Wie betreuen Muslime ihre Sterbenden in der Sterbephase?

Sterbebegleitung im Islam: Rituale & Trost

13/06/2022

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Im Islam wird der Sterbephase eine außerordentliche Bedeutung und Ernsthaftigkeit beigemessen. Es ist eine Zeit des Übergangs, die nicht nur für den Sterbenden selbst, sondern auch für seine Familie und Freunde von tiefgreifender spiritueller Relevanz ist. Diese Phase wird als ein entscheidender Moment betrachtet, in dem sich der Mensch auf seine Begegnung mit dem Schöpfer vorbereitet. Aus diesem Grund ist die Art und Weise, wie Muslime ihre Sterbenden in dieser sensiblen Zeit betreuen, von größter Wichtigkeit und wird durch spezifische Traditionen und Rituale geleitet, die darauf abzielen, dem Sterbenden Trost, spirituelle Unterstützung und Würde zu verleihen.

Was passiert wenn man stirbt?
Wer in diesem Zustand stirbt, dem Tod begegnet, der erkennt den Übergang auf dem er sich schon zu Lebzeiten ständig bewegte, erlebt die Rückkunft zum Freund, denn nicht umsonst wird im Qur'aan von den Freunden Allahs, den Nahen, den Heiligen gesprochen. Alles ist Weg, jede banale Handlung wird transzendiert.
Inhaltsverzeichnis

Die intensive Betreuung in der Sterbephase

Die islamische Tradition verlangt von den Gläubigen, ihre Sterbenden in der Sterbephase intensiv zu betreuen. Diese Betreuung ist eine Pflicht, die aus tiefem Respekt vor dem Leben und dem Glauben an das Jenseits erwächst. Jede Handlung, jedes Gebet und jede Geste der Zuneigung dient dazu, den Sterbenden auf seinem letzten Weg zu begleiten und ihm Frieden zu schenken.

Die physische Ausrichtung und Positionierung

Ein wichtiger Aspekt der Sterbebegleitung betrifft die physische Positionierung des Sterbenden. Wenn möglich, wird die Person auf die rechte Seite gelagert, mit dem Gesicht in Richtung der Ka’bah, des heiligen Hauses in Mekka. Diese Ausrichtung symbolisiert die Verbindung zu Allah und die Einheit der muslimischen Gemeinschaft. Sollte eine Lagerung auf der rechten Seite nicht möglich sein, so wird der Sterbende auf den Rücken gelegt, wobei seine Füße ebenfalls in Richtung der Ka’bah zeigen. Dabei wird der Kopf ein wenig angehoben. Diese sorgfältige Ausrichtung ist nicht nur eine Geste des Respekts, sondern soll dem Sterbenden auch eine spirituelle Orientierung in dieser kritischen Zeit geben.

Das Islambekenntnis (Schahaadah)

Ein zentrales Element der spirituellen Begleitung ist das Vorsprechen des Islambekenntnisses, der Schahaadah: „asch-hadu an la ilaaha il-lal-laah, wa asch-hadu an-na mu h am-madan rasuulul-laah“ (Ich bezeuge, dass es keine Gottheit gibt außer Allah, und ich bezeuge, dass Muhammad Sein Gesandter ist). Dies wird dem Sterbenden leise vorgesprochen, um ihn an die grundlegende Glaubenswahrheit zu erinnern. Es ist jedoch von größter Bedeutung, den Sterbenden nicht zu drängen, es nachzusprechen. Der Akt des Vorsprechens allein dient als Erinnerung und Trost, und der innere Zustand des Sterbenden wird Allah überlassen. Diese Praxis soll dem Sterbenden helfen, sich auf Allah zu konzentrieren und im Bewusstsein des Glaubens aus dem Leben zu scheiden.

Die Rolle der Familie und Freunde

Die Anwesenheit und der Beistand von geliebten Menschen sind in der Sterbephase von unschätzbarem Wert. Es wird betont, dass die besten Freunde und Verwandten den Sterbenden besuchen sollen. Ihre Aufgabe ist es, mit ihm zusammen zu sein, ihm in diesem sehr schwierigen Moment Beistand zu leisten und ihm Mut zuzusprechen. Diese moralische und emotionale Unterstützung ist entscheidend, um dem Sterbenden das Gefühl zu geben, nicht allein zu sein und geliebt zu werden.

Rituelle Reinheit und Bittgebete

Die Besucher haben ebenfalls eine wichtige Rolle in der spirituellen Unterstützung. Sie sollen sich im Zustand der rituellen Gebetswaschung befinden, was ihre eigene Reinheit und ihren Respekt für die Situation unterstreicht. In diesem Zustand der Reinheit sollen sie für den Sterbenden viele Bittgebete (Du'a) sprechen. Diese Gebete sind eine Form der Fürbitte und des Flehens an Allah, dem Sterbenden Gnade, Vergebung und einen leichten Übergang zu gewähren. Es ist ein Akt der Hingabe und des tiefen Glaubens, der sowohl dem Sterbenden als auch den Betenden Trost spendet.

Die Schaffung einer friedvollen Atmosphäre

Um eine angenehme und beruhigende Atmosphäre zu schaffen, wird in der Nähe des Sterbenden gut riechendes Parfüm aufgestellt. Dies dient dazu, unangenehme Gerüche zu neutralisieren und eine Umgebung zu schaffen, die Frieden und Würde ausstrahlt. Zusätzlich dazu soll die Suurah Yaa-siin (Nr. 36) aus dem Koran leise rezitiert werden. Diese Sure, oft als das 'Herz des Korans' bezeichnet, enthält Verse über die Auferstehung und die Macht Allahs und wird als besonders tröstlich und segensreich für den Sterbenden angesehen.

Die Hoffnung auf Vergebung und Gnade

Ein fundamentaler Aspekt der islamischen Lehre, der auch in der Sterbephase betont wird, ist die Bedeutung der Hoffnung. Der Sterbende soll zuversichtlich bleiben und auf Allaahs Vergebung und Gnade hoffen. Der Muslim verliert auch im Sterben niemals die Hoffnung auf die Vergebung und die Gnade Allahs. Diese Überzeugung ist eine Quelle des Trostes und der Stärke, die dem Sterbenden hilft, seine letzten Momente mit Glauben und Hingabe zu erleben, wissend, dass Allah der Barmherzigste und Vergebendste ist.

Maßnahmen unmittelbar nach dem Ableben

Sobald der Tod eingetreten ist, gibt es spezifische Handlungen, die von den Anwesenden ausgeführt werden, um dem Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen und ihn auf die Bestattung vorzubereiten. Diese Handlungen sind von Respekt und ritueller Reinheit geprägt.

Das Schließen der Augen und das Bittgebet

Zunächst werden die Augen des Verstorbenen geschlossen. Dabei wird ein spezielles Bittgebet rezitiert, das Allah um Vergebung, Erhöhung der Stellung und Schutz für die Hinterbliebenen bittet. Das Bittgebet lautet:

بِسْمِ اللَّهِ وَعَلَى مِلَّةِ رَسُولِ اللَّهِ. اللَّهُمَّ اغْفِرْ‏ لَهُ ‏وَارْفَعْ دَرَجَتَهُ فِي الْمَهْدِيِّينَ وَاخْلُفْهُ فِي عَقِبِهِ فِي الْغَابِرِينَ وَاغْفِرْ لَنَا وَلَهُ يَا رَبَّ الْعَالَمِينَ وَافْسَحْ لَهُ فِي قَبْرِهِ وَنَوِّرْ لَهُ فِيهِ.

„bismil-laah, wa ‘ala mil-lati rasuulil-laah. al-laahum-maghfir lahu, warfa’ daradschatahu fil-mahdiy-yiin, wachlif-hu fi ‘aqibihi fil ghaabiriin, waghfir lana wa lahu ya rab-bal-‘aalamin, wa afsih lahu fi qabrihi, wa nau-wir lahu fih.“

Die Bedeutung dieses tiefgründigen Gebetes ist: „Mit dem Namen Allaahs, und als Anhänger der Gemeinde des Gesandten Allaahs. Allaah! Vergib ihm, erhöhe seine Stellung unter den Rechtgeleiteten, unterstütze nach ihm seine Hinterbliebenen und vergib uns und ihm, o Herr der Welten! Und erweitere ihm in seinem Grab und lasse für ihn darin Licht sein.“ (M) Dieses Bittgebet fasst die Hoffnung und die Fürbitte der Lebenden für den Verstorbenen zusammen, insbesondere im Hinblick auf das Leben im Grab und das Jenseits.

Weitere rituelle Handlungen

Nach dem Schließen der Augen und dem Rezitieren des Gebetes wird der Unterkiefer des Verstorbenen am Kopf nach oben gebunden. Dies geschieht, um das Gesicht in einer würdevollen Position zu halten. Anschließend wird der Verstorbene mit einem Tuch bedeckt. Wenn der Verstorbene ausgezogen wird, muss die 'Aurah – die intimen Bereiche des Körpers, die im Islam bedeckt sein müssen – ständig bedeckt bleiben. Dies ist ein Zeichen des größten Respekts für die Würde des Verstorbenen, selbst im Tod.

Zusammenfassung der Praktiken

Die folgende Tabelle bietet eine Übersicht über die wichtigsten Maßnahmen und Praktiken, die Muslime in der Sterbephase und unmittelbar nach dem Ableben eines Gläubigen durchführen:

PhaseMaßnahmen und Praktiken
Vor dem Ableben (Sterbephase)
  • Lagerung auf rechter Seite in Ka’bah-Richtung (oder auf Rücken mit Füßen in Ka’bah-Richtung, Kopf leicht gehoben).
  • Vorsprechen des Islambekenntnisses (Schahaadah), ohne den Sterbenden zum Nachsprechen zu drängen.
  • Besuch durch beste Freunde und Verwandte zur Beistandsleistung und Mutzusprechung.
  • Besucher sollten sich im Zustand der rituellen Gebetswaschung befinden.
  • Sprechen vieler Bittgebete für den Sterbenden.
  • Aufstellen von gut riechendem Parfüm in der Nähe des Sterbenden.
  • Leises Rezitieren der Suurah Yaa-siin (Nr. 36).
  • Ermutigung zur Zuversicht und Hoffnung auf Allaahs Vergebung und Gnade.
Unmittelbar nach dem Ableben
  • Schließen der Augen des Verstorbenen.
  • Rezitation des spezifischen Bittgebets: „bismil-laah, wa ‘ala mil-lati rasuulil-laah. al-laahum-maghfir lahu, warfa’ daradschatahu fil-mahdiy-yiin, wachlif-hu fi ‘aqibihi fil ghaabiriin, waghfir lana wa lahu ya rab-bal-‘aalamin, wa afsih lahu fi qabrihi, wa nau-wir lahu fih.“
  • Binden des Unterkiefers am Kopf nach oben.
  • Bedecken des Verstorbenen mit einem Tuch.
  • Ausziehen des Verstorbenen, wobei die ‘Aurah (intime Bereiche) ständig bedeckt bleibt.

Häufig gestellte Fragen zur islamischen Sterbebegleitung

Was ist die Bedeutung der Sterbephase im Islam?

Im Islam wird die Sterbephase als eine äußerst wichtige und ernste Zeit betrachtet, die den Übergang des Menschen von dieser Welt ins Jenseits darstellt. Sie ist eine Zeit der Vorbereitung auf die Begegnung mit Allah und erfordert daher intensive spirituelle und physische Betreuung, um dem Sterbenden Trost und Unterstützung zu bieten.

Wie soll ein sterbender Muslim physisch positioniert werden?

Ein sterbender Muslim soll, wenn möglich, auf die rechte Seite gelagert werden, mit dem Gesicht in Richtung der Ka’bah. Ist dies nicht möglich, so wird er auf den Rücken gelegt, wobei seine Füße in Ka’bah-Richtung zeigen und der Kopf leicht angehoben wird. Diese Ausrichtung dient der spirituellen Orientierung.

Soll der Sterbende das Islambekenntnis nachsprechen?

Das Islambekenntnis (Schahaadah) soll dem Sterbenden vorgesprochen werden, um ihn daran zu erinnern. Es ist jedoch ausdrücklich untersagt, den Sterbenden zu drängen, es nachzusprechen. Der Akt des Vorsprechens allein ist ausreichend als spiritueller Beistand.

Wer sollte den Sterbenden besuchen?

Die besten Freunde und Verwandten des Sterbenden sollen ihn besuchen. Ihre Aufgabe ist es, mit ihm zusammen zu sein, ihm Beistand zu leisten und ihm in dieser schwierigen Zeit Mut zuzusprechen. Sie sollen sich dabei im Zustand der rituellen Gebetswaschung befinden.

Welche spirituellen Praktiken werden für den Sterbenden durchgeführt?

Für den Sterbenden sollen viele Bittgebete gesprochen werden. Zudem soll in seiner Nähe gut riechendes Parfüm aufgestellt und die Suurah Yaa-siin (Nr. 36) leise rezitiert werden. Diese Praktiken dienen der Beruhigung und spirituellen Unterstützung.

Was geschieht unmittelbar nach dem Ableben eines Muslims?

Nach dem Ableben werden die Augen des Verstorbenen geschlossen. Dabei wird ein spezifisches Bittgebet rezitiert. Anschließend wird der Unterkiefer am Kopf nach oben gebunden, der Verstorbene mit einem Tuch bedeckt und ausgezogen, wobei die 'Aurah (intime Bereiche) stets bedeckt bleiben muss.

Warum ist Hoffnung für den sterbenden Muslim wichtig?

Der sterbende Muslim soll zuversichtlich bleiben und auf Allaahs Vergebung und Gnade hoffen, denn der Muslim verliert auch im Sterben niemals die Hoffnung auf die Vergebung und die Gnade Allaahs. Dies ist eine zentrale Lehre des Islam, die Trost und Stärke in den letzten Momenten des Lebens spendet.

Die islamische Sterbebegleitung ist ein umfassendes System von Praktiken, das darauf abzielt, dem Sterbenden in seinen letzten Momenten Trost, Würde und spirituelle Unterstützung zu bieten. Es unterstreicht die tiefe Verbundenheit der Muslime mit ihrem Glauben, auch im Angesicht des Todes, und die Bedeutung der Gemeinschaft bei der Begleitung eines Mitglieds auf seiner letzten Reise zu Allah.

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