06/08/2023
Das Gebet ist seit jeher eine der tiefsten und persönlichsten Formen der menschlichen Spiritualität. Es ist eine geistliche Begegnung mit dem Göttlichen, sei es Gott selbst, die Heiligen oder unsere Verstorbenen. Während unendlich viel über das geistliche Erleben und die Erbauung durch das Gebet geschrieben werden kann, nimmt das „Gebet des Herrn“, das Vaterunser, eine besondere Stellung ein. Es ist ein Gebet, das seit 2000 Jahren in Gebrauch ist und dessen alte Sprache selbst in der Übersetzung eine Herausforderung für das tiefe Verständnis darstellt. Gerade weil das Glaubenswissen, das den Hintergrund jedes Gebetes bildet, zunehmend schwindet, ist es von entscheidender Bedeutung, die Bedeutung der Gebetsbitten neu zu erschließen. Denn nur so können wir die wahre Essenz und die tiefe spirituelle Kraft dieses zentralen Gebets erfassen und uns der Frage widmen, welche Motivationen im Gebet wirklich von Bedeutung sind – und welche sich verbieten.

- Die Essenz des Gebets: Mehr als nur Worte
- Das Vaterunser: Ein Gebet mit tiefen Wurzeln
- Die sieben Bitten entschlüsselt: Ein Wegweiser zum Verständnis
- Welche Motivationen verbieten sich für das Gebet?
- Häufig gestellte Fragen zum Vaterunser und Gebet
- Ist das Vaterunser, das wir beten, identisch mit dem Gebet Jesu?
- Warum sprechen wir Gott im Vaterunser als „Vater“ an, obwohl er auch Sohn und Heiliger Geist ist?
- Bedeutet „Dein Wille geschehe“, dass ich meinen eigenen Willen aufgeben muss?
- Was bedeutet der Zusatz „unser“ im „Vater unser“?
- Warum ist es wichtig, Gottes Namen zu „heiligen“?
Die Essenz des Gebets: Mehr als nur Worte
Ein Gebet ist weit mehr als nur das Aufsagen von Worten; es ist eine Haltung des Herzens, eine Hinwendung der Seele zum Schöpfer. Es ist ein Akt der Kommunikation, der uns über unsere irdische Existenz hinausführt und uns mit dem Transzendenten verbindet. Doch gerade in unserer modernen Zeit, in der das Verständnis für theologische Hintergründe schwindet, kann das Gebet zu einer leeren Formel verkommen. Das Vaterunser, das uns von Jesus selbst gelehrt wurde, ist ein Paradebeispiel dafür, wie tiefe theologische Wahrheiten in einfachen Worten verdichtet sind. Seine Bitten sind nicht nur Wünsche an Gott, sondern vielmehr eine Anleitung zu einer gottgefälligen Lebensführung und einem tiefen Verständnis unserer Beziehung zu Ihm. Es ist eine Einladung, in die göttliche Familie einzutreten und uns von Gottes Liebe durchdringen zu lassen.
Das Vaterunser: Ein Gebet mit tiefen Wurzeln
Die heute bekannte und in den Gottesdiensten praktizierte Form des Vaterunsers folgt der Matthäus-Version, deren lateinische Fassung wörtlich der lateinischen Bibel (Vulgata) entnommen ist. Dieses Gebet gliedert sich in sieben Bitten, die sich wiederum in zwei Hauptteile unterteilen lassen: die ersten drei sind sogenannte „Du-Bitten“ (z.B. „Dein Reich komme“), die sich direkt auf Gott beziehen, während die folgenden vier „Wir-Bitten“ (z.B. „Unser tägliches Brot“) unsere menschlichen Bedürfnisse und unsere Beziehung zu Gott zum Ausdruck bringen. Diese Struktur zeigt bereits die tiefe Verbundenheit zwischen der Ehre Gottes und dem Wohl des Menschen.
Die Doxologie: Ein Lobpreis nach dem Gebet
An die sieben Bitten des Vaterunsers schließt sich oft ein Lobpreis an, die sogenannte „Doxologie“: „Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.“ Dieser Zusatz gehört nicht zum ursprünglichen biblischen Text des Vaterunsers, sondern stammt aus der Gottesdienstpraxis der frühen Christen. Er wurde in manchen späteren Handschriften der Evangelien nachträglich eingefügt. Inhaltlich ist dieser Lobpreis dem Alten Testament entnommen und einem Dankgebet des Königs David nachgebildet (1 Chr 29,11). Obwohl die Doxologie oft außerhalb der Messfeier mitgebetet wird, entfällt sie im Stundengebet (in der Laudes und der Vesper) oder beim Rosenkranzgebet. Sie dient dazu, die Erhabenheit und Macht Gottes zu preisen, nachdem die Bitten vor ihn gebracht wurden.
Der Embolismus: Die Erweiterung der letzten Bitte
In der Liturgie schließt sich an das Vaterunser und die Doxologie oft der sogenannte Embolismus an, eine Erweiterung der letzten Bitte „Erlöse uns von dem Bösen“. Dieser liturgische Einschub bittet Gott explizit darum, uns von allem Bösen zu erlösen, uns Frieden zu schenken und uns vor Sünde und Verwirrung zu bewahren, bis Christus wiederkommt. Er unterstreicht die umfassende Dimension der Erlösung, die wir von Gott erbitten.
Die sieben Bitten entschlüsselt: Ein Wegweiser zum Verständnis
Die 1. Bitte: Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name
Die Anrede Gottes als „Vater“ im Vaterunser ist tiefgründig und birgt doch oft Missverständnisse in sich. Obwohl Gott nicht nur Vater ist, sondern auch Sohn und Heiliger Geist, sprechen wir (nicht nur) im Vaterunser allein den Vater an. Dies kann zu Verwirrungen führen, als ob Gott mit dem Vater identisch sei. Der Grund für dieses Missverständnis liegt oft in der ungewohnten Lehre von der Dreifaltigkeit. Der Fehler, der uns Christen sprachlich immer wieder unterläuft, ist, die Väterlichkeit als eine bloße Eigenschaft Gottes anzusehen – so als wäre Gott ein „väterlicher Typ“. Doch Gott ist nicht nur väterlich; Er ist Vater – und zwar in Person, nicht nur in Funktion. Gott ist in sich Vater, aber nicht identisch damit, denn er ist auch der Sohn und der Geist.
Gott ist familiär, nicht nur väterlich
Es wäre präziser, wenn wir – solange wir Gott in seinem Wesen beschreiben wollen – nicht nur vom „Vater“ sprechen, sondern vom „familiären Gott“ oder noch besser vom „liebevollen Gott“. Denn Gott ist in sich ein familiäres, lebendiges und liebevolles Geschehen. Wir sollten im gleichen Maße von „Gott, dem Vater“ auch von „Gott, dem Sohn“ und „Gott, dem Heiligen Geist“ sprechen. Unser Verständnis identifiziert den Vater oft so sehr mit dem gesamten Wesen Gottes, dass Jesus und der Heilige Geist dabei in den Hintergrund treten.
„... unser ...“ – Ein Gebet der Gemeinschaft
Der Zusatz „unser“ im „Vater unser“ ist von großer Bedeutung. Er macht deutlich, dass dies ein Gebet der Gemeinschaft ist, der Kirche. Es ist nicht primär ein individuelles Gebet, sondern ein Gebet, das uns als Teil des Leibes Christi verbindet. Jesus selbst bat nicht um Vergebung seiner Schuld, da er sündlos war (Hebr 4,15). Wenn wir also das Vaterunser beten, treten wir in die Gemeinschaft der Kinder Gottes ein, die durch die Taufe „Christus gleichgestaltet“ wurden. Wir sind nun „Söhne“ und „Töchter“ Gottes und dürfen – wie Jesus – zum Vater reden. Dieses „unser“ betont die Verbundenheit und Solidarität aller Gläubigen.
„... im Himmel“ – Transzendenz und Gemeinschaft
„Vater unser im Himmel“ fasst in vier Worten den Kern des christlichen Glaubens zusammen: Weil wir eins mit Christus werden, dürfen wir mit ihm zusammen Teil der Dreifaltigkeit werden. Der jenseitige Gott öffnet sich, um uns in sich aufzunehmen. Das nennen wir Himmel. Dieser Zusatz „im Himmel“ (oder wie es in früheren Übersetzungen korrekt hieß: „der du bist im Himmel“) findet sich nur bei Matthäus. Er betont zum einen die Jenseitigkeit Gottes (er ist nicht in den Dingen, Bildern und Götzen zu finden); gleichzeitig bedeutet Himmel aber auch die Gemeinschaft von Gott und Mensch. Gott ist also nicht Teil dieser Welt, wir aber sollen Teil der göttlichen Dreifaltigkeit werden.
„Geheiligt werde dein Name“ – Die Heiligkeit Gottes wahren
Heilig ist zunächst nur Gott; „heilig“ lässt sich fast mit „göttlich“ übersetzen. Einen heiligen Menschen nennen wir so, weil er für uns zur Erfahrung Gottes wird. Wir heiligen uns, weil wir Gott gehören und ihm ähnlich werden wollen. Ein Ort, eine Zeit oder ein Gegenstand gilt als heilig aufgrund der jeweiligen Gott-Zugehörigkeit. Das althochdeutsche Wort „hei-lag“ lässt etwas von einem göttlichen Glanz erahnen, der sich auf etwas Irdisches legt.
Gottes Namen zu heiligen bedeutet also, Gott nicht seine Göttlichkeit abzusprechen oder ihn zumindest nicht so zu behandeln, als sei er ein Geschöpf wie anderes auch. Wer Gottes Namen heiligt und sich um die Wahrung des göttlichen Geheimnisses bemüht, wird (fast wie nebenbei) selbst immer gottgemäßer. Gott hat uns seinen Namen geoffenbart und sich damit (in gewisser Weise) in die Hände des Menschen gelegt. Während das „sich den Menschen ausliefern“ im Alten Testament eher bildlich gemeint ist, geschieht das in Jesus Christus dann buchstäblich und schließlich in der Eucharistiefeier sakramental. Ein Gott, der sich in unsere Hände legt, gibt uns damit die Aufgabe, ihn gottgemäß zu behandeln. So wie jeder Mensch, der sich in unsere Hände begibt, auf unser Wohlwollen und Respekt vertraut. Der Name eines Menschen oder eines Dinges wird oft nicht nur als Rufname, sondern als Bezeichnung des inneren Wesens verstanden.
Die 2. Bitte: Dein Reich komme
Mit der Bitte um das Kommen des Reiches wird nicht etwa Gott aufgefordert, endlich seine Herrschaft auszuüben. Vielmehr geht es bei der Bitte um die Bekehrung der Menschen, Gott als Herrn anzuerkennen und sich ihm vertrauensvoll anzugleichen. So heißt es auch zu Beginn des Markus-Evangeliums: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1,14). Es ist eine Bitte, dass wir uns dem Reich Gottes öffnen und es in unserem Leben Wirklichkeit werden lassen, indem wir uns seinem Willen unterordnen und nach seinen Geboten leben.
Die 3. Bitte: Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden
So wie die Gottesherrschaft auch in christlichen Kreisen oft missverstanden wird, ist auch die Bitte „Dein Wille geschehe“ missverständlich. Geht es hier um blinden Gehorsam? Muss ich auf meinen eigenen Willen verzichten und krampfhaft erforschen, was Gottes Absicht ist? Tatsächlich sollen wir nicht im eigentlichen Sinne danach fragen, was Gott will, sondern danach, was Er für uns will. Und das besteht zumeist nicht in konkreten Handlungsanweisungen, sondern im Erreichen der Liebesgemeinschaft mit Ihm. Der Weg dorthin ist für uns Christen klar: Es ist die innere Einheit mit Christus („Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir.“ – Gal 2,20). Wir brauchen den Willen Gottes also nicht gesondert zu erfragen; Gott hat Seinen Willen in Christus geoffenbart („Ich will, dass alle eins sind – so wie der Vater und der Sohn eins sind“ – Joh 10,30).
Vielmehr geht es darum, dass dieser uns längst bekannte Wille Gottes Wirklichkeit wird. Wie auch in den anderen Bitten, die sich scheinbar nur auf Gott beziehen („Dein Name werde geheiligt“), ist der Kern dieser Bitte also der Wunsch nach der eigenen Umkehr – und der Hinwendung zu Christus für alle anderen Menschen. Es wird mit dieser Bitte nicht um eine Unterordnung unter den Willen Gottes erbeten, sondern ein Einklang von Gott und Mensch. Letztlich geht es um Liebe, die immer Freiheit voraussetzt. Wobei auch der Begriff „Gehorsam“ nicht bedeutet, seinen eigenen Willen abzugeben, sondern sich den Willen eines anderen anzueignen. Gehorsam setzt Hören und Hinhören voraus – genauso wie Vertrauen und Freiheit. So heißt es in einem Gebet aus dem Messbuch: „Gib, dass wir lieben, was du befiehlst“. Liebe ohne Freiheit ist aber keine Liebe.

Welche Motivationen verbieten sich für das Gebet?
Basierend auf dem tiefen Verständnis des Vaterunsers und der Natur Gottes, wie sie uns offenbart wird, lassen sich bestimmte Motivationen für das Gebet identifizieren, die sich verbieten, da sie dem wahren Wesen der geistlichen Begegnung widersprechen. Ein echtes Gebet ist kein magischer Akt, keine Liste von Forderungen an einen Dienstleister und kein Versuch, Gottes Willen zu manipulieren.
1. Eigennutz und Manipulation: Das Gebet sollte nicht primär dazu dienen, persönliche Wünsche zu erfüllen, die nicht im Einklang mit Gottes größerem Plan oder dem Wohl anderer stehen. Wenn wir beten, um Gott zu zwingen, unseren Willen zu tun, anstatt Seinen Willen zu suchen und uns ihm anzupassen, verfehlen wir den Kern des Gebets. Die Bitte „Dein Wille geschehe“ zeigt klar, dass es um die Ausrichtung auf Gottes liebevollen Plan geht, nicht um die Durchsetzung unserer egoistischen Absichten.
2. Mangel an Vertrauen und Glaube: Ein Gebet, das aus Verzweiflung, aus einem Gefühl der Hoffnungslosigkeit oder als letzter Ausweg gesprochen wird, ohne echtes Vertrauen in Gottes Güte und Allmacht, ist oberflächlich. Gott ist kein Notnagel, sondern der Quell allen Seins. Wahres Gebet entspringt einem tiefen Glauben, dass Gott hört und antwortet, auch wenn seine Antwort nicht immer unseren Erwartungen entspricht.
3. Oberflächlichkeit und Routine: Das mechanische Aufsagen von Gebeten ohne innere Beteiligung oder echtes Nachdenken über die Worte ist ebenfalls eine verbotene Motivation. Das Vaterunser ist ein Gebet voller Bedeutung und Tiefe; es ist kein Mantra, das unbewusst wiederholt wird. Ein solches Gebet wird zu einer leeren Hülse und fördert keine echte spirituelle Verbindung.
4. Berechnung und Belohnung: Das Gebet sollte nicht als eine Art Tauschgeschäft verstanden werden, bei dem wir Gott etwas geben (Gebet, gute Taten), um im Gegenzug eine Belohnung oder einen Vorteil zu erhalten. Gott ist kein Händler, und unsere Beziehung zu ihm basiert auf bedingungsloser Liebe und Gnade, nicht auf Berechnung oder Verdienst.
5. Missverständnis der Natur Gottes: Wenn wir Gott als eine Art „Wunsch-Erfüller“ oder als eine nur „väterliche Figur“ betrachten, die uns nach Belieben Vorteile verschafft, missverstehen wir seine komplexe und heilige Natur als Dreifaltigkeit. Das Gebet soll uns helfen, die wahre Größe und das Mysterium Gottes zu erkennen, nicht es auf unsere menschlichen Vorstellungen zu reduzieren.
Um es zusammenzufassen, das Gebet ist eine Einladung zur Transformation und zur tiefen Gemeinschaft mit Gott. Es ist eine Gelegenheit, unseren Willen mit Seinem in Einklang zu bringen und uns von Seiner Liebe durchdringen zu lassen. Jegliche Motivation, die diesen Kern der Hingabe, des Vertrauens und der Liebe verletzt, sollte im Gebet vermieden werden.
Gute vs. Verbotene Gebetsmotivationen: Ein Vergleich
| Gute Motivationen | Verbotene Motivationen |
|---|---|
| Suche nach Gottes Willen und Führung | Eigennutz und Manipulation Gottes |
| Dankbarkeit und Lobpreis für Gottes Güte | Forderungen stellen und Ansprüche erheben |
| Hingabe und Vertrauen in Gottes Plan | Misstrauen oder Glaube an magische Wirkung |
| Bitte um Umkehr und Vergebung der Sünden | Oberflächlichkeit und mechanische Wiederholung |
| Streben nach Liebesgemeinschaft mit Gott | Gebet als Tauschgeschäft oder Belohnungssystem |
| Anbetung der wahren Natur Gottes (Dreifaltigkeit) | Reduzierung Gottes auf einen Wunscherfüller |
| Fürbitte für andere und die Welt | Ausschließlich egozentrische Bitten |
| Verbindung mit der Gemeinschaft der Gläubigen | Isolierte, individualistische Gebetshaltung |
Häufig gestellte Fragen zum Vaterunser und Gebet
Ist das Vaterunser, das wir beten, identisch mit dem Gebet Jesu?
Nein, nicht ganz. Jesus selbst bittet beispielsweise nicht um die Vergebung seiner Schuld, da er, wie es in der Bibel heißt, ohne Sünden gewesen ist (Hebr 4,15). Die Einleitung, dass wir beten sollen, „wie auch Jesus selbst gebetet hat“, übersieht, dass Jesus als wahrer, einziger und einzigartiger Sohn auf andere Weise mit dem Vater verbunden ist als wir es sind. Das Vaterunser, wie es uns gelehrt wurde, ist ein Gebet, das Jesus für uns, seine Jünger und die Kirche, bestimmt hat, um unsere Beziehung zum Vater zu artikulieren.
Warum sprechen wir Gott im Vaterunser als „Vater“ an, obwohl er auch Sohn und Heiliger Geist ist?
Die Anrede „Vater“ im Vaterunser ist keine Reduzierung Gottes auf eine einzelne Person der Dreifaltigkeit oder auf eine bloße Eigenschaft. Vielmehr lädt uns Jesus ein, in seine eigene Sohnesbeziehung zum Vater einzutreten. Indem wir den Vater ansprechen, treten wir in die göttliche Familie – in die Dreifaltigkeit – ein, indem wir den Blickwinkel des Sohnes einnehmen. Es ist eine theologische Präzisierung, die uns die einzigartige Beziehung Jesu zum Vater und unsere Teilhabe daran offenbart.
Bedeutet „Dein Wille geschehe“, dass ich meinen eigenen Willen aufgeben muss?
Nein, es geht nicht darum, den eigenen Willen blindlings aufzugeben oder passiv auf Gottes Anweisungen zu warten. Vielmehr bedeutet „Dein Wille geschehe“, dass wir uns nach Gottes Plan der Liebesgemeinschaft mit uns ausrichten. Gottes Wille ist in Christus offenbart: Er will, dass alle eins sind (Joh 10,30). Es geht um eine freie und liebevolle Angleichung unseres Willens an den Seinen, die immer Freiheit voraussetzt. Gehorsam bedeutet hier, bewusst hinzuhören und sich Gottes Willen anzueignen, nicht ihn abzuschaffen.
Was bedeutet der Zusatz „unser“ im „Vater unser“?
Der Zusatz „unser“ betont die gemeinschaftliche Natur dieses Gebets. Es ist das Gebet der Kirche, der Gemeinschaft der Gläubigen. Indem wir es gemeinsam beten, werden wir auch durch dieses Gebet Kirche. Es ist ein Ausdruck unserer Zusammengehörigkeit als Kinder Gottes und unserer gemeinsamen Beziehung zum himmlischen Vater. Bei Lukas fehlt der Zusatz „unser“, was manche Theologen als Hinweis darauf sehen, dass die Matthäus-Version die spätere Praxis der Gemeinde widerspiegelt, das Vaterunser gemeinsam zu beten.
Warum ist es wichtig, Gottes Namen zu „heiligen“?
Gottes Namen zu heiligen bedeutet, seine Göttlichkeit und sein Geheimnis zu achten und ihn nicht wie ein Geschöpf oder ein Objekt zu behandeln. Der Name Gottes steht für sein inneres Wesen. Indem wir seinen Namen heiligen, erkennen wir seine einzigartige Stellung an und bemühen uns, ihm gemäß zu leben. Es ist eine Anerkennung seiner Transzendenz und seiner Liebe, die sich uns offenbart hat und uns anvertraut.
Das Vaterunser ist somit weit mehr als eine Aneinanderreihung von Bitten; es ist eine theologische Schule des Gebets, die uns lehrt, Gott in seiner wahren Natur zu erkennen, unsere Beziehung zu ihm zu verstehen und unseren Willen mit seinem in Einklang zu bringen. Es ist ein Aufruf zur Umkehr, zur Gemeinschaft und zur tiefen Liebe, die unser Leben verwandelt und uns in die göttliche Familie aufnimmt. Wenn wir dieses Gebet mit dem richtigen Verständnis und den richtigen Motivationen sprechen, wird es zu einem mächtigen Werkzeug der spirituellen Transformation und der Verbindung mit dem Göttlichen.
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