Wie viele orthodoxe Juden gibt es in Deutschland?

Orthodoxes Judentum: Ein Leben im Gottesdienst

18/05/2023

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Das Judentum, eine der ältesten monotheistischen Religionen der Welt, birgt wie viele Glaubenssysteme verschiedene Strömungen und Interpretationen. Eine davon ist das orthodoxe Judentum, das sich durch eine besonders strenge Auslegung religiöser Texte und Traditionen auszeichnet. Wenn vom orthodoxen Judentum die Rede ist, denken viele an tiefe Frömmigkeit, unerschütterliche Prinzipientreue und eine Lebensführung, die sich stark an überlieferten Geboten orientiert. Doch was genau macht diese Strömung so besonders, und welche Rolle spielen dabei Konzepte wie Rechtgläubigkeit und die Verwandlung des gesamten Lebens in einen Akt des Gottesdienstes?

Der Begriff „orthodox“ stammt aus dem Griechischen und setzt sich aus den Wörtern „Orthos“ (richtig) und „Doxa“ (Glaube) zusammen. Er bedeutet demnach „rechtgläubig“ oder „strenggläubig“. Im Kontext des Judentums, aber auch des Christentums und des Islam, beschreibt Orthodoxie eine Glaubenshaltung, die sich durch die wortgetreue Interpretation heiliger Schriften und die konsequente Einhaltung religiöser Gesetze auszeichnet. Sakrale Riten, traditionelle Feste, spezifische Gewänder und Symbole spielen eine zentrale Rolle und sind tief in uralten Traditionen verwurzelt.

Wie viele orthodoxe Juden gibt es in Deutschland?
Damit wurde das jüdische Leben in Deutschland fast komplett vernichtet. Seit 1990 erhöhte sich die Zahl der in Deutschland in Gemeinden organisierten Jüdinnen und Juden auf über 90.000 - in der Mehrheit orthodoxe Juden. Vor allem aus Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion wanderten die Menschen nach Deutschland ein.

Im allgemeinen Sprachgebrauch kann der Begriff „orthodox“ manchmal negativ konnotiert sein und Eigenschaften wie Unflexibilität, Starrsinn oder Rückwärtsgewandtheit suggerieren. Doch aus der Perspektive der Gläubigen steht er für eine klare Linie, unerschütterliche Prinzipientreue und eine tiefgreifende Hingabe an die göttlichen Gebote. Es ist ein Bekenntnis zu einer Lebensweise, die sich bewusst von säkularen Trends abgrenzt und stattdessen die Einhaltung der Tora und des Talmuds in den Mittelpunkt stellt.

Inhaltsverzeichnis

Die Vielfalt des orthodoxen Judentums: Modern-Orthodox und Ultraorthodox

Das orthodoxe Judentum ist keine monolithische Bewegung, sondern eine der Hauptströmungen des heutigen Judentums, die sich neben dem liberalen und dem konservativen Judentum etabliert hat. Innerhalb der Orthodoxie gibt es weitere Unterteilungen, insbesondere zwischen dem modern-orthodoxen und dem ultraorthodoxen Judentum. Diese Unterscheidungen spiegeln verschiedene Grade der Integration in die moderne Gesellschaft und unterschiedliche Interpretationen der religiösen Vorschriften wider.

Der Begriff „orthodoxes Judentum“ selbst tauchte erstmals im 19. Jahrhundert auf. Er entstand als Abgrenzung zum damals neu aufkommenden Reformjudentum, das eine liberalere Auslegung der jüdischen Gesetze und Traditionen vertrat. Orthodoxe Juden hingegen orientieren sich strikt an der schriftlich und mündlich überlieferten Lehre, die in der Tora und dem Talmud niedergeschrieben ist. Die Tora, als maßgebendes Wort Gottes, wird dabei nicht als statisches Dokument, sondern als eine sich stets weiterentwickelnde Quelle der Weisheit verstanden, deren Prinzipien jedoch unveränderlich sind.

Für orthodoxe Juden ist die Tora so prägend, dass sie das gesamte Leben als einen fortwährenden Gottesdienst begreifen. Das bedeutet, dass jede Handlung, jeder Gedanke und jede Entscheidung im Lichte der religiösen Vorschriften und im Dienste der Religion getroffen wird. Es ist ein Leben, das konsequent den göttlichen Regeln folgt und sich diesen vollständig unterordnet.

Das ultraorthodoxe Judentum: Eine Welt für sich

Besonders streng ist die Form des Judentums, die als ultraorthodox bezeichnet wird. Diese Gruppierung unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht deutlich vom modern-orthodoxen Judentum und dem säkularen Leben. Ein auffälliges Merkmal ist oft der Kleidungsstil, der traditionelle Elemente wie lange Mäntel, Hüte und Bärte bei Männern sowie bescheidene Kleidung und die Bedeckung der Haare bei Frauen umfasst, wobei manche Frauen nach der Hochzeit sogar Perücken tragen.

Ultraorthodoxe Juden pflegen oft einen Lebensstil, der sich bewusst vom weltlichen Wissen und den Einflüssen der Mainstream-Gesellschaft abgrenzt. Viele von ihnen besitzen weder ein internetfähiges Mobiltelefon noch einen Fernseher, um sich vor potenziell schädlichen Inhalten zu schützen und sich ganz auf religiöse Studien und die Gemeinschaft zu konzentrieren. Ihr Leben ist streng reguliert und oft auf ein rabbinisches Oberhaupt ausgerichtet, das als spiritueller Führer dient.

Weltweite Verbreitung und Zentren ultraorthodoxen Lebens

Die Zahl der ultraorthodoxen Juden wird weltweit auf etwa 1,3 bis 1,5 Millionen geschätzt. Der größte Teil dieser Gemeinschaft lebt in Israel, wo etwa 700.000 Ultraorthodoxe beheimatet sind. Weitere bedeutende Zentren finden sich in den Vereinigten Staaten und Kanada mit rund 500.000 Gläubigen. Außerhalb Israels gibt es wichtige ultraorthodoxe Gemeinschaften und Viertel in Städten wie:

  • New York (insbesondere im Stadtteil Brooklyn, USA)
  • London, Manchester und Gateshead (England)
  • Straßburg (Frankreich)
  • Antwerpen (Belgien)
  • Wien (Österreich)
  • Zürich (Schweiz)

Für Deutschland liegen keine spezifischen Zahlen zur Anzahl der orthodoxen oder ultraorthodoxen Juden vor, jedoch ist das orthodoxe Judentum auch hier ein integraler Bestandteil der jüdischen Gemeinden, wenn auch in kleinerem Umfang als in den genannten globalen Zentren.

Alltag, Familie und gesellschaftliche Rolle

Das Leben ultraorthodoxer Juden unterscheidet sich in vielen Aspekten von dem der Mehrheitsgesellschaft:

  • Arbeit und Studium: Ein signifikanter Anteil der ultraorthodoxen jüdischen Männer in Israel, schätzungsweise 60 bis 70 Prozent, ist nicht berufstätig. Sie verbringen den Großteil ihrer Zeit in religiösen Lehranstalten (Jeschiwot), wo sie sich intensiv dem Studium religiöser Schriften widmen. Teilweise erhalten sie hierfür staatliche finanzielle Unterstützung.
  • Familienleben: Ehen werden in der Regel früh geschlossen, oft im Alter von 18 bis 20 Jahren. Ultraorthodoxe Familien sind im Durchschnitt sehr kinderreich, mit durchschnittlich sieben Kindern pro Familie.
  • Wirtschaftliche Situation: Trotz der staatlichen Unterstützung lebte im Jahr 2018 mehr als die Hälfte der ultraorthodoxen israelischen Juden unter der Armutsgrenze, was die Herausforderungen ihres Lebensstils in einer modernen Wirtschaft verdeutlicht.
  • Wehrpflicht: Viele Ultraorthodoxe sind in Israel von der Wehrpflicht befreit. Ein Grund hierfür ist, dass einige Gruppierungen den Staat Israel in seiner heutigen Form ablehnen, da sie der Ansicht sind, dass nur der Messias einen jüdischen Staat wiedererrichten darf.
  • Politischer Einfluss: Ultraorthodoxe Gruppierungen und Parteien haben seit der Staatsgründung Israels einen erheblichen politischen Einfluss. Ohne ihre Unterstützung können sich oft keine stabilen Regierungsmehrheiten bilden, was ihre Bedeutung im politischen System des Landes unterstreicht.

Der Schabbat: Herzstück des ultraorthodoxen Lebens

Das wichtigste Element im Leben eines ultraorthodoxen Juden ist die Einhaltung des Schabbat (auch Sabbat genannt). Dieser Ruhetag, der siebte Wochentag im Judentum, beginnt am Freitagabend bei Sonnenuntergang und endet am Samstagabend nach Einbruch der Dunkelheit. Der Schabbat ist eine heilige Zeit der Ruhe, des Gebets und der Besinnung, die dem Menschen die Möglichkeit geben soll, sich von der alltäglichen Arbeit und den weltlichen Sorgen zu lösen und sich ganz dem Göttlichen zuzuwenden.

Die Sabbat-Regeln sind von enormer Bedeutung und werden extrem streng ausgelegt. Es gibt 39 verbotene Hauptarbeiten, die alle planvollen und zielgerichteten Tätigkeiten umfassen, die mit dem Werktag verbunden sind. Dazu gehören unter anderem Kochen, Schreiben, das Tragen von Lasten, Reisen, das Anzünden von Feuer (und somit das Betätigen elektrischer Geräte) und das Erledigen von Geschäften. Ziel ist es, den Menschen von jeglicher schöpferischen Arbeit zu befreien, die die Welt verändert, und ihn stattdessen auf das Geistige zu konzentrieren.

Es gibt jedoch Ausnahmen von diesen strengen Regeln, die die Menschlichkeit in den Vordergrund stellen. Die wichtigste Ausnahme ist die Rettung eines Menschenlebens (Pikuach Nefesch). In solchen Fällen dürfen und müssen die Sabbat-Regeln gebrochen werden, um Leben zu schützen.

Um die Sabbat-Regeln möglichst nicht zu verletzen, greifen ultraorthodoxe Juden oft zu Hilfsmitteln. Ein bekanntes Beispiel ist die Nutzung von Bewegungsmeldern oder Zeitschaltuhren für die Beleuchtung, um am Ruhetag Lichtschalter nicht berühren zu müssen. Auch spezielle Sabbat-Aufzüge, die automatisch in jedem Stockwerk halten, oder Sabbat-Öfen, die Speisen über Stunden warmhalten, ohne dass sie neu eingeschaltet werden müssen, sind Beispiele für solche Anpassungen.

Häufig gestellte Fragen zum orthodoxen Judentum

Was bedeutet „orthodox“ im jüdischen Kontext?
„Orthodox“ bedeutet im Judentum „rechtgläubig“ und bezeichnet die strengste Auslegung der schriftlichen (Tora) und mündlichen (Talmud) Überlieferungen. Es steht für eine Lebensweise, die sich konsequent an den göttlichen Geboten orientiert und das gesamte Leben als Gottesdienst versteht.
Wie unterscheidet sich ultraorthodox von modern-orthodox?
Während beide Strömungen die Tora als göttliches Wort anerkennen, integriert das modern-orthodoxe Judentum oft Elemente der modernen Gesellschaft (Bildung, Berufsleben, Technologie) in ihren Alltag, während das ultraorthodoxe Judentum eine stärkere Abgrenzung von der säkularen Welt und weltlichem Wissen praktiziert, oft ein sehr traditionelles Erscheinungsbild pflegt und sich primär auf religiöse Studien konzentriert.
Warum lehnen ultraorthodoxe Juden moderne Technik wie Internet oder TV ab?
Die Ablehnung moderner Technologien, insbesondere internetfähiger Geräte und Fernseher, dient dem Schutz vor Inhalten, die als moralisch schädlich oder ablenkend von den religiösen Pflichten empfunden werden. Es ist ein Mittel zur Bewahrung der spirituellen Reinheit und zur Konzentration auf das religiöse Leben und Studium.
Wie leben ultraorthodoxe Familien?
Ultraorthodoxe Familien sind in der Regel sehr groß und zeichnen sich durch ein starkes Gemeinschaftsgefühl aus. Männer widmen sich oft intensiv dem Tora-Studium, während Frauen eine zentrale Rolle in der Haushaltsführung und Kindererziehung spielen. Der Alltag ist stark von religiösen Ritualen, Gebeten und der Einhaltung der Kaschrut-Gesetze (Speisegesetze) geprägt.
Was ist der Schabbat und seine Bedeutung für orthodoxe Juden?
Der Schabbat ist der wöchentliche Ruhetag im Judentum, der von Freitagabend bis Samstagabend dauert. Er ist das Herzstück des orthodoxen Lebens und eine Zeit, in der jegliche Form von schöpferischer Arbeit untersagt ist. Er dient der spirituellen Erneuerung, der Gemeinschaft und der Besinnung auf Gott, als Erinnerung an die Schöpfung und den Bund Gottes mit Israel.

Das orthodoxe Judentum ist somit weit mehr als nur eine Religion; es ist eine allumfassende Lebensweise, die jeden Aspekt des Daseins durchdringt und zu einem ständigen Akt der Hingabe und des Gottesdienstes macht. Es ist ein faszinierendes Beispiel für die tiefe Verankerung in Traditionen und die unerschütterliche Treue zu einem Glauben, der über Jahrtausende hinweg bewahrt und gelebt wird.

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