15/11/2023
Während die kanonischen Evangelien nur spärliche Informationen über die Kindheit Jesu von Nazareth liefern, existieren darüber hinaus zahlreiche apokryphe Schriften, die versuchen, diese Lücke zu füllen. Eine der bekanntesten und einflussreichsten unter ihnen ist das Kindheitsevangelium nach Thomas, oft abgekürzt als KThom. Es ist eine Schrift, die tiefe Einblicke in die Volksfrömmigkeit und die Vorstellungen früher Christen über die Jugend des Gottessohnes bietet, auch wenn ihre Erzählungen nicht in den biblischen Kanon aufgenommen wurden. Dieser Artikel beleuchtet die Ursprünge, Inhalte und die überraschende Wirkungsgeschichte dieses faszinierenden Textes, der eine ganz andere Seite des jungen Jesus offenbart.

- Was ist das Kindheitsevangelium nach Thomas?
- Faszinierende Erzählungen aus Jesu Kindheit
- Die Entdeckung des ältesten Fragments: Ein Blick in die Vergangenheit
- Der Einfluss des Kindheitsevangeliums
- Kindheit Jesu: Kanonische vs. Apokryphe Sicht
- Häufig gestellte Fragen zum Kindheitsevangelium nach Thomas
- Schlussfolgerung
Was ist das Kindheitsevangelium nach Thomas?
Das Kindheitsevangelium nach Thomas (KThom) ist eine sogenannte apokryphe Schrift, was bedeutet, dass sie nicht Teil des offiziellen biblischen Kanons ist. Es entstand vermutlich gegen Ende des 2. Jahrhunderts, zu einer Zeit, als die vier uns bekannten kanonischen Evangelien (Matthäus, Markus, Lukas, Johannes) bereits weitgehend etabliert waren und ihre Autorität in der frühen Christenheit unbestritten war. Der Autor des KThom ist unbekannt, obwohl in den meisten Handschriften der Apostel Thomas als Verfasser genannt wird – daher auch der Name. Es ist jedoch wichtig, es vom Thomasevangelium, einer Sammlung von Jesus-Sprüchen, zu unterscheiden, da es sich um völlig verschiedene Texte handelt.
Das KThom konzentriert sich auf die bislang unerzählten Jahre Jesu, genauer gesagt auf seine Kindheit zwischen dem fünften und zwölften Lebensjahr. Im Gegensatz zu den kanonischen Evangelien, die Jesu wundersames Wirken erst mit seinem öffentlichen Auftreten und dem Auszug in die Wüste beginnen lassen, stellt das KThom einen Jesus dar, der bereits in sehr jungen Jahren über außergewöhnliche Kräfte verfügt. Die Erzählungen reichen von Heilungen und wertneutralen Wundern bis hin zu überraschenden und sogar destruktiven Taten, die das Bild des jungen Jesus in einem ganz neuen Licht erscheinen lassen. Diese Mischung aus göttlicher Macht und kindlichem Temperament macht die Schrift besonders reizvoll und erklärt ihre weite Verbreitung in der Antike und im Mittelalter.
Faszinierende Erzählungen aus Jesu Kindheit
Das Kindheitsevangelium nach Thomas ist reich an lebhaften und oft erstaunlichen Geschichten über den jungen Jesus. Diese Erzählungen zeigen einen Jesus, der nicht nur wundersame Heilungen vollbringt, sondern auch seine göttliche Macht auf unerwartete Weise einsetzt. Hier sind einige der bekanntesten Episoden, die die Bandbreite der im KThom berichteten Taten verdeutlichen:
Jesus und die Tonvögel (KThom 2,2–5)
Diese Episode ist eine der berühmtesten und hat weitreichende kulturelle und religiöse Spuren hinterlassen. Im Alter von sechs Jahren (manchmal auch sieben) spielt Jesus mit anderen Jungen in einer Lehmgrube. Sie formen Vogelfiguren aus Lehm. Ein „alter Jude“ oder Rabbiner tadelt sie, da es Sabbat ist und Handwerksarbeiten an diesem heiligen Tag verboten sind. Als der Rabbiner die Figuren zerstören will, klatscht Jesus in die Hände und befiehlt den Tonvögeln, davonzufliegen. Augenblicklich werden die Figuren lebendig und fliegen mit lautem Geschrei davon. Diese Geschichte unterstreicht Jesu souveräne Macht über die Schöpfung schon in jungen Jahren und seine Fähigkeit, die Naturgesetze zu überwinden.
Jesus und Zachäus (KThom 6–8)
Diese Erzählung offenbart eine dunklere, aber faszinierende Seite des jungen Jesus. Nachdem Jesus in einem Streit mittels seiner Kräfte einen Jungen getötet hat – eine Tat, die im Kontrast zum späteren, barmherzigen Jesus steht –, entschließt sich Josef, Jesus in die Obhut des Gelehrten Zachäus zu geben. Dieser soll Jesus in „Sitte und Anstand“ unterrichten. Doch schon bald kommt es zu heftigen Wortgefechten zwischen dem kindlichen Jesus und dem erfahrenen Lehrer, insbesondere über die Deutung und Schreibung von Buchstaben. Als Jesus es wagt, den Gelehrten zu korrigieren, gibt Zachäus entmutigt auf und erklärt Josef: „So bitte ich Dich denn, Bruder Joseph, nimm dieses Kind zurück in Dein Haus. Denn dieser ist etwas Großes, ein Gott oder ein Engel, dass ich nicht weiß wie ich’s sagen soll.“ Diese Geschichte illustriert Jesu übermenschliche Weisheit und seine Fähigkeit, selbst die erfahrensten Lehrer zu übertreffen.
Jesus und Zenon (KThom 9)
Ein weiteres Beispiel für Jesu unglaubliche Macht ist die Geschichte von Zenon. Beim Spielen auf den Flachdächern von Nazareth fällt der kleine Zenon in die Tiefe und stirbt. Einige Spielkameraden beschuldigen Jesus, Zenon geschubst zu haben. Jesus bestreitet die Tat und fordert die trauernden Eltern des toten Knaben auf, ihr Kind selbst zu befragen. Jesus geht zu Zenon hin, spricht das einfache Wort „Erwache!“, und tatsächlich kehrt Zenon ins Leben zurück. Zenon berichtet daraufhin seinen Eltern, dass er selbst auf dem Dachrand daneben getreten und gestürzt sei, wodurch Jesu Unschuld bewiesen wird. Die Geschichte nimmt eine bemerkenswerte Wendung, als Jesus Zenon befiehlt, erneut zu „schlafen“, woraufhin dieser wieder stirbt. Trotz dieser ungewöhnlichen Ereignisse preisen Zenons Eltern Gott und ehren Jesus. Dies zeigt die absolute Kontrolle Jesu über Leben und Tod.
Jesus und der Wasserkrug (KThom 10)
Diese Erzählung zeigt Jesu Fürsorge und seine Fähigkeit, alltägliche Probleme auf wundersame Weise zu lösen. Maria bittet den jungen Jesus, Wasser aus einem Brunnen zu holen. Auf dem Weg entgleitet ihm der Krug und zerbricht. Die anderen Kinder sind untröstlich, da sie ihre eigenen Krüge nicht hergeben können. Doch Jesus tröstet sie und trägt das Wasser in seiner Schürze nach Hause, ohne einen einzigen Tropfen zu verschütten. Eine erweiterte Überlieferung berichtet, dass andere Kinder, die Jesus nacheifern wollten, ihre Krüge mutwillig zerschlugen, aber das Wasser nicht in ihren Schürzen tragen konnten. Als Jesus ihr bitterliches Weinen sieht, fügt er ihre Krüge mittels seiner Kräfte wieder zusammen. Diese Geschichte hebt Jesu Macht über materielle Dinge und seine barmherzige Natur hervor.
Der zwölfjährige Jesus im Tempel (KThom 17,1–5)
Die Geschichten im KThom münden schließlich in eine Episode, die auch in den kanonischen Evangelien, genauer im Lukas-Evangelium (Lukas 2,41–50 EU), zu finden ist: die Geschichte vom zwölfjährigen Jesus im Tempel. Hier beeindruckt Jesus die Lehrer im Jerusalemer Tempel mit seinem tiefen Verständnis der Schriften und seinen weisen Antworten. Dies stellt eine Brücke zwischen den apokryphen Kindheitserzählungen und dem kanonischen Bild des jungen Jesus dar, der schon in jungen Jahren eine außergewöhnliche göttliche Weisheit besitzt.
Die Entdeckung des ältesten Fragments: Ein Blick in die Vergangenheit
Die Überlieferung des Kindheitsevangeliums nach Thomas ist reich und komplex. Es ist ungeklärt, in welcher Sprache die Schrift ursprünglich verfasst wurde, doch die vorherrschende Meinung ist, dass sie „ursprünglich auf Griechisch verfasst wurde“. Dies wurde durch eine bemerkenswerte Entdeckung im Juni 2024 nochmals untermauert.

An der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky wurde das bisher älteste bekannte Textfragment des Kindheitsevangeliums nach Thomas entdeckt. Dieses Fragment, katalogisiert als P.Hamb.Graec. 1011, stammt aus dem 4. oder 5. Jahrhundert und ist damit deutlich älter als der zuvor als frühester geltende Kodex aus dem 11. Jahrhundert. Die Entdeckung wurde von den Papyrusexperten Lajos Berkes vom Berliner Institut und Gabriel Nocchi Macedo von der Universität Lüttich gemacht.
Das etwa elf mal fünf Zentimeter große Fragment enthält Reste von 13 Zeilen in griechischer Schrift, mit ungefähr zehn Buchstaben pro Zeile. Es wurde im spätantiken Ägypten entdeckt und behandelt den Anfang der berühmten Geschichte von „Jesus und den Tontauben“ (die Tonvögel). Lange Zeit blieb der Papyrus unbeachtet, da sein Inhalt für unbedeutend gehalten wurde. Die „unbeholfene“ Schrift ließ die Forscher zunächst vermuten, es handele sich um ein Alltagsdokument wie einen Privatbrief oder eine Einkaufsliste.
Die Analyse des Fragments bestätigte jedoch, dass es sich um eine Abschrift des Kindheitsevangeliums handelt, die dem ursprünglichen Text aus dem 2. Jahrhundert sehr nahekommt. Die Experten vermuten, dass die Abschrift als Schreibübung in einer Schule oder einem Kloster entstand, was die ungeübte Handschrift erklären würde. Diese Entdeckung ist von außerordentlichem Interesse für die Forschung, da sie nicht nur die Datierung des Textes weiter präzisiert, sondern auch neue Erkenntnisse zur Textüberlieferung und zur ursprünglichen Sprache des Kindheitsevangeliums liefert.
Der Einfluss des Kindheitsevangeliums
Obwohl das Kindheitsevangelium nach Thomas nicht in den biblischen Kanon aufgenommen wurde, hatte es eine weitreichende Wirkung, die weit über theologische Kreise hinausging. Es diente als wichtige Quelle für die Volksfrömmigkeit und beeinflusste Kunst und Literatur über Jahrhunderte hinweg.
Bezüge im Koran
Ein bemerkenswerter Bezug findet sich im Koran. In Sure 5, Vers 110 wird auf die Geschichte von Jesus und den Tonvögeln Bezug genommen: „(Damals) als Gott sagte: Jesus, Sohn der Maria! Gedenke meiner Gnade, die ich dir und deiner Mutter erwiesen habe, […] und (damals) als du mit meiner Erlaubnis aus Lehm etwas schufst, was so aussah wie Vögel, und in sie hineinbliesest, so daß sie mit meiner Erlaubnis (schließlich wirkliche) Vögel waren. […]“ Diese Passage ist ein integraler Bestandteil des Glaubens an Jesus im Islam und zeigt die interreligiöse Bedeutung dieser apokryphen Erzählung.
Stimulierende Wirkung auf Kunst und Legendenliteratur
Das Kindheitsevangelium nach Thomas wirkte „wie analoge Texte stimulierend auf die darstellende Kunst und Legendenliteratur seit dem Hochmittelalter“. Viele Szenen aus dem KThom wurden in Kunstwerken dargestellt, die zur Popularisierung dieser Geschichten beitrugen. Ein herausragendes Beispiel hierfür ist das Klosterneuburger Evangelienwerk aus dem 14. Jahrhundert, das mehrere Episoden aus Jesu Kindheit illustriert:
- Jesus trägt Wasser in seinem Schoß heim, nachdem ihm der Wasserkrug zerbrochen ist, während andere Kinder verwundert zusehen.
- Jesus überreicht Maria das Wasser in seinem Schoß.
- Jesus setzt die zerbrochenen Krüge der Kinder wieder zusammen, die es ihm gleichtun wollten.
- Jesus befiehlt dem zimmernden Josef, einen toten Mann aufzuerwecken, und Josef erweckt den Toten auf der Bahre.
- Beim Spielen fällt das Kind Zenon vom Dach, und Jesus erweckt es wieder, um seine Unschuld zu bezeugen.
- Jesus fängt mit anderen Kindern am Sabbat Fische, und als ein Jude sie tadelt und tot umfällt, erweckt Jesus ihn auf Bitten Marias und Josefs wieder.
- Jesus spielt mit Löwen und führt sie bis vor das Stadttor, was die Stadtbewohner erschreckt.
- Jesus macht die Tonvögelchen seiner Spielkameraden lebendig.
- Jesus streitet mit dem Lehrer Zacharias über die Natur der Buchstaben, wobei der Lehrer ihn mit der Rute züchtigen will.
Diese Darstellungen zeigen, wie sehr die Geschichten des KThom die Vorstellungswelt der Menschen prägten und als Quellen für künstlerische und literarische Inspiration dienten, auch wenn sie nicht als kanonisch galten. Sie sind ein Zeugnis der tief verwurzelten volkstümlichen Neugier auf die unbekannten Jahre Jesu.
Kindheit Jesu: Kanonische vs. Apokryphe Sicht
Die Frage nach der Kindheit Jesu wird in den kanonischen und apokryphen Schriften sehr unterschiedlich behandelt. Die Bibel, wie wir sie kennen, schweigt weitgehend über diesen Lebensabschnitt, während das Kindheitsevangelium nach Thomas diese Stille mit einer Fülle von wundersamen Erzählungen füllt.
Was sagt die Bibel über die Kindheit des Jesus von Nazareth?
Die kanonischen Evangelien berichten nur sehr wenig über Jesu Kindheit zwischen seiner Geburt und seinem öffentlichen Auftreten als Erwachsener. Das Matthäus- und Lukas-Evangelium schildern die Umstände seiner Geburt und frühesten Kindheit (z.B. die Flucht nach Ägypten, die Rückkehr nach Nazareth). Danach gibt es eine lange Lücke. Die einzige detailliertere Begebenheit ist die im Lukas-Evangelium (Lukas 2,41–50 EU) berichtete Episode, in der der zwölfjährige Jesus im Tempel bleibt und die Schriftgelehrten mit seiner Weisheit verblüfft. Danach heißt es lapidar, dass er nach Nazareth zurückkehrte und seinen Eltern gehorsam war. Markus und Johannes beginnen ihre Erzählungen direkt mit Jesu Taufe und öffentlichem Wirken. Die Bibel konzentriert sich auf die theologische Bedeutung Jesu als Heiland und weniger auf biografische Details seiner Jugend.

Das Kindheitsevangelium als Ergänzung und Kontrast
Das KThom füllt diese Lücke, jedoch mit einer ganz anderen Betonung. Es zeigt einen Jesus, der nicht erst seit seinem Auszug in die Wüste, sondern schon sehr früh zu wundersamem Wirken fähig war. Die Schrift berichtet vor allem von Heilungen durch das Kind Jesus, aber auch von wertneutralen Wundern (wie den Tonvögeln oder dem Wasserkrug) und sogar von destruktiven Taten des jungen Jesus (wie der Tötung eines Jungen oder das Sterben des Zenon nach seiner Auferstehung). Diese Darstellung eines Kindes mit übermenschlicher Macht, das diese nicht immer nur zum Guten einsetzt, ist ein starker Kontrast zum Bild des sanften und barmherzigen Jesus in den kanonischen Texten.
| Merkmal | Kanonische Evangelien (Matthäus, Markus, Lukas, Johannes) | Kindheitsevangelium nach Thomas (KThom) |
|---|---|---|
| Fokus auf Kindheit Jesu | Sehr begrenzt; hauptsächlich Geburt und die Episode im Tempel (Lukas). | Detaillierte Erzählungen über Jesu Alter von 5 bis 12 Jahren. |
| Art der Wunder | Beginnen mit öffentlichem Wirken; stets zum Wohl anderer, Zeichen der göttlichen Liebe. | Beginnen im Kindesalter; umfassen Heilungen, wertneutrale Wunder und auch destruktive Handlungen. |
| Literarische Einschätzung | Historisch-theologische Dokumente des frühen Christentums; bilden den Kern des christlichen Glaubens. | „Zeugnisse der Volksfrömmigkeit“; nicht historisch auswertbar, eher legendenhaft. |
| Autorität | Teil des inspirierten biblischen Kanons, grundlegend für Glaubenslehre. | Apokryph, nicht in den Kanon aufgenommen; spiegelt volkstümliche Vorstellungen wider. |
| Bild Jesu | Sanftmütig, barmherzig, lehrend, heilsbringend, mit dem Fokus auf Erlösung. | Mächtig, manchmal ungestüm, übermenschlich weise, aber auch mit kindlichem Zorn. |
Häufig gestellte Fragen zum Kindheitsevangelium nach Thomas
Ist das Kindheitsevangelium nach Thomas Teil der Bibel?
Nein, das Kindheitsevangelium nach Thomas ist keine kanonische Schrift und gehört daher nicht zum offiziellen biblischen Kanon. Es zählt zu den sogenannten apokryphen Schriften, die von der frühen Kirche aus verschiedenen Gründen nicht als inspirierte Texte anerkannt wurden.
Warum wurde es nicht in die Bibel aufgenommen?
Die Gründe für die Nichtaufnahme sind vielfältig. Zum einen war der Kanon der Evangelien (die vier uns bekannten) bereits Ende des 2. Jahrhunderts weitgehend festgelegt. Zum anderen enthielt das KThom theologische Aspekte und Erzählungen, die nicht mit dem etablierten Bild Jesu übereinstimmten, insbesondere die Darstellung eines kindlichen Jesus, der auch destruktive Wunder vollbringt. Die fehlende Kenntnis jüdischer Bräuche im Text weist zudem auf einen heidenchristlichen Autor hin, was ebenfalls ein Faktor gewesen sein könnte.
Gibt es andere Kindheitsevangelien?
Ja, das Kindheitsevangelium nach Thomas ist nur eines von mehreren apokryphen Kindheitsevangelien. Ein weiteres bekanntes Beispiel ist das Protoevangelium des Jakobus, das sich mit der Geburt Marias und der Kindheit Jesu bis zum zwölften Lebensjahr beschäftigt. Diese Texte waren in der Antike und im Mittelalter sehr beliebt, da sie die Neugier auf die unbekannten Jahre Jesu stillten.
Was ist der Unterschied zum Thomasevangelium?
Obwohl beide Schriften den Namen „Thomas“ tragen, handelt es sich um zwei völlig unterschiedliche Texte. Das Kindheitsevangelium nach Thomas erzählt Geschichten über Jesu Kindheit. Das Thomasevangelium hingegen ist eine Sammlung von 114 Sprüchen und Weisheiten, die Jesus zugeschrieben werden, ohne eine narrative Struktur zu bieten. Es wurde ebenfalls nicht in den biblischen Kanon aufgenommen und repräsentiert eine andere theologische Strömung des frühen Christentums.
Welche Bedeutung hat das Kindheitsevangelium heute?
Obwohl es nicht kanonisch ist, hat das Kindheitsevangelium nach Thomas heute eine große Bedeutung für die Forschung. Es ist ein wertvolles „Zeugnis der Volksfrömlichkeit“ und bietet Einblicke in die vielfältigen Vorstellungen und Spekulationen über Jesus in den frühen Jahrhunderten des Christentums. Es zeigt, wie die Menschen versuchten, die Lücken in den kanonischen Erzählungen zu füllen, und wie sich ein volkstümliches Bild Jesu jenseits der theologischen Dogmen entwickelte. Zudem ist es eine wichtige Quelle für die Kunst- und Literaturgeschichte.
Schlussfolgerung
Das Kindheitsevangelium nach Thomas ist weit mehr als nur eine vergessene Schrift. Es ist ein faszinierendes Dokument der frühen christlichen Volksfrömmigkeit, das uns einen einzigartigen Einblick in die Vorstellungen über die Jugend Jesu gibt, die sich jenseits der kanonischen Überlieferung entwickelten. Die Geschichten vom Wunderknaben, der Tonvögel zum Leben erweckt, Lehrer in Staunen versetzt oder sogar mit kindlichem Zorn reagiert, zeigen eine Seite Jesu, die sowohl menschlich als auch göttlich ist – und dabei oft überraschend unkonventionell. Obwohl diese Erzählungen nicht als historisch auswertbare Quellen dienen, prägten sie die Kunst, Literatur und sogar andere religiöse Traditionen über Jahrhunderte hinweg.
Die jüngste Entdeckung des ältesten Fragments in Hamburg unterstreicht einmal mehr die anhaltende Relevanz dieses Textes für die Forschung und unser Verständnis der komplexen Entwicklung des Christentums. Das Kindheitsevangelium nach Thomas bleibt ein beredtes Zeugnis dafür, dass die Neugier auf das Leben Jesu und die Suche nach seiner vollständigen Geschichte seit jeher eine treibende Kraft für Glaubende und Gelehrte gleichermaßen war und ist.
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