Wie hilft der Geist uns zu beten?

Fasten mit dem Bräutigam: Eine biblische Einsicht

16/04/2023

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Die Frage, ob man mit dem Bräutigam fasten kann, mag auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheinen. Doch sie ist tief in den biblischen Texten verwurzelt und offenbart eine grundlegende theologische Einsicht über das Wesen des Glaubens und die Gegenwart Gottes. Im Markusevangelium (Mk 2,18) wird Jesus direkt mit dieser Frage konfrontiert: „Warum fasten die Jünger des Johannes und die Jünger der Pharisäer, deine Jünger aber fasten nicht?“ Diese Beobachtung der Zeitgenossen Jesu ist verständlich, denn Fasten war eine etablierte religiöse Praxis mit vielfältigen Bedeutungen und Traditionen. Doch Jesus antwortete mit einem Bild, das die Zeiten und ihre Anforderungen neu definierte und eine tiefere Dimension des Fastens offenbarte, die über bloße Rituale hinausgeht.

Kann man mit dem Bräutigam Fasten?
Solange sie den Bräutigam bei sich haben, können sie nicht fasten. Es werden aber Tage kommen, da der Bräutigam von ihnen hinweggenommen wird. Und dann, an jenem Tag, werden sie fasten. (Mk 2,19-20)

Um Jesu Antwort zu verstehen, müssen wir uns zunächst die Fastenpraxis seiner Zeit ansehen. Fasten, der freiwillige Verzicht auf Nahrung für eine bestimmte Zeit, war in vielen Religionen und Kulturen verbreitet. Die Motivationen dafür waren vielfältig: Buße, Trauer, Reinigung, Vorbereitung auf eine Begegnung mit Gott oder auch als Ausdruck der Hingabe. Es war eine sichtbare und oft öffentliche Form der Frömmigkeit.

Inhaltsverzeichnis

Fasten in der Zeit Jesu: Johannes der Täufer und die Pharisäer

Die Zeitgenossen Jesu kannten verschiedene Formen des Fastens. Johannes der Täufer beispielsweise stand für ein strenges Bußfasten. Sein Leben in der Wüste, seine karge Nahrung aus Heuschrecken und wildem Honig waren Ausdruck einer radikalen Umkehr und eines enthaltsamen Lebens, das sich ganz dem Gesetz Gottes verschrieb. Seine Jünger folgten diesem asketischen Vorbild, und auch Jesus selbst zog sich nach seiner Taufe durch Johannes für vierzig Tage in die Wüste zurück, wo er fastete und in der Einsamkeit mit Gott rang. Dieses Fasten war eine Zeit intensiver geistlicher Vorbereitung und Prüfung, die für Jesu späteres Wirken von entscheidender Bedeutung war.

Die Pharisäer, eine einflussreiche religiöse Gruppe zur Zeit Jesu, pflegten ebenfalls eine ausgeprägte Fastenpraxis. Sie fasteten regelmäßig, oft zweimal pro Woche, am Montag und Donnerstag. Dieses Fasten war häufig mit äußerlichen Ritualen verbunden, wie besonderen Gebeten, dem Bestreuen mit Asche oder dem Verzicht auf Körperpflege. Dadurch waren fastende Menschen leicht zu erkennen. Für sie war das Fasten ein sichtbares Zeichen ihrer Frömmigkeit und ihrer Einhaltung des Gesetzes. Es gehörte zum festen Bestandteil ihres religiösen Lebens und war ein Ausdruck ihrer Hingabe an Gott und ihrer Bemühungen um Gerechtigkeit.

Angesichts dieser verbreiteten und hoch angesehenen Fastentraditionen war die Verwunderung der Menschen über Jesu Jünger, die nicht fasteten, absolut nachvollziehbar. Es schien, als würden sie sich nicht an gängige religiöse Normen halten, was Fragen nach Jesu Autorität und der Gültigkeit seiner Lehre aufwarf.

Jesus: Ein Fest statt Fasten?

Die Beobachtung, dass Jesu Jünger nicht fasteten, war nur eine Facette eines größeren Bildes. Jesus schien sich bewusst für einen anderen Weg zu entscheiden, der oft im Gegensatz zu den Erwartungen seiner Zeitgenossen stand. Statt strenges Fasten zu fordern, war sein Wirken oft von Festen und Gemeinschaftsmahlzeiten geprägt. Wir lesen immer wieder, wie er bei reichen Leuten zu Gast war, sich zu Tisch setzen ließ und sogar mit Zöllnern und Sündern aß – Menschen, die in den Augen der Pharisäer als unrein galten.

Ein herausragendes Beispiel für diese Haltung ist die Bekehrung des Zöllners Levi, die oft mit einem großen Festmahl gefeiert wurde (Mk 2,15-17). Jesus verglich das Reich Gottes in seinen Gleichnissen sogar mit einem königlichen Festmahl oder einem Hochzeitsmahl. Und das erste Wunder Jesu im Johannesevangelium war die Verwandlung von Wasser in Wein bei einer Hochzeit in Kana (Joh 2,1-11). Welch ein Kontrast zum asketischen Leben Johannes des Täufers! Es verwundert daher nicht, dass Jesus von seinen Gegnern verleumdet wurde, er sei ein „Fresser und Säufer“ (Mt 11,19; Lk 7,34). Diese Vorwürfe zeigten, wie stark Jesu Lebensstil mit den traditionellen Vorstellungen von Frömmigkeit brach.

Die wahre Bedeutung des Fastens bei Jesus

Bedeutet dies aber, dass Jesus das Fasten grundsätzlich ablehnte? Keineswegs. Das Nichtpraktizieren eines öffentlichen Fasttages hatte bei Jesus nichts mit einer generellen Ablehnung des Fastens zu tun. Für ihn war es vielmehr entscheidend, dass alles zur richtigen Zeit und vor allem aus innerer Überzeugung geschieht. Jesus kritisierte scharf die Heuchler, die ihr Fasten öffentlich zur Schau stellten, um von Menschen gesehen und gelobt zu werden (Mt 6,16f). Er betonte, dass seine Jünger im Verborgenen fasten sollten, nicht zur Selbstdarstellung, sondern als Ausdruck einer tiefen Beziehung zu Gott.

Jesus selbst fastete, wie erwähnt, vierzig Tage in der Wüste. Auch später zog er sich immer wieder in die Einsamkeit zurück, um zu beten – Zeiten, die sicherlich auch von Fasten begleitet waren. Diese Phasen waren für ihn entscheidend, um die Verbindung zum Vater zu stärken und sich auf seine Mission zu konzentrieren. Doch in seinem Wirken unter den Menschen war das Fasten oft fehl am Platz. Hier sollten die Menschen erkennen, dass Gott sie alle zum Fest des himmlischen Hochzeitsmahles einlädt. Jesu Auftreten war ein Fest für die Menschen: Sie fanden Heilung, Trost und die Vergebung ihrer Sünden. Ihre Trauer sollte sich in Freude verwandeln. Das war nicht die Zeit, um zu fasten, sondern um zu feiern und das Heil zu empfangen.

Der Bräutigam ist da: Die Hochzeitliche Zeit

Die zentrale Antwort Jesu auf die Fastenfrage der Pharisäer und Johannesjünger findet sich in Markus 2,19-20: „Können etwa die Hochzeitsgäste fasten, solange der Bräutigam bei ihnen ist? Solange sie den Bräutigam bei sich haben, können sie nicht fasten. Es werden aber Tage kommen, da der Bräutigam von ihnen hinweggenommen wird. Und dann, an jenem Tag, werden sie fasten.“

Dieses Bild ist für jeden verständlich: Solange eine Hochzeit gefeiert wird, ist nicht die Zeit für Trauer oder Verzicht. Eine Hochzeit ist ein Fest der Freude, des Überflusses und der Gemeinschaft. Trauer und Fasten gehören in die Zeit des Wartens auf das Heil oder der Abwesenheit. Jesus identifiziert sich hier selbst als der Bräutigam. Mit ihm ist die messianische Zeit angebrochen, die Zeit des Heils und der Freude. In ihm ist Gott in der Welt anwesend und feiert mit den Menschen das Fest der Freude, das seine Vollendung im himmlischen Mahl finden wird. Die Gegenwart Jesu, des Bräutigams, bedeutet, dass das Heil bereits da ist. Es ist eine Zeit des Jubels, nicht der Trauer oder der Buße im traditionellen Sinne.

Die Jünger Jesu fasteten nicht, weil der Bräutigam bei ihnen war. Ihre Freude über seine Gegenwart war so groß, dass Fasten unangebracht gewesen wäre. Sie durften die Fülle des Heils erfahren. Dieses „Nicht-Fasten“ war also kein Zeichen mangelnder Frömmigkeit, sondern Ausdruck der Freude über die Ankunft des Reiches Gottes in Jesus Christus.

Wenn der Bräutigam fort ist: Die Entwicklung der christlichen Fastenpraxis

Jesu Worte „Es werden aber Tage kommen, da der Bräutigam von ihnen hinweggenommen wird. Und dann, an jenem Tag, werden sie fasten“, weisen prophetisch auf seine Passion und seinen Tod hin. Als Jesus am Kreuz starb, war dies für seine Jünger ein Moment tiefer Trauer, des Verlusts und des Wartens. Der Karfreitag wurde sehr früh in der christlichen Tradition zu einem Tag der Trauer und des mitleidenden Fastens. Auch der Karsamstag, der Tag der Grabesruhe Jesu, wurde als Fasttag begangen. Die ältesten Zeugnisse für ein Fasten an diesen beiden Tagen reichen bis ins 2. Jahrhundert zurück und sprachen von einem Vollfasten, also der vollständigen Enthaltung von Speise und Trank.

Ausgehend vom Fasten am Karfreitag entwickelte sich der Brauch, an allen Freitagen des Jahres zu fasten, da Jesus an einem Freitag starb. Später kam der Mittwoch als Fasttag hinzu, da Judas Jesus an einem Mittwoch verraten haben soll. Die wohl bekannteste Entwicklung ist die Herausbildung einer vierzigtägigen Fastenzeit vor Ostern. Bereits das Konzil von Nikaia (325 n. Chr.) sprach von der „quadragesima paschae“, einer vierzigtägigen Vorbereitungszeit auf Ostern. Die Zahl 40 hat eine hohe symbolische Bedeutung in der Bibel: Jesus fastete 40 Tage in der Wüste, Mose fastete 40 Tage auf dem Sinai, und Elija wanderte 40 Tage zum Horeb. Diese Zahl symbolisiert Zeiten der Prüfung, der Vorbereitung und der Umkehr.

Die Entwicklung der 40-tägigen Fastenzeit:

PeriodeBeschreibung der FastenzeitAnmerkungen
Frühe Kirche (2. Jh.)Karfreitag und Karsamstag (Vollfasten)Zeiten der Trauer über Jesu Tod und Grabesruhe
Ab 3. Jh.Ausweitung auf die gesamte KarwocheIntensivierung der Vorbereitung auf Ostern
Ab 4. Jh.„Quadragesima Paschae“ (40 Tage)Beginn vom 6. Sonntag vor Ostern bis Gründonnerstag. Sonntage waren keine Fasttage.
5. Jh.Beginn am AschermittwochUm auf 40 tatsächliche Fasttage zu kommen (ohne Sonntage), wurde der Beginn um 4 Tage vorverlegt.
6. Jh.Einführung der VorfastenzeitAusweitung auf die drei Sonntage vor dem 1. Fastensonntag (im Westen, abgeschafft 1969).

Das ursprüngliche vierzigtägige Fasten bestand darin, sich mit einer Mahlzeit pro Tag zu begnügen, die am Abend eingenommen wurde, sowie dem Verzicht auf Fleischspeisen und Wein, teilweise auch auf weitere tierische Produkte. Ab dem Hochmittelalter kam es zu einer fortlaufenden Milderung der Fastenpraxis. Seit jeher war mit dem Fasten aber auch die innere Umkehr und das Teilen mit den Armen verbunden – nicht nur der Verzicht, sondern auch die Hinwendung zu Gott und dem Nächsten.

Alte Schläuche, neuer Wein: Die Herausforderung für das Fasten heute

Jesu Antwort auf die Fastenfrage gipfelt in zwei weiteren Gleichnissen, die seine Botschaft verdeutlichen (Mk 2,21-22): „Niemand näht ein Stück ungewalkten Tuches auf einen alten Mantel. Sonst reisst der Flicken davon ab, das neue vom alten, und der Riss wird noch schlimmer. Auch füllt niemand neuen Wein in alte Schläuche. Sonst wird der Wein die Schläuche zerreißen und der Wein geht zugrunde samt den Schläuchen. Neuen Wein füllt man in neue Schläuche.“

Diese praktischen Beispiele waren für die Menschen damals sofort einleuchtend. Ungewalktes Tuch zieht sich beim Nasswerden zusammen und würde einen alten Mantel nur noch mehr zerreißen. Junger, gärender Wein braucht elastische, neue Lederschläuche, da er sonst die spröden alten Schläuche zum Platzen bringt. Jesus zeigt hier die Unvereinbarkeit von Alt und Neu auf. Seine neue Lehre, die Ankunft des Reiches Gottes und die Freude über die Gegenwart des Bräutigams, kann nicht einfach in alte, starre Formen und Rituale gepresst werden. Man braucht ein neues Rezept, neue Formen, um etwas wirklich Neues zu schaffen.

Für die frühen Christen war religiös motiviertes Fasten eine Selbstverständlichkeit, die sie auch aus anderen Religionen kannten. Auch heute erleben wir die Fastenpraxis anderer Religionen, etwa wenn Muslime den Ramadan halten. Vielen Christen jedoch ist das Fasten aus religiösen Motiven fremd geworden. So stellt sich die Frage, welche Formen eine überzeugende Fastenpraxis heute in der Kirche haben könnte, die dem Geist Jesu entspricht. Es geht nicht um leeren Formalismus, sondern um eine innere Umkehr und eine bewusste Hinwendung zu Gott, die sich in Verzicht und Gebet, aber auch in der Freude über die Gegenwart des Bräutigams ausdrückt.

Die Gemeinschaft der Jünger Jesu muss neue Formen finden, um ihrer Religiosität Ausdruck zu verleihen, wenn die Zeit dafür gekommen ist. Das bedeutet, dass das Fasten heute nicht nur ein Verzicht sein sollte, sondern eine bewusste Zeit der Besinnung, der Umkehr und des Wartens auf die endgültige Vollendung des Reiches Gottes. Es ist eine Zeit, in der wir uns bewusst machen, dass der Bräutigam zwar in seiner vollen Herrlichkeit noch nicht sichtbar ist, aber in der Eucharistie und in der Gemeinschaft der Gläubigen unter uns weilt. Daher ist das christliche Fasten immer von der Hoffnung und der Freude auf seine Wiederkunft geprägt.

Häufig gestellte Fragen zum Fasten in der christlichen Tradition

Was bedeutet das Fasten im christlichen Glauben?

Im christlichen Glauben ist Fasten mehr als nur der Verzicht auf Nahrung. Es ist eine spirituelle Praxis, die der Umkehr, der Reinigung, der Vertiefung der Beziehung zu Gott und der Solidarität mit den Armen dient. Es ist eine Zeit der Besinnung auf das Wesentliche und der Vorbereitung auf wichtige Ereignisse, insbesondere auf Ostern.

Warum fasten Christen heute in der Fastenzeit?

Christen fasten heute in der 40-tägigen Fastenzeit (Lent) als Vorbereitung auf Ostern, das höchste Fest der Christenheit. Es ist eine Zeit der Besinnung auf Jesu Leiden, Tod und Auferstehung, eine Zeit der Buße und Umkehr. Es erinnert an Jesu 40 Tage in der Wüste und ist eine Gelegenheit, sich neu auf Gott auszurichten und Gewohnheiten zu überdenken.

Gibt es auch andere Formen des Fastens als den Nahrungsverzicht?

Ja, neben dem Verzicht auf Nahrung gibt es viele andere Formen des Fastens. Dazu gehören der Verzicht auf bestimmte Genussmittel (Alkohol, Süßigkeiten), auf Medienkonsum (Fernsehen, soziale Medien), auf bestimmte Gewohnheiten oder auf Luxus. Ziel ist immer, Raum für Gott zu schaffen und sich bewusster auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Ist Fasten eine Pflicht für Christen?

In vielen christlichen Konfessionen ist Fasten an bestimmten Tagen (z.B. Karfreitag und Aschermittwoch in der katholischen Kirche) geboten. Für die gesamte Fastenzeit wird es als Empfehlung oder Einladung zur persönlichen Umkehr gesehen. Wichtiger als die strikte Einhaltung äußerer Regeln ist die innere Haltung und die Motivation hinter dem Fasten.

Wie hängt das Fasten mit der „Freude“ zusammen, die Jesus anspricht?

Jesu Lehre zeigt, dass Fasten eine Frage des richtigen Zeitpunktes und der inneren Haltung ist. In der Gegenwart des Bräutigams (Jesus) ist Freude und Feiern angesagt. Wenn der Bräutigam scheinbar abwesend ist (z.B. nach Jesu Tod oder in Zeiten der Prüfung), ist Fasten angebracht als Ausdruck der Sehnsucht und Umkehr. Das christliche Fasten ist also immer von der Hoffnung auf die Wiederkunft des Bräutigams und die endgültige Freude des himmlischen Hochzeitsmahles getragen.

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