19/06/2021
Das menschliche Leben ist untrennbar mit der Erfahrung von Fehlern und Verfehlungen verbunden. Ob es sich um kleine Ungenauigkeiten, unbedachte Worte oder schwerwiegende moralische Fehltritte handelt – wir alle kennen Momente, in denen wir unseren eigenen Ansprüchen oder denen Gottes nicht gerecht werden. Die Frage, wie man mit diesen Verfehlungen umgeht, sowohl im eigenen Leben als auch im Umgang mit anderen, ist ein zentrales Thema vieler Religionen und insbesondere des christlichen Glaubens. Die Bibel, insbesondere die Lehren Jesu, bietet hierzu tiefe Einsichten und klare Anweisungen, die nicht nur auf die Vergebung abzielen, sondern auch auf die zugrunde liegende Haltung des Herzens.

Im Matthäusevangelium, Kapitel 6, finden wir eine umfassende Rede Jesu, die oft als Teil der Bergpredigt betrachtet wird. In diesem Abschnitt geht es nicht nur um die Verfehlungen selbst, sondern vielmehr um die Motivation hinter unseren Handlungen und die Bedeutung einer aufrichtigen Beziehung zu Gott. Jesus lehrt seine Jünger und damit uns alle, wie wahre Frömmigkeit aussieht, die nicht auf äußeren Schein, sondern auf innere Reinheit und Vertrauen basiert. Es geht darum, nicht nur die Symptome (die Verfehlungen) zu behandeln, sondern die Wurzel des Problems anzugehen – die Herzenseinstellung.
- Almosen geben: Die Kunst der verborgenen Großzügigkeit
- Das Gebet: Eine intime Unterhaltung mit dem Vater
- Fasten: Eine innere Disziplin
- Schätze sammeln und Sorgen vermeiden: Der wahre Reichtum
- Zusammenfassung der Haltungen und ihrer Konsequenzen
- Häufig gestellte Fragen zu Verfehlungen und dem biblischen Umgang damit
- Warum ist Vergebung so wichtig für den Umgang mit Verfehlungen?
- Wie soll ich beten, wenn nicht mit vielen Worten oder öffentlich?
- Was bedeutet es, Schätze im Himmel zu sammeln?
- Sollte man sich gar keine Sorgen machen, auch nicht um wichtige Dinge?
- Ist öffentliches Beten oder Almosen geben immer falsch?
- Fazit: Ein Leben in Gottes Augen
Almosen geben: Die Kunst der verborgenen Großzügigkeit
Jesus beginnt seine Ausführungen mit dem Thema des Almosengebens. Er warnt davor, Wohltätigkeit zur Schau zu stellen, um von Menschen gelobt zu werden. „Habt aber acht, dass ihr eure Gerechtigkeit nicht übt vor den Leuten, um von ihnen gesehen zu werden; ihr habt sonst keinen Lohn bei eurem Vater im Himmel.“ (Matthäus 6,1). Dies ist eine direkte Kritik an der Heuchelei, die Jesus bei den Pharisäern und Schriftgelehrten seiner Zeit oft beobachtete. Sie bliesen Posaunen vor sich her, wenn sie Almosen gaben, damit jeder es sah und sie dafür pries. Jesus hingegen fordert eine ganz andere Haltung:
„Wenn du aber Almosen gibst, so lass deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut, auf dass dein Almosen verborgen bleibe; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.“ (Matthäus 6,3-4)
Diese drastische Metapher unterstreicht die Notwendigkeit einer inneren Authentizität. Es geht darum, Gutes zu tun, weil es richtig ist, nicht um Anerkennung zu erhalten. Der wahre Lohn kommt nicht von Menschen, sondern von Gott, der nicht auf das Äußere, sondern auf das Herz schaut. Eine Verfehlung wäre hier, Gutes aus egoistischen Motiven zu tun, anstatt aus reiner Nächstenliebe und Gottesfurcht.
Das Gebet: Eine intime Unterhaltung mit dem Vater
Ähnlich wie beim Almosengeben kritisiert Jesus auch das Gebet, das zur Schau gestellt wird. Die Heuchler beteten an Straßenecken und in Synagogen, um von den Leuten gesehen zu werden. Jesus sagt dazu klar: „Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt.“ (Matthäus 6,5). Ihr einziger Lohn ist die menschliche Bewunderung, die vergänglich ist und vor Gott keinen Wert hat. Stattdessen lehrt Jesus die persönliche, intime Kommunikation mit Gott:
„Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.“ (Matthäus 6,6)
Das „Kämmerlein“ symbolisiert hier nicht unbedingt einen physischen Raum, sondern einen Ort der Stille und Vertrautheit im Herzen. Es ist ein Raum, in dem man sich ohne Ablenkung und ohne die Notwendigkeit, einen Eindruck zu hinterlassen, ganz Gott zuwenden kann. Darüber hinaus warnt Jesus vor sinnlosem „Geplapper“ und vielen Worten, wie es die Heiden tun, die meinen, durch die Menge ihrer Worte erhört zu werden. Gott kennt unsere Bedürfnisse, bevor wir sie aussprechen (Matthäus 6,7-8).
Das Vaterunser: Ein Modell für Gebet und Vergebung
Als Modell für ein aufrichtiges Gebet gibt Jesus seinen Jüngern das Vaterunser. Dieses Gebet ist nicht nur eine Aneinanderreihung von Bitten, sondern eine tiefgründige theologische Aussage, die unsere Beziehung zu Gott und zueinander widerspiegelt. Ein zentraler Vers, der direkt die Frage der Verfehlungen aufgreift, lautet:
„Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“ (Matthäus 6,12)
Dieser Satz ist von immenser Bedeutung. Er verknüpft unsere eigene Bitte um Vergebung von Gott direkt mit unserer Bereitschaft, anderen zu vergeben. Jesus bekräftigt dies unmittelbar nach dem Vaterunser nochmals eindringlich:
„Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.“ (Matthäus 6,14-15)
Dies ist eine der klarsten und stärksten Aussagen Jesu zur Vergebung. Sie ist nicht optional, sondern eine grundlegende Voraussetzung für die eigene Vergebung durch Gott. Eine Verfehlung, die wir an anderen nicht vergeben, wird zum Hindernis für Gottes Vergebung unserer eigenen Verfehlungen. Es geht hier um eine Herzenshaltung der Barmherzigkeit und des Verständnisses, die das Fundament für eine gesunde Beziehung zu Gott und zu unseren Mitmenschen bildet.
Fasten: Eine innere Disziplin
Das dritte Beispiel, das Jesus anführt, ist das Fasten. Auch hier warnt er vor der Heuchelei derer, die ihr Gesicht verstellen und traurig dreinsehen, um anderen zu zeigen, dass sie fasten. Ihr Lohn ist die menschliche Anerkennung. Jesus lehrt stattdessen:
„Wenn du aber fastest, so salbe dein Haupt und wasche dein Gesicht, damit du dich nicht vor den Leuten zeigst mit deinem Fasten, sondern vor deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.“ (Matthäus 6,17-18)
Die Anweisung, sich zu salben und das Gesicht zu waschen, ist eine Aufforderung zur Normalität, zur Vermeidung jeder äußeren Schau. Fasten soll eine private Angelegenheit zwischen dem Einzelnen und Gott sein, eine Übung in Demut und Selbstbeherrschung, die nicht zur Selbstdarstellung dient. Eine Verfehlung wäre hier, eine geistliche Disziplin in eine Performance zu verwandeln, die den wahren Zweck verfehlt.
Schätze sammeln und Sorgen vermeiden: Der wahre Reichtum
Nachdem Jesus die äußeren religiösen Praktiken behandelt hat, wendet er sich inneren Einstellungen zu, die ebenfalls mit Verfehlungen in Verbindung stehen können: Habgier und Sorge. Er fordert seine Zuhörer auf, ihre Prioritäten neu zu ordnen:
„Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, wo Motten und Rost sie fressen und wo Diebe einbrechen und stehlen. Sammelt euch aber Schätze im Himmel, wo weder Motten noch Rost sie fressen und wo Diebe nicht einbrechen und stehlen. Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.“ (Matthäus 6,19-21)
Das Sammeln von irdischen Schätzen wird als vergänglich und unsicher dargestellt. Wahre Schätze sind geistlicher Natur und haben ewigen Bestand. Die Verfehlung hier ist die Anbetung des Mammons (Reichtums) anstelle Gottes. „Niemand kann zwei Herren dienen: Entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ (Matthäus 6,24). Die Gier nach Reichtum kann das Herz von Gott ablenken und zu vielen Verfehlungen führen.
Eng damit verbunden ist das Thema der Sorge. Jesus ermahnt seine Jünger, sich keine Sorgen um Essen, Trinken oder Kleidung zu machen. Er verweist auf die Vögel des Himmels und die Lilien auf dem Feld, die von Gott versorgt werden, ohne zu säen oder zu spinnen. Wenn Gott sich um die Natur kümmert, wie viel mehr wird er sich dann um seine Kinder kümmern? (Matthäus 6,25-30).
„Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft.“ (Matthäus 6,31-32)
Die Verfehlung hier ist der Mangel an Vertrauen in Gottes Fürsorge. Sorgen offenbaren einen Mangel an Glauben und können uns von der Suche nach Gottes Reich und seiner Gerechtigkeit ablenken. Jesus ermutigt zu einem tiefen Vertrauen darauf, dass Gott unsere Bedürfnisse kennt und versorgen wird, wenn wir seine Prioritäten an die erste Stelle setzen.
Zusammenfassung der Haltungen und ihrer Konsequenzen
Die Lehren Jesu in Matthäus 6 zeigen auf, dass es bei der Bewältigung von Verfehlungen nicht nur um das Vermeiden von Sünden geht, sondern um eine grundlegende Herzensänderung. Es geht um die Motivation hinter unseren Handlungen und die Ausrichtung unseres Lebens auf Gott. Die folgende Tabelle fasst die Kernbotschaften zusammen:
| Praxis / Thema | Haltung der Heuchler / Verfehlung | Wahre Haltung / Gottes Wille | Lohn |
|---|---|---|---|
| Almosen geben | Zur Schau stellen, Posaunen blasen, um von Menschen gepriesen zu werden. | Verborgene Großzügigkeit, linke Hand weiß nicht, was die rechte tut. | Menschliche Anerkennung (vergänglich) vs. Lohn vom Vater im Himmel (ewig). |
| Beten | An Straßenecken stehen, viele Worte machen, um sich vor Leuten zu zeigen. | Im Kämmerlein beten, intime Kommunikation mit Gott, aufrichtige Bitten. | Menschliche Anerkennung (vergänglich) vs. Lohn vom Vater im Himmel (ewig). |
| Vergebung | Anderen ihre Verfehlungen nicht vergeben. | Bereitschaft, anderen zu vergeben, wie Gott uns vergibt. | Gottes Vergebung bleibt aus vs. Gottes Vergebung wird empfangen. |
| Fasten | Sauer dreinsehen, Gesicht verstellen, um mit Fasten zu prahlen. | Haupt salben, Gesicht waschen, Fasten im Verborgenen. | Menschliche Anerkennung (vergänglich) vs. Lohn vom Vater im Himmel (ewig). |
| Schätze sammeln | Schätze auf Erden sammeln, Mammon dienen. | Schätze im Himmel sammeln, Gott dienen. | Vergänglicher Besitz vs. Ewiger Besitz und wahre Erfüllung. |
| Sorgen | Sich sorgen um Essen, Trinken, Kleidung; Misstrauen in Gottes Fürsorge. | Gott vertrauen, Gottes Reich und Gerechtigkeit zuerst suchen. | Angst und Mangel vs. Friede und Versorgung. |
Häufig gestellte Fragen zu Verfehlungen und dem biblischen Umgang damit
Warum ist Vergebung so wichtig für den Umgang mit Verfehlungen?
Die Bibel lehrt, dass Vergebung ein Eckpfeiler unserer Beziehung zu Gott und zu unseren Mitmenschen ist. Jesus macht in Matthäus 6,14-15 sehr deutlich, dass unsere Bereitschaft, anderen zu vergeben, direkt mit Gottes Bereitschaft verbunden ist, uns zu vergeben. Es ist kein Handel, sondern ein Spiegelbild einer veränderten Herzenshaltung. Wer selbst Barmherzigkeit erfahren hat, sollte bereit sein, diese Barmherzigkeit auch anderen zukommen zu lassen. Das Festhalten an Groll und Unversöhnlichkeit ist eine eigene Verfehlung, die die Verbindung zu Gott trübt und unser eigenes Herz belastet.
Wie soll ich beten, wenn nicht mit vielen Worten oder öffentlich?
Jesus lehrt, dass es beim Gebet auf die Herzenshaltung ankommt, nicht auf die Länge oder die Öffentlichkeit. Das „Kämmerlein“ symbolisiert einen Ort der Aufrichtigkeit und Intimität mit Gott, sei es ein physischer Raum oder ein innerer Zustand der Stille. Das Vaterunser ist ein Modell dafür, wie man beten kann: Es beginnt mit der Anbetung Gottes, bittet um die Erfüllung seines Willens, dann um die grundlegenden Bedürfnisse und schließlich um Vergebung und Bewahrung vor Versuchung. Es geht um eine ehrliche Kommunikation, in der man seine Bedürfnisse und sein Vertrauen ausdrückt, ohne Gott überzeugen zu müssen, denn er weiß bereits, was wir brauchen.
Was bedeutet es, Schätze im Himmel zu sammeln?
Schätze im Himmel zu sammeln bedeutet, in Dinge zu investieren, die ewigen Wert haben. Das sind keine materiellen Güter, sondern Handlungen des Glaubens, der Liebe, der Gerechtigkeit und der Barmherzigkeit. Es bedeutet, Gottes Reich und seine Werte über irdische Besitztümer zu stellen. Dazu gehört, großzügig zu sein, anderen zu dienen, sich um die Armen und Bedürftigen zu kümmern, das Evangelium zu verbreiten und ein Leben zu führen, das Gott ehrt. Diese Taten haben Bestand und werden von Gott belohnt, im Gegensatz zu irdischem Reichtum, der vergänglich ist und nicht ins Jenseits mitgenommen werden kann.
Sollte man sich gar keine Sorgen machen, auch nicht um wichtige Dinge?
Jesus fordert uns nicht auf, unverantwortlich oder leichtsinnig zu sein. Es geht nicht darum, keine Pläne zu machen oder sich um die Zukunft zu kümmern. Vielmehr warnt er vor einer lähmenden Angst und Sorge, die aus einem Mangel an Vertrauen in Gottes Fürsorge resultiert. Die „Sorge“ (griechisch: merimnao) bezeichnet hier eine ängstliche Zerstreuung oder Besorgnis, die das Herz von Gott wegzieht. Jesus ermutigt uns, unsere Anliegen im Gebet vor Gott zu bringen und ihm zu vertrauen, dass er für unsere grundlegenden Bedürfnisse sorgen wird. Indem wir zuerst Gottes Reich suchen, versprechen wir, dass uns alles andere hinzugefügt wird. Das bedeutet, dass wir unser Bestes tun, aber das Ergebnis in Gottes Hände legen.
Ist öffentliches Beten oder Almosen geben immer falsch?
Nein, nicht per se. Jesus kritisiert nicht das öffentliche Gebet oder das Almosengeben an sich, sondern die Motivation dahinter. Es gibt biblische Beispiele für öffentliches Gebet und kollektive Wohltätigkeit in der Gemeinde. Der Schlüssel liegt in der Herzenshaltung: Tut man es, um von Menschen gesehen und gelobt zu werden (was Jesus als Heuchelei bezeichnet), oder tut man es zur Ehre Gottes und zum Wohl der Gemeinschaft? Wenn die Absicht rein ist und Gott verherrlicht werden soll, dann sind solche Handlungen nicht verwerflich. Jesus betont, dass Gott das Verborgene sieht, was bedeutet, dass er unsere wahren Absichten kennt und belohnt, unabhängig davon, ob unsere Taten öffentlich oder privat geschehen.
Fazit: Ein Leben in Gottes Augen
Die Lehren Jesu in Matthäus 6 bieten einen tiefen Einblick in die Art und Weise, wie Gläubige mit Verfehlungen umgehen und ein Leben führen sollen, das Gott gefällt. Es geht um mehr als nur das Einhalten von Regeln; es geht um eine radikale Transformation des Herzens. Die wahre Frömmigkeit zeigt sich nicht im äußeren Schein, sondern in der inneren Haltung der Aufrichtigkeit, der Demut und des Vertrauens. Die Bereitschaft zur Vergebung ist dabei von zentraler Bedeutung, denn sie ist der Schlüssel zu Gottes eigener Vergebung und zur Heilung unserer Beziehungen. Indem wir unsere Schätze im Himmel sammeln und uns nicht von irdischen Sorgen überwältigen lassen, demonstrieren wir unser tiefstes Vertrauen in Gottes Fürsorge und seine ewigen Prioritäten. Ein Leben, das nach diesen Prinzipien ausgerichtet ist, mag in den Augen der Welt unscheinbar wirken, doch in den Augen Gottes ist es von unschätzbarem Wert und wird reichlich belohnt.
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