20/03/2025
Der Islam, eine der größten Weltreligionen, ist in verschiedene Strömungen unterteilt, von denen die Sunniten und die Schiiten die bekanntesten sind. Während beide Zweige die grundlegenden Säulen des Islam teilen, unterscheiden sie sich in zentralen Aspekten der Führung und Autorität nach dem Tod des Propheten Mohammed. Eine der prägendsten Doktrinen innerhalb des schiitischen Islam ist das Imamat, das die spirituelle und oft auch politische Führung der Gemeinschaft durch eine Reihe von göttlich bestimmten Imamen postuliert. Doch was genau ist das Imamat, und wie unterscheidet es sich von anderen schiitischen Vorstellungen oder der sunnitischen Sichtweise? Dieser Artikel taucht tief in die Welt der Schia ein, beleuchtet die Bedeutung des Imamats und entschlüsselt die vielfältigen Facetten dieser faszinierenden Glaubensrichtung.

- Die Schia im Islam: Eine umfassende Einführung
- Das Imamat: Herzstück der schiitischen Theologie
- Die Bedeutung der Ahl al-bait: Die Familie des Propheten
- Vielfalt innerhalb der Schia: Hauptströmungen und ihre Unterschiede
- Schiitische Interpretationen und Normen
- Schiiten in der Welt und in Deutschland
- Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Die Schia im Islam: Eine umfassende Einführung
Die Schia, wörtlich „Partei“ oder „Anhänger“ (speziell „Partei Alis“), ist nach den Sunniten die zweitgrößte Glaubensrichtung im Islam. Ihre Ursprünge liegen in der Debatte um die Nachfolge des Propheten Mohammed nach seinem Tod im Jahr 632 n. Chr. Während die Sunniten die Rechtmäßigkeit der ersten vier Kalifen, die durch Konsens der Gemeinschaft gewählt wurden, anerkennen, glauben die Schiiten, dass die Führung der muslimischen Gemeinschaft ausschließlich den Nachkommen Mohammeds durch seine Tochter Fatima und seinen Cousin und Schwiegersohn Ali ibn Abi Talib zusteht. Diese Nachkommen werden als Imame bezeichnet, und ihre Rolle ist von zentraler Bedeutung für das schiitische Heilsverständnis.
Verbreitung und demografische Merkmale
Die Schiiten machen schätzungsweise etwa 13,8 Prozent der weltweiten muslimischen Bevölkerung aus. Obwohl sie in vielen Ländern in der Minderheit sind, stellen sie in einigen Staaten die Mehrheit oder eine einflussreiche Minderheit. Zu den Ländern mit einer schiitischen Mehrheit gehören der Iran, der Irak, Bahrain und Aserbaidschan, während im Libanon eine bedeutende schiitische Minderheit existiert. Diese Regionen werden manchmal als „schiitischer Halbmond“ bezeichnet, was die geografische Konzentration schiitischer Gemeinschaften verdeutlicht. Die größte Gruppe innerhalb der Schia sind die Zwölfer-Schiiten, die etwa 80 Prozent aller Schiiten ausmachen. Die restlichen 20 Prozent verteilen sich auf andere schiitische Denominationen wie die Ismailiten und Zaiditen, die sich in ihrer Lehre und der Anzahl der anerkannten Imame unterscheiden.
Das Imamat: Herzstück der schiitischen Theologie
Der Glaube an das Imamat ist das verbindende Element aller schiitischen Strömungen. Es ist die Doktrin, die die Schia am deutlichsten von der sunnitischen Tradition abgrenzt. Das Imamat ist nicht nur eine Frage der politischen Führung, sondern vor allem der spirituellen und theologischen Autorität. Der Imam wird als ein göttlich bestimmter Führer angesehen, der die wahre Bedeutung des Korans und der prophetischen Überlieferung kennt und die Gemeinschaft auf dem richtigen Weg leitet.
Die Natur und Rolle des Imams
Die Interpretation der Natur und Rolle des Imams variiert jedoch innerhalb der Schia erheblich:
- Göttliche Inkarnation: Einige extremistische schiitische Gruppen, die sogenannten Ghulāt, sowie die Alawiten, betrachten die Imame als göttliche Inkarnationen oder Manifestationen Gottes. Diese Ansicht wird von der Mehrheit der Schiiten als Häresie abgelehnt.
- Unfehlbare menschliche Wesen: Für die meisten Schiiten, insbesondere die Imamiten (Zwölfer-Schiiten), sind die Imame menschliche Wesen. Sie sind jedoch in ihrer Lehre und in ihrem Handeln unfehlbar (maʿṣūm), frei von Sünde und Irrtum. Diese Unfehlbarkeit stellt sie in gewisser Hinsicht den Propheten gleich und macht ihre Anweisungen und Interpretationen zur höchsten Autorität nach dem Koran und der Sunna des Propheten.
Die Hüterschaft des Imamats ist nach schiitischer Auffassung entscheidend für das Heil der Gläubigen. Ohne einen Imam, der das göttliche Licht vermittelt und die Schöpfung in Existenz hält, könne die Welt nicht bestehen. Nur ein solcher Vermittler, der durch prophetisches Wort oder das Wort seines Vorgängers göttlich designiert wurde, kann die Nachfolge des Propheten und die Führerschaft der Muslime übernehmen. Dies steht im Gegensatz zur zaiditischen Lehre, die besagt, dass jeder Nachkomme von Ali ibn Abi Talib und Fatima bint Muhammad für das Imamat qualifiziert ist, sofern er seinen Herrschaftsanspruch mit der Waffe in der Hand durchsetzt.
Die Verborgenheit des Imams
Ein weiteres zentrales Konzept, insbesondere bei den Zwölfer-Schiiten, ist die Doktrin des verborgenen Imams. Sie glauben, dass der zwölfte Imam, Muhammad al-Mahdi, im 9. Jahrhundert in die Verborgenheit eingegangen ist und am Ende der Zeiten zurückkehren wird, um Gerechtigkeit und Frieden auf Erden zu etablieren. Während seiner Verborgenheit wird die Gemeinschaft durch Gelehrte und Rechtsexperten (Mujtahids) geleitet, die das Wissen der Imame interpretieren und anwenden. Im Gegensatz dazu verehren die nizaritischen Ismailiten einen „anwesenden Imam“ (imām ḥāḍir), der unter ihnen weilt und als direkter Nachkomme des Propheten fungiert.
Die Bedeutung der Ahl al-bait: Die Familie des Propheten
Für Schiiten spielt die Familie des Propheten, die Ahl al-bait (wörtlich „Leute des Hauses“), eine überragende Rolle. Sie werden als rein und makellos angesehen, wie es im Koran (Sure 33:33) angedeutet wird. Die Ahl al-bait dienen den Gläubigen als emotionale Vorbilder und als Quelle der spirituellen Führung. Fatima, die Tochter des Propheten und Ehefrau Alis, gilt als Archetyp dieses familiären Elements und wird tief verehrt.
Eine wichtige theologische Grundlage für die schiitische Verehrung der Prophetenfamilie ist der „Hadith von den beiden Lasten“ (ḥadīṯ aṯ-ṯaqalain). Demnach soll der Prophet Mohammed vor seinem Tod gesagt haben: „Ich hinterlasse euch etwas, durch das ihr nie in die Irre gehen werdet, wenn ihr euch daran haltet: das Buch Gottes und meine nächsten Nachkommen, die Angehörigen meines Hauses (ahl baitī).“ Dieser Hadith wird von Schiiten als klare Anweisung des Propheten zur Nachfolge durch seine Familie interpretiert und unterstreicht die untrennbare Verbindung zwischen dem Koran und den Imamen als Quellen der Rechtleitung.
Vielfalt innerhalb der Schia: Hauptströmungen und ihre Unterschiede
Obwohl alle Schiiten das Imamat als grundlegendes Konzept anerkennen, haben sich im Laufe der Geschichte verschiedene Strömungen entwickelt, die sich in ihrer Auffassung über die Anzahl der Imame und die konkrete Nachfolge unterscheiden. Die drei prominentesten Gruppen sind die Zwölfer-Schiiten, die Ismailiten und die Zaiditen.
Vergleich der Hauptströmungen
Um die Unterschiede besser zu verstehen, bietet die folgende Tabelle einen Überblick über die wichtigsten Merkmale der drei Hauptströmungen:
| Merkmal | Zwölfer-Schiiten (Imamiten) | Ismailiten | Zaiditen |
|---|---|---|---|
| Anzahl der Imame | 12 Imame, der letzte in Verborgenheit | Fortlaufende Reihe von Imamen bis heute | Keine feste Anzahl; jeder qualifizierte Nachfahre Alis |
| Natur des Imams | Menschlich, aber unfehlbar und sündenlos | Menschlich, aber unfehlbar und göttlich inspiriert | Menschlich; muss politisch und militärisch führen |
| Nachfolgeprinzip | Göttliche Ernennung (nass) | Göttliche Ernennung (nass) | Aufstand und Durchsetzung des Anspruchs mit der Waffe |
| Besondere Lehren | Glaube an den verborgenen Imam, Taqīya, Mut'a-Ehe | Glaube an den anwesenden Imam, esoterische Interpretationen | Ablehnung der Taqīya; Betonung des aktiven Widerstands |
Schiitische Interpretationen und Normen
Über das Imamat hinaus gibt es weitere theologische und rechtliche Besonderheiten, die die Schia prägen und sie von anderen islamischen Strömungen abgrenzen.
Die Israeliten als Präfiguration der Schia
Eine tiefgreifende schiitische Tradition ist die Interpretation der koranischen Erzählungen über die Israeliten (Banū Isrāʾīl) als Präfiguration der Schia. Schiitische Exegeten sehen in den Geschichten der Israeliten Parallelen zu ihrer eigenen Geschichte und ihrem Schicksal. Zum Beispiel wird Pharao, der die Söhne der Israeliten tötete (Sure 40:25), mit den Umayyaden gleichgesetzt, die al-Husain und seine Anhänger bei Kerbela massakrierten. Die im Koran als auserwähltes Volk beschriebenen Israeliten (z. B. Sure 2:47) werden als Metapher für die Schiiten selbst verstanden. Diese Interpretation basiert auf der Vorstellung, dass Isrā'īl einer der Namen Mohammeds ist und somit die „Kinder Israels“ Mohammeds Nachkommen, also die Imame, sind. Die Zwölfer-Schiiten gingen noch weiter und interpretierten die Zwölf Stämme Israels mit ihren Obmännern (Sure 5:12) als Präfigurationen ihrer zwölf Imame. Auch Ali ibn Abi Talib wird in dieser typologischen Koranauslegung mit biblischen Figuren wie Josua, Aaron oder sogar dem Propheten Elija in Verbindung gebracht, was seine apokalyptische Rolle unterstreicht.
Spezifische Normen und Praktiken
In der schiitischen Normenlehre gibt es einige markante Unterschiede zur sunnitischen Praxis:
- Mut'a-Ehe: Ein auf die Imamiten einschließlich der Zwölfer-Schiiten beschränktes Rechtsinstitut ist die Mutʿa-Ehe, eine auf Zeit geschlossene Ehe. Während sie in der sunnitischen Rechtsprechung verboten ist, wird sie im schiitischen Islam unter bestimmten Bedingungen als gültig angesehen.
- Taqīya: Ebenfalls allein auf die Imamiten beschränkt ist das Prinzip der Taqīya, die Verheimlichung des eigenen Glaubens bei Gefahr oder Verfolgung. Dieses Prinzip diente historisch dem Schutz schiitischer Minderheiten in sunnitisch dominierten Gebieten. Die Zaiditen lehnen dieses Prinzip dagegen ab und betonen die Notwendigkeit des offenen Bekenntnisses.
- Gebetsruf (Adhan): Allen Schiiten gemeinsam ist der Zusatz zum Gebetsruf: „Auf zum besten Tun!“ (ḥaiya ʿalā ḫair al-ʿamal). Schiiten werfen dem zweiten Kalifen Umar ibn al-Chattab vor, diese ursprüngliche Formel willkürlich abgeschafft zu haben. Dieser kleine, aber bedeutsame Unterschied im Adhan ist ein hörbares Zeichen der schiitischen Identität.
Schiiten in der Welt und in Deutschland
Die Geschichte der Schia ist reich an Dynastien und Staaten, die unter schiitischer Herrschaft standen, darunter die Fatimiden in Ägypten oder die Safawiden im Iran, die den schiitischen Islam zur Staatsreligion erhoben. Diese historischen Entwicklungen haben die Verbreitung und das kulturelle Erbe der Schia maßgeblich geprägt.
Schiitisches Leben in Deutschland
Von den rund vier Millionen Muslimen, die in Deutschland leben, gehören etwa 7 bis 9 Prozent der Schia an. Die meisten dieser Schiiten stammen aus Ländern wie dem Iran, dem Libanon und dem Irak und sind oft aus Gründen der Flucht, des Studiums oder der Migration nach Deutschland gekommen. Interessanterweise weisen Schiiten in Deutschland mit 56 Prozent einen deutlich höheren Bildungsgrad auf als Sunniten (36,7 Prozent mit hoher Bildung), was auf spezifische Migrationsmuster und die Wertschätzung von Bildung in ihren Herkunftsländern hindeuten könnte.
Der offizielle schiitische Dachverband in Deutschland ist die Islamische Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden Deutschlands (IGS), die sich als Vertreter von etwa 150 schiitischen Moscheen, Gemeinden und Gruppen versteht. Die IGS spielt eine wichtige Rolle bei der Organisation religiöser Veranstaltungen und der Vertretung schiitischer Interessen in Deutschland. Ein bekanntes Beispiel für ihre Aktivitäten ist das jährliche Ghadīr Chumm Fest, bei dem Schiiten die Ernennung Alis durch den Propheten Mohammed zu seinem Nachfolger feiern. Diese Veranstaltung zieht regelmäßig über tausend Schiiten an und zählt zu den größten schiitischen Zusammenkünften in Deutschland, was die Lebendigkeit und Präsenz der schiitischen Gemeinschaft in der deutschen Gesellschaft unterstreicht.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
- Was ist der Hauptunterschied zwischen Imamat und Schia?
- Das Imamat ist eine zentrale theologische Doktrin innerhalb der Schia. Die Schia ist die gesamte Glaubensrichtung, während das Imamat die Lehre von der göttlich bestimmten Führung durch eine Reihe von Imamen ist, die für die Schiiten die einzig legitimen Nachfolger des Propheten Mohammed sind. Es ist also kein Unterschied im Sinne von Gegensätzen, sondern das Imamat ist ein Kernbestandteil der schiitischen Identität.
- Warum ist das Imamat so wichtig für die Schiiten?
- Für Schiiten sind die Imame nicht nur politische Führer, sondern auch spirituelle Wegweiser, die unfehlbar sind und die wahre Bedeutung des Korans und der prophetischen Lehre bewahren. Sie sind die Garanten des Heils und die Vermittler des göttlichen Lichts, ohne die die Schöpfung nicht bestehen könnte. Ihre Führung ist essenziell für die Rechtleitung der Gemeinschaft.
- Gibt es nur eine Art von Schia?
- Nein, es gibt verschiedene Strömungen innerhalb der Schia, die sich hauptsächlich in der Anzahl der Imame und der Art ihrer Anerkennung unterscheiden. Die größten Gruppen sind die Zwölfer-Schiiten (Imamiten), die Ismailiten und die Zaiditen.
- Was bedeutet die „Verborgenheit“ des Imams bei den Zwölfer-Schiiten?
- Die Zwölfer-Schiiten glauben, dass ihr zwölfter Imam, Muhammad al-Mahdi, im 9. Jahrhundert n. Chr. in die Verborgenheit eingegangen ist. Er ist nicht tot, sondern lebt verborgen und wird am Ende der Zeiten zurückkehren, um Gerechtigkeit und Frieden auf Erden zu bringen. Während seiner Verborgenheit wird die Gemeinschaft von religiösen Gelehrten (Ajatollahs) geführt.
- Was ist die Mut'a-Ehe?
- Die Mut'a-Ehe ist eine auf Zeit geschlossene Eheform, die im schiitischen Islam, insbesondere bei den Imamiten, unter bestimmten Bedingungen erlaubt ist. Sie unterscheidet sich von der dauerhaften Ehe durch ihre befristete Natur und wird in der sunnitischen Rechtsprechung abgelehnt.
Das Imamat ist somit weit mehr als nur eine Form der politischen Führung; es ist das theologische Rückgrat des schiitischen Islam, das die spirituelle Kontinuität der göttlichen Führung nach dem Propheten Mohammed sicherstellt. Die Vielfalt innerhalb der Schia selbst, von den Zwölfer-Schiiten bis zu den Ismailiten und Zaiditen, zeugt von der reichen Geschichte und den unterschiedlichen Interpretationen dieses zentralen Glaubensprinzips. Für Schiiten weltweit, und auch für die wachsende Gemeinschaft in Deutschland, bildet das Imamat die Grundlage ihrer Identität und ihres Verständnisses von Glauben und Gemeinschaft.
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