Wann entstand das letzte Evangelium?

Markion: Wer schrieb das erste Evangelium?

02/03/2022

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Die Frage nach den Ursprüngen der Evangelien und dem genauen Zeitpunkt ihrer Entstehung beschäftigt Theologen und Historiker seit Jahrhunderten. Sie ist nicht nur eine akademische Übung, sondern berührt das Fundament des christlichen Glaubens und die Authentizität seiner frühesten Überlieferungen. Im Zentrum dieser Debatte steht oft eine der schillerndsten und umstrittensten Figuren des frühen Christentums: Markion von Sinope. War er ein gefährlicher Häretiker, der die ursprüngliche Botschaft Christi verfälschte, oder ein revolutionärer Denker, der die Weichen für die Entwicklung des Neuen Testaments stellte? Die jüngsten Forschungsergebnisse werfen ein völlig neues Licht auf diesen Mann und seine Rolle, indem sie die traditionellen Ansichten radikal in Frage stellen.

Was sagt der Bibel über die Jugend?
So freue dich, Jüngling, in deiner Jugend und laß dein Herz guter Dinge sein in deiner Jugend. Tue, was dein Herz lüstet und deinen Augen gefällt; und wisse, daß dich Gott um des alles wird vor Gericht führen.

Markion: Der 'erste große Ketzer' der Christenheit?

Für die meisten Kirchenväter war Markion eine persona non grata, ein theologischer Erzfeind. Der Jurist und Schriftsteller Tertullian, ein prominenter Kirchenvater aus Karthago, widmete Markion sogar eine ganze Streitschrift, in der er ihn mit beißendem Spott und scharfen Vergleichen attackierte. Tertullian beschrieb Markion als „verwegener als eine Amazone, dunkler als der Nebel, kälter als der Winter, spröder als das Eis, trügerischer als die Donau, gefahrvoller als der Kaukasus“. Er ging sogar so weit zu behaupten, Markion habe den allmächtigen Gott „wie ein wahrer Prometheus zerfleischt“ und die Evangelien „angenagt wie die wilden pontischen Ratten“. Diese drastischen Worte zeigen die tiefe Ablehnung und den Zorn, den Markion in den Augen der etablierten Kirche hervorrief. Er galt als der „erste große Ketzer“ der jungen Christenheit, ein Mann, der die Botschaft Christi verfälschte und die Einheit der Gläubigen bedrohte.

Die Hauptanklage gegen Markion war seine radikale Trennung zwischen dem Gott des Alten Testaments und dem Gott des Neuen Testaments. Für ihn war der Gott des Alten Testaments ein gerechter, aber strafender Schöpfergott, während der Gott des Neuen Testaments ein liebender, barmherziger Erlöser war – ein fundamentaler Widerspruch, der für Markion eine klare Trennlinie zog. Er sah das Alte Testament als überholt und für Christen nicht mehr relevant an. Seine Lösung? Eine eigene, radikal gekürzte „Bibel“, die nur aus zehn Paulusbriefen und einer stark bearbeiteten Version des Lukasevangeliums bestand, ergänzt durch seine sogenannten „Antithesen“ – Gegenüberstellungen von Versen aus seiner Bibel und der bisherigen Heiligen Schrift, um die Widersprüche aufzuzeigen. Diese Bibel war kein ergänzendes Angebot, sondern sollte die bisherige Heilige Schrift ersetzen.

Ein investigativer Geist und Kanonisierungs-Anstoßer

Moderne Kirchenhistoriker wie Wolfram Kinzig von der Universität Bonn und Eve-Marie Becker von der Universität Münster sehen Markion in einem differenzierteren Licht. Sie erkennen in ihm einen „theologisch interessierten Geschäftsmann“ und „investigativen Menschen“, der dem frühen Christentum einen „Stresstest“ verpasste. Markion, der wohl ein Seehändler mit eigenem Schiff war, war daran interessiert, die Jesus-Überlieferung zu sichern und stellte die Christenheit erstmals vor die drängende Frage, ob sie eine eigene heilige Schrift, ein „Neues Testament“, benötigte. Eve-Marie Becker betont, dass Markion durch seine Selektion der Texte eine „Kanonisierung angestoßen“ habe. Er zwang die Christen dazu, über die Kriterien nachzudenken, warum und welche Texte sie sammeln und wie sie diese bewahren sollten. Vor Markion war die Heilige Schrift der ersten Christengemeinden weitgehend identisch mit der der Juden: dem Alten Testament in griechischer Übersetzung.

Markion war der Erste, der diese Trennung so radikal vollzog und eine eigene, ausschließlich auf die christliche Botschaft zugeschnittene Schriftensammlung vorschlug. Seine Aktion war provokant und spaltete die Gemeinden, aber sie zwang die junge Kirche auch, sich ihrer eigenen Identität bewusst zu werden und eine Kanonbildung voranzutreiben, um der „Verfälschung“ durch Markion entgegenzuwirken. Die Reaktion auf Markion trug somit maßgeblich zur Entstehung des neutestamentlichen Kanons bei, wie wir ihn heute kennen.

Die Abgrenzung vom Judentum und die Geburt eines neuen Kultes

Eine der revolutionärsten Thesen stammt von Markus Vinzent, Professor für Theologiegeschichte am King’s College in London. Vinzent argumentiert, dass Markion nicht nur ein Abweichler war, sondern ein „Kultstifter“, der zum ersten Mal einen erkennbar christlichen Kult geschaffen habe. Er stellt die provokante Behauptung auf, dass die Christusanhänger vor Markion eher eine besondere Spielart der jüdischen Gemeinschaft waren und keine davon abgegrenzte, eigenständige Religion. Jude zu sein im Römischen Reich war ein Privileg, das mit bestimmten Rechten und Freiheiten verbunden war. Es wäre unverständlich gewesen, warum Menschen freiwillig auf diese Vorteile verzichtet hätten.

Diese Situation änderte sich dramatisch nach dem blutigen jüdischen Aufstand von 135 n. Chr. und seiner Niederschlagung durch Kaiser Hadrian. Das Verbot für Juden, das Gebiet um Jerusalem zu betreten, und die politische Verdächtigung des Judentums zwangen sowohl Juden als auch Christus-Anhänger zu einer Neu-Formation. Vinzent sieht hier den entscheidenden Impuls für eine Abgrenzung vom Judentum und eine schriftliche Sicherung der christlichen Tradition. In diesem Kontext sei Markion derjenige gewesen, der als vermutlich Erster Texte zusammenstellte: die Briefe des Paulus, die er nach biografischen und geografischen Kriterien ordnete, um eine Biografie des Paulus zu schaffen. Und auf ähnliche Weise habe er auch das Material über Jesus gesammelt, biografisch und geografisch angeordnet – und das nenne man dann ein Evangelium.

Hat Markion das Evangelium erfunden?

Markus Vinzents kühnste These ist, dass Markion die Gattung des Evangeliums überhaupt erst erfunden und das erste Evangelium geschrieben habe. Er behauptet, dass das Evangelium in Markions Bibel keine Kurzfassung des Lukas-Evangeliums war, wie es die traditionelle Sicht besagt, sondern dass das Lukas-Evangelium vielmehr eine verlängerte Fassung von Markions ursprünglichem Evangelium sei. Dies steht im krassen Widerspruch zur Mehrheitsmeinung der Neutestamentler, die davon ausgehen, dass die Evangelien der Bibel, insbesondere Markus, Matthäus und Lukas (die sogenannten Synoptische Evangelien), bereits in den Jahren zwischen 70 und 90 n. Chr. geschrieben wurden.

Diese traditionelle Sicht basiert auf der Markus-Priorität, der Annahme, dass das Markus-Evangelium das älteste ist und von Matthäus und Lukas als Vorlage genutzt wurde. Um die Übereinstimmungen zwischen Matthäus und Lukas an Stellen zu erklären, die nicht in Markus vorkommen, wurde die Hypothese einer nicht mehr vorhandenen „Logienquelle“ (genannt Q-Quelle) entwickelt – eine Sammlung von Jesus-Worten. Vinzent argumentiert jedoch, dass es in der frühen christlichen Literatur des 2. Jahrhunderts kaum Zitate aus den Wundergeschichten oder Erzählungen der uns bekannten Evangelien gibt, sondern hauptsächlich „Worte des Herrn“, die oft nicht mit unseren Evangelien übereinstimmen. Dies könnte darauf hindeuten, dass die Evangelien in ihrer heutigen Form noch nicht weit verbreitet waren, als man sie hätte zitieren können.

AspektTraditionelle SichtMarkus Vinzents These
Entstehung der EvangelienMarkus ca. 70 n. Chr., Matthäus & Lukas ca. 80-90 n. Chr. (Markus-Priorität, Q-Quelle)Evangelien entstehen in Reaktion auf Markion ca. 140-144 n. Chr. in Rom.
Markions EvangeliumEine gekürzte und verfälschte Version des Lukas-Evangeliums.Das ursprüngliche Evangelium; das Lukas-Evangelium ist eine spätere Erweiterung.
Rolle MarkionsEin Ketzer, der die Überlieferung verfälschte und zur Kanonisierung zwang.Ein Kultstifter, der die Gattung des Evangeliums erfand und die christliche Identität vom Judentum abgrenzte.
QuellenlageWenige, aber frühe Quellen belegen die Existenz der Evangelien.Fehlende Zitate aus Evangelien im 2. Jh. deuten auf spätere Entstehung hin (Argumentum e silentio).

Quellenlage und Argumente: Schweigen und Sprechen

Die Forschung zum frühen Christentum ist ein „großer Hypothesen-Raum“, wie Wolfram Kinzig es nennt, da die Quellenlage spärlich und hochkomplex ist. Ein wichtiges Argument, das Vinzent anführt, ist das sogenannte Argumentum e silentio – das Argument aus dem Schweigen der Quellen. Er weist darauf hin, dass bedeutende frühe christliche Schriften des 2. Jahrhunderts, wie die des Polykarp oder Ignatius, zwar Paulus zitieren und sich auf ihn beziehen, aber kaum oder gar keine Zitate aus den narrativen Teilen der Evangelien enthalten, wie etwa Wundergeschichten. Wenn die Evangelien bereits um 70 n. Chr. existiert hätten, so Vinzent, müssten sie als Berichte über Jesus doch unter den Christus-Anhängern zitiert worden sein. Die einzigen Zitate, die auftauchen, sind „Worte des Herrn“, die aber oft nicht mit den uns bekannten Evangelien übereinstimmen.

Kritiker wie Kinzig mahnen zur Vorsicht beim Argumentum e silentio, da es viele Gründe geben kann, warum Quellen schweigen, insbesondere wenn nur sehr wenige Quellen überhaupt erhalten sind. Dennoch regt Vinzents Beobachtung zum Nachdenken an und fordert eine Neubewertung der Datierung.

Die Datierung der Evangelien: Ein Hypothesen-Raum

Was spricht für eine frühere Datierung der Evangelien? Eve-Marie Becker verweist auf die stark eschatologisch geprägte Erzählung des Markus-Evangeliums, die noch sehr stark endzeitliche Erwartungen und Naherwartungen der Wiederkunft Christi zum Ausdruck bringt. Dies könnte ein Hinweis auf eine Abfassung in einer Zeit sein, in der diese Erwartungen noch sehr präsent waren. Doch auch hier bleibt Raum für Interpretation, denn „nah“ kann in den ersten Jahrzehnten oder Jahrhunderten nach Jesu Tod sehr unterschiedlich definiert werden. Die Suche nach inneren Gründen für die Datierung von Evangelien bleibt somit hypothetisch.

Die Rekonstruktion von Markions Evangelium durch den Neutestamentler Matthias Klinghardt aus den Schriften seiner Gegner hat Vinzents These weiter gestärkt. Klinghardts Ergebnis, dass Markions Evangelium keine Kurzfassung des Lukasevangeliums war, sondern dass Lukas eine verlängerte Fassung von Markions Evangelium sein könnte, stellt die bisherige Forschungsmeinung auf den Kopf. Während Kinzig dies für eine Übertreibung hält und längere Redaktionsprozesse vermutet, bei denen Markion einen älteren Text bearbeitet und Lukas in Reaktion darauf antimarkionitisch gearbeitet haben könnte, geht Vinzent noch weiter: Er schlägt vor, dass alle biblischen Evangelien in kurzer Zeit an einem Ort – nämlich in Rom zwischen 140 und 144 n. Chr. – in ständiger Auseinandersetzung mit Markions Projekt entstanden sind.

Fazit: Markion als neuer archimedischer Punkt?

Wenn Markus Vinzent Recht hat und die Evangelien später datiert werden müssen, dann wird der „Hypothesen-Raum“ des frühen Christentums, von dem Kinzig spricht, noch leerer. Die Anfänge des Christentums, wie wir es kennen, würden dann erst um die Mitte des 2. Jahrhunderts greifbar. Vinzent sieht sich selbst als „Enttäuscher“, weil wir vor Markions Paulus-Sammlung und Evangelium nicht weiter zurückreichen können. Gleichzeitig ist er aber „konstruktiv“, weil wir mit Markion zum ersten Mal einen bekannten Redakteur haben, dessen Arbeit wir untersuchen können, um Rückschlüsse auf die eventuell vorausliegenden Materialien zu ziehen.

Ausgerechnet der „Erzketzer“ Markion könnte somit zum neuen Archimedischer Punkt für die Erforschung des frühen Christentums werden. Dies ist vielleicht nicht so ungewöhnlich, wie es auf den ersten Blick scheint, denn oft sind es gerade die strittigen Punkte und Auseinandersetzungen, die vehement und schriftlich ausgetragen wurden und daher überlebt haben. Auch wenn man Markus Vinzent nicht in allen Punkten folgen mag, hat seine Forschung das Feld der frühen Christentumsgeschichte zweifellos wieder spannender gemacht und den bisherigen Forschungskonsens als eine von mehreren möglichen hypothetischen Rekonstruktionen sichtbar werden lassen.

Häufig gestellte Fragen (FAQs)

  • Was ist das 'Synoptische Problem'?
    Das synoptische Problem befasst sich mit den Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen den Evangelien nach Matthäus, Markus und Lukas. Da sie sich inhaltlich und sprachlich stark ähneln, müssen die Autoren in irgendeiner Form die Texte der jeweils anderen gekannt und genutzt haben. Die vorherrschende Theorie ist die 'Markus-Priorität', die besagt, dass Markus das älteste Evangelium ist und von Matthäus und Lukas als Quelle verwendet wurde, ergänzt durch eine hypothetische 'Q-Quelle' für Material, das nur Matthäus und Lukas teilen.
  • Warum ist Markion so umstritten?
    Markion ist umstritten, weil er eine radikale Trennung zwischen dem Gott des Alten Testaments (gerecht, strafend) und dem Gott des Neuen Testaments (liebend, barmherzig) postulierte. Er lehnte das Alte Testament als irrelevant für Christen ab und schuf eine eigene, stark gekürzte Bibelfassung. Dies führte zu seiner Verurteilung als Ketzer durch die frühe Kirche und machte ihn zu einem Symbol für theologische Abweichung.
  • Gibt es Beweise für eine frühe Datierung der Evangelien (vor Markion)?
    Die traditionelle Datierung der Evangelien (Markus ca. 70 n. Chr., Matthäus/Lukas ca. 80-90 n. Chr., Johannes später) basiert auf internen Hinweisen (z.B. Bezugnahme auf die Zerstörung Jerusalems) und der Annahme, dass sie vor dem Aufkommen der großen Häresien geschrieben wurden, um die apostolische Tradition zu sichern. Direkte archäologische Belege sind sehr selten, und die Argumente sind oft textkritischer Natur und basieren auf der Rekonstruktion von Quellenbeziehungen. Markus Vinzents These stellt diese Annahmen in Frage.
  • Was sind Markions 'Antithesen'?
    Die 'Antithesen' waren eine Einleitung zu Markions eigener Bibelfassung. In ihnen stellte er Verse aus seiner neu zusammengestellten Schrift (Paulusbriefe und sein Evangelium) Versen aus der bisherigen Heiligen Schrift (dem Alten Testament) gegenüber, um die von ihm empfundenen Widersprüche zwischen dem Gott des Gesetzes und dem Gott der Liebe aufzuzeigen.

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