Hildegard von Bingen: Schöpfung & Menschheit

03/06/2021

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„O Mensch, schau den Menschen an! Der Mensch hat nämlich Himmel und Erde in sich. Er ist eine Gestalt, und doch ist in ihm alles verborgen.“ Mit diesen Worten aus „Causa et Curae“ lädt Hildegard von Bingen, die visionäre Benediktinerin des 12. Jahrhunderts, dazu ein, das tiefste Geheimnis des menschlichen Seins zu ergründen. Ihre Schriften, geprägt von der Meditation der Heiligen Schrift und der Regel des heiligen Benedikt, bieten eine einzigartige Perspektive auf die Fragen der Schöpfung und die Beziehung des Menschen zu Gott – Themen, die auch in unserer säkularisierten Welt von großer Relevanz sind. Während heute oft ein wissenschaftlicher Blick auf die Schöpfung dominiert, betrachtete Hildegard sie primär als das glorreiche Werk Gottes, als den ersten Akt einer göttlichen Dramaturgie, die auf die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus zuläuft, dem zentralen Thema ihres Denkens.

Was macht eigentlich Hildegard von Bingen?
Hildegard von Bingen schaute als Benediktinerin, geprägt von der Meditation der Heiligen Schrift und der Regel des heiligen Benedikt, auf die Fragen und Probleme ihrer Zeit. Heute betrachtet man in einer säkularisierten Welt die Schöpfung hauptsächlich unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten. Im 12.

Für Hildegard ist die Schöpfung kein zufälliges Ereignis, sondern der Ausdruck eines fundamentalen Gedankens Gottes: der Gedanke der Beziehung. Gott erschafft die Welt und den Menschen, um in einen Dialog zu treten, eine tiefe Verbindung einzugehen. Der Mensch selbst ist in seiner Essenz Beziehung – eine Brücke zwischen Leib und Seele, und zugleich eingebunden in das Geflecht menschlicher Beziehungen. Doch die Geschichte des Menschen ist auch eine Geschichte des Abfalls. Wie Adam neigt der Mensch dazu, anderen Stimmen mehr Gehör zu schenken als der Stimme Gottes, was ihn ins Nichts stürzen lässt.

Inhaltsverzeichnis

Die Schöpfung als Ausdruck göttlichen Willens

Hildegard von Bingen sah die Schöpfung nicht als statisches Gebilde, sondern als dynamischen Akt göttlicher Offenbarung. Sie ist der Ort, an dem Gott seine Haltung zur gesamten Schöpfung offenbart: Gott wünscht sich den Menschen als „Mitsprechenden“. Der Mensch, geschaffen als Abbild Gottes, ist dazu berufen, nach Gottes Gedanken zu leben und in ständiger Verbindung mit ihm zu sein. Diese Verbindung jedoch wird durch die Sünde unterbrochen oder gar abgebrochen. Hildegard macht deutlich, dass jede Handlung des Menschen weitreichende Auswirkungen auf die gesamte Schöpfung hat. Dies wird eindringlich in den Klagen der Elemente im „Liber Vite Meritorum“ (Der Mensch in der Verantwortung) zum Ausdruck gebracht:

„Und ich hörte, wie sich mit einem wilden Schrei die Elemente der Welt an jenen Mann <Gott> wandten. Sie riefen: ‚Wir können nicht mehr laufen und unsere Bahn nach unseres Meisters Bestimmung vollenden. Denn die Menschen kehren uns mit ihren schlechten Taten wie in einer Mühle von unterst zu oberst. Wir stinken schon wie die Pest und vergehen vor Hunger nach der vollen Gerechtigkeit.‘“

Diese Passage ist ein kraftvoller Aufruf zur Verantwortung. Die Antwort des Menschen auf Gottes Kontaktaufnahme durch die Schöpfung muss die Übernahme dieser Verantwortung sein. Es geht darum, die uns anvertraute Welt nicht zu missbrauchen, sondern sie als ein Geschenk zu ehren und zu pflegen, das uns in die Beziehung zu Gott hineinstellt.

Der Fall Luzifers und die menschliche Versuchung

Hildegard von Bingen beleuchtet in ihren Werken, wie das Böse in die Welt kam, insbesondere durch den Fall Luzifers. Im „Causa et Curae (Heilwissen)“ beschreibt sie, wie Luzifer in seinem Hochmut einen leeren Raum im Norden sah, der noch nicht in das Schöpfungswerk einbezogen war. Diesen Raum wollte er für sich beanspruchen, um dort Größeres als Gott zu vollbringen. Er kannte Gottes Absicht nicht, weitere Geschöpfe zu erschaffen, und lehnte sich in seiner Eifersucht auf, bevor er Gottes Güte und Macht erkennen konnte:

„Als Luzifer sich in seinem verkehrten Willen zum Nichts – da es ein Nichts war, was er tun wollte – erheben wollte, stürzte er in das Nichts und konnte keinen Halt finden, weil er keinen Grund unter sich hatte. Denn er hatte keine Höhe über sich und keine Tiefe unter sich, die ihn vor einem Sturz hätte bewahren können.“

Gott ist das „helle, strahlende Licht“, die Quelle des Lebens und der Materie. Luzifer hingegen, der sich in seinem Stolz über Gott erheben wollte, stürzte in das Nichts. Dieses Nichts symbolisiert das Böse, das Laster, die Abwesenheit Gottes. Der Mensch hingegen besitzt eine „Höhe über seinem Kopf und einen Boden, einen Grund unter seinen Füßen“ – dies ist Gott selbst, die Beziehung des Menschen zu seinem Schöpfer. Luzifer fehlte diese Beziehung, und so konnte er keinen Halt finden. Der leere Raum wird zur Falle, wenn wir ihn ohne die Verbindung zu Gott nutzen. Diese Versuchung, unsere freie Entscheidung in falsche Richtungen zu lenken und uns von Gott abzuwenden, ist eine ständige Herausforderung für den Menschen, besonders in der heutigen säkularisierten Gesellschaft.

Die Verführung von Adam und Eva

Im „Liber Sci Vias“ (Wisse die Wege) beschreibt Hildegard, wie das Böse vom Teufel weitergegeben wird und die Beziehung zwischen Eva und Adam auf die Probe stellt. Der Teufel erkannte die Empfänglichkeit der Frau und die leidenschaftliche Liebe Adams zu Eva als Schwachpunkte. Er wusste, dass, wenn er Eva besiegen würde, Adam ihr bedingungslos folgen würde:

„Als der Teufel den Menschen im Paradies erblickte, rief er bestürzt: „Wer rührt da an die Wohnung meines wahren Glücks?“ Er war sich nämlich bewußt, daß er die Bosheit, die er in sich trug, noch in keinem anderen Geschöpf zur Vollendung gebracht hatte; doch als er Adam und Eva in kindlicher Unschuld im Paradiesgarten lustwandeln sah, war er sehr betroffen und machte sich auf, sie durch die Schlange zu verführen. … Weshalb? Weil er wußte, daß die Empfänglichkeit der Frau leichter zu besiegen ist als die männliche Stärke. Er sah auch, daß Adam Eva so leidenschaftlich liebte, daß nach einem Sieg über Eva Adam alles tun würde, was sie ihm sagte.“

Diese Erzählung verdeutlicht, dass der Mensch durch seine Leidenschaften angreifbar wird, wenn der Kontakt zu Gott im Herzen fehlt und der Mensch mehr sein will, als er ist. Die Sünde ist der Versuch, sich selbst zum Maß aller Dinge zu machen, anstatt in der demütigen Beziehung zu Gott zu verweilen.

Der Mensch als Gipfel der Schöpfung und die Vollendung in Christus

In ihrem dritten Hauptwerk, dem „Liber divinorum operum“ (Das Buch der göttlichen Werke), betont Hildegard, dass der Mensch der Gipfel der Schöpfung ist. Er allein hat die einzigartige Fähigkeit, sein Schicksal selbst zu bestimmen. Alles Geschaffene dient dem Menschen, doch der Mensch ist nicht das Ende der Schöpfung. Christus ist der 7. Tag, die eigentliche Vollendung:

„…: Ich habe in meinem Sohn am siebten Tag, das ist in der Fülle des ganzen Guten, all mein Wirken folgendermassen begrenzt, damit das ganze kirchliche Volk, indem es schaut, hört und durch die Lehre erforscht, gut erkenne, was es in meinen Geboten zu tun habe. … Und ich habe aufgehört auf solche Weise in der Kirche zu wirken, da sie ja bereits im heiligen Werk, wie sie jetzt leuchtet, in einer vollständigen Grundlegung vollendet ist. Denn mein Sohn, der mein siebtes Werk ist, vollbrachte dies alles mit mir im Heiligen Geist, indem er aus dem Schoss der Jungfrau durch seine Menschheit hervorging, gemäß dem, was er im Evangelium sagt: „Alle Gewalt ist mir gegeben im Himmel und auf Erden“ Mt 28.,18 .“

Durch die Menschwerdung seines Sohnes stellt Gott den Kontakt zum Menschen wieder her, der durch Luzifer sowie Adam und Eva unterbrochen worden war. Maria, die neue Eva, ist ein leuchtendes Beispiel dafür, dass eine tiefe Beziehung zu Gott möglich ist und nicht zwangsläufig zum Fall führen muss. Hildegard staunt über Gottes Güte, der trotz menschlichen Versagens immer wieder den Kontakt sucht, und zwar durch seinen eigenen Sohn.

In diesem Zusammenhang verwendet Hildegard das wunderschöne und seltene Bild vom Rad, um Gottes Vollkommenheit und Güte zu beschreiben:

„Aber Gott, der Vater, in seiner Güte blieb vollkommen wie ein Rad, weil seine Vaterschaft voller Güte ist; und so ist diese Vaterschaft sehr gerecht, gütig, fest, stark und, so besehen, mit einem Rad vergleichbar. … So ist die Vaterschaft wie der Umfang eines Rades, die Vaterschaft ist das vollständige Rad. Die Göttlichkeit ist in ihr, alles stammt von ihr, und ohne sie gibt es keinen Schöpfer. Luzifer aber ist nicht etwas Vollkommenes, Ganzes, sondern etwas Gespaltenes, Geteiltes, da er etwas sein wollte, was er nicht sein sollte. Als Gott die Welt erschuf, plante er seit jeher die Menschwerdung.“

Das Rad symbolisiert die Einheit, Vollkommenheit und Unendlichkeit Gottes. Luzifer hingegen, der aus der Einheit ausbrechen wollte, wurde „gespalten, geteilt“ und stürzte in das Nichts der Gottlosigkeit. Gottes Plan der Menschwerdung war von Anfang an in die Schöpfung eingeschrieben, als ultimative Wiederherstellung der Beziehung.

Hildegards Weisheit für unsere Zeit

Hildegards von Bingen theologische und kosmologische Erkenntnisse sind auch im 21. Jahrhundert von großer Bedeutung. Ihre Betonung der Interdependenz zwischen Mensch und Schöpfung, der menschlichen Verantwortung und der zentralen Rolle der Gottesbeziehung bietet wertvolle Orientierung in einer Welt, die mit ökologischen Krisen und spiritueller Entfremdung ringt.

Was macht eigentlich Hildegard von Bingen?
Hildegard von Bingen schaute als Benediktinerin, geprägt von der Meditation der Heiligen Schrift und der Regel des heiligen Benedikt, auf die Fragen und Probleme ihrer Zeit. Heute betrachtet man in einer säkularisierten Welt die Schöpfung hauptsächlich unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten. Im 12.

Vergleich: Hildegards Sicht vs. Moderne Perspektiven

AspektHildegards Sicht (12. Jh.)Moderne Säkularisierte Sicht
SchöpfungGottes Werk, erster Akt göttlicher Beziehung, Vorbereitung auf Inkarnation.Ergebnis naturwissenschaftlicher Prozesse, primär materiell, oft ohne transzendente Bedeutung.
MenschAbbild Gottes, Gipfel der Schöpfung, mit Himmel und Erde in sich, Beziehungswesen, zur Verantwortung berufen.Produkt der Evolution, autonomes Individuum, Fokus auf Selbstverwirklichung und wissenschaftliche Erkenntnis.
Leid/BösesFolge des Abfalls von Gott (Luzifer, Adam/Eva), mangelnde Gottesbeziehung, Hochmut.Soziale, psychologische oder biologische Faktoren; oft ohne theologische Erklärung.
VerantwortungGanzheitliche Verantwortung für Schöpfung als Antwort auf Gottes Kontaktaufnahme; moralisch und spirituell begründet.Ethische und ökologische Verantwortung, oft durch Gesetze und wissenschaftliche Erkenntnisse motiviert; Fokus auf Nachhaltigkeit.
GottesbeziehungZentral für Existenz und Wohl des Menschen; Wiederherstellung durch Christus.Oft irrelevant oder als persönliche, private Angelegenheit betrachtet.

Häufig gestellte Fragen zu Hildegard von Bingens Schöpfungslehre

Was bedeutet Hildegards Aussage „Der Mensch hat Himmel und Erde in sich“?
Dies drückt die Mikrokosmos-Idee aus: Der Mensch ist ein Abbild des gesamten Universums. Er vereint in sich das Materielle (Erde) und das Geistige (Himmel) und ist somit eine Brücke zwischen beiden Dimensionen, ein Spiegel der göttlichen Schöpfung.

Wie unterscheidet sich Hildegards Sicht auf die Wissenschaft von der heutigen?
Hildegard war an den wissenschaftlichen Fortschritten ihrer Zeit interessiert, sah diese aber stets im Kontext des göttlichen Werkes. Wissenschaft diente ihr dazu, die Größe Gottes in der Schöpfung besser zu verstehen, nicht aber, die Schöpfung losgelöst von ihrem Schöpfer zu betrachten, wie es in der Moderne oft der Fall ist.

Welche Rolle spielt die „Verantwortung“ in Hildegards Lehre für uns heute?
Hildegards Betonung der Verantwortung für die Schöpfung ist hochaktuell. Die „Klage der Elemente“ ist eine prophetische Warnung vor den Folgen menschlicher Missachtung der Natur. Sie lehrt uns, dass unsere Handlungen nicht nur uns selbst, sondern das gesamte Ökosystem betreffen und dass eine intakte Beziehung zu Gott untrennbar mit einem verantwortungsvollen Umgang mit seiner Schöpfung verbunden ist.

Wie kann man Hildegards Lehre vom „Nichts“ im Zusammenhang mit Luzifer verstehen?
Das „Nichts“, in das Luzifer stürzt, ist nicht einfach ein leerer Raum, sondern die Abwesenheit von Gottes Liebe und Ordnung. Es symbolisiert den Zustand der Gottlosigkeit, des Hochmuts und der Selbstzentriertheit, der zu Chaos und Zerstörung führt. Für den Menschen bedeutet es, dass ein Leben ohne Bezug zu Gott letztlich substanzlos und vergebens ist.

Warum ist Christus der „7. Tag“ in Hildegards Schöpfungsverständnis?
Der 7. Tag symbolisiert in der biblischen Schöpfungsgeschichte die Vollendung und Ruhe. Für Hildegard ist Christus diese Vollendung. Er ist derjenige, der die durch Sünde unterbrochene Beziehung zwischen Gott und Mensch wiederherstellt und das Schöpfungswerk zu seinem eigentlichen Ziel führt. Er ist der Höhepunkt und die Krönung der gesamten göttlichen Heilsgeschichte.

Hildegard von Bingen lädt uns ein, die Schöpfung nicht nur als Ressource zu betrachten, sondern als ein heiliges Geschenk Gottes, durch das wir unser Leben als mystisches Leben in Beziehung zu unserem Schöpfer führen können. Ihre Botschaft ist eine zeitlose Erinnerung daran, dass unser Wohl und das Wohl der Welt untrennbar mit unserer Haltung zu Gott und seiner Schöpfung verbunden sind. Indem wir uns auf diese Beziehungen besinnen, finden wir den wahren Halt und die Erfüllung, die Luzifer in seinem Hochmut verloren hat.

„Wer Gott in gläubiger Hingabe dient und ihn brennend liebt, wie es seiner würdig ist, wird durch keinen Ansturm der Ungerechtigkeit erschreckt und der himmlischen Seligkeit entrissen.“

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