15/04/2023
Inmitten der sanften Hügel Burgunds, in einem kleinen französischen Dorf namens Taizé, liegt ein Ort, der für viele Menschen, insbesondere junge Erwachsene, zu einem Leuchtturm der Hoffnung und des Friedens geworden ist: die Communauté von Taizé. Diese einzigartige ökumenische Brudergemeinschaft hat es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen unterschiedlicher Hintergründe zusammenzuführen und einen Raum für Gebet, Reflexion und Gemeinschaft zu schaffen. Seit ihrer Gründung durch Frère Roger im Jahr 1940 ist Taizé ein Symbol für Versöhnung und das Streben nach Einheit unter Christen, ein lebendiges Beispiel dafür, wie Glaube über konfessionelle Grenzen hinweg gelebt werden kann. Der Geist der Einfachheit, des gemeinsamen Lebens und des unaufhörlichen Gebets prägt das Leben hier und zieht Woche für Woche Tausende von Besuchern an, die auf der Suche nach Sinn, Orientierung und einer tieferen Verbindung zu sich selbst und zu Gott sind.

Die Geschichte der Communauté von Taizé
Die Wurzeln der Communauté de Taizé reichen zurück in das Jahr 1940, als Frère Roger Schutz, ein junger Protestant aus der Schweiz, sich in dem kleinen, abgelegenen Dorf Taizé niederließ. Inmitten der Wirren des Zweiten Weltkriegs sah er es als seine Berufung, Verfolgten und Flüchtlingen Schutz zu bieten. Er versteckte jüdische Flüchtlinge und Kriegsgefangene und legte damit den Grundstein für eine Gemeinschaft, die sich dem Dienst am Nächsten und der Versöhnung verschrieben hat. Aus diesen bescheidenen Anfängen entwickelte sich eine ökumenische Brudergemeinschaft, die im Laufe der Jahre wuchs und sich zu einem weltweit bekannten Zentrum des Gebets und der Begegnung entwickelte. Die anfänglichen Niederschriften von Frère Roger aus dem Jahr 1941 mündeten im Winter 1952/1953 in die erste „Regel von Taizé“. Diese Regel war nicht als starres Gesetz gedacht, sondern als eine Zusammenfassung des „Essentiellen, das das gemeinsame Leben ermöglicht“, basierend auf Frère Rogers Lebenserfahrungen und den frühen Erfahrungen der Communauté. Die Regel wurde in den Jahren 1966, 1975 und 1980 angepasst, wobei die Ergänzungen von 1966 stark von Rogers Beobachtungen während des Zweiten Vatikanischen Konzils geprägt waren. Ab 1980 wurde die Bezeichnung von „Regel von Taizé“ zu „Die Quellen von Taizé“ geändert, was die Absicht betonte, einen „einfachen Weg aufzuzeigen, um ein Gleichnis der Gemeinschaft zu leben“, wie Frère Roger es selbst formulierte. Die endgültige Fassung der Quellen von Taizé wurde nach umfangreichen Überarbeitungen im Jahr 2001 veröffentlicht und dient bis heute als spirituelle Grundlage der Gemeinschaft.
Das Herzstück von Taizé: Gebet und Liturgie
Im Zentrum des Lebens in Taizé steht das dreimal täglich stattfindende gemeinsame Gebet. Diese Gebetszeiten sind bewusst einfach gehalten, um Menschen unterschiedlichster kultureller und konfessioneller Hintergründe ansprechen zu können. Jedes Gebet beinhaltet eine kurze Bibellesung, oft in mehreren Sprachen der anwesenden Jugendlichen, und ein kurzes, mehrsprachiges Gebet, das vom Prior oder einem Bruder geleitet wird. Ein großer und prägender Teil des Gebets sind die charakteristischen Gesänge aus Taizé, die in vielfacher Wiederholung gesungen werden und eine meditative Atmosphäre schaffen. Das absolute Zentrum eines jeden Gebets ist jedoch eine etwa achtminütige Phase der tiefen Stille. Diese Stille bietet Raum für persönliche Besinnung, für das Nachklingen der Worte und Gesänge und für die Begegnung mit Gott im eigenen Inneren. Es ist ein Moment, der oft als besonders kraftvoll und berührend empfunden wird.
Während des Mittagsgebets ziehen die Brüder gemeinsam in die Kirche ein, ein Zeichen ihrer Einheit und ihres Dienstes. In den täglichen Fürbitten werden die Gebetsanliegen der Jugendlichen, die Taizé besuchen, sowie Gebetsanliegen aus den Taizé-Fraternitäten weltweit aufgenommen. Auch aktuelle weltpolitische Themen finden hier ihren Niederschlag. Wer ein persönliches Gebetsanliegen hat, kann dieses sogar online hinterlegen. Oft werden diese Bitten auch bei der freitäglichen Kreuzanbetung aufgenommen.
Im Anschluss an das Abendgebet besteht die Möglichkeit, mit einigen Brüdern ins Gespräch zu kommen, Fragen des Glaubens und des Lebens zu erörtern oder das Sakrament der Beichte zu empfangen. Katholische Priester, die als Gäste in Taizé anwesend sind, ermöglichen das Bußsakrament in verschiedenen Sprachen.
Ein besonderer Aspekt der Taizé-Woche ist der durchlebte Zyklus der Ostertage: Am Freitag wird in der Kreuzanbetung der Tod Jesu symbolisch am und um das auf dem Boden liegende Kreuz erinnert. Am Samstagabend wird in einem beeindruckenden Lichtergebet Ostern, die Auferstehung Jesu Christi, gefeiert. Während dieses Gottesdienstes wird an der Osterkerze ein Licht entzündet, das von Kindern an die Brüder und von dort an die Jugendlichen weitergegeben wird, ein starkes Symbol der Weitergabe des Glaubens und der Hoffnung.
Die Eucharistie in Taizé
Die Gestaltung der Eucharistiefeiern in Taizé ist ein Ausdruck des ökumenischen Respekts und der Anerkennung der unterschiedlichen Lehren und Vollzüge des Abendmahls in den verschiedenen Konfessionen. Da eine interkonfessionelle Abendmahlsgemeinschaft nur zwischen Kirchen möglich ist, die dies ausdrücklich vereinbart haben, bietet Taizé keine gemeinsamen Eucharistiefeiern an, die alle Konfessionen einschließen. Die Sonntagseucharistie in der Versöhnungskirche wird stets von einem römisch-katholischen Priester geleitet. Angesichts der großen Teilnehmerzahl ist eine Kontrolle der Konfessionszugehörigkeit der Kommunionempfänger weder möglich noch angestrebt. Katholische Bischöfe oder Kardinäle, die in Taizé zu Gast sind, zelebrieren im Wissen, dass viele Teilnehmer nicht-katholisch sind. Dies spiegelt eine Haltung des Vertrauens und der Offenheit wider, die für Taizé charakteristisch ist.
Die Ansprache des Priors
Zumeist an einem Donnerstagabend spricht der Prior, derzeit Frère Alois, im Rahmen des Abendgebets zu den Besuchern. In seiner Ansprache geht er auf aktuelle Weltgeschehnisse ein, begrüßt Gäste aus fernen Ländern, beantwortet Fragen von Jugendlichen und spricht mit ihnen über ihre Glaubenserfahrungen. Oft beleuchtet er auch einen Aspekt aus dem Leben und Denken Frère Rogers. Die Ansprache erfolgt zumeist auf Französisch, wobei Übersetzungen in verschiedenen Teilen der Kirche über Lautsprecher oder Kopfhörer durch Brüder der Gemeinschaft zur Verfügung gestellt werden.
Die Jugendtreffen: Ein globales Phänomen
Woche für Woche treffen sich in Taizé mehrere Tausend Jugendliche und junge Erwachsene aus aller Welt, um an den internationalen Jugendtreffen teilzunehmen. In den Sommermonaten und an Ostern kann die Teilnehmerzahl sogar bis zu 6000 Personen erreichen. Das Ziel dieser Treffen ist es, den Teilnehmern zu ermöglichen, im christlichen Glauben einen Sinn für das eigene Leben zu finden und sich darauf vorzubereiten, zu Hause Verantwortung zu übernehmen. Die Anmeldung ist heutzutage bequem online möglich. Viele Jugendliche reisen in Gruppen aus Kirchengemeinden, Schulen oder anderen Einrichtungen an, aber auch Individualreisende sind herzlich willkommen.
Typischer Tagesablauf in Taizé
Ein Aufenthalt in Taizé folgt einem einfachen, aber strukturierten Tagesablauf, der den Besuchern hilft, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren:
| Uhrzeit | Aktivität |
|---|---|
| 08:00 Uhr | Morgengebet mit Kommunion oder gesegnetem Brot, anschließend Frühstück |
| 10:00 Uhr | Bibeleinführung in großen Gruppen, anschließend Kleingruppengespräche |
| 12:20 Uhr | Mittagsgebet, anschließend Mittagessen |
| 14:00 Uhr | Verschiedene Arbeiten, Chorprobe oder Gespräche |
| 17:00 Uhr | Tee |
| 17:30 Uhr | Workshops/Regionaltreffen |
| 19:00 Uhr | Abendessen |
| 20:20 Uhr | Abendgebet mit offenem Ende |
| 23:30 Uhr | Nachtruhe (die Kirche bleibt zum Beten und Singen geöffnet) |
Grundsätzlich ist ein Aufenthalt in Taizé an wenige feste Regeln gebunden. Die Essenszeiten und gemeinsamen Gebete sind feste Bestandteile, und ein wöchentlicher Turnus, der auf die Ankunft am Sonntagnachmittag und die Abreise am darauf folgenden Sonntagmittag ausgelegt ist, wird von den meisten Besuchern eingehalten. Eine Anmeldung sollte mindestens zwei Wochen vor dem Aufenthalt erfolgen. Die Brüder empfehlen zur Vorbereitung, sich mit der Tagesstruktur und dem einfachen Lebensstil in Taizé vertraut zu machen. Es kann auch hilfreich sein, sich in einige der Taizé-Lieder „hineinzuhören“, um sich auf die meditative Atmosphäre einzustimmen.
Nach der Ankunft werden Besucher, wenn möglich, in ihrer Muttersprache begrüßt und erhalten einen kurzen Überblick über die Anlagen und Tagesabläufe. Die Unterbringung für Jugendliche und junge Erwachsene (15 bis 29 Jahre) erfolgt in einfachen Baracken oder Großraumzelten. Das Mitbringen eigener Zelte oder Wohnwagen ist ebenfalls möglich und besonders in der Hauptsaison sinnvoll. Bei den 15- bis 16-Jährigen schlafen Betreuer mit in der Unterkunft, um eine angemessene Aufsicht zu gewährleisten.
Für Unterbringung und Verpflegung wird von Jugendlichen aus Deutschland ein Kostenbeitrag zwischen 7 € und 10 € pro Person und Tag entrichtet. Der Betrag variiert je nach Herkunftsland, um den unterschiedlichen wirtschaftlichen Gegebenheiten Rechnung zu tragen. So können Teilnehmer entsprechend ihren persönlichen Verhältnissen beitragen, was finanziell Schwächeren einen verbilligten Aufenthalt ermöglicht und das Prinzip der Solidarität unterstreicht.
Aktivitäten und Engagement
Die Zeiträume zwischen den Gebeten und Mahlzeiten sind in Taizé nicht nur zur freien Verfügung, sondern bieten auch die Möglichkeit zur aktiven Teilnahme und Vertiefung. Besucher können sich für eines von drei Themengebieten entscheiden, die sich meist mit Bibeltexten oder Auszügen aus dem „Brief aus Taizé“ befassen. Diese Themen werden täglich vormittags im Rahmen der Bibeleinführung von einem Bruder vorgestellt und anschließend in multinationalen und oft auch multilingualen Kleingruppen besprochen. Diese Kleingruppen sind ein wesentlicher Bestandteil des Taizé-Erlebnisses, da sie den Austausch, das gemeinsame Nachdenken und das Knüpfen neuer Kontakte fördern.
Nachmittags werden die Gesprächsgruppen fortgesetzt, oder es wird eine gemeinnützige Arbeit verrichtet. Diese Arbeiten werden zu Beginn der Woche verteilt und umfassen vielfältige Aufgaben, die im laufenden Betrieb der Gemeinschaft anfallen: Kochen, Abwaschen, Putzen und Aufräumen des weitläufigen Geländes. Darüber hinaus gibt es spezielle Aufgabenbereiche wie Nightwelcome-Helfer (salopp auch Nightguards genannt, obwohl diese Bezeichnung nicht der Vorstellung der Brüder entspricht), die für die Nachtruhe sorgen, Helfer für die Gottesdienste, Betreuer für die Kinder in Olinda, Verkäufer für den kleinen Laden „Oyak“, Helfer für die Taizé-eigene Werkstatt „Cadole“, Helfer für die Ordnung auf dem Gelände, Helfer für den Auf- und Abbau der Großraumzelte und geübte Sänger für den Chor während der Gottesdienste. Diese Mitarbeit ist ein wichtiger Teil des Gemeinschaftslebens und vermittelt ein Gefühl der Zugehörigkeit und des gemeinsamen Tragens.
Vor dem Abendessen besteht zudem die Möglichkeit, an einem Workshop oder einer Diskussion mit täglich wechselnden Themen teilzunehmen. Diese Angebote erweitern das Spektrum der Auseinandersetzung mit Glaubens- und Lebensfragen.
Permanents und Freiwillige
Neben den wöchentlichen Besuchern gibt es in Taizé eine größere Anzahl von freiwilligen Helfern, die einen längeren Zeitraum zwischen vier Wochen und einem Jahr in der Communauté verbringen. Diese „Permanents“ oder Freiwilligen spielen eine entscheidende Rolle bei der Organisation der einzelnen Arbeitsteams und übernehmen vielfältige Aufgaben, die für die Durchführung der Jugendtreffen unerlässlich sind. Dazu gehören die Begrüßung neuer Besucher, die Arbeit im „Casa“ oder in „La Morada“ (Empfangsbereiche), die Leitung des Küchenteams und viele weitere administrative und praktische Tätigkeiten. Die jungen Erwachsenen im Alter von 18 bis 28 Jahren, die aus der ganzen Welt – nicht nur aus Europa, sondern auch aus Afrika, Asien, Nord- und Südamerika sowie Ozeanien – kommen, tragen so maßgeblich zum Funktionieren der Gemeinschaft bei. Wer länger bleibt, zahlt lediglich für die erste Woche den normalen Kostenbeitrag. Danach ist kein weiterer finanzieller Beitrag erforderlich, und man teilt sich einen Schlafraum mit anderen, die ebenfalls länger bleiben. Während dieser Zeit erhalten die Permanents eine Betreuung durch einen Bruder der Communauté oder eine Schwester der Gemeinschaft von Saint-André. Obwohl eine Anerkennung als Freiwilliges Soziales Jahr derzeit nicht möglich ist, kann eine Bescheinigung über die Mitarbeit in Taizé ausgestellt werden. Für einige der männlichen Permanents führt diese Zeit des intensiven Engagements und der Nähe zur Gemeinschaft sogar zum Wunsch, selbst in die Brudergemeinschaft aufgenommen zu werden.
Spezielle Angebote: Schweigewoche und Familien
Taizé bietet auch spezielle Aufenthaltsformen an, die auf unterschiedliche Bedürfnisse zugeschnitten sind. Eine davon ist die Schweigewoche, bei der die Teilnehmer die Möglichkeit haben, eine Woche lang in Stille zu verbringen. Die Jugendlichen, die an der Schweigewoche teilnehmen, werden etwas abseits untergebracht, um die nötige Ruhe zu finden. Morgens erhalten sie eine Bibeleinführung durch einen Taizé-Bruder oder eine Schwester der Gemeinschaft von Saint-André. Zudem besteht die Möglichkeit des Einzelgesprächs, um persönliche Fragen zu klären oder Begleitung zu erhalten. Trotz des Schweigens nehmen diese Jugendlichen an den drei täglichen Gottesdiensten teil, um die Atmosphäre des gemeinsamen Gebets nicht zu missen. Es besteht auch die Möglichkeit, nur über ein Wochenende ins Schweigen zu gehen.
Für Familien mit Kindern und Erwachsene über 30 Jahre gibt es ebenfalls gesonderte Angebote. Familien treffen sich im etwa 600 Meter entfernten Olinda in Ameugny, wo auch eine Betreuung für Kleinkinder angeboten wird. Aufgrund der hohen Nachfrage und Überlastung des Ortes ist die Teilnehmerzahl seit 2006 jedoch auf bestimmte Kalenderwochen und während dieser Wochen auf 100 Familien pro Woche beschränkt. Familien werden zudem gebeten, nicht öfter als einmal in zwei Jahren zu kommen, um möglichst vielen die Erfahrung zu ermöglichen. Auch Erwachsene ab 30 Jahren haben eine gesonderte Unterbringung und ein eigenes Programm. Sofern sie keine Gruppe Jugendlicher nach Taizé führen, dürfen sie einmal im Jahr kommen; auch hier gibt es in Wochen mit vielen Teilnehmern eine Begrenzung, um die Kapazitäten zu steuern und allen eine gute Erfahrung zu ermöglichen.
Treffen mit besonderer Ausprägung und Sicherheit
Die Brüder laden in manchen Wochen gezielt bestimmte Zielgruppen nach Taizé ein, um spezifischen Bedürfnissen gerecht zu werden oder besondere Themen zu vertiefen. So fand beispielsweise im Sommer 2018 eine Woche statt, die ausschließlich jungen Erwachsenen (von 18 bis 35 Jahre) vorbehalten war. Ein besonderes Augenmerk legt Taizé auch auf die Förderung der islamisch-christlichen Freundschaft. Dies zeigte sich unter anderem an einem Themenwochenende im Mai 2017 unter dem Leitwort „Der Sinn für Gott“, an dem über 300 Teilnehmer aus Frankreich und den Nachbarländern, viele davon engagiert im „Verein Coexister“, teilnahmen. Ein weiteres Wochenende der Freundschaft zwischen jungen Muslimen und Christen fand im Juli 2018 unter dem Motto „Inneres Leben und geschwisterliche Gemeinschaft“ statt, ebenfalls für junge Erwachsene ab 18 Jahren.
Nach den Terroranschlägen in Paris im November 2015 wurden in Frankreich die Schutzmaßnahmen gegen terroristische Anschläge (Plan Vigipirate) erhöht. Große Veranstaltungen wurden zeitweise durch Militärpatrouillen geschützt. Dies führte dazu, dass auch das Taizé-Gelände und die Gebete in der Kirche der Versöhnung durch Soldaten und Polizisten bewacht und Taschenkontrollen durchgeführt wurden, um die Sicherheit der vielen Besucher zu gewährleisten.
Der Pilgerweg des Vertrauens auf der Erde
Eines der zentralen Anliegen der Communauté ist es, mit jungen Erwachsenen und den Verantwortlichen für die Jugendarbeit in den Ortskirchen einen „Pilgerweg des Vertrauens auf der Erde“ zu gehen. Dieser Weg versteht sich in besonderer Weise der Bergpredigt Jesu von Nazaret verpflichtet. Dabei werden gemeinsames Beten, das Nachdenken über praktische Umsetzungsmöglichkeiten der Bergpredigt bis hin zu politischem Engagement auf unkomplizierte Weise miteinander verbunden. Dieser Weg ist keine fest organisierte Bewegung, sondern vielmehr ein Aufruf an Jugendliche, sich in ihrem Alltag für Frieden, Versöhnung in der Kirche und Vertrauen auf der Erde zu engagieren.
Als wichtige Etappe auf diesem Pilgerweg werden seit 1978 zum Jahreswechsel mehrtägige Europäische Jugendtreffen vorbereitet. Während in den Anfangsjahren zwischen 15.000 und 20.000 Jugendliche „zwischen den Jahren“ in einer europäischen Metropole zusammenkamen, stieg die Teilnehmerzahl – insbesondere nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs – auf über 100.000 Teilnehmer an, wie beispielsweise 1992 in Wien oder 1994 in Paris. In den vergangenen Jahren gingen die Teilnehmerzahlen wieder zurück, so nahmen rund etwas über 15.000 an den Treffen 2017/18 und 2018/19 in Madrid teil.
Seit den 1980er Jahren finden zudem in unregelmäßigen Abständen Treffen auf anderen Kontinenten statt. So luden die Brüder beispielsweise im September 2019 nach Kapstadt ein. Das erste Treffen auf dem afrikanischen Kontinent fand 1995 in Johannesburg (Südafrika) statt, weitere folgten 2008 in Kenia, 2012 in Ruanda und 2016 in Benin. Auch auf dem asiatischen Kontinent gab es bereits Jugendtreffen, etwa im August 2018 in Hongkong, 2010 in Manila/Indonesien und 2006 in Kalkutta in Indien. Im Nahen Osten fand 2019 ein Treffen im Libanon statt, davor beispielsweise 2017 in Ägypten. Auf dem amerikanischen Kontinent gab es Treffen unter anderem in der Karibik (Puerto Rico, Haiti und Kuba, 2014), Mexiko und den USA.
Besuche der Brüder in aller Welt und die Nacht der Lichter
Die Brüder der Communauté sind nicht nur in Taizé präsent, sondern nehmen auch Einladungen zu kirchlichen Großveranstaltungen in aller Welt an. So besuchen sie regelmäßig den Deutschen Evangelischen Kirchentag, den Katholikentag und den Weltjugendtag. Besonders in Deutschland und anderen europäischen Ländern, aus denen viele Taizé-Besucher kommen, sind Brüder regelmäßig zu Gast. Der enge Kontakt zu Jugendlichen beschränkt sich aber nicht nur auf Großveranstaltungen und Europa; die Brüder besuchen Jugendliche auf der ganzen Welt. Zudem finden in Asien regelmäßig Gebete im Stile von Taizé statt. Die Brüder verfügen oft über ein Netzwerk in den Regionen der Welt, für die sie verantwortlich sind. Ein Beispiel hierfür ist der Koreaner Frère Han Yol Shin, der sich im Friedensprozess seiner Heimat engagiert und die hungernde Bevölkerung in Nordkorea mit Lebensmittellieferungen unterstützt.
Ein weit verbreitetes Phänomen, das auf Taizé zurückgeht, ist die „Nacht der Lichter“. Mit dieser Bezeichnung werden Gebete mit Gesängen aus Taizé bezeichnet, die im Herbst und Winter in vielen Gemeinden stattfinden. Sie dienen dazu, auf die Europäischen Jugendtreffen über den Jahreswechsel einzustimmen und sich auf diese vorzubereiten. Jährlich wird ein Text-Vorschlag für die Gestaltung einer solchen „Nacht der Lichter“ herausgegeben. Die Bezeichnung bezieht sich auf die in Taizé jeden Samstagabend stattfindende Lichterfeier, in der der Auferstehung Jesu Christi gedacht wird. Dabei erhält jeder Besucher am Eingang eine Kerze, die im Verlauf des Gebets während des Gesangs der Reihe nach, ausgehend von einem Kind, entzündet wird. Auch auf kirchlichen Großveranstaltungen wie dem Katholikentag gibt es regelmäßig eine „Nacht der Lichter“.
Die Musik von Taizé: Gesänge als spiritueller Anker
Die Communauté de Taizé ist untrennbar mit ihren charakteristischen Gesängen verbunden, die weltweit bekannt geworden sind und oft in vielfacher Wiederholung (Ostinato) gesungen werden. Die „Gesänge aus Taizé“ sind meist einstrophig, kurz und in schlichtem Satz gehalten, oft vierstimmig oder kanonisch. Diese Einfachheit und Wiederholung fördert eine meditative und kontemplative Atmosphäre, die es den Betenden ermöglicht, sich tief in die Texte und Melodien zu versenken und die Botschaft aufzunehmen. Die meisten dieser Gesänge wurden von Bruder Robert Giscard komponiert, ab 1974 zusammen mit dem Pariser Organisten Jacques Berthier. Einige stammen von dem französischen Jesuiten Joseph Gelineau, und die meisten neueren Lieder wurden von verschiedenen Brüdern der Communauté selbst verfasst. Durch die internationalen Jugendtreffen wurden die Gesänge der Communauté verbreitet und weltweit in Kirchengesangbücher vieler christlicher Konfessionen übernommen. Sie sind auch ein zentraler Bestandteil der bereits erwähnten „Nacht der Lichter“, die sich an die Gottesdienste in Taizé anlehnt und in aller Welt gefeiert wird. Fast alle Lieder können in mehreren Sprachen gesungen werden, was ihre universelle Zugänglichkeit und ihre Rolle als Brücke zwischen Kulturen und Konfessionen unterstreicht. Die Gesangstexte basieren oft auf einer Bibelstelle, häufig aus Psalmen oder den Evangelien, und tragen so die biblische Botschaft auf eingängige und tiefgehende Weise weiter.
Mediale Präsenz und Übertragungen
Taizé nutzt moderne Medien, um seine Botschaft und Gebete einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Die Lichterfeier in Taizé wird beispielsweise vom Radiosender DOMRADIO.DE jeden Samstagabend aufgezeichnet, anschließend im Radioprogramm ausgestrahlt und als Podcast zur Verfügung gestellt. Darüber hinaus wird das Mittagsgebet von Montag bis Samstag um 12:30 Uhr per Audio-Stream auf der Internetseite der Communauté übertragen und ebenfalls als Podcast veröffentlicht. Es gibt auch englische und französische Podcasts, die Bibeleinführungen, Gedanken und Gespräche sowie Interviews mit Menschen aus verschiedenen Lebensbereichen, die in Taizé sind oder mit der Communauté in Verbindung stehen, beinhalten.
Besonders während der Corona-Pandemie, als Jugendtreffen ausgesetzt werden mussten, wurden Abendgebete zunächst live auf Facebook und später auf dem YouTube-Kanal der Gemeinschaft übertragen. Diese Übertragungen werden vom Medienteam aus Taizé durchgeführt und zeigen entweder eine kleine Gruppe der Brüder (wenn aufgrund der Pandemielage nur in Kleingruppen und nicht in der großen „Kirche der Versöhnung“ Gottesdienste gefeiert werden konnten) oder alle Brüder aus der Kirche der Versöhnung. Gelegentlich werden Gebete (meist sonntags) auch von Fernsehanstalten übertragen. Dies ist vor Ort mit hohem Aufwand verbunden, da die eher dunkle Kirche der Versöhnung ausgeleuchtet werden muss. Solche Übertragungen können daher nur bedingt ein authentisches Bild eines Taizé-Gebets wiedergeben, da die Lieder oft deutlich verkürzt gesungen und die zentrale Stille verkürzt wird. Auch Taizé-Gebete während der Europäischen Jugendtreffen werden von nationalen Fernsehanstalten übertragen, wie beispielsweise aus Basel 2017/18.
Humanitäres Engagement: Aufnahme von Flüchtlingen
Das Engagement für Menschen in Not ist tief in der Geschichte und im Selbstverständnis von Taizé verwurzelt. Schon in den Gründungsjahren kümmerte sich Frère Roger Schutz um Kriegsgefangene und Menschen, die vor dem Zweiten Weltkrieg geflohen waren. Diese Tradition der Aufnahme von Menschen in Not wird auch heute in Taizé selbstverständlich fortgeführt. Ein aktuelles Beispiel ist die Einrichtung eines Aufnahmezentrums im Nachbarort Ameugny, nachdem das Flüchtlingslager von Calais („Dschungel von Calais“) geräumt wurde. Dort wurden 16 Jugendliche zwischen 13 und 17 Jahren aufgenommen, die zum Großteil aus dem Sudan, aber auch aus Syrien und Eritrea stammten. Der Verein „Le Pont“ aus Mâcon übernahm die behördliche Abwicklung. Im Juni 2015 kam eine Familie mit zwei Kindern, die 2014 aus der Nähe von Mossul in das irakische Kurdistan fliehen musste, nach Taizé. Auch in den Vorjahren nahm die Gemeinschaft immer wieder Fliehende auf, wie zum Beispiel Flüchtlinge aus dem Sudan. Die Brüder sind zudem bemüht, sich auch vor Ort zum Thema „Flüchtlinge“ zu engagieren. Frère Alois, der Prior, spricht die Flüchtlingsfrage beispielsweise bei Audienzen mit Papst Franziskus an. Am Weltflüchtlingstag 2017 beteten die Brüder von Taizé und alle anwesenden Jugendlichen für die Migranten, die zuvor beim Versuch, das Mittelmeer Richtung Europa zu überqueren, vor Libyen ums Leben gekommen waren. Dieses Engagement zeugt von der tiefen Verankerung der Nächstenliebe und Solidarität in der Gemeinschaft.
Kritik und ökumenische Dimension
Taizé wird mitunter kritisiert, insbesondere wegen einer wahrgenommenen „Vermengung konfessioneller Grenzen“. Ein oft genannter Punkt ist, dass katholische Bischöfe, Erzbischöfe und Kardinäle sonntags wissentlich das eucharistische Mahl auch an evangelische Christen austeilen. Für die große Mehrheit derer, die Taizé betrachten, ist dies jedoch gerade ein bedeutendes Hoffnungszeichen der Ökumene und ein Ausdruck des gelebten Miteinanders.
Eine weitere Kontroverse entstand um Frère Rogers angeblichen Übertritt zur römisch-katholischen Kirche im Jahr 1972, wie der französische Historiker Yves Chiron 2006 behauptete. Die ökumenische Gemeinschaft von Taizé dementierte dies entschieden. Nach den Worten des Priors Frère Alois empfing Frère Roger im Petersdom seit 25 Jahren die Kommunion. Der damalige Bischof von Autun, Armand LeBourgois, habe Frère Roger bereits 1972 zum ersten Mal die Kommunion gereicht, was von mehreren Zeugen bestätigt werden könne. Frère Alois betonte: „Wer in diesem Zusammenhang von Konversion spricht, begreift nicht den originären Ansatz Frère Rogers.“ Dies unterstreicht Taizés Verständnis von Ökumene, das nicht auf Konversion, sondern auf Versöhnung und Einheit in Vielfalt abzielt.
Inhaltlich-theologische Kritik wird von evangelikaler, christlich-fundamentalistischer bzw. kreationistischer Seite geäußert. Kritisiert wird, dass einige biblische Themen in Taizé nicht ausreichend angesprochen würden. Der evangelikale Publizist Lothar Gassmann bemängelte beispielsweise: „So fehlt völlig die biblische Einordnung des Menschen als Sünder durch und durch. Da nach [Roger] Schutz sowieso Christus in jedem Menschen wohne, erscheint der Mensch eigentlich als gut und in der Lage, durch Kontemplation und gute Werke sich selbst zu erlösen. […] Das Gottesbild des Roger Schutz ist durch diese Verkürzung eine Verstümmelung des Gottes der Bibel. Der Heilsweg, welcher in Taizé gelehrt wird, kann aus biblischer Sicht nur als Irrweg beschrieben werden.“ Der christlich-fundamentalistische Journalist Ulrich Skambraks kritisiert zudem: „Die Bibel kennt diesen Weg der Kontemplation nicht. Nirgendwo in der Bibel ist von einer Selbstversenkung die Rede, durch die man in eigener Kraft Christus finden könnte. (…) Die in Taizé vorgestellten Glaubenspraktiken haben ihr Zuhause in der Esoterik und in fernöstlichen Religionen.“ Er fährt fort: „Ohnehin richtet sich sein Augenmerk auf die jetzige Welt. Es geht Schutz und seinen Nachfolgern um die Versöhnung der Menschen untereinander. Die erst notwendige Versöhnung mit Gott übersehen sie völlig bzw. setzen sie fälschlicherweise für alle Menschen voraus.“ Diese Kritiken spiegeln unterschiedliche theologische Auffassungen wider, insbesondere hinsichtlich der Rolle der Sünde, der Erlösung und der kontemplativen Praxis.
Häufig gestellte Fragen zu Taizé
Was ist Taizé?
Taizé ist eine ökumenische Brudergemeinschaft in Frankreich, die 1940 von Frère Roger gegründet wurde. Sie ist bekannt für ihre Jugendtreffen, die meditativen Gesänge und ihren Einsatz für Frieden und Versöhnung unter Christen und darüber hinaus.
Wer kann nach Taizé kommen?
Taizé empfängt hauptsächlich Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 15 und 29 Jahren. Es gibt aber auch spezielle Angebote für Familien mit Kindern und Erwachsene über 30 Jahre, die in separaten Bereichen untergebracht sind und eigene Programme haben.
Was kostet ein Aufenthalt in Taizé?
Der Kostenbeitrag variiert je nach Herkunftsland und Alter. Für Jugendliche aus Deutschland liegt er zwischen 7 € und 10 € pro Tag. Dieser Beitrag ermöglicht es auch finanziell schwächeren Personen, an den Treffen teilzunehmen.
Was macht man in Taizé?
Der Tagesablauf ist geprägt von drei täglichen Gebetszeiten mit Gesängen und Stille. Zwischen den Gebeten gibt es Bibeleinführungen, Kleingruppengespräche, gemeinnützige Arbeiten (z.B. Kochen, Putzen) und Workshops. Es ist ein Ort der Begegnung, des Gebets und der Selbstreflexion.
Ist Taizé katholisch oder evangelisch?
Taizé ist eine ökumenische Gemeinschaft, die aus Brüdern unterschiedlicher protestantischer Traditionen und der katholischen Kirche besteht. Ziel ist die Versöhnung und Einheit aller Christen. Die Eucharistie wird nach katholischem Ritus gefeiert, ist aber offen für alle, die das Sakrament in ihrer eigenen Kirche empfangen.
Kann man in Taizé beichten?
Ja, im Anschluss an das Abendgebet besteht die Möglichkeit, das Sakrament der Beichte bei anwesenden katholischen Priestern in verschiedenen Sprachen zu empfangen.
Was sind Taizé-Gesänge?
Taizé-Gesänge sind kurze, meditative Lieder, die oft in mehreren Sprachen gesungen und wiederholt werden. Sie basieren meist auf Bibeltexten und fördern eine kontemplative Atmosphäre, die zur inneren Einkehr einlädt.
Gibt es Taizé auch außerhalb Frankreichs?
Ja, die Brüder der Communauté besuchen regelmäßig Gemeinden und kirchliche Großveranstaltungen weltweit. Zudem finden die jährlichen Europäischen Jugendtreffen in wechselnden europäischen Metropolen statt, und es gibt auch Treffen auf anderen Kontinenten.
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