03/06/2021
Das Gebet ist eine Säule des Glaubens, ein intimer Dialog mit dem Göttlichen, der in unzähligen Formen Ausdruck findet. Unter den vielen Gebeten, die die christliche Tradition prägen, nimmt das Magnificat eine ganz besondere Stellung ein. Es ist nicht nur ein vertontes Gebet in der Liturgie, sondern auch einer der fundamentalsten Texte des Neuen Testaments, tief verwurzelt in der Geschichte und Theologie des Christentums. Doch was genau ist das Magnificat, woher stammt es, und welche Bedeutung trägt es für Gläubige heute?
- Was ist das Magnificat? Ein Lobgesang der Hoffnung
- Der Text des Magnificat: Eine mehrsprachige Offenbarung
- Das Magnificat in der Liturgie: Herzstück des Stundengebets
- Die theologische Bedeutung: Gottes Gerechtigkeit und Barmherzigkeit
- Das Magnificat im Kontext anderer Cantica
- Häufig gestellte Fragen zum Magnificat
- Was bedeutet das Wort Magnificat?
- Woher stammt das Magnificat?
- Wann wird das Magnificat gebetet oder gesungen?
- Warum wird es als „Lobgesang Mariens“ bezeichnet?
- Was sind die Hauptthemen des Magnificat?
- Ist das Magnificat nur für Katholiken relevant?
- Wie wird das Magnificat in der liturgischen Feier gebetet?
Was ist das Magnificat? Ein Lobgesang der Hoffnung
Das Magnificat, auch bekannt als der „Lobgesang Mariens“, ist eines der drei Cantica – hymnische Texte biblischen Ursprungs – die im Lukasevangelium (Lk 1,46–55) überliefert sind. Sein Name leitet sich vom lateinischen Eingangswort ab: „Magnificat anima mea Dominum“, was auf Deutsch „Meine Seele preist den Herrn“ bedeutet. Dieser kraftvolle Gesang ist die Antwort Marias auf die prophetischen Worte ihrer Cousine Elisabeth, die sie bei ihrem Besuch nach der Verkündigung durch den Engel Gabriel begrüßt. Elisabeths Worte – „Gesegnet bist du mehr als alle anderen Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes. Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?“ (Lukas 1,42-43) – lösen in Maria einen tiefen Lobpreis Gottes aus, der stilistisch an die Psalmen des Alten Testaments erinnert.

Dieses Gebet ist weit mehr als eine persönliche Äußerung Marias. Es ist eine theologische Erklärung, die Gottes Gerechtigkeit und Barmherzigkeit preist, indem es eine Umkehrung der Verhältnisse ankündigt: die Erhöhung der Demütigen und die Erniedrigung der Hochmütigen, die Sättigung der Hungernden und das Leer-Ausgehen der Reichen. Es ist ein Lied der Befreiung und der Hoffnung, das Gottes Treue zu seinen Verheißungen an Abraham und seine Nachkommen bekräftigt.
Der Text des Magnificat: Eine mehrsprachige Offenbarung
Die Schönheit und Tiefe des Magnificat entfalten sich in seinen Worten, die in verschiedenen Sprachen überliefert sind. Der ursprüngliche Text in Griechisch, die weit verbreitete lateinische Fassung und die deutsche Übersetzung erlauben einen facettenreichen Zugang zu diesem bedeutenden Gebet.
Hier sind die drei Versionen im Vergleich:
| Deutsch (Einheitsübersetzung) | Latein (Vulgata) | Griechisch (Urtext) |
|---|---|---|
| Meine Seele preist die Größe des Herrn, | Magnificat anima mea Dominum, | Μεγαλύνει ἡ ψυχή μου τὸν Κύριον |
| und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter. | et exsultavit spiritus meus in Deo salutari meo. | καὶ ἠγαλλίασε τὸ πνεῦμά μου ἐπὶ τῷ Θεῷ τῷ σωτῆρί μου, |
| Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. | Quia respexit humilitatem ancillae suae. | ὅτι ἐπέβλεψεν ἐπὶ τὴν ταπείνωσιν τῆς δούλης αὐτοῦ. |
| Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter. | Ecce enim ex hoc beatam me dicent omnes generationes. | ἰδοὺ γὰρ ἀπὸ τοῦ νῦν μακαριοῦσί με πᾶσαι αἱ γενεαί. |
| Denn der Mächtige hat Großes an mir getan, und sein Name ist heilig. | Quia fecit mihi magna, qui potens est, et sanctum nomen eius. | ὅτι ἐποίησέ μοι μεγαλεῖα ὁ δυνατός καὶ ἅγιον τὸ ὄνομα αὐτοῦ, |
| Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die ihn fürchten. | Et misericordia eius a progenie in progenies timentibus eum. | καὶ τὸ ἔλεος αὐτοῦ εἰς γενεὰς γενεῶν τοῖς φοβουμένοις αὐτόν. |
| Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind. | Fecit potentiam in brachio suo, dispersit superbos mente cordis sui. | Ἐποίησε κράτος ἐν βραχίονι αὐτοῦ, διεσκόρπισεν ὑπερηφάνους διανοίᾳ καρδίας αὐτῶν· |
| Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. | Deposuit potentes de sede et exaltavit humiles. | καθεῖλε δυνάστας ἀπὸ θρόνων καὶ ὕψωσε ταπεινούς, |
| Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen. | Esurientes implevit bonis et divites dimisit inanes. | πεινῶντας ἐνέπλησεν ἀγαθῶν καὶ πλουτοῦντας ἐξαπέστειλε κενούς. |
| Er nimmt sich seines Knechtes Israel an und denkt an sein Erbarmen, | Suscepit Israel puerum suum, recordatus misericordiae suae. | ἀντελάβετο Ἰσραὴλ παιδὸς αὐτοῦ, μνησθῆναι ἐλέους, |
| das er unseren Vätern verheißen hat, Abraham und seinen Nachkommen auf ewig. | Sicut locutus est ad patres nostros, Abraham et semini eius in saecula. | καθὼς ἐλάλησε πρὸς τοὺς πατέρας ἡμῶν, τῷ Ἀβραὰμ καὶ τῷ σπέρματι αὐτοῦ εἰς τὸν αἰῶνα. |
Der deutsche Text wird in der Liturgie oft mit einem Sternchen (*) versehen, um die Zäsur für das gemeinsame oder chorische Singen anzuzeigen. Am Ende des Magnificat, wie auch anderer Cantica, folgt stets die Doxologie: „Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist. Wie im Anfang so auch jetzt und alle Zeit und in Ewigkeit. Amen.“ Diese Verherrlichung der Heiligen Dreifaltigkeit schließt das Gebet feierlich ab und verankert es fest im christlichen Glaubensbekenntnis.
Das Magnificat in der Liturgie: Herzstück des Stundengebets
Das Magnificat ist ein unverzichtbarer Bestandteil der christlichen Liturgie und wird in besonderer Weise im Stundengebet verwendet, dem täglichen Gebet der Kirche, das den Tag heiligt. In der Westkirche, insbesondere in der römisch-katholischen Tradition, stellt es den Höhepunkt der abendlichen Vesper dar, des Abendgebets. Seine Bedeutung in der Vesper ist so groß, dass ihm dieselbe Feierlichkeit und Ehre zuteilwird wie dem Evangelium selbst. Dies äußert sich unter anderem darin, dass sich Gläubige zu Beginn des Canticums mit dem „großen“ Kreuzzeichen bezeichnen und an Festtagen sogar mit Inzens (Weihrauch) verbunden wird.
Die orthodoxe Kirche kennt das Magnificat ebenfalls als festen Bestandteil des Stundengebetes, hier jedoch traditionell während des Morgengebetes, der Laudes. Diese unterschiedliche Platzierung unterstreicht die universelle Anerkennung und Wertschätzung des Gebetes, ungeachtet konfessioneller Nuancen in der liturgischen Praxis.

Oft wird das Magnificat als gregorianischer Choral gesungen, was seiner Feierlichkeit und seinem Altertum gerecht wird. Die schlichte, aber erhabene Melodie des Gregorianischen Chorals unterstreicht die meditative und lobpreisende Natur des Textes und ermöglicht eine tiefe spirituelle Erfahrung. Darüber hinaus haben unzählige Komponisten im Laufe der Jahrhunderte das Magnificat vertont, von Johann Sebastian Bach und Claudio Monteverdi bis zu zeitgenössischen Künstlern, was seine anhaltende Relevanz und künstlerische Inspiration belegt.
Die theologische Bedeutung: Gottes Gerechtigkeit und Barmherzigkeit
Das Magnificat ist ein tiefgründiger theologischer Text, der Gottes Handeln in der Welt und in der Geschichte Israels preist. Es ist ein Lobpreis der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit Gottes, der sich besonders den Geringen und Unterdrückten zuwendet. Marias Worte sind nicht nur eine persönliche Reflexion, sondern eine prophetische Verkündigung der kommenden Heilszeit:
- Gottes Erbarmen: Es erstreckt sich von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die ihn fürchten. Dies betont die Kontinuität von Gottes Bund mit seinem Volk.
- Gottes Macht: Er zerstreut die Hochmütigen und stürzt die Mächtigen vom Thron. Dies ist eine radikale Umkehrung irdischer Machtverhältnisse.
- Gottes Fürsorge: Er erhöht die Niedrigen und beschenkt die Hungernden mit seinen Gaben, während die Reichen leer ausgehen. Dies spricht von einer sozialen Gerechtigkeit, die im Kern des Evangeliums steht.
- Gottes Treue: Er nimmt sich seines Knechtes Israel an und gedenkt seines Erbarmens, das er den Vätern verheißen hat. Dies verbindet die Menschwerdung Christi mit der Heilsgeschichte Israels.
Diese Themen machen das Magnificat zu einem Lied der Befreiung und der sozialen Gerechtigkeit. Es erinnert daran, dass Gott auf der Seite derer steht, die in Not sind, und dass seine Liebe und Gerechtigkeit die Welt auf den Kopf stellen können. Es ist ein Gebet, das sowohl persönliche Demut als auch ein tiefes Vertrauen in Gottes transformative Kraft fördert.
Das Magnificat im Kontext anderer Cantica
Das Lukasevangelium enthält neben dem Magnificat noch zwei weitere bedeutende Lobgesänge, die ebenfalls ihren festen Platz im Stundengebet der Kirche gefunden haben:
- Das Benedictus: Der Lobgesang des Zacharias (Lk 1,68-79), des Vaters Johannes des Täufers. Es wird im Morgengebet, den Laudes, gesungen.
- Das Nunc dimittis: Der Lobgesang des greisen Simeon (Lk 2,29-32), der das Jesuskind im Tempel erkennt. Es wird im Nachtgebet, der Komplet, gesungen.
Zusammen bilden diese drei Cantica eine triadische Struktur, die den ganzen Tag im Gebet umspannt und die zentralen Heilsereignisse der Weihnachtsgeschichte – die Geburt Johannes des Täufers, die Menschwerdung Jesu und seine Darstellung im Tempel – feiert. Jedes dieser Lieder beginnt wie das Magnificat mit dem Kreuzzeichen und schließt mit der Doxologie, wodurch ihre liturgische Einheit und Bedeutung unterstrichen wird.
Häufig gestellte Fragen zum Magnificat
Hier finden Sie Antworten auf einige der am häufigsten gestellten Fragen zum Magnificat:
Was bedeutet das Wort Magnificat?
Das Wort „Magnificat“ ist das erste Wort des lateinischen Textes und bedeutet „Es preist“ oder „Es verherrlicht“. Es leitet sich vom lateinischen Verb „magnificare“ ab, was „verherrlichen“, „groß machen“ oder „preisen“ bedeutet. Der vollständige lateinische Beginn ist „Magnificat anima mea Dominum“, also „Meine Seele preist den Herrn.“
Woher stammt das Magnificat?
Das Magnificat stammt aus dem Lukasevangelium (Lk 1,46–55) im Neuen Testament. Es ist Marias Antwort auf die Begrüßung ihrer Cousine Elisabeth, als Maria diese nach der Verkündigung besucht.
Wann wird das Magnificat gebetet oder gesungen?
In der westlichen Kirche (z.B. römisch-katholisch) wird das Magnificat traditionell im Abendgebet, der Vesper, gesungen oder gebetet. In der orthodoxen Kirche ist es Teil des Morgengebetes (Laudes).

Warum wird es als „Lobgesang Mariens“ bezeichnet?
Es wird „Lobgesang Mariens“ genannt, weil es die Worte sind, die Maria selbst spricht, um Gott für seine Gnade und die Erfüllung seiner Verheißungen zu preisen, nachdem sie von Elisabeth als Mutter des Herrn gesegnet wurde.
Was sind die Hauptthemen des Magnificat?
Die Hauptthemen sind Gottes Barmherzigkeit, seine Gerechtigkeit, die Umkehrung der Verhältnisse (Erniedrigung der Hochmütigen, Erhöhung der Demütigen, Sättigung der Hungernden) und seine Treue zu den Verheißungen an Israel.
Ist das Magnificat nur für Katholiken relevant?
Nein, obwohl es eine zentrale Rolle in der katholischen Liturgie spielt, ist das Magnificat ein grundlegender biblischer Text und wird von vielen christlichen Konfessionen und Traditionen weltweit als wichtiges Gebet und Lied anerkannt und verwendet.
Wie wird das Magnificat in der liturgischen Feier gebetet?
Im Allgemeinen wird das Magnificat in der liturgischen Feier stehend gebetet oder gesungen, als Zeichen der Ehrfurcht und des Respekts vor dem Wort Gottes. Zu Beginn des Canticums wird das Kreuzzeichen gemacht, und es wird oft feierlich mit einem Chor oder als gregorianischer Choral vorgetragen.
Das Magnificat bleibt bis heute ein leuchtendes Beispiel für ein Gebet, das sowohl tief persönlich als auch universell in seiner Botschaft ist. Es lädt Gläubige ein, sich mit Marias Freude und ihrem Vertrauen in Gottes Handeln zu verbinden und gleichzeitig die prophetische Vision einer gerechten Welt zu umarmen, in der die Niedrigen erhöht und die Hochmütigen zerstreut werden. Es ist ein Gebet, das tröstet, herausfordert und inspiriert – ein zeitloser Lobgesang an den Herrn.
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