Weise wird mit jedem Atemzug das Herz mit göttlicher Energie erfüllt. Das Besondere daran ist, dass der Ort des so ausgeführten Dhikr nicht in den Atemorganen selbst liegt, sondern immer im Herzen. Dies hat einen tiefen Grund: Gemäß den Sufi-Lehren geht vom Herzen die größte Wärme im Körper aus, und nur im Herzen können göttliche Lichterscheinungen empfangen werden. Daher ist es für den Suchenden wichtig, schnell und energisch zu atmen, um ausreichend Wärme im Herzen und im Blutkreislauf zu erzeugen, damit das Blut „zu leuchten beginnt“. Durch freies Atmen wird der Name „Allah“ ins Innere des Herzens befördert und dieselbe Bedeutung in transformierter Form wieder nach außen gebracht, im Aussprechen des Namens „Hu“. Um das sogenannte Herzensdhikr auszuführen, vollziehen die Sufis oft eine heftige Stoßatmung, die sie mit Körperbewegungen und geistiger Konzentration verbinden. Eine Grundvoraussetzung für einen wirksamen Dhikr ist die rhythmische Ausführung dieser Praxis. Die mentale Konzentration auf das Herz, die Rezitation der heiligen Worte, die Atmung und die Körperbewegung müssen im Dhikr synchron ausgeführt werden. Es nützt nichts, den Namen oder die Atmung gleichzeitig auszuführen, während der Geist umherwandert, sich in Erinnerungen und Sorgen verstrickt. Die volle Präsenz ist entscheidend.

Dhikr als Ergänzung zum Islamischen Pflichtgebet

In der spirituellen Praxis der Derwische, die den Dhikr entweder laut gesprochen oder still im Herzen ausführen, können alle möglichen Formen von Segnungen empfangen werden. Dabei rezitiert der Sufi Verse aus den Suren des Korans, Heilige Namen Allahs oder andere im Islam relevante Verse, wie etwa das islamische Glaubensbekenntnis. Ein bemerkenswertes Detail ist hier die Verbindung von Sprache und Herz. Aus Sicht der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) sind die Zungenspitze, als jener Körperteil, der Worte formt, und das menschliche Herz über einen gemeinsamen Meridian miteinander verbunden. Dies deutet auf eine tiefere, energetische Verbindung zwischen gesprochenem Wort und innerem Zustand hin, die im Dhikr bewusst genutzt wird.

Der Zweck des Dhikr: Schutz und Göttlicher Segen

Die Sufis glauben, dass wir als spirituelle Wesen von Dschinnen umgeben sind – feinstoffliche Lebensformen, die uns zwar sehen, wir sie aber nicht direkt wahrnehmen können. Diese Wesen verfügen über Kräfte, die am Menschen zerren und ihn ständig von seinem spirituellen Weg abbringen wollen. Dies hat jedoch auch einen konstruktiven Aspekt: Wer sich diesen Kräften widersetzt, übt quasi eine Art spirituelles Krafttraining aus. Für die Sufis besteht diese Übung zum einen in der frommen Ausübung der fünf täglichen Pflichtgebete, die in der restlichen Zeit des Tages durch einen andauernden Dhikr ergänzt werden. Sie erinnern sich damit ständig an die göttliche Wahrheit, von der der Mensch nach sufischer Auffassung ein Teil ist. Je mehr sich der Sufi nun an Allah erinnert, desto mehr kommt er in den Genuss göttlichen Segens. Dies wird durch mehrere Suren des Heiligen Korans bestätigt:

„O ihr Gläubigen, lasset euch durch euer Vermögen und eure Kinder nicht vom Gedenken an Allah abhalten. Und wer das tut, der gehört zu den Verlierenden.“
– Sure 63:9

„Diejenigen, die überzeugt sind und deren Herzen befriedigt werden im Gedenken an Allah. Wahrlich, im Gedenken Allahs finden die Herzen Ruhe.“
– Sure 13:28

„[…] Allahs viel gedenkende Männer und gedenkende Frauen – ihnen allen wird Allah vergeben, für sie hat er großartigen Lohn bereitet.“
– Sure 33:35

„Allah hat die schönste Botschaft, ein Buch, herabgesandt, eine sich gleichartig wiederholende Schrift, vor der denen, die ihren Herrn fürchten, die Haut erschauert; dann erweicht sich ihre Haut und ihr Herz zum Gedenken Allahs. […]“
– Sure 39:23

„[…] Allahs zu gedenken, ist gewiß das Höchste. Und Allah weiß, was ihr begeht. […]“
– Sure 29:45

Bei all dem muss jedoch betont werden, dass das rituelle Gebet im Islam (Salaat) sowie das Lesen der Koransuren dem Dhikr übergeordnet bleiben. Trotzdem ist es für einen wahren Sufi von großer Bedeutung, den Dhikr auszuüben – sei es sprechend in der Gruppe oder allein, sowie schweigend im Herzen. Keineswegs aber versucht der Islam, den Gläubigen zu spiritueller Praxis (Gebet, Dhikr) zu zwingen, noch Anderes, Weltliches wegen der Ausübung zu unterlassen oder zu meiden. Eher soll die Nähe zu Gott erzielt werden, um damit das Licht Allahs zu empfangen – durch Rezitation und Herzensgebet – auch dann, wenn der Sufi mit alltäglichen Aufgaben beschäftigt ist. Ein wahrer Sufi wird den Dhikr immer ausüben, unter allen gegebenen Umständen. Ganz gleich, was er gerade tut: während er sich um seine Familie, seine Verwandten kümmert, während er arbeitet oder während er mit anderen Menschen Handel treibt. Er führt in seinem Herzen ein ständiges Kreisen der heiligen Namen und Verse aus und handelt aus diesem spirituellen Zentrum heraus, um in der Außenwelt Gutes zu vollbringen.

„Wahrlich, in der Schöpfung der Himmel und der Erde und in dem Wechsel der Nacht und des Tages, liegen wahre Zeichen für jene die verständig sind, die Allahs gedenken im Stehen und im Sitzen und auf ihren Seiten und über die Schöpfung der Himmel und der Erde nachdenken: ‚Unser Herr, Du hast dieses nicht umsonst erschaffen. Gepriesen seist Du, darum hüte uns vor der Strafe des Feuers.‘“
– Sure 3:190f

In einer alt-islamischen Überlieferung heißt es hierzu:

„Der Prophet Mohammed (as) sprach einst zu Ibn Umar, einem seiner Gefährten: ‚Wenn ihr an den Paradiesgärten vorrüberschreitet, nutzt diese Gelegenheit.‘ Da fragte Ibn Umar: ‚Was sind die Paradiesgärten, o Gesandter Allahs?‘, worauf der Prophet Mohammed (as) antwortete: ‚Die Versammlungen des Dhikr (eine Gruppe Frommer, die den Dhikr ausüben). Es gibt himmlische Engel, die nach diesen Versammlungen des Dhikr suchen. Sobald sie solch eine Gruppe finden, lassen sie sich dort nieder, um diese Versammlung zu umsäumen.‘“
– Aus dem Fiqh Us-Sunnah des As-Sayyid Sabiq, Band 4, Kapitel 6

Der Heilige Satz „La ilaha illa Allah

Einer der zentralen Gebetsformeln des Dhikr ist der erste Satz des islamischen Glaubensbekenntnisses: „La ilaha illa Allah“ – „Es gibt keinen Gott außer Allah“. In den gesammelten Aussprüchen des Propheten Mohammed (as), den sogenannten Hadithen, heißt es dazu:

„Die beste Form sich an Allah zu erinnern, besteht in der Rezitation des Satzes ‚La ilaha illa Allah.‘“
– Aus einem Hadith des Isa At-Tirmidhi (825–892)

Daher kommt das Wort Dhikr: die Erinnerung an Gott. In einem anderen Hadith heißt es, dass der Prophet Mohammed (as) einst zu seinen Gefährten sprach:

„‚Erneuert euern Glauben‘, worauf sie fragten: ‚Wie können wir unseren Glauben erneuern?‘ Darauf antwortete er ‚sagt immer wieder La ilaha illa Allah.‘“
– Aus dem Fiqh us-Sunnah, des As-Sayyid Sabiq, Band 4, Kapitel 6

Man könnte darum durchaus sagen, dass man den Dhikr gar nicht oft genug ausüben kann. Mohammed (as) sprach dazu in einem anderen Hadith:

„Die Stunde (das Jüngste Gericht) wird erst eintreten, wenn keiner mehr ‚Allah, Allah‘ sagen wird.“
– Aus der Hadith-Sammlung des Muslim Ibn Al-Hadschadsch (Sahih Muslim)

Politur des Herzens: Der Metaphorische Spiegel

Für die Sufis ist Gott im menschlichen Herzen gegenwärtig. Der Dhikr aber ist das Mittel, sich diese göttliche Anwesenheit bewusst zu machen. Jenes Herz, von dem hier die Rede ist, ist etwas, das sich über das organische Herz hinaus erstreckt. Es ist ein spirituelles Organ, das aber im Dhikr tatsächlich auf das physische Herz des Praktizierenden zurückwirkt; er kann es spüren. In diesem spirituellen Herzen nun sehen die Sufis einen metaphorischen Spiegel, der ihm erlaubt, über das göttliche Geheimnis zu reflektieren. Jeder Mensch verfügt über dieses spirituelle Herz, diesen geheimnisvollen Spiegel. Doch mit der Zeit setzt sich darauf eine, bisweilen starke Schmutzschicht ab. Es sind jene verdunkelnden Gefühle wie Zorn, Eifersucht, Neid und übermäßiges Verlangen, die die Oberfläche dieses spirituellen Spiegels verdunkeln. Der Dhikr aber dient als Politur, mit deren Hilfe seiner Oberfläche wieder Glanz verliehen wird, damit sich darin die göttliche Vollkommenheit widerspiegeln und den Sufi von innen heraus erleuchten kann.

Der Heilige Name „Hu“

Der Name „Hu“ (هو), „Er“, steht für die absolute Einheit und Transzendenz Gottes. Er ist oft Teil des Dhikr, insbesondere in Kombination mit „Allah“, um die Essenz der göttlichen Präsenz zu erfassen und sich ihr hinzugeben.

Was sagt die Bibel über die Gottheit?
Es gibt keine Gottheit außer Allah, zu Dem wir aufrichtig in der Religion sind, selbst wenn die Ungläubigen es verabscheuen. O Allah, niemand kann vorenthalten, was du gibst und niemand kann geben, was Du vorenthältst, und nichts nützt einem Vermögenden sein Reichtum gegen Deinen Willen)

Vom Gottgedenken der Sufis und dem entfachten Feuer

Der persische Sufi Nedschmettin Al-Kubra (gest. 1221) spricht von einem Feuer, das durch das im Dhikr erfolgende Gottgedenken entfacht wird. In seinen Flammen verbrennt alles Dunkle. Was Al-Kubra damit meinte, war keineswegs nur sinnbildlich: Wenn dieses Feuer in ein Haus eindringe, so vernehme man „Ich, und kein anderer“ (entsprechend dem islamischen Glaubensbekenntnis). Die Flammen aber verzehrten alles dort befindliche Brennholz. Im Gegensatz dazu, was ist mit dem Feuer, das laut muslimischem Glauben in der Hölle lodert? Die Sufis sehen darin ein schwelendes, dunkles und langsam loderndes Feuer. Das Feuer aber, das der Dhikr entfacht, steigt auf und ist rein, hell und schnell lodernd – ein Feuer der Reinigung und Erleuchtung.

Drei Stufen der Versenkung nach Al-Kubra

Al-Kubra unterscheidet drei Stufen der Meditation im Dhikr, in denen der Sufi nicht nur positive Erfahrungen machen, sondern sogar an der Todesgrenze schlittern kann. Doch genau an diesem „letalen Grat“ macht ein Mensch die Erfahrung, die in östlichen und westlichen Traditionen als „Einweihung“ bezeichnet wird:

  1. Die Meditation über das Dasein: Al-Kubra beschreibt diese Erfahrung wie die eines Fürsten, der auf einem Feldzug in ein Land eindringt. Dabei hört der Sufi verschiedene Klänge: Posaunen und Pauken erklängen, worauf das Rauschen von Wasser und Wind wahrgenommen würden. Was er dabei jedoch erfährt, ist äußerst heftig: Sein Körper kann beginnen zu schmerzen, und es bestehe sogar die Gefahr, dass seine Seele den Körper verlässt, die „silberne Schnur“ durchreißt und er dabei stirbt.
  2. Die Meditation, die das Herz berührt: In dieser Stufe fällt der Sufi in seinem Gottgedenken quasi in sein Herz hinein. Dabei stößt er in eine Stufe der Wahrnehmung hervor, die ihm einzigartige Visionen erleben lässt.
  3. Die Meditation über das Geheimnis: Hier spricht Al-Kubra vom Hineinfallen des Gottgedenkens ins Geheimnis. Damit entschwindet dem Sufi sein aktives Bewusstsein, und er geht vollkommen auf in eben diesem Gottgedenken. Ab dieser Stufe bleibt jenes Gottgedenken beim Sufi – schwirrt in ihm, sozusagen als stille, automatische, lebendige Rezitation.

Formen des Dhikr im Überblick

Grundsätzlich kann der Dhikr auf drei unterschiedliche Weisen ausgeführt werden: praktisch, verbal und still. Damit versucht der Sufi, sich in seinem Handeln und Denken kontinuierlich dem Gedenken an Gott hinzugeben.

Form des DhikrBeschreibungBeispiele/Merkmale
Praktischer Dhikr (Dhikr-e-Faily)Gehorsames Handeln im Einklang mit göttlichen Geboten und der Sunnah.Tägliches Gebet (Salaat), Fasten im Ramadan, Pilgerfahrt (Hadsch), Almosengabe (Zakat), karitative Handlungen, Einhalten von Sitten und Bräuchen des Landes, Essen, Trinken, Bewegen, Sprechen und Kleiden nach der Sunnah des Propheten Mohammed (as).
Mündlicher DhikrLaute Rezitation von Gottesnamen und heiligen Formeln.„Allah“, 99 Namen Allahs (Asma Al-Husna), „Subhan Allah“ (Allah ist erhaben), „Al-Hamdulillah“ (Lobet Allah), „Allahu Akbar“ (Allah ist der Größte), „Ya Allah“ (O Allah), „Ya Hu“ (O Er), „Ya Hayy“ (O Lebendiger), „La ilaha illa llah“ (Es gibt keinen Gott außer Allah) ergänzt durch „Muhammadun rasul ullah“ (Mohammed ist der Gesandte Gottes), „Estaghfirullah“ (Ich bitte Gott um Vergebung). Häufig 11 oder 33 Wiederholungen, Nutzung von Tasbih (Gebetskette), stoßweise Ausatmung mit Kopfund Oberkörperbewegungen.
Stiller DhikrKontinuierliche, innere Wiederholung von Namen und Versen im Herzen.Ziel ist die immerwährende Rezitation (Al-Kubras dritte Stufe), auch inmitten weltlicher Aktivitäten. Die heiligen Silben entsprechen denen des lauten Dhikr, können auch die 99 Namen Allahs umfassen. Das Gottgedenken erfolgt direkt aus dem Herzen.

Spirituelle Praxis in den Verschiedenen Sufi-Orden

Generell lässt sich sagen, dass den Sufi-Weg vier Elemente bestimmen: die Einhaltung der Schariah (dem islamischen Gesetz), die Beachtung der Sunnah (der islamischen Gebräuche), der Dhikr (das Gedenken an Allah) und ein besonderer Ehrenkodex der Liebe. Da nun aber die verschiedenen Sufi-Schulen (Tariqas) ihre eigenen Formen des Dhikr ausüben, führen ebenso viele Wege zu Gott, auf denen sich die Muriden (Sufi-Schüler) bewegen. Bei den berühmtesten Sufi-Orden, wie der Qadiriyya, Chistiyya und Sohrawardiyya, beginnt der Murid zumeist mit dem lauten, mündlichen Dhikr, den er später in den Herzens-Dhikr (Qalbi Dhikr) transformiert und dabei veredelt. Der Orden der Naqshbandiyya allerdings führt den Muriden direkt zum Herzens-Dhikr, was ihre Betonung der inneren, stillen Praxis unterstreicht.

Vom Segen des Dhikr

Von jeder guten Tat geht ein Segen aus, und der guten Taten sind viele! Die Sufis aber sagen, dass das Beste, das ein Murid ausführen kann, der Dhikr ist. Riesig sind die Segnungen, die durch die Praxis des Dhikr gewonnen werden können. Wer diese Form der sufischen Meditationspraxis täglich übt, den umgeben bald Gelassenheit und Frieden. Wer mit der Dhikr-Praxis anfängt, sollte sein Denken auf ein bestimmtes Ziel ausrichten. Welches Ziel das ist, sei jedem selbst überlassen, solange es zum Guten hinstrebt. Der Dhikr an sich aber hat eigentlich nur ein wahres Ziel: das Schauen göttlichen Lichts, das aus dem eigenen, innersten Seelenbrunnen in schillerndsten smaragdgrünen Lichtern hervorstrahlt. Wer dieses erhabene Ziel erreicht hat, der kann sich wahrlich als Erleuchteten bezeichnen. Es ist ein langer Weg dorthin, teils beschwerlich – doch allemal lohnend – für den Sufi selbst, wie für jene, die ihn umgeben. Inshallah (Wenn Allah will)!

Häufig gestellte Fragen (FAQ) zum Dhikr

1. Ist Dhikr eine Pflicht im Islam?

Nein, der Dhikr ist keine der fünf Säulen des Islam und somit keine religiöse Pflicht im Sinne des rituellen Gebets (Salaat). Er wird jedoch im Koran und in den Hadithen stark empfohlen und als eine der höchsten Formen des Gottesgedenkens und der Annäherung an Allah betrachtet. Für Sufis ist er eine zentrale, kontinuierliche Praxis.

2. Kann jeder Dhikr praktizieren?

Ja, grundsätzlich kann jeder Muslim und jede Muslimin Dhikr praktizieren. Es erfordert keine spezielle Einweihung, um mit dem Gottgedenken zu beginnen. Sufi-Orden bieten jedoch Anleitung und Unterstützung für diejenigen, die die Praxis vertiefen und die spirituellen Stufen erklimmen möchten.

3. Was ist das ultimative Ziel des Dhikr?

Das ultimative Ziel des Dhikr ist die Reinigung des Herzens, die ständige Vergegenwärtigung Allahs und das Erreichen göttlichen Lichts und Segens. Es geht darum, die eigene Seele zu polieren, um die göttliche Vollkommenheit in sich widerzuspiegeln und dadurch inneren Frieden, Gelassenheit und schließlich Erleuchtung zu erlangen.

4. Wie oft und wann sollte man Dhikr machen?

Die Sufis betonen die ununterbrochene Natur des Dhikr. Er sollte nicht nur zu bestimmten Zeiten, sondern fortwährend im Herzen ausgeführt werden, selbst während alltäglicher Aufgaben und weltlicher Aktivitäten. Es gibt keine Begrenzung, wie oft man Dhikr machen sollte – je mehr, desto besser, da dies die Erinnerung an Gott aufrechterhält und den göttlichen Segen mehrt.

5. Welche Formeln werden im Dhikr verwendet?

Die wichtigsten Formeln umfassen das islamische Glaubensbekenntnis „La ilaha illa Allah“ (Es gibt keinen Gott außer Allah), die Namen Allahs (wie „Allah“, „Hu“, „Hayy“) und Lobpreisungen wie „Subhan Allah“ (Allah ist erhaben), „Al-Hamdulillah“ (Lob sei Allah) und „Allahu Akbar“ (Allah ist der Größte). Auch das Bitten um Vergebung, „Estaghfirullah“, ist eine gängige Praxis.

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