17/11/2024
In den letzten Versen des Matthäus-Evangeliums begegnen uns zweimal die Worte des Gehens: Die Jünger machen sich auf den Weg, um ihren Herrn zu finden, und dort, auf einem Berg in Galiläa, empfangen sie den tiefgreifenden Auftrag: „Geht hin in alle Welt.“ Dieses doppelte Gehen ist mehr als nur eine physische Bewegung; es offenbart eine grundlegende Wesensbestimmung der Gemeinde Jesu. Kirche ist von Natur aus eine gehende Kirche, eine Kirche in ständiger Bewegung. Diese Bewegung vollzieht sich in einem doppelten Sinne: Zuerst bewegen sich Christen hin zu ihrem Herrn, um dann, gestärkt und ausgerüstet, in die Welt gesandt zu werden. Dieses Prinzip, das sich im gesamten Neuen Testament widerspiegelt, findet eine besonders eindringliche und anschauliche Darstellung in der Geschichte der Emmausjünger, die uns lehrt, wie wir in Zeiten der Dunkelheit Licht finden und Hoffnung weitergeben können.

Die Erzählung vom Emmausweg ist nicht nur eine wunderschöne biblische Episode, sondern ein tiefes Sinnbild für den Lebens- und Glaubensweg jedes Einzelnen und der gesamten christlichen Gemeinschaft. Sie beginnt im Dunkel der Enttäuschung und führt durch die Begegnung mit dem unerkannten Herrn zur strahlenden Erkenntnis und zur Rückkehr ins Zeugnis. Indem wir diesen Weg nachvollziehen, verstehen wir besser, wie die Kirche lebt, atmet und ihre Sendung erfüllt: durch die Hinwendung zu Christus und die Hinwendung zu den Menschen. Dieser Artikel beleuchtet diese beiden untrennbaren Dimensionen und zeigt auf, wie sie sich gegenseitig bedingen und stärken, um eine lebendige und wirkungsvolle Gemeinde zu bilden.
Die Wesensbestimmung der Gemeinde Jesu: Eine dynamische Bewegung
Die Gemeinde Jesu ist keine statische Institution, kein abgeschlossener Zufluchtsort hinter hohen Mauern, wie eine Burg, die nur Gleichgesinnten Schutz bietet. Vielmehr gleicht sie einem Weg, der von der Begegnung mit Christus her zur Begegnung mit Menschen führt. Ihre tiefste Wesensbestimmung liegt in der Bewegung, im doppelten Gehen. Dieses Gehen ist ein Ausdruck von Vitalität, von einem lebendigen Glauben, der nicht in sich selbst verharrt, sondern sich stets neu orientiert und ausrichtet.
Hinwendung zu Christus: Die Quelle der Kraft
Der erste Schritt dieses doppelten Gehens ist die Hinwendung zu unserem Herrn. Bevor wir in die Welt gehen können, müssen wir uns selbst bei Christus verankern. Das bedeutet eine ständige, immer neue Begegnung mit ihm. Diese Begegnung findet auf vielfältige Weise statt:
- Bibelzuwendung: Das Hören auf Gottes Wort in der Heiligen Schrift ist fundamental. Es ist der Ort, an dem wir seinen Willen erkennen, Trost und Stärkung empfangen. Die Bibel ist nicht nur ein Buch alter Geschichten, sondern lebendiges Wort, das uns prägt und ausrüstet.
- Gebet: Im persönlichen und gemeinschaftlichen Gebet treten wir in direkte Kommunikation mit Gott. Es ist der Ort, an dem wir unsere Sorgen abladen, Dank ausdrücken und Führung suchen.
- Gemeinschaft: Das Beheimatet-Sein in der Gemeinschaft der Christen, das Teilen von Brot und Wein im Abendmahl, stärkt unsere Identität als Glieder des Leibes Christi. Hier erfahren wir Unterstützung, Ermutigung und Korrektur.
Diese innere Bewegung – auch als Kontemplation bezeichnet – ist das Einatmen des Glaubens. Sie ist unerlässlich, denn erst nach dieser Begegnung und Ausrüstung werden wir zu vollmächtigen, ansteckenden und einladenden Verkündigern. Das griechische Verb „mathäteuo“, das nur viermal im Neuen Testament vorkommt, beschreibt das „Zu-Jüngern-Machen“ und impliziert, dass wir, ähnlich einem Hausvater, aus unserem Schatz – der Begegnung mit dem Herrn – „Neues und Altes hervorholen“, um andere zu begleiten und sie zu Nachfolgern Jesu zu machen.
Hinwendung zur Welt: Die Erfüllung der Sendung
Der zweite Schritt ist die Sendung in die Welt. Nachdem wir uns bei Christus gestärkt haben, sind wir aufgerufen, hinauszugehen. Dies ist das Ausatmen des Glaubens, die Mission. Der Missionsbefehl Jesu ist klar: Wir sollen Menschen zu Jüngern machen. Das bedeutet, Wegbegleiter zu sein, solidarisch die Lebensnot zu teilen, geschwisterlich Lebenshoffnung zu bringen. Es geht darum, von der Größe und Güte unseres Herrn zu erzählen, damit Menschen verstehen, was Gott ihnen geschenkt hat und worauf er wartet.
Die Kirche ist somit eine „Kirche in Bewegung“, die sich sowohl nach innen (zu Christus) als auch nach außen (in die Welt) bewegt. Diese Christuszentrierung und der gleichzeitig weite Weltblick sind die doppelte Bewegrichtung, die uns Christen auszeichnet. Es ist ein unaufhörlicher Zyklus von Empfangen und Geben, von Lernen und Lehren, von Verankern und Hinausgehen.
Um diese doppelte Wesensbestimmung der Kirche noch deutlicher zu machen, können wir eine kleine Vergleichstabelle anlegen:
| Dimension der Bewegung | Beschreibung | Biblische Entsprechung |
|---|---|---|
| Hinwendung zu Christus (Einatmen) | Vertiefung im Glauben, Empfangen von Kraft und Führung, persönliche Begegnung mit dem Herrn durch Gebet, Schrift und Gemeinschaft. | Matthäus 28,16: „Die Jünger gingen...dorthin, wo sie ihren Herrn finden werden.“ |
| Hinwendung zur Welt (Ausatmen) | Gelebte Mission, Weitergabe der Hoffnung, solidarische Begleitung von Menschen, Zeugnisgeben von der Güte Gottes. | Matthäus 28,19: „Geht hin in alle Welt und macht alle Völker zu meinen Jüngern.“ |
Der Emmausweg: Ein Sinnbild unserer Reise
Die Geschichte der Emmausjünger (Lukas 24,13-35) ist ein ergreifendes Beispiel für diese doppelte Bewegung und die transformative Kraft der Begegnung mit Christus. Sie ist ein Spiegel für unseren eigenen Lebens- und Glaubensweg, der oft zwischen Angst und Hoffnung, Trauer und Freude, Enttäuschung und Zuversicht schwankt.
Ein Weg voller Fragen und Dunkelheit
Die beiden Jünger sind auf dem Weg von Jerusalem weg, deprimiert, enttäuscht, am Nullpunkt ihrer Hoffnung. Jerusalem, der Ort ihrer Erwartungen, ist zum Ort des Grauens und der zerbrochenen Träume geworden. Ihr Herr, auf den sie all ihre Hoffnung gesetzt hatten, ist am Kreuz gescheitert. „Wir aber hatten gehofft...“, ist der Ausdruck ihrer tiefen Verzweiflung. Es ist die dunkle, düstere Seite des Glaubens, wo nur noch Nacht und Dunkel in uns ist, wo wir entmutigt und resigniert sind. Sie reden miteinander über all das Unverständliche, das Geschehene, versuchen, es zu enträtseln, durchzublicken, aber sie finden keine Antworten. Ihr Herz ist schwer, ihr Blick verdüstert.
Der unerkannte Wegbegleiter und die helle Seite
In dieser tiefsten Verzweiflung kommt Jesus hinzu, schließt sich ihnen an und wandert verborgen und unerkannt mit. Es ist keine spektakuläre Erscheinung, sondern eine unscheinbare Begegnung. Jesus holt sie dort ab, wo sie stehen, bei ihrer Trauer und ihren Fragen. Seine Frage „Was sind das für Reden...?“ ist keine Ahnungslosigkeit, sondern eine Einladung, alles auszupacken, abzuladen, zu erzählen. Er lässt sie reden, nimmt sich Zeit, hört zu. Das allein tut schon gut. Sie schütten ihr Herz aus, erzählen von Jesus von Nazareth, dem Propheten, der mächtig war in Wort und Tat, der aber ausgeliefert und gekreuzigt wurde. Dies ist die erste Hälfte der Heilsbotschaft, die in Traurigkeit und gekreuzigten Hoffnungen endet.
Aber dann wendet sich das Blatt. Jesus selbst muss ihnen Ohren und Augen öffnen für die helle Seite, für die ganze Wirklichkeit dessen, was in Jerusalem geschehen ist. Und hier beginnt ihr Herz zu brennen.

Christus im Wort der Schrift erkennen
Trotz aller Enttäuschung sind die Jünger offen für Gottes Wort. Jesus legt ihnen die Schrift aus, beginnend bei Mose und allen Propheten, und erklärt ihnen, was sich auf ihn bezog. Er zeigt ihnen, dass der Messias all das erleiden und so in seine Herrlichkeit eingehen musste. Die Schrift ist der Schlüssel zum Verstehen. Für die frühen Christen war dies entscheidend, um das Ärgernis des Kreuzes zu deuten: Es war kein Unfall, kein Irrtum der Heilsgeschichte, sondern Teil eines geheimnisvollen göttlichen Ratschlusses.
Die Erkenntnis kommt nicht von selbst; sie braucht die Hinführung, die Auslegung, die Meditation des Wortes Gottes. Hier ist es Jesus selbst, der ihnen durch seine Erklärung den Sinn der Schrift erschließt und zu begreifen hilft. Seine Worte legen sich wie Saatkörner in ihre fragenden Herzen. Im Gespräch mit ihm gehen ihnen neue Horizonte auf. Der abgerissene Hoffnungsfaden wird wieder geknüpft. Das, was dunkel und abgestorben war, fängt Feuer. „Brannte uns nicht das Herz, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schrift erschloss?“, werden sie später rückblickend fragen.
Christus im Brechen des Brotes erkennen
Der Weg ist lang, der Abend bricht an. Die Jünger drängen ihren Weggefährten, bei ihnen zu bleiben: „Bleibe doch bei uns!“ Diese Einladung in die Gemeinschaft, ins Haus, an den Tisch, ist ein Geschenk des Himmels, besonders wenn die Nacht des Lebens hereinbricht. Und dann geschieht das Wunder: Der Gast wird zum Gastgeber. Er nimmt das Brot, spricht den Lobpreis und gibt es ihnen. In diesem Moment fällt es ihnen wie Schuppen von den Augen. Sie erkennen ihn. Der Gekreuzigte lebt. Er ist wirklich auferstanden. Gott hat zu ihm gehalten. Sein Tod war nicht das Ende.
Im gebrochenen Brot, in der Gemeinschaft des Mahles, schenkt Jesus sich ihnen. Eine unbeschreibliche Freude strömt in ihre Herzen. Nicht nur das Brot wandelt sich, sondern auch ihre müden Glieder und schweren Herzen. Was sich in der Auslegung der Schrift andeutete, wird im Erleben des Mahles endgültig offenbar. Die letzte Aufklärung wird nicht durch Erklärungen erreicht, sondern durch ein Erlebnis: das Brechen des Brotes. Hier gehen ihnen die Augen auf und das Herz.
Rückkehr und Zeugnis: Die Sendung der Auferstehung
Emmaus ist nur eine Station auf dem Weg. Wenn das Herz brennt und man angesteckt ist, gibt es nichts Wichtigeres, als aufzubrechen. Nichts hält die Jünger mehr in Emmaus. Es drängt sie, ihre Erfahrungen den anderen in Jerusalem mitzuteilen. So kehrt sich ihr Weg nach Jerusalem zurück, dem Ort der zerstörten Hoffnung, von dem sie sich abgewandt hatten. Und dort erleben sie das Wunder: Der Ort, an dem ihre Hoffnungen zerbrochen waren, wird ihnen zum Ort der Verheißung. Noch bevor sie selbst bekennen und bezeugen können, klingt ihnen die Osterbotschaft bereits entgegen: „Der Herr ist wirklich auferstanden!“ Sie teilen ihre Freude mit den Freunden, die ebenfalls erschreckt, deprimiert und hoffnungslos waren. Ein neuer, ein österlicher Tag beginnt; Licht strahlt herein in ihr Dunkel und vertreibt alle Angst und Finsternis.
Fast alle Ostererzählungen und Begegnungen mit dem Auferstandenen enden mit einer Sendung, einem Bekenntnis, einem Zeugnis und dem Weitersagen der eigenen Glaubenserfahrungen. „Wovon das Herz voll ist, davon läuft der Mund bekanntlich über.“ (Vgl. Apostelgeschichte 4,20: „Wir können unmöglich schweigen von dem, was wir gesehen und gehört haben.“) Dies ist die Mission der gehende Kirche: das Erlebte weiterzugeben, die Hoffnung zu teilen.
Es ist bemerkenswert, dass die Emmausjünger Jesus nicht an seiner Gestalt erkennen, als er sich ihnen gesellt. Sie erkennen ihn auch noch nicht allein an seinem Wort, obwohl es ihnen da schon warm ums Herz wird. Sie erkennen ihn an seinem Tun, am Brechen des Brotes. Dies ist eine tiefgreifende Lehre für uns heute: Wird es nicht auch heute die gelebte Praxis sein, das Handeln und Leben von uns Christen, an dem die Menschen zum Glauben kommen? Es ist die Solidarität, die Liebe in der Gemeinschaft, das Teilen des Lebens, das sichtbar macht, wer Jesus ist und was er bewirkt.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
- Was bedeutet es, dass die Gemeinde Jesu „gehende Kirche“ ist?
Es bedeutet, dass die Kirche nicht statisch ist, sondern sich in ständiger Bewegung befindet. Sie bewegt sich zuerst in eine tiefe Beziehung zu Christus (Kontemplation) und dann, gestärkt und ausgerüstet, in die Welt hinein (Mission), um das Evangelium zu verkündigen und Menschen zu dienen. - Wie können wir Christus heute begegnen, ähnlich wie die Emmausjünger?
Wir begegnen Christus heute durch das Hören und Meditieren seines Wortes in der Bibel, im Gebet, in der Gemeinschaft der Gläubigen und besonders im Abendmahl, wo er sich uns im gebrochenen Brot schenkt. Auch in der Begegnung mit unseren Mitmenschen, besonders den Bedürftigen, können wir ihn erkennen. - Was ist die Rolle der Schrift in unserem Glauben?
Die Heilige Schrift ist der Schlüssel zum Verstehen Gottes und seines Heilswirkens. Sie ist nicht nur Information, sondern lebendiges Wort, das uns von Christus her erschlossen wird. Sie stärkt unseren Glauben, gibt Trost und weist uns den Weg. - Warum ist das „Brechen des Brotes“ so wichtig?
Das Brechen des Brotes symbolisiert das Abendmahl und die Gemeinschaft der Gläubigen. Es ist der Ort, an dem Jesus sich auf besondere Weise gegenwärtig macht und von den Jüngern erkannt wird. Es ist ein Akt der Erinnerung, der Gegenwart und der Verheißung, der unsere Herzen wandelt und uns zur Sendung befähigt. - Was lehrt uns die Emmausgeschichte über Hoffnung in schwierigen Zeiten?
Die Emmausgeschichte lehrt uns, dass selbst in tiefster Enttäuschung und Verzweiflung Hoffnung möglich ist. Jesus begegnet uns in unseren dunkelsten Stunden, hört uns zu, erklärt uns die Schrift und offenbart sich in der Gemeinschaft und im Teilen. Sie zeigt, dass unser Glaube nicht in der Dunkelheit verharren muss, sondern zum Zeugnis und zur Freude führen kann.
Die Wesensbestimmung der Gemeinde Jesu ist also untrennbar mit der Erfahrung der Emmausjünger verbunden. Sie ist eine Kirche, die zuerst zu ihrem Herrn geht, sich von ihm stärken und ausrüsten lässt und dann mit brennendem Herzen in die Welt gesandt wird. Es ist eine Kirche, die nicht nur auf Worte hört, sondern durch ihr Handeln und ihre gelebte Praxis Zeugnis ablegt von der Größe und Güte Gottes. So bleibt der Glaube lebendig und relevant, ein Weg, der von Christus zu den Menschen führt und Licht in die Dunkelheit bringt.
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