01/10/2025
In den Annalen der Glaubensgeschichte nehmen bestimmte Objekte eine einzigartige und zutiefst verehrte Stellung ein: die Reliquien. Diese irdischen Überbleibsel von Heiligen oder Gegenstände, die mit ihnen in Verbindung gebracht werden, sind weit mehr als bloße historische Artefakte. Sie sind Zeugen des Glaubens, Brücken zur Vergangenheit und für viele Gläubige eine Quelle der Inspiration und des Trostes. Insbesondere die sogenannten Reliquien erster Klasse genießen eine besondere Ehrerbietung. Doch was genau verbirgt sich hinter dieser Klassifizierung, und welche Rolle spielen diese heiligen Gegenstände in der christlichen Tradition?
Dieser Artikel beleuchtet die Definition, die historische Entwicklung, die Kontroversen und die anhaltende Bedeutung von Reliquien, mit einem besonderen Fokus auf jene der ersten Klasse. Wir werden die Ursprünge ihrer Verehrung erkunden, ihre Rolle in der Liturgie und im Brauchtum verstehen und einen Blick auf die beeindruckenden Weisen werfen, wie sie über die Jahrhunderte hinweg bewahrt und geschützt wurden.

- Was sind Reliquien? Eine grundlegende Definition
- Reliquien erster Klasse: Das Herzstück der Verehrung
- Historische Entwicklung der Reliquienverehrung
- Die Reformation und die Wiederbelebung der Verehrung
- Biblische Reliquien: Eine Sonderstellung
- Wunder und die Faszination der Reliquien
- Die Bedeutung der Reliquien in der heutigen Zeit
- Aufbewahrung und Verehrung: Das Reliquiar
- Liturgie, Brauchtum und Wallfahrten
- Reliquiensammlungen und Heiltumskammern
- Der Handel mit Reliquien: Ein umstrittenes Thema
- Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Was sind Reliquien? Eine grundlegende Definition
Der Begriff „Reliquie“ leitet sich vom lateinischen „reliquiae“ ab, was so viel wie „Zurückgelassenes“ oder „Überbleibsel“ bedeutet. Im religiösen Kontext bezeichnet eine Reliquie einen Gegenstand, der aufgrund seiner direkten Verbindung zu einem Heiligen oder einer heiligen Person kultisch verehrt wird. Die Bandbreite dieser Überreste ist vielfältig und reicht von physischen Überbleibseln bis hin zu persönlichen Gegenständen.
Grundsätzlich lassen sich Reliquien in verschiedene Kategorien einteilen, wobei die „Reliquie erster Klasse“ die höchste und meistverehrte Form darstellt. Neben ihr gibt es die sogenannten „Berührungsreliquien“ oder „Kontaktreliquien“, die als „Reliquien zweiter Klasse“ bekannt sind. Dies sind Gegenstände, die ein Heiliger zu Lebzeiten berührt haben soll. Eine weitere Sonderform sind „Sekundärreliquien“, die beispielsweise durch den Kontakt mit einem Heiligen grab oder einer Reliquie selbst zu einer Reliquie werden können.
Reliquien erster Klasse: Das Herzstück der Verehrung
Die Reliquien erster Klasse sind die heiligsten und bedeutsamsten aller Reliquien. Sie umfassen alle Körperteile von Heiligen, insbesondere solche aus dem Skelett, die oft mit dem lateinischen Ausdruck „ex ossibus“ (aus den Knochen) bezeichnet werden. In selteneren Fällen kann auch Blut als Reliquie erster Klasse gelten. Bei Heiligen, deren Körper verbrannt wurden, wie es bei vielen Märtyrern der Fall war, gilt die Asche als Reliquie erster Klasse. Diese physischen Überreste werden als die direkteste Verbindung zum Heiligen angesehen und sind daher von größter Bedeutung für die Verehrung.
Im Gegensatz dazu stehen die Reliquien zweiter Klasse, auch als echte Berührungsreliquien bekannt. Diese sind Gegenstände, die der Heilige zu seinen Lebzeiten berührt haben soll und die oft von besonderer biografischer Bedeutung sind. Dazu gehören beispielsweise die Gewänder heiliggesprochener Priester und Ordensleute, oder im Falle von Märtyrern, sogar die Foltergeräte und Waffen, mit denen sie ihr Leben ließen.
Vergleich der Reliquien-Klassen
| Klasse | Definition | Beispiele |
|---|---|---|
| Erste Klasse | Körperteile von Heiligen | Knochen (ex ossibus), Blut, Asche des Heiligen |
| Zweite Klasse | Persönliche Gegenstände oder Berührungsreliquien | Kleidung, Gebetsbücher, Foltergeräte des Heiligen |
| Biblische Reliquien | Gegenstände mit direktem Bezug zu Jesus, Maria oder Johannes dem Täufer | Kreuzsplitter, Turiner Grabtuch, Heiliger Rock |
Historische Entwicklung der Reliquienverehrung
Die Verehrung von Reliquien ist die älteste Form der Heiligenverehrung und lässt sich bis ins 2. Jahrhundert nach Christus zurückverfolgen. Bereits in der frühen Kirche entwickelte sich eine besondere Ehrerbietung für die Märtyrer, die ihr Leben für ihren Glauben geopfert hatten. Ein früher biblischer Beleg für Vorläufer von Reliquien findet sich in der Apostelgeschichte des Lukas (Apg 19,12 EU), wo berichtet wird, dass Gläubige Tücher des heiligen Paulus von Tarsus nahmen und diese auf Kranke legten, die daraufhin geheilt wurden.
Mit der Annahme der Unvergänglichkeit des heiligen Leibes Christi entwickelte sich der Glaube an die besondere Kraft der Überreste auch der heiligen Märtyrer. Das Wort „Martýrion“ bezeichnete in den Schriften der Kirchenväter nicht nur das Martyrium selbst, sondern auch den Ort, an dem die Reliquien eines Märtyrers aufbewahrt wurden. Lange Zeit war es Brauch, Kirchen über den Gräbern heiliger Märtyrer zu errichten, wie es beispielsweise bei der Peterskirche in Rom der Fall ist.
Im Mittelalter etablierte sich in der lateinischen Kirche die Praxis, Reliquien unter oder in den Altar einzubetten. Die Ostkirchen hingegen setzen Reliquien ihrer Tradition folgend in die Mauern ihrer Kirchen. Diese Praktiken sollten den inneren Zusammenhang zwischen der „Gemeinschaft der Heiligen“ und der irdischen Kirche versinnbildlichen.
Die Verehrung von Reliquien nahm in der Spätantike und im Frühmittelalter erheblich zu. Ein früher Hinweis auf den Bedarf an Märtyrerreliquien ist die Passion des Fructuosus aus dem Jahr 259, die berichtet, wie Gläubige versuchten, Asche der Verbrannten zu erlangen. Der Kirchenvater Johannes von Damaskus (650–754) betonte, dass Heilige „keine Toten“ seien, und führte eine Reihe von Wundern auf, die durch sie gewirkt worden waren. Ab dem 8. Jahrhundert war die Kirche bestrebt, jeden ihrer Altäre mit einer Reliquie auszustatten.
Veranlasst durch Wunderberichte wurden Reliquien seit dem Frühmittelalter heilsame Wirkungen zugeschrieben. Die großen Kathedralen des Mittelalters verdanken ihren Ruhm und ihre Entstehung oft hochverehrten Reliquien, wie den Heiligen Drei Königen im Kölner Dom oder den Reliquien der heiligen Ursula in St. Ursula in Köln.
Die Reformation und die Wiederbelebung der Verehrung
Am Vorabend der Reformation kam es in der Volksfrömmigkeit, in der die Reliquienverehrung traditionell eine große Rolle spielte, zu immer stärkeren Auswüchsen. Dies führte zu Kritik seitens der Reformatoren. Martin Luther predigte 1546 gegen den „Reliquienkram“ des Erzbischofs Albrecht. Im Zuge des reformatorischen Bildersturms wurden aus vielen Kirchen Reliquien entfernt, und einige Reformatoren wie Johannes Calvin und Huldrych Zwingli verbrannten sie sogar. Der Verbleib vieler einst bedeutsamer Reliquien ist seitdem unbekannt. Dennoch bewahrte die Bevölkerung mancherorts, wie in Marburg die Reliquien der Heiligen Elisabeth von Thüringen, diese trotz der Befehle protestantisch gewordener Landesherren auf.
Evangelische Christen betrachten Heiligenreliquien als „unbiblisch“, und in Religionsgemeinschaften wie den Siebenten-Tags-Adventisten und den Zeugen Jehovas gilt ihre Verehrung sogar als Götzendienst. Auch die Neuapostolische Kirche und die Christadelphians lehnen die Verehrung von Reliquien ab.
Das Konzil von Trient, das die Gegenreformation einleitete, bekräftigte 1563 in seiner 25. Sitzungsperiode die Reliquienverehrung ausdrücklich und wies die Kritik der Reformatoren zurück. In der Folge blühte die Reliquienverehrung in katholischen Gebieten wieder auf, und Wallfahrten zu Reliquienschreinen wurden zu einem wichtigen Mittel der Gegenreformation. Im 19. Jahrhundert erlebte die Reliquienverehrung eine erneute Blüte, wie die Trierer Wallfahrt von 1844 zum Heiligen Rock zeigt, zu der binnen sieben Wochen eine Million Pilger kamen. Liberale Publikationen wie der „Kladderadatsch“ spotteten jedoch über die Katholiken.
Im 20. Jahrhundert war das deutschsprachige Gebiet, beeinflusst durch die liturgische Bewegung und die Liturgiereform, durch einen stetigen Rückgang der Bedeutung der Reliquienverehrung geprägt.
Biblische Reliquien: Eine Sonderstellung
Eine besondere Stellung außerhalb des Schemas der Reliquien erster und zweiter Klasse nehmen die sogenannten biblischen Reliquien ein. Dies sind Gegenstände, die in direkte Verbindung mit dem neutestamentlichen Heilsgeschehen gebracht werden, insbesondere mit Jesus Christus, der Mutter Gottes und Johannes dem Täufer. Zu diesen zählen vor allem die Kreuzreliquien, kleine Holzsplitter vom Kreuz Christi, von denen tausende über die ganze Welt verteilt in katholischen und orthodoxen Kirchen verehrt werden.
Weitere Gegenstände mit Bezug zur Passion Jesu sind die Lanze, die bei der Kreuzigung verwendet wurde (Joh 19,34 EU), Partikel der Kreuznägel (etwa in der Eisernen Krone der Langobarden), Partikel der Dornenkrone (in der Kathedrale Notre-Dame de Paris) sowie das Turiner Grabtuch und das Schweißtuch der Veronika (im Petersdom in Rom), ebenso wie andere Leidenswerkzeuge.
In ähnlicher Weise werden Gewänder verehrt, die Maria und Jesus zu Lebzeiten getragen haben sollen, wie der Heilige Rock in Trier, die Sandalen Jesu in Prüm sowie Windel und Lendenschurz Jesu in Aachen. Gewänder Mariens, wie ihr Schleier, Gürtel oder der Heilige Ring, zählten zu den Reliquien in Konstantinopel, Paris und anderswo. Viele der bedeutendsten biblischen Reliquien gelangten erst nach der Eroberung Konstantinopels durch den Vierten Kreuzzug im Jahr 1204 in den Westen.
Da Jesus nach Lk 24,50–53 EU und Apg 1,1–11 EU, und nach Lehre der römisch-katholischen Kirche auch die Jungfrau Maria, leiblich in den Himmel aufgenommen wurden, gibt es von ihnen folgerichtig keine Reliquien „ex ossibus“ und nur wenige Reliquien erster Klasse im strengen Sinne. Solche Christusreliquien, die im Mittelalter auftauchten, werden heute überwiegend als Fälschungen angesehen, in der katholischen Kirche aber teilweise noch lokal verehrt.
Wunder und die Faszination der Reliquien
Besonders im Mittelalter wurden den Reliquien viele Wunder (miracula) zugesprochen. In der Hagiographie, der Heiligenbeschreibung, sind Zeitpunkte solcher Wunder oft die „Inventio“ (Auffindung) von Reliquien oder die „Translatio“ (Überführung) der heiligen Gebeine von einem Ort zum anderen, wie bei der Auffindung des Heiligen Kreuzes oder der Überführung der Gebeine des hl. Nikolaus von Myra nach Bari. Die Lebensbeschreibungen der Heiligen wurden in Hagiographien gesammelt, wie der „Goldenen Legende“ (Legenda aurea) oder den Werken des Caesarius von Heisterbach. Ihre große Verehrung und die Wundergeschichten lösten im Mittelalter eine allgemeine Suche nach Reliquien von Heiligen, insbesondere von Märtyrern, aus. Dabei schreckte man auch vor Entwendungen der heiligen Leichname (corpora sanctorum) nicht zurück, wie Einhards Bericht über die Überführung der Heiligen Marcellinus und Petrus von Rom nach Michelstadt-Steinbach zeigt.

Nach der Eroberung Konstantinopels durch die Kreuzritter im Jahr 1204 wurden hunderte kleinste Teile des Kreuzes, das der Überlieferung zufolge Kaiserin Helena um 325 von Jerusalem nach Rom und Konstantinopel gebracht hatte, über die Länder Europas verstreut. Zahlreiche Kirchen beanspruchten infolgedessen den Besitz eines Partikels des Kreuzes. Der französische Architekt Charles Rohault de Fleury ermittelte, dass die Gesamtmenge aller Kreuzreliquien etwa einem Drittel eines Kreuzes entsprach. Die häufig kolportierte Behauptung, Erasmus von Rotterdam habe gespottet, die angeblichen Splitter des Kreuzes Jesu reichten aus, um daraus ein ganzes Schiff zu bauen, ist falsch. In seinem „Enchiridion militis Christiani“ erinnerte er lediglich daran, dass der Besitz von Kreuzesreliquien ein Nichts ist im Vergleich zur Kreuzesnachfolge.
Beim Turiner Grabtuch steht die kirchliche Anerkennung als Reliquie nach wie vor aus. Das Interesse an Reliquien lässt sich auch dadurch begründen, dass naturwissenschaftlich oft unerklärliche Phänomene im Zusammenhang mit Reliquien bekannt wurden. Hauptsächlich ist hier die „Unversehrtheit“ (keine Verwesung) der Heiliggesprochenen oder bestimmter Organe bzw. Teile ihres Körpers zu nennen. In der Pfarrkirche St. Hildegard und St. Johannes der Täufer in Eibingen im Rheingau wird der Schrein der Hildegard von Bingen mit Herz und Zunge in unverwestem Zustand aufbewahrt. Auch die Ganzkörperreliquien einiger Heiliger stehen in der Tradition im Ruf der Unverweslichkeit.
Die Bedeutung der Reliquien in der heutigen Zeit
Unter Christen verlangt die Pietät grundsätzlich die Achtung vor dem Leib des Gestorbenen. Umso mehr wird aus Frömmigkeit heraus den sterblichen Überresten jener Menschen Ehrfurcht erwiesen, die zu Gott gegangen sind und ein Leben in heroischer Heiligkeit führten. Die Verehrung von Reliquien in der katholischen und den orthodoxen Kirchen gilt als Ausdruck der Heiligenverehrung, die die Bildnisse der Heiligen und deren Reliquien, gemäß der Überlieferung, in Ehren hält.
Mit Heiligenreliquien werden vor allem die Körper, aber auch Teile davon, „derjenigen, die nun im Himmel leben, einst aber auf dieser Erde waren, und zwar aufgrund der heroischen Heiligkeit ihres Lebens als hervorragende Glieder des mystischen Leibes Christi und lebendige Tempel des Heiligen Geistes“ bezeichnet. Zu den Reliquien gehören aber auch Gegenstände der Heiligen wie Geräte, Kleidungsstücke und Handschriften, außerdem Gegenstände, die mit ihren Körpern oder Gräbern in Berührung gebracht worden sind, sowie solche, die mit verehrten Bildern in Berührung gekommen sind.
Aufbewahrung und Verehrung: Das Reliquiar
Ursprünglich wurden die Reliquien von Personen, die im Rufe besonderer Heiligkeit und Gottesnähe standen, unter den Altären der ersten christlichen Kirchen beigesetzt. Daraus entwickelte sich im Laufe der Zeit die bis heute gültige katholische Tradition, bei der Weihe einer neu errichteten Kirche eine Reliquie des jeweiligen Namenspatrons in die Mensa des Hauptaltars einzumauern und in größeren Kirchen verschiedenen Heiligen eigene, mit Reliquien ausgestattete Altäre zu errichten.
Um die dadurch gewachsene Bedeutung der Reliquien für die Kirche, in der sie sich befanden, zu unterstreichen, begann man mit der Anfertigung spezieller, meist künstlerisch und materiell sehr kostbar ausgeführter Behältnisse zur Aufbewahrung der Reliquien. Diese Behälter werden zusammenfassend als Reliquiar bezeichnet. Sie nehmen vielfältige Formen an, die oft darauf ausgelegt sind, die Reliquie angemessen zu präsentieren und zu schützen.
Typen von Reliquiaren
| Name | Beschreibung |
|---|---|
| Reliquienschrein | Ein truhenförmiges, oft reich verziertes Behältnis zur Aufbewahrung größerer Reliquien oder ganzer Körper. |
| Staurothek | Eine goldene Lade, speziell zur Unterbringung großer Kreuzreliquien. |
| Sprechendes Reliquiar | Ein Reliquiar, das die Form des Körperteils nachbildet, das es enthält (z.B. Arm-, Hand-, Fußreliquiare). |
| Ostensorium | Ein Schaugefäß, oft mit einem Glaszylinder, um die Reliquie sichtbar zu machen, ähnlich einer Monstranz. |
| Osculatorium (Paxtafel) | Eine Kusstafel, die zur Verehrung der Reliquie geküsst wird. |
| Bursa/Bursareliquiar | Eine Stofftasche oder ein schreinchenartiges Reliquiar, das textilen Pilgertaschen nachempfunden ist. |
| Phylakterion | Eine kleine Kapsel mit Reliquien, die um den Hals oder vor der Brust getragen wurde. |
Liturgie, Brauchtum und Wallfahrten
Am Gedenktag eines Heiligen oder zum Patrozinium einer Kirche wird in der Liturgie des Heiligen oder des Festgeheimnisses besonders gedacht. Mancherorts werden dabei den Gläubigen Reliquiare mit Reliquien zur Verehrung zugänglich gemacht. Der Priester kann dabei auch einen besonderen Segen mit dem Reliquiar erteilen.
Eine besonders herausragende Form der Reliquienverehrung in der katholischen Kirche ist die Reliquienprozession. Hierbei werden die Reliquien von Heiligen über einen meist traditionell festgelegten Prozessionsweg getragen. Eine wichtige, bis heute gepflegte Feier dieser Art ist die Reliquienprozession der heiligen Hildegard von Bingen, die jährlich am 17. September in Eibingen stattfindet.
Vielerorts finden traditionell Wallfahrten statt, anlässlich derer sonst nicht sichtbare oder zugängliche Reliquien den Gläubigen gezeigt werden. Reisen ins Heilige Land, um dort Reliquien zu verehren, gibt es seit dem Frühmittelalter. Oft wurden auch Reliquien von Jerusalem nach Europa gebracht. Bekannte Beispiele sind etwa die alle sieben Jahre stattfindende Aachener Heiligtumsfahrt, zu der die Aachener Heiligtümer aus dem Marienschrein des Aachener Doms geholt werden, die in unregelmäßigen Abständen stattfindenden Wallfahrten zum Heiligen Rock (der Tunika Christi) nach Trier und die Wallfahrt zu den „heiligen drei Hostien“ nach Andechs.
Reliquiensammlungen und Heiltumskammern
Hauptsächlich im Mittelalter war es verbreitet, bedeutenden Persönlichkeiten Reliquien zu schenken. Schon Karl der Große in Aachen und später Karl IV. in Prag häuften beeindruckende Reliquiensammlungen an. Am Vorabend der Reformation ließ Kurfürst Friedrich der Weise von Sachsen in seiner Residenz Wittenberg einen der größten Reliquienschätze seiner Zeit zeigen. Der von der heiligen Hildegard von Bingen bereits im 12. Jahrhundert zusammengetragene Eibinger Reliquienschatz wird noch heute in der Pfarrkirche Eibingen aufbewahrt. Kostbare Umhüllungen oder Gefäße aus Gold und Silber gaben den unansehnlichen Überbleibseln einen auratischen Glanz.
Die Dome von Aachen, Bamberg, Braunschweig, Essen, Freising, Halberstadt, Köln, Minden, Münster, Osnabrück und Trier besaßen und besitzen häufig heute noch ihre in Schatz- oder Heiltumskammern gezeigten Bestände. Bedeutende kirchliche Schatzkammern befinden sich auch in Augsburg, Essen-Werden, Schwäbisch Gmünd und Xanten. Im Mittelalter (und in katholischen Zentren auch später noch) wurden den wallfahrenden Gläubigen bei Prozessionen und sogenannten Heiltumsweisungen die Reliquienschätze von einer Galerie, einer Empore oder einem Heiltumstuhl (Wien) aus präsentiert, oder wie in Trier der Heilige Rock anlässlich der Wallfahrten dorthin periodisch ausgestellt.
Der Handel mit Reliquien: Ein umstrittenes Thema
Obwohl bereits eine vom 26. Februar 386 datierte Regelung im Codex Theodosianus den Verkauf von Märtyrergebeinen untersagte, wurden Reliquien in den folgenden Jahrhunderten gehandelt. Auch ein im Jahr 1215 vom Vierten Laterankonzil ins kanonische Recht eingebrachter Passus, altehrwürdige Stücke weder aus ihren Behältnissen zu nehmen noch sie zum Verkauf zu stellen, konnte den Reliquienhandel nicht unterbinden.
Das kanonische Recht verbietet Katholiken den Handel mit Reliquien. Katholiken dürfen solche Objekte zwar erwerben, sie besitzen und verehren, aber nicht weiterverkaufen. Zulässig sind lediglich das Verschenken von Reliquien an andere Gläubige und die Übergabe an die Kirche. Am 8. Dezember 2017 erließ die Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse eine detaillierte Instruktion „Die Reliquien in der Kirche: Echtheit und Aufbewahrung“, die die Richtlinien für den Umgang mit Reliquien präzisiert.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Gibt es heute noch echte Reliquien erster Klasse?
Ja, die katholische und orthodoxe Kirche bewahrt und verehrt weiterhin authentifizierte Reliquien erster Klasse. Diese werden sorgfältig geprüft und ihr Ursprung nach Möglichkeit nachvollzogen, um ihre Echtheit zu gewährleisten. Die Instruktion von 2017 betont die Notwendigkeit der Authentizität.
Warum werden Reliquien verehrt, und ist das nicht Götzendienst?
Die Verehrung von Reliquien in der katholischen und orthodoxen Kirche ist kein Götzendienst. Gläubige beten nicht die Reliquie selbst an, sondern ehren den Heiligen, dessen Überreste oder Gegenstände es sind. Die Reliquie dient als eine physische Verbindung zum Heiligen und als Erinnerung an dessen gottgefälliges Leben und die Nähe Gottes zu seinen Heiligen. Es ist eine Form der Verehrung, nicht der Anbetung, die allein Gott zusteht.
Welche Rolle spielen Reliquien in anderen christlichen Konfessionen?
In vielen protestantischen Konfessionen, wie dem Evangelismus, werden Reliquien nicht verehrt und gelten oft als unbiblisch oder als Überbleibsel von Praktiken, die während der Reformation kritisiert wurden. Einige Gruppen, wie die Siebenten-Tags-Adventisten und Zeugen Jehovas, betrachten die Reliquienverehrung sogar als Götzendienst.
Wie werden Reliquien authentifiziert?
Die Authentifizierung von Reliquien ist ein strenger Prozess, der von den zuständigen kirchlichen Behörden durchgeführt wird. Historische Dokumente, die Herkunft der Reliquie und in manchen Fällen wissenschaftliche Untersuchungen spielen eine Rolle bei der Feststellung ihrer Echtheit. Die Instruktion von 2017 hat diesen Prozess weiter standardisiert.
Gibt es Reliquien von Jesus oder Maria?
Da die katholische Kirche lehrt, dass Jesus und Maria leiblich in den Himmel aufgenommen wurden, gibt es keine Reliquien „ex ossibus“ (Knochenreliquien) von ihnen. Es existieren jedoch sogenannte biblische Reliquien, die mit ihrem Leben in Verbindung gebracht werden, wie Splitter des Kreuzes Christi oder Gewänder Mariens. Viele dieser Reliquien sind historisch umstritten oder werden heute als Fälschungen angesehen, auch wenn sie lokal weiterhin verehrt werden.
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