19/11/2025
Max Scheler, geboren am 22. August 1874 in München und verstorben am 19. Mai 1928 in Frankfurt am Main, war eine herausragende Persönlichkeit der deutschen Philosophie des frühen 20. Jahrhunderts. Als Philosoph, Anthropologe und Soziologe prägte er entscheidend die philosophische Landschaft seiner Zeit und darüber hinaus. Sein Denken zeichnete sich durch eine bemerkenswerte Entwicklung aus, die ihn von einer anfänglichen Selbstwahrnehmung als Phänomenologe zu einer tiefgründigen, religiös geprägten Philosophie führte. Schelers Arbeit ist von immenser Bedeutung für die Entwicklung der philosophischen Anthropologie und insbesondere der Wertphilosophie, Bereiche, in denen er völlig neue Perspektiven eröffnete. Dieser Artikel beleuchtet die Kernaspekte seines philosophischen Wirkens und seine bleibende Relevanz.

Schelers Philosophie ist nicht statisch, sondern ein dynamischer Prozess des Suchens und Entdeckens. Er war ein Denker, der sich nicht scheute, seine Positionen zu überdenken und weiterzuentwickeln, was sein Werk besonders reich und vielschichtig macht. Sein Einfluss reicht weit über die reine Philosophie hinaus und berührt Bereiche wie die Soziologie der Gefühle, die Ethik und die Religionsphilosophie.
Die Phasen Schelers: Von der Phänomenologie zur Metaphysik
Zu Beginn seiner Laufbahn verstand sich Max Scheler als Phänomenologe. Für ihn war die Phänomenologie keine starre Methode, sondern vielmehr eine Philosophie, die ihre Grundlage in einer genauen Beschreibung des in der Erfahrung unmittelbar Gegebenen suchte. Im Gegensatz zur transzendentalen Phänomenologie Edmund Husserls, die sich auf Bewusstseinsakte und deren Strukturen konzentrierte, legte Scheler den Fokus auf die materiale Gegebenheit von Werten und die emotionale Intuition als deren Zugangsweg. Er war überzeugt, dass Werte nicht erst durch unser Bewusstsein konstituiert werden, sondern objektiv existieren und sich uns in einem Akt des Fühlens offenbaren. Dieses „Wertfühlen“ war für Scheler der primäre Zugang zur Wirklichkeit und zur ethischen Dimension des Seins.
Schelers Abgrenzung zur Husserl’schen Phänomenologie
Obwohl Scheler die phänomenologische Methode Husserls schätzte und anwandte, unterschied er sich in wesentlichen Punkten von seinem Lehrmeister. Während Husserl die „Epoché“ – das Einklammern der Geltung der Welt – als zentralen Schritt zur Erkenntnis des transzendentalen Bewusstseins sah, nutzte Scheler die phänomenologische Reduktion, um zu den „materiellen apriorischen“ Werten vorzudringen. Für Scheler waren diese Werte nicht bloße Produkte des Bewusstseins, sondern objektiv und hierarchisch geordnet. Er postulierte, dass es eine objektive Wertordnung gibt, die wir nicht erfinden, sondern entdecken. Diese Werte sind „apriorisch“ in dem Sinne, dass sie unabhängig von jeder Erfahrung gegeben sind, aber „material“ im Gegensatz zu Kants formalen Apriori. Dieses Verständnis legte den Grundstein für seine spätere Wertphilosophie.
Der religiöse Wandel: Ein Denker im Dialog mit Mystik und Idealismus
Im Laufe seines Lebens vollzog Scheler eine bemerkenswerte Wende. Er bewegte sich vom ursprünglichen phänomenologischen Programm weg und entwickelte eine tief religiös geprägte Philosophie. Diese Entwicklung führte ihn in die Nähe von Denkern wie Jakob Böhme, Franz von Baader, Friedrich Schelling und Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Er interessierte sich zunehmend für die metaphysischen Dimensionen des Seins, die Rolle des Göttlichen und die spirituellen Grundlagen des Menschen. Dieser Wandel war kein Bruch mit seinen früheren Ideen, sondern eine Erweiterung und Vertiefung. Die materiale Wertethik blieb ein zentraler Pfeiler, wurde aber nun in einen größeren kosmologischen und religiösen Kontext eingebettet.
Für Scheler war das Göttliche nicht statisch, sondern ein sich entfaltender Prozess. Er sprach von einem „werdenden Gott“, der nicht als allmächtig und vollkommen von Anbeginn an existiert, sondern der sich durch die Geschichte und das menschliche Handeln verwirklicht. Diese dynamische Gottesvorstellung stand im Einklang mit seinem Verständnis des Menschen als einem Wesen, das zur Ko-Kreation und zur Verwirklichung von Werten berufen ist. Die Liebe spielte in dieser späteren Phase eine zentrale Rolle, nicht nur als Gefühl, sondern als ein metaphysisches Prinzip, das die Wertordnung durchdringt und uns zu ihrer Verwirklichung antreibt. Die Liebe ist für Scheler die primäre Form des Wertfühlens, die uns die höchsten Werte erschließt und uns befähigt, sie zu realisieren.
Das anthropologische Kernstück: Geist, Triebe und die Person
Ein zentraler Aspekt von Schelers Philosophie ist seine anthropologische Konzeption. Er glaubte, dass die Grundlage des Lebens nicht primär der Geist sei, sondern vielmehr eine tiefere Schicht irrationaler Triebe und Gefühle. Diese Triebe bilden das vitale Fundament des menschlichen Seins, die vitale Energie, die uns antreibt und uns mit der Welt verbindet. Sie sind die unbewussten Kräfte, die dem Leben seine Dynamik verleihen.
Doch Scheler lehnte entschieden die lebensphilosophische These ab, dass die geistige Seite des Menschen ein bloßes Produkt oder ein Epiphänomen dieser Triebe und Gefühle sei. Er erkannte die autonome Existenz des Geistes an. Der Geist hat seine eigene, selbstständige Seinsweise. Er ist nicht einfach eine höhere Form des Triebes oder der Empfindung, sondern etwas qualitativ Neues, das den Menschen vom Tier unterscheidet. Der Geist ist das Vermögen, sich von der Umwelt zu distanzieren, „Nein“ zu sagen zu den Trieben, zu objektivieren und eine Welt von Ideen, Werten und Bedeutungen zu schaffen. Er ist der Ort der Freiheit und der Verantwortung.
Diese eigenständige Seinsweise des Geistes bewirkt, dass der Mensch Person sein kann und sich als solche fundamental vom Tier unterscheidet. Die Person ist für Scheler kein bloßes Ich oder ein psychologisches Subjekt, sondern ein aktives, geistiges Zentrum, das sich in der Verwirklichung von Werten konstituiert. Die Person ist der Träger von Werten und der Ort moralischer Entscheidungen. Sie ist das Einzigartige und Unwiederholbare im Menschen, das nicht auf biologische oder psychologische Mechanismen reduziert werden kann. Die Person ist immer in Beziehung zu anderen Personen und zu einer objektiven Wertordnung. Scheler betonte die Einheit von Geist und Leib in der Person, die weder rein materiell noch rein geistig ist, sondern eine untrennbare Einheit bildet.
Die Hierarchie der Werte: Ein Leitfaden für das menschliche Handeln
Max Schelers Beitrag zur Wertphilosophie ist immens. Er postulierte eine objektive Hierarchie der Werte, die unabhängig von subjektiven Präferenzen existiert und durch emotionale Intuition, das „Wertfühlen“, erfasst wird. Diese Hierarchie ist nach Scheler wie folgt aufgebaut:
- Sinnliche Werte: Angenehm vs. Unangenehm (z.B. Genuss, Schmerz). Dies sind die niedrigsten Werte, die mit unseren Empfindungen verbunden sind.
- Vitale Werte: Edel vs. Gemein; Stark vs. Schwach (z.B. Gesundheit, Krankheit, Lebensfülle). Sie sind höher als die sinnlichen Werte und betreffen das Leben und seine Entfaltung.
- Geistige Werte:
- Schönheit und Hässlichkeit: Ästhetische Werte.
- Recht und Unrecht: Juristische Werte.
- Wahrheit und Falschheit: Erkenntniswerte.
- Heilig und Unheilig: Religiöse Werte.
Diese Werte sind unabhängig von allem Vitalen und Sinnlichen und werden durch Akte des Geistes erfasst. Sie sind von höherer Rangordnung als die vitalen Werte.
- Werte des Heiligen: Das Heilige vs. das Profane (z.B. das Göttliche, das Absolute). Dies sind die höchsten Werte, die sich in religiösen Akten offenbaren und die Grundlage für alle anderen Werte bilden.
Diese Hierarchie ist nicht willkürlich, sondern durch das Wesen der Werte selbst gegeben. Höhere Werte sind fundamenteller, dauerhafter, unteilbarer und weniger abhängig von einem Träger als niedrigere Werte. Die Erkenntnis und Verwirklichung dieser Werte ist für Scheler das eigentliche Ziel des menschlichen Lebens und Handelns.
Schelers bleibendes Erbe: Anthropologie und Ethik
Schelers Wirken war von entscheidender Bedeutung für die Entwicklung der philosophischen Anthropologie, die sich mit dem Wesen des Menschen in seiner Ganzheit auseinandersetzt. Seine Unterscheidung zwischen Trieben und Geist, sowie die Betonung der Person als geistiges Zentrum, legte den Grundstein für ein umfassendes Verständnis des Menschen, das weder rein naturalistisch noch rein idealistisch ist. Er verstand den Menschen als ein Wesen der Grenzsituationen, das zwischen Tier und Gott, zwischen Natur und Geist steht und das zur Freiheit und zur Verwirklichung von Werten berufen ist.
Seine Wertphilosophie revolutionierte die Ethik, indem sie eine objektive Grundlage für moralisches Handeln bot, die über bloße Gebote oder Utilitarismus hinausgeht. Scheler argumentierte, dass die moralische Güte einer Handlung nicht in ihrer Konsequenz liegt, sondern in der Absicht und der Wahl des höheren Wertes. Ein moralisch guter Mensch ist für Scheler jemand, der die objektive Wertordnung erkennt und sich bemüht, die höheren Werte über die niedrigeren zu stellen.
Vergleichende Betrachtung: Scheler und die Wertethik
Um Schelers Einzigartigkeit zu verdeutlichen, kann ein Vergleich seiner Wertethik mit anderen Ansätzen hilfreich sein:
| Aspekt | Max Scheler (Materiale Wertethik) | Immanuel Kant (Formale Ethik) | Utilitarismus (Konsequentialismus) |
|---|---|---|---|
| Grundlage der Moral | Objektive, materiale Werte, die emotional intuitiv erfasst werden (Wertfühlen). | Der gute Wille, die Pflicht und der kategorische Imperativ (Vernunftprinzip). | Die Maximierung des größten Glücks für die größte Zahl (Folgen einer Handlung). |
| Natur der Werte | Apriorisch, objektiv, hierarchisch geordnet, unabhängig vom Subjekt. | Rein formal, subjektunabhängig, aber durch die Vernunft gesetzt. | Subjektiv (Glück, Lust) und abhängig von den Folgen der Handlung. |
| Zugang zu Werten | Emotionale Intuition, Wertfühlen. | Vernunft, rationales Denken. | Empirische Beobachtung der Folgen. |
| Moralisches Handeln | Wahl des höheren Wertes über den niedrigeren, Verwirklichung der Wertordnung. | Handeln aus Pflicht, gemäß dem kategorischen Imperativ. | Handeln, das die besten Konsequenzen für das Wohl aller hervorbringt. |
| Rolle der Gefühle | Zentral für die Erkenntnis von Werten (Wertfühlen). | Gefühle können die Moralität stören, Vernunft ist entscheidend. | Gefühle (Lust, Leid) sind die Basis für die Bewertung der Folgen. |
Diese Tabelle verdeutlicht, wie Scheler eine Brücke zwischen der Rationalität Kants und der Bedeutung der Emotionen schlug, indem er Gefühle nicht als bloße Störfaktoren, sondern als legitime Erkenntnisorgane für Werte anerkannte.
Häufig gestellte Fragen zu Max Scheler
Was ist Max Schelers wichtigster Beitrag zur Philosophie?
Schelers wichtigster Beitrag liegt in der Begründung einer materialen Wertethik und der Entwicklung der philosophischen Anthropologie. Er zeigte, dass Werte objektiv existieren und hierarchisch geordnet sind, und dass der Mensch als Person ein einzigartiges Wesen ist, das durch Geist und Triebe geprägt wird.
Wie definiert Scheler die „Person“?
Für Scheler ist die Person ein geistiges, aktives Zentrum, das nicht auf psychologische oder biologische Funktionen reduzierbar ist. Sie ist der Träger von Werten und moralischen Entscheidungen, gekennzeichnet durch Freiheit, Verantwortung und die Fähigkeit, sich von der Umwelt und den Trieben zu distanzieren.
Welche Rolle spielen Gefühle in Schelers Philosophie?
Gefühle sind für Scheler nicht nur subjektive Empfindungen, sondern primäre Erkenntnisorgane. Durch das „Wertfühlen“ erfassen wir die objektiven Werte und ihre Hierarchie. Die Liebe ist dabei die höchste Form des Wertfühlens, die uns die höchsten Werte erschließt.
Kann Max Scheler als religiöser Philosoph bezeichnet werden?
Ja, besonders in seiner späteren Phase entwickelte Scheler eine tief religiös geprägte Philosophie. Er sprach von einem „werdenden Gott“ und integrierte theologische und mystische Elemente in seine Metaphysik und Ethik, ohne dabei seine phänomenologischen und anthropologischen Grundlagen aufzugeben.
Wie unterscheidet sich Schelers Phänomenologie von der Husserls?
Während Husserl sich auf die transzendentale Reduktion und die Analyse von Bewusstseinsakten konzentrierte, um zu einer reinen Bewusstseinslehre zu gelangen, nutzte Scheler die Phänomenologie, um die objektive Existenz materieller apriorischer Werte zu erschließen. Scheler legte den Fokus auf die Inhalte der Erfahrung und die emotionale Intuition als Zugang zu diesen Inhalten.
Max Schelers philosophisches Erbe ist komplex und facettenreich. Er war ein Denker, der die menschliche Existenz in ihrer gesamten Tiefe zu erfassen suchte, von den biologischen Trieben bis zu den höchsten geistigen und religiösen Werten. Seine Einsichten in die Natur der Werte, die Einzigartigkeit der menschlichen Person und das Verhältnis von Geist und Leben bleiben auch heute noch von großer Relevanz für alle, die das Geheimnis des menschlichen Seins ergründen wollen. Sein Werk fordert uns heraus, über die oberflächlichen Erscheinungen hinauszublicken und die tieferen Schichten der Wirklichkeit und unserer eigenen Existenz zu erkennen.
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