Was passierte in der Synagoge?

Der Wiener Stadttempel: Ein Symbol der Resilienz

22/11/2025

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Der Wiener Stadttempel, oft auch als Seitenstettentempel bezeichnet, ist weit mehr als nur die Hauptsynagoge der Israelitischen Kultusgemeinde Wien. Er ist ein lebendiges Denkmal der jüdischen Geschichte, ein Ort des Gebets, der Erinnerung und der unerschütterlichen Resilienz. Eingebettet im Herzen des 1. Wiener Gemeindebezirks, in der Seitenstettengasse 4, erzählt er eine einzigartige Geschichte des Überlebens und des Wiederaufbaus, die ihn von nahezu allen anderen jüdischen Gotteshäusern in Wien unterscheidet.

Wie viele Sitzplätze hat die Synagoge?

Seine Errichtung war ein Zeichen des Aufbruchs und der Emanzipation. Ende des 18. Jahrhunderts, im Zuge des wirtschaftlichen Aufschwungs einiger jüdischer Familien und der durch Kaiser Joseph II. erlassenen Toleranzpatent ermöglichten Emanzipationsbestrebungen, entstand der Wunsch nach einer repräsentativen Synagoge in der Innenstadt. Nach anfänglichen Schwierigkeiten bei der Standortwahl erwarben Michael Lazar Biedermann und Isaak Löw Hofmann 1811 den Pempflingerhof in der Seitenstettengasse. Das baufällige Gebäude musste 1823 weichen, um Platz für einen Neubau zu schaffen, dessen Planung dem renommierten Architekten Joseph Kornhäusel anvertraut wurde. Am 12. Dezember 1825 erfolgte die feierliche Grundsteinlegung für den im klassizistischen Stil entworfenen Bau, dessen Eröffnung am 9. April 1826 einen Meilenstein für die jüdische Gemeinde Wiens darstellte.

Inhaltsverzeichnis

Architektur und das „Verborgene Gotteshaus“

Ein besonderes Merkmal des Stadttempels ist seine einzigartige Bauweise, die den damaligen gesetzlichen Vorschriften für nichtkatholische Gotteshäuser, den sogenannten Toleranzbethäusern, geschuldet war. Diese durften nicht unmittelbar von der Straße aus sichtbar sein und mussten „verborgen“ bleiben. Der Kunsthistoriker Max Eisler beschrieb die Synagoge treffend als ein „Denkmal seiner zwiespältigen Zeit. […] Draußen – da die Juden ihre Gotteshäuser nicht an der Straße kenntlich machen durften – wie ein Zinshaus, drinnen wie ein Theater. Nur kein Tempel.“

Der Stadttempel selbst befindet sich daher hinter einem fünfgeschossigen Mietshaus mit 14 Fensterachsen und einer klassizistischen Fassade, in dem heute Einrichtungen der Israelitischen Kultusgemeinde untergebracht sind. Der Zugang zur Synagoge erfolgt durch dieses Straßengebäude, was ihre verborgene Natur unterstreicht. Über dem Eingangstor des Straßengebäudes befindet sich eine bedeutungsvolle Inschrift aus Psalm 100,4: „bo'u sche'araw betoda chatzerotaw bitehilla“ – „Kommet zu seinen Toren mit Dank, zu seinen Vorhöfen [des Jerusalemer Tempels] mit Lobgesang!“ Die durch ihre Größe hervorgehobenen Buchstaben des Wortes „schearaw“ (beginnend in der ersten Zeile von rechts ab dem vierten Buchstaben) ergeben eine Zahlenkombination (300+70+200+10+6 = 586), die in Kombination mit der stillschweigend ergänzten 5000 das jüdische Baujahr 5586 (entspricht 1825/26 n. Chr.) symbolisiert und somit das Gründungsjahr auf subtile Weise würdigt.

Das Innere: Ein Ort der Andacht und Schönheit

Das Innere des Stadttempels offenbart eine beeindruckende architektonische Gestaltung. Der ovale Gebetsraum wird von einem umlaufenden Kranz aus zwölf ionischen Säulen geprägt, die die Frauengalerie tragen. Eine prächtige Kuppel und zwei Laternen überwölben den Raum und sorgen für eine besondere Lichtstimmung. Das Parterre ist traditionell den Männern vorbehalten. Insgesamt bietet die Synagoge Platz für etwa 700 Sitzplätze, was sie zu einem der größten jüdischen Gotteshäuser in Österreich macht. Der Toraschrein, zentral an der Front platziert, wird im Kuppelbereich von halbplastisch ausgebildeten Gesetzestafeln gekrönt, die in einem Strahlenkranz eingebettet sind und die göttliche Offenbarung symbolisieren.

Im Laufe der Jahrzehnte erfuhr der Stadttempel mehrere Renovierungen, die seine Raum- und Lichtgestaltung veränderten. Bereits 1867 wurde Gasbeleuchtung eingeführt. Die erste größere Renovierung unter Wilhelm Stiassny ab 1895 brachte Veränderungen an der Frauengalerie, der Ausschmückung der Kuppel und der Beleuchtung mit sich. Eine zweite Renovierung folgte 1923, und der heutige Zustand ist das Ergebnis einer umfassenden Generalrenovierung im Jahr 1963 unter der Leitung von Otto Niedermoser. Weitere Anpassungen umfassten die 1984 erfolgte Versetzung der Bima (des Vorlesepults) um einige Meter in die Raummitte auf Anregung von Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg, um den Ansprüchen der Halacha, der orthodoxen Tradition, gerecht zu werden. 1988 wurde die Synagoge durch den Bauunternehmer Richard Lugner erneut renoviert, wobei insbesondere die Vorräume großzügiger gestaltet wurden.

Geistliche Führung und bedeutende Persönlichkeiten

Die Geschichte des Stadttempels ist eng mit den Persönlichkeiten verbunden, die ihn geistlich prägten. Isaak Mannheimer amtierte hier als erster Rabbiner bis zu seinem Tod im Jahre 1865. Auf seinen Vorschlag hin wurde 1826 Salomon Sulzer als Kantor nach Wien berufen, dessen musikalisches Erbe die Gottesdienste nachhaltig bereicherte. Seit 1894, als Oberrabbiner Moritz Güdemann vom Leopoldstädter Tempel in die Synagoge in der Seitenstettengasse wechselte, ist der Stadttempel traditionell die Wirkungsstätte aller Wiener Oberrabbiner, was seine zentrale Bedeutung für die jüdische Gemeinde Wiens unterstreicht.

Ein Denkmal der Erinnerung: Die Shoah-Gedenkstätte

Die dunkelste Stunde der jüdischen Geschichte, die Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938, hinterließ in Wien eine Spur der Zerstörung. Über 130 Wiener Synagogen und Bethäuser wurden in Brand gesteckt und vernichtet. Einzig der Wiener Stadttempel entging der vollständigen Zerstörung, ein tragisches Glück, das seiner engen Verbauung im Wohngebiet geschuldet war. Die Flammen hätten auf umliegende Gebäude übergreifen können, was die Nationalsozialisten von der Brandstiftung abhielt. Doch der Innenraum wurde entweiht, verwüstet und auf schreckliche Weise als Sammellager für jüdische Wiener missbraucht, die von hier aus in den Holocaust deportiert und ermordet wurden.

Diese traumatischen Ereignisse sind tief in der Identität des Stadttempels verankert. Eine im September 1988 enthüllte Gedenktafel in der Eingangshalle erinnert an diese Zeit. Im Vorraum befinden sich zudem mehrere weitere Gedenktafeln: eine für die verstorbenen Rabbiner des Stadttempels, eine weitere, bald nach 1945 angebrachte Tafel mit der Inschrift „Dem Gedenken der jüdischen Männer, Frauen und Kinder, die in den schicksalsschweren Jahren 1938–1945 ihr Leben ließen“ und dem Vers aus dem „Awinu Malkenu“-Gebet: „Unser Vater, unser König, tue es um derentwillen, die für deinen Heiligen Namen ermordet wurden.“ Ein weiteres Ehrenmal würdigt die ehemaligen österreichischen Juden, die im Israelischen Befreiungskrieg 1948 fielen. Am 3. Juni 1993 wurde eine Gedenkstätte für Aron Menczer, Leiter der Einwanderungsbewegung für Jugendliche nach Palästina, und die zionistische Jugend Wiens eingeweiht.

Das wohl ergreifendste Mahnmal ist die am 9. November 2002 enthüllte Shoah-Gedenkstätte im Vorraum, die den 65.000 ermordeten österreichischen Juden gewidmet ist. Inmitten von drehbaren Schiefertafeln, auf denen alle erfassten Namen der Getöteten eingraviert sind, steht eine abgebrochene Granitsäule. Sie symbolisiert das von den Nationalsozialisten vernichtete Gemeinwesen, das bis 1938 zu den ganz großen Zentren des Judentums zählte. Zahlreiche weitere, von Angehörigen gestiftete Gedenktafeln innerhalb der Synagoge erinnern an die Opfer der Judenverfolgung und halten ihre Erinnerung lebendig.

Wiederaufbau und besondere Ereignisse

Nach dem Krieg, bereits ab Herbst 1945, konnten in der vorerst provisorisch renovierten Synagoge wieder Gottesdienste abgehalten werden. Am 2. April 1946 fand ein feierlicher Gottesdienst zum 120-jährigen Jubiläum der Einweihung statt, an dem der Wiener Bürgermeister Theodor Körner teilnahm und der sogar über Rundfunk in die USA, nach Großbritannien und Palästina übertragen wurde – ein starkes Zeichen des Wiederbeginns. Erst im September 1947 wurden wieder neue Bänke eingebaut, was die Rückkehr zu einer gewissen Normalität markierte.

Der Stadttempel war und ist Schauplatz zahlreicher besonderer Ereignisse. Am 14. August 1949 wurden hier die Särge von Theodor Herzl, seiner Eltern und seiner Schwester unter einer israelischen Flagge aufgebahrt, bevor sie nach Israel überführt wurden – ein historischer Moment für den Zionismus. Der damalige Oberrabbiner Akiba Eisenberg sprach bei dieser Zeremonie bewegende Worte: „Der Geist Herzls, der immer wieder stolz verkündete und uns allen verkünden ließ: Ich bin Jude!, der Geist jenes Mannes, der wie Joseph an die Erlösung geglaubt hat, der Geist Herzls lebt, das Land und das Volk leben.“ Im November 1950 wurden auch die Gebeine des ehemaligen Oberrabbiners Zwi Perez Chajes hier aufgebahrt, bevor sie ebenfalls nach Israel überführt wurden.

Ein bemerkenswertes kulturelles Ereignis war der Auftritt des berühmten Tenors Richard Tucker im Jahr 1958. Während eines seiner Gastspiele an der Wiener Staatsoper sang er als Kantor im Tempel, um seine Hochachtung für Salomon Sulzer auszudrücken – ein Moment, den er in seiner Biographie als „eine seiner größten Erfahrungen“ beschrieb. 1976 wurde zum 150-jährigen Jubiläum des Stadttempels ein Festgottesdienst gefeiert, an dem zahlreiche prominente österreichische Politiker teilnahmen, darunter Bruno Kreisky.

Herausforderungen und Sicherheit: Die Terroranschläge

Die bewegte Geschichte des Stadttempels ist auch von tragischen Ereignissen geprägt, die die Notwendigkeit permanenter Sicherheitsmaßnahmen verdeutlichen. Am 22. April 1979 explodierte im Hof der Synagoge ein halbes Kilogramm Plastiksprengstoff. Glücklicherweise wurde niemand verletzt, doch alle Glasfenster zersplitterten und es entstand erheblicher Sachschaden. Die palästinensische Extremistengruppe Adler der Revolution (as-Sa'iqa) übernahm die Verantwortung für diesen Anschlag.

Noch gravierender war der Terroranschlag vom 29. August 1981. Zwei schwer bewaffnete Terroristen der palästinensischen Extremistengruppe Fatah-Revolutionsrat drangen während des Gottesdienstes am Sabbat um 11:30 Uhr in die Synagoge ein. Sie warfen Handgranaten und feuerten in die Menge, was zu zwei Toten und 21 teils Schwerverletzten führte. Auch eingesetzte Polizisten und private Wachposten wurden im Kugelhagel schwer verletzt. Einer der Attentäter wurde von einem zufällig anwesenden Privatdetektiv angeschossen und festgenommen; der zweite Terrorist wurde nach einer Verfolgungsjagd, bei der er weitere Passanten tötete und Handgranaten warf, ebenfalls gestellt. Dieser Anschlag erschütterte Wien zutiefst und führte zu einer drastischen Verschärfung der Sicherheitsvorkehrungen.

Auch wenn der Terroranschlag vom 2. November 2020 in der Wiener Innenstadt nicht direkt auf den Stadttempel abzielte, sondern von der Seitenstettengasse und dem Bermudadreieck ausging und fünf Tote sowie 22 Verletzte forderte, so unterstreicht er doch die anhaltende Bedrohung und die Notwendigkeit des Schutzes jüdischer Einrichtungen. Bis heute wird der Stadttempel, wie andere jüdische Einrichtungen in Österreich, von der Polizei ständig geschützt. Dieser Polizeischutz ist ein sichtbares Zeichen der anhaltenden Wachsamkeit und des Engagements, das judentische Leben in Wien zu schützen.

Der Stadttempel heute

Der Wiener Stadttempel ist heute ein pulsierendes Zentrum jüdischen Lebens in Wien. Er dient nicht nur als Ort für tägliche Gottesdienste und Feiertagsgebete, sondern auch als Begegnungsstätte für die Gemeinde. Seine Geschichte, von seiner Gründung über die Schrecken der Shoah bis hin zu den Terroranschlägen und dem Wiederaufbau, macht ihn zu einem einzigartigen Zeugnis jüdischer Existenz und Widerstandsfähigkeit. Er symbolisiert die tiefe Verwurzelung des Judentums in Wien und gleichzeitig die fortwährende Herausforderung, sich in einer komplexen Welt zu behaupten und das kulturelle sowie religiöse Erbe zu bewahren.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Wie viele Sitzplätze hat der Wiener Stadttempel?

Der Wiener Stadttempel verfügt über etwa 700 Sitzplätze. Das Parterre ist dabei traditionell den Männern vorbehalten, während die umlaufende Galerie für Frauen vorgesehen ist. Diese Kapazität macht ihn zu einem der größten und wichtigsten jüdischen Gotteshäuser in Österreich.

Was ist im Wiener Stadttempel während der Pogromnacht 1938 passiert?

In der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden fast alle der über 130 Wiener Synagogen und Bethäuser von den Nationalsozialisten in Brand gesteckt und zerstört. Der Wiener Stadttempel entging als einzige Synagoge der Vernichtung, da eine Brandstiftung aufgrund seiner engen Verbauung im Wohngebiet eine Gefahr für umliegende Gebäude dargestellt hätte. Dennoch wurde der Innenraum entweiht, verwüstet und als Sammellager für Wiener Juden missbraucht, die von dort aus in die Vernichtungslager deportiert wurden.

Warum ist der Wiener Stadttempel nicht direkt von der Straße aus sichtbar?

Die einzigartige architektonische Gestaltung des Stadttempels, bei der er hinter einem fünfgeschossigen Mietshaus liegt, war eine direkte Folge der damals in Österreich geltenden Vorschriften. Nichtkatholische Gotteshäuser, sogenannte Toleranzbethäuser, durften nicht direkt von der Straße aus sichtbar sein. Dies sollte ihre Präsenz im Stadtbild weniger prominent machen. Der Zugang erfolgt daher durch das Straßengebäude, was ihm den Charakter eines „verborgenen“ Gotteshauses verlieh.

Wer war Joseph Kornhäusel und welche Rolle spielte er beim Bau des Stadttempels?

Joseph Kornhäusel war einer der bekanntesten Wiener Architekten seiner Epoche und eine Schlüsselfigur beim Bau des Wiener Stadttempels. Er erhielt den Auftrag für den Neubau, nachdem das zuvor auf dem Grundstück stehende baufällige Gebäude abgerissen werden musste. Kornhäusel entwarf den Stadttempel im klassizistischen Stil, der sich in der Fassade des Straßengebäudes und der eleganten Gestaltung des Synagogeninnenraums widerspiegelt. Sein Entwurf musste die damals geltenden Beschränkungen für nichtkatholische Gotteshäuser berücksichtigen, was zur einzigartigen „verborgenen“ Lage führte.

Welche Bedeutung hat der Stadttempel heute für die jüdische Gemeinde in Wien?

Der Stadttempel ist bis heute die Hauptsynagoge und das zentrale religiöse sowie kulturelle Zentrum der Israelitischen Kultusgemeinde Wien. Er ist ein Ort des Gebets, der Lehre und der Gemeinschaft. Darüber hinaus ist er eine bedeutsame Gedenkstätte, die an die Opfer der Shoah und an die bewegte Geschichte des Wiener Judentums erinnert. Seine unversehrte Existenz nach 1938 macht ihn zu einem starken Symbol der Resilienz und des Wiederaufbaus des jüdischen Lebens in Österreich.

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